6. März 2014
Für immer und ewig

Für immer und ewig

Nie getrennt, lebenslänglich zusammen – woran der Mensch oft scheitert, das ist in der Tierwelt nicht selten biologisches Programm. Monogamie als animalischer Lebensentwurf. Herrliche Natur!

Pinguine die sich lieben
© Thinkstock
Pinguine die sich lieben
Es gibt sie, die ewige Liebe. Am Polarkreis, in der Wüste, nebenan. Hoch oben in der Luft und tief unten am Meeresgrund. Schön. Romantisch. Gefühlvoll. Und für immer. Zumindest fast. Und längst nicht nur bei Höckerschwänen, die seit Jahrhunderten als schwimmendes Treuesiegel gelten. Sie suchen und finden sich, wenn sie etwa zwei Jahre alt sind. Manchmal kommt es da zu Verwirrungen. Wie damals vor zehn Jahren auf der Hamburger Alster, als ein Männchen mehrere Sommer lang einem Tretboot in Schwanenform hinterherschwamm. Jahrelang hielt diese fruchtlose Beziehung, länger als so manche Ehe.

Monogamie in der Vogelwelt

Die, so sagt ein belgischer Brauch, wird übrigens erfolgreich, wenn die Eheringe zuvor von Schwänen bebrütet werden. Dabei: So ganz zum Vorbild sollten sich Jungvermählte die grazilen Tiere nicht nehmen. Forscher haben jetzt herausgefunden, dass sie zwar tatsächlich beinahe ausnahmslos ein Leben lang zusammenbleiben – aber jedes sechste Schwanenkind ein Seitensprungbaby ist. Das tut der Partnerschaft keinen Abbruch. Liegt vielleicht daran, dass ein Schwan dem anderen gleicht und fremde Gene da meist nicht auffallen. Bei den Seepferdchen ist es ähnlich. Lebenslange Beziehung: ja! Bedingungslose Treue: nicht unbedingt. Allerdings, was das Vatersein angeht, macht den Seepferdchenmännern kaum jemand Konkurrenz. Sie tragen in einer Brusttasche die Eier und ziehen später die Jungen auf. Und das schon seit 40 Millionen Jahren. „Bis dass der Tod euch scheidet“ ist dabei ohnehin relativ – älter als fünf Jahre werden die seltsamen Meeresbewohner nämlich gar nicht. Kein Grund, Monogamie für ein Gerücht zu halten. Es gibt sie wirklich. Bei etlichen Vögeln zum Beispiel. Eine Gattung afrikanischer Edelpapageien, die offiziell Agapornis (aus dem Griechischen von „agape“, Liebe, und „ornis“, Vogel) heißt, wird bei uns die Unzertrennlichen, im englischsprachigen Raum „Lovebirds“ genannt. Sie kuscheln miteinander, pflegen abwechselnd ihre Brut und sich gegenseitig das Kopfgefieder bis ins hohe Alter.

Liebe ist zum anbeißen

Und trotzdem ist das noch nichts gegen das Eheleben des Tiefseeanglerfisches 4000 Meter unterm Meeresspiegel. Haben die sich erst einmal gefunden, kommen sie nicht mehr voneinander los. Das Männchen beißt sich am Weibchen fest und verschmilzt mit der Zeit mit diesem. Dann gibt es keine Alternative mehr. Sie sind die Partnerlook-Goretexjackenträger der Tierwelt. Da haben es die Albatrosse besser. Erst einmal dauert es ein paar Jahre, bis sie sich für einen Partner entscheiden. Über mehrere Sommer hinweg trifft man sich, tänzelt umeinander herum, krault sich irgendwann gegenseitig zaghaft das Gefieder. Und wenn endlich die Entscheidung gefallen ist, dann bleibt es dabei. Sie bauen ein Nest und kehren dort immer wieder zur Brut und Aufzucht zurück. Über 20 Jahre halten diese Beziehungen im Schnitt, denn auch wenn bei den Jungvögeln eine hohe Sterblichkeitsrate herrscht, können Albatrosse locker über 60 und dann noch immer Eltern werden. Wer nicht an ewige Treue glauben mag, könnte sagen, der Erfolg der Albatros-Ehe läge darin begründet, dass sich die Partner nur alle ein bis zwei Jahre sehen. Den größten Teil ihres Lebens verbringen die schweren Vögel nun einmal in der Luft. Eine Fernbeziehung also. Auch eine Lösung.

Der Nachwuchs hält zusammen

Biologen haben herausgefunden, dass Monogamie sowieso eng mit Elternschaft verbunden ist: je aufwendiger die Aufzucht der Jungen, desto beständiger die Beziehung. Kinder schweißen eben zusammen, auch wenn sie keine Paarbeziehung kitten können. Das ist bei Tieren nicht anders als bei uns. Pinguine etwa wechseln sich während der Brutzeit beim Warmhalten der Eier ab und scheuen auch kilometerlange Wege zur Futterbeschaffung nicht. Alles für den Nachwuchs. Und wenn eine Pinguindame zwischenzeitlich mal fremdgeht, dann tut sie das auch nur aus Mutterinstinkt. Zur Belohnung für außereheliche Liebesdienste – manchmal genügt sogar schon ein bisschen aufmerksame Zuwendung – bekommt das Weibchen einen Stein vom Nebenbuhler. Und der wird dringend zum Nestbau benötigt.

Was für ein treuer Vogel

Kieselsteine zur Befestigung sind nämlich ebenso selten wie listig umkämpft. Solch einen Aufwand betreiben Präriewühlmäuse nicht. Die Nistplätze sind fix fertig. Dafür lassen sich die Nager lieber Zeit fürs Wesentliche.

40 Stunden dauert die Begattung, die für heftige Hormonausschüttungen sorgt – die sich bei täglichem Kuscheln immer wieder reaktivieren lassen. Treue mit Spaßfaktor also. Der erste Sex verändert bei diesen Tieren sogar das Erbgut, und damit wird ihr Verhalten auf Monogamie programmiert. Warum die Pfeilgiftfrösche monogam leben, ist hingegen noch nicht erforscht. Aber Gentests haben bewiesen, dass der Nachwuchs tatsächlich immer vom gleichen Pärchen stammt. Ohne Ausnahmen. Aber auch die glänzenden, oft nur einen Zentimeter großen Lurche leben unter guten Bedingungen etwa zehn Jahre. Ein überschaubarer Zeitraum – aus Menschensicht. Dagegen sind Papageien irgendwann sehr alte Ehepaare, schließlich entspricht ihre Lebenserwartung unter guten Umständen der eines Menschen – bis zu 80 Jahren.
Und obwohl sie so viel Zeit haben, sind sie ziemlich hektisch, was das Verlieben angeht. Ein Tag genügt meist. Wählerische brauchen höchstens vier Wochen. Dann steht der Entschluss fest. Ob das Gefieder des Auserwählten schön in der Sonne glänzt, ist zwar wichtig. Es kommt aber tatsächlich auch auf die inneren Werte an: Charakter, Kommunikationsfähigkeit, Geruch. Das ist fast schon menschlich. Papageien und Delfine denken sich sogar individuelle Namensrufe aus, ungefähr so wie Schatzi und Mausezahn. Und auch die Kinder werden mit Namen bedacht. Sie sind so eindeutig, dass sie den Ruf selbst aus dem allgemeinen Gekreische eines Schwarms herausfiltern. Gibbons, die kleinen Affen, geben sich keine Namen, setzen aber in ihrer Beziehung auf Dialog. Dafür singen sie morgens paarweise im Duett. Das gehört zu ihrem Frühstück wie für uns der Kaffee. Warum sollten wir uns kein Beispiel an Tieren nehmen? Zwar müssen wir morgens nicht singen – und müssen uns auch keine Kosenamen geben. Aber schaden tut’s nicht. Zuneigung hat ihre eigenen Gesetze. Für Zweifler ist alles Biochemie. Und Monogamie ein ausgeklügelter Plan, der nichts anderes im Sinn hat als das Überleben. Für alle anderen ist es ganz einfach... Liebe.
Lade weitere Inhalte ...