15. Februar 2010
Filme für die Seele

Filme für die Seele

Kino kann uns viel über soziale Kompetenzen beibringen: Mithilfe ausgesuchter Filme werden wir gelassener, mutiger oder lebendiger

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Es ist doch nur ein Film. Versuchen wir uns einzureden, wenn unser Herz bis zum Hals schlägt, weil sich der jüdische Pianist unter einem Haufen Müll vor Nazi-Schergen versteckt. Oder uns plötzlich Tränen in die Augen schießen, weil ein trauriger Mann mit Cowboyhut unbeholfen ein kariertes Herrenhemd umarmt.

Ob man sich von solchen Szenen aus „Der Pianist“ und „Brokeback Mountain“ eher distanzieren möchte oder sich haltlos in die fremden Gefühlswelten fallen lässt, ist Typsache. Doch spurlos gehen Kinobesuche an niemandem vorbei. Denn wer einen Film im dunklen Kinosaal sieht, ist den Gefühlen der Leinwandhelden ausgeliefert und kann sich einer emotionalen Berührung nicht entziehen.

Wie das funktioniert, erklärt Dirk Blothner, Professor für Medienpsychologie an der Universität Köln, so: „Nur beim Filmeschauen können wir in einer extrem konzentrierten Form Erfahrungen über das Leben machen.“ Wir fühlen uns beim Zuschauen, als seien wir selbst dabei, verlieben uns zusammen mit June Carter in den jungen Johnny Cash, fahren mit Thelma und Louise den endlosen Highway entlang in die Freiheit. Stellvertretend für uns durchleidet Kevin Spacey in „American Beauty“ das ganze Drama einer erkalteten, zur Gewohnheit gewordenen Beziehung – alles in nur knapp 90 Minuten.

Und das ist ungeheuer befriedigend, denn im Alltag dauert eine Beziehungstrennung oft quälend lang. Gerade weil wir aber auf der Leinwand Liebe, Verlust und Wiederannäherung im Zeitraffer erleben, gehen wir gestärkt und gelöst aus dem Kinoabend hervor. Wir haben das Gefühl, auch für unsere eigenen Liebes- und Lebensfragen eine Antwort gefunden zu haben. Wenigstens vorläufig.

Es geht ums Gefühl

KINO KANN UNS MEHR ÜBER SOZIALE KOMPETENZ BEIBRINGEN ALS MANCHER COACH

Spielfilme sind aber keine nüchternen Lehrfilme. Es geht immer ums Gefühl. Wenn wir uns dafür begeistern, wie Keira Knightley in „Stolz und Vorurteil“ einen penetranten Heiratskandidaten mutig abweist, dann speichern wir die Courage, die in uns aufsteigt, wenn wir jemandem bei einer mutigen Tat zusehen. Auch wenn in unserem emotionalen Gedächtnis drei Wochen nach dem Kinoabend nur eine blasse Spur davon bleibt – wir können diese Gefühle im Alltag reaktivieren, wenn uns jemand bedrängt oder belästigt. „Die emotionale Erinnerung an das mutige Verhalten anderer kann uns motivieren, selbst etwas Mutiges zu tun“, erklärt der amerikanische Medienpsychologe Ryan Niemiec. Einen besonders starken Einfluss auf unsere Seele haben Filme, die eine feierliche Erhabenheit in uns auslösen. Dieses Gefühl ergreift Zuschauer manchmal so stark, dass es sich sogar körperlich zeigt. Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt von der Universität Virginia hat herausgefunden, dass Zuschauer sich nach manchen Filmen offener im Bereich der Brust fühlen, aufrechter und beschwingter gehen, wenn sie das Kino verlassen.

Eine Art Schatzkiste mit solchen stärkenden Filmen haben jetzt die Wissenschaftler Ryan Niemiec und Danny Wedding in ihrem Buch („Positive Psychology at the Movies“, Hogrefe Verlag, 308 Seiten, 34,95 Euro) zusammengestellt. Den beiden Psychologen, die der Schule der modernen positiven Psychologie angehören, geht es dabei vor allem darum, Menschen in Tugenden wie Mut, Dankbarkeit oder Weisheit zu stärken. Das sind die Eigenschaften, die uns laut neuester Forschungen glücklicher machen als vergleichsweise Durchsetzungsvermögen um jeden Preis oder Wut – selbst wenn sie noch so berechtigt ist.

Robin Hood, die drei Musketiere oder die Gefährten aus dem „Herrn der Ringe“ scheinen auf den ersten Blick zwar heldenhaft genug, um uns edle Qualitäten wie Mut und Weisheit beizubringen. Doch die Energie, die wir durch derartig märchenhafte Helden bekommen, verpufft schnell. Nachhaltiger beeinflussen uns Filme, die alltäglicher sind – und trotzdem erhebende Gefühle hinterlassen. Wie z. B. der Überraschungserfolg „Juno“ aus dem letzten Jahr.

Eine 17-Jährige wird ungewollt schwanger, will das Kind bekommen und zur Adoption freigeben – wenn sie ein gutes Zuhause für ihr Baby findet. Man hätte diese Geschichte als sentimentale Tragödie erzählen können. Dank Titelheldin Juno, die mit Witz, Direktheit und einem unbestechlichen Gespür für Menschen die zukünftigen Adoptiveltern austestet, ist der Film nicht nur cool und zeitgemäß, er geht auch gut aus. Die Wissenschaftler Wedding und Niemiec attestieren Juno eine hervorragende soziale Intelligenz, von der man schon beim Zuschauen angesteckt wird.

Helden des Alltags

"IM DUNKLEN KINO ZU SICH SELBST KOMMEN" KLINGT EIN BISSCHEN NACH PIZZA-DIÄT. HILFT ABER!

Aber wir profitieren nicht nur von Filmen, in denen sich Helden des Alltags vorbildlich entwickeln und dafür mit einem Happy End belohnt werden. Auch düstere Filme wie der Sterbehilfe-Film „Das Meer in mir“ können uns kräftigen. Beim einmaligen Zuschauen eher im Sinne eines „Flirts“ mit dem Desaster. Wenn wir danach aber zum Beispiel noch Monica Bleibtreu in „Marias letzte Reise“ folgen, wie sie sich als krebskranke Frau die letzten Wünsche erfüllt, oder Elmar Wepper beobachten, wie er in „Kirschblüten Hanami“ den Tod seiner Frau verarbeitet, werden wir schon durchs Zuschauen ein wenig gelassener und furchtloser.

„Filme erlauben uns ein Probehandeln, eine Vorwegnahme schwieriger Situationen“, erklärt dazu Professor Blothner. Und wenn wir uns gerade mit dem Thema Aggression auseinandersetzen, kann uns sogar ein Schocker wie Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ positiv beeinflussen, schließlich zeigt er uns die Sinnlichkeit von Gewalt ebenso wie die Sinnlosigkeit derselben. Schlimmer ist da schon banales Popcornkino: seichte Liebesfilme der Marke „PS: Ich liebe dich“ oder Aktion- und Horrorfilme wie „Saw“ haben einen ähnlichen Effekt auf uns wie Tacos mit Käsesoße – nach dem Genuss sind wir pappsatt, aber eine Stunde später haben wir wieder Hunger.

Die Therapie-Couch kann der Kinosessel trotzdem nicht ersetzen. Die koreanische Psychologin Kim Susie hat dazu 92 Patienten untersucht, von denen ein Teil mit Psychotherapie und ein Teil nur mit Filmen behandelt wurden. Beide Gruppen fühlten sich nach zwei Monaten deutlich besser – aber nur mit Hilfe eines Therapeuten konnten sie ihr Verhalten langfristig verändern. Auch wenn uns einzelne Filme also sehr stark ergreifen oder inspirieren: Ein Film ist immer nur ein Tropfen, der in den Ozean der Gefühle fällt.

Doch auch kleine Anstöße lösen ja bekanntlich große Reaktionen aus. Wer beispielsweise in einem Film wie „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ sieht, wie sich ein junger Mann in eine ältere Frau verliebt, wird sich nicht gleich einen Jüngeren anlachen. Wenn man sich aber mehrere Filme mit ähnlichen Themen anschaut, stellt sich mit der Zeit eine gewisse Selbstverständlichkeit ein: Wenn es im Film geht – warum dann nicht auch im echten Leben? Vielleicht flirtet man dann mal mit einem jungen Mann und sieht, dass es passt. So werden Tabus gebrochen. So verändern sich Vorstellungen. So passiert mehr als „Ist ja nur ein Film…“.

Filmische Hausapotheke

Helden wie wir

Die Medienpsychologen Ryan Niemiec und Danny Wedding haben eine filmische Hausapotheke für die Seele zusammengestellt, mit der wir unterschiedliche Stärken trainieren können. Wichtig: Gebrauchsanweisungen beachten!

1 Offenheit/Veränderung der eigenen Einstellung

Es gibt fast so viele Lebensmöglichkeiten, wie es Menschen gibt. Und so offen wir auch gern wären – immer wieder stoßen wir auf Leute, die uns mit ihrem Anderssein Angst machen.

„Before Sunset/Before Sunrise“ – Julie Delpy und Ethan Hawke treffen sich in beiden Filmen in Paris. Sie haben jeweils nur einen Tag Zeit, um einander näher zu kommen.

„L.A. Crash“ – Verschiedene Lebensgeschichten werden ineinander verwoben, weil die Personen zufällig in Autounfälle verwickelt werden. Beschreibt den alltäglichen Rassismus – und wie man ihn überwindet.

„Eyes Wide Shut“ – Nicole Kidman und Tom Cruise als Paar auf der Leinwand zeigen, dass der Wunsch nach sexuellen Abenteuern in vielen Menschen tief verwurzelt ist.

Gebrauchsanweisung: Beobachten Sie, wogegen Sie sich beim Zuschauen sträuben. Fragen Sie sich: Warum regt mich diese Art zu leben auf? Ist mir das beängstigend fremd oder beängstigend nah?

2 Mut und Integrität

Es nützt gar nichts, andauernd mutig zu sein. Wichtiger ist es, dann mit Mut bei der Sache zu sein, wenn ein Missstand die eigene Integrität zutiefst verletzt.

„Erin Brockovich“ – Eine Frau deckt einen Umweltskandal auf, kämpft, bis sie den Konzern zur Verantwortung gezogen hat.

„Das Leben der Anderen“ – Ein Stasi-Spitzel verliebt sich in die Frau, die er abhört, und rettet sie und ihren Mann heimlich vor dem Gefängnis.

„Drachenläufer“ – Ein Afghane kehrt ins kriegszerrüttete Kabul zurück, um den Sohn seines besten Freundes zu suchen.

Gebrauchsanweisung: Der Wissenschaftler Michael Maniacci hat festgestellt: Manche Helden passen zu uns wie ein gut sitzender Anzug. Andere gar nicht. Schauen Sie sich die drei Filme an und überlegen Sie: Welche Art von Mut liegt mir? Will ich im Hintergrund agieren oder andere konfrontieren? Die Rolle, die am besten passt, eine Weile im Alltag ausprobieren.

Lebendigkeit, Schönheit, Standhaftigkeit

3 Lebendigkeit/Lebenswille

Hier geht es um unsere elementare Lebensenergie, die im Westen gern als „Eros“, im Osten als „Chi“ bezeichnet wird. Die Menge an Lebensenergie ist verschiedenen Studien zufolge Motor für eine langfristige positive persönliche Entwicklung.

„Buena Vista Social Club“ – Kubanische Musiker im fortgeschrittenen Alter, die vor Lebendigkeit nur so strotzen.

„Das Leben ist schön“ – Roberto Benigni versucht, mit Witz und Fantasie die Schrecken und Grausamkeiten eines Konzentrationslagers von seinem Sohn fernzuhalten.

„Harold and Maude“ – Die alte Dame Maude hat viel mehr Lebenswillen als der junge Harold und steckt ihn mit ihrer Leidenschaft und Lebendigkeit an.

Gebrauchsanweisung: Notieren Sie, an welchen Stellen Sie unfreiwillig mitgerissen werden. Wo lachen Sie, obwohl es traurig ist? Wo wippen Sie mit dem Fuß im Takt? Versuchen Sie, dieses lebendige Gefühl auch nach dem Film aufrechtzuhalten. Zum Beispiel, indem Sie mit dieser Energie einer Ihrer Lieblingsbeschäftigungen nachgehen.

4 Schönheit

Das Gefühl von der „Anbetung des Lebens“, das durch besonders gute oder poetische Filme entsteht, ist eine Art Katalysator für Aktivität, Lebensfreude und auch für Motivation.

„Die Geschichte vom weinenden Kamel“ – Erzählt von einem neugeborenen Kamel und seiner Mutter und zeigt die Schönheit der Natur und des Lebens.

„Der Himmel über Berlin“ – Wim Wenders’ Film über einen Engel, der seine Unsterblichkeit verlieren will, um als Mensch leben und lieben zu können.

„Wie im Himmel“ – Ein todkranker erfolgreicher Musiker übt mit einem ziemlich schrägen Dorf-Chor auf eine Weise, dass die Musik schließlich vollkommen klingt.

Gebrauchsanweisung: Eigentlich läuft im Leben alles super, aber es macht trotzdem keinen Spaß? Dann schauen Sie diese Filme an – und üben Sie den poetischen, sinnlichen und genauen Blick auf das Leben.

5 Standhaftigkeit

Wer erfolgreich sein will, braucht vor allem eins: Hartnäckigkeit. Darüber hinaus zeigt US-Psychologe Martin Selig, dass man Durchhaltevermögen trainieren kann.

„Der Pianist“ – Ein jüdischer Starpianist, der von den Nazis deportiert wird, tut alles, um sich selbst und sein Talent zu retten.

„Maria voll der Gnade“ – Eine kolumbianische Drogenkurierin fängt in den USA nach tragischen Erlebnissen ein neues Leben an.

„Million Dollar Baby“ – Die ambitionierte Boxerin Maggie gewinnt den Meistertitel und erreicht ihr Lebensziel. (Allerdings stirbt sie am Ende!)

Gebrauchsanweisung: Zählen Sie, wie viele Hindernisse die Helden überwinden müssen – und trotzdem nie aufgeben. Suchen Sie nach der Hürde, vor der Sie selbst kapitulieren würden. Fragen Sie sich: Unter welchen Umständen, für welches Ziel würden Sie es schaffen, diesen „toten Punkt“ zu überwinden?

Liebe, Vergebung

6 Liebe

Kein Thema wird so häufig in Filmen behandelt wie die Liebe. Und das ist gut so. Wenn wir das Wesen der Liebe verstehen, können wir selbst liebevoller handeln.

„Casablanca“ – Obwohl sie seine große Liebe ist, lässt Humphrey Bogart am Ende Ingrid Bergman mit ihrem von ihm geretteten Ehemann gehen.

„Gegen die Wand“ – Sie wirken wie zwei verlorene Seelen, dennoch lieben sich Cahit und Sibel. Dass sich Sibel schließlich in Istanbul gegen Cahit entscheidet, ist einer noch größeren Liebe geschuldet: der zu ihrem ungeborenen Kind.

„An ihrer Seite“ – Eine Frau erkrankt an Alzheimer. Auch als sie ihren Mann nicht mehr erkennt, bleibt er bei ihr.

Gebrauchsanweisung: Jenseits aller Gefühlsduselei: Was ist Liebe? Und: Welche Opfer würden Sie für eine Liebe bringen? Unter welchen Umständen? Welche Liebesbeweise passen in Ihre Beziehung?

7 Vergebung, Bescheidenheit

Es geht Menschen besser, wenn sie sich aussuchen können, ob sie Gefühle von Wut, Rache oder Geltungsbedürfnis zeigen – oder Vergebung und Bescheidenheit.

„The Straight Story“ – Ein alter Mann fährt auf einem Rasenmäher durch mehrere US-Staaten, um sich mit seinem sterbenden Bruder zu versöhnen.

„Volver“ – Penelope Cruz verzeiht ihrer Mutter, die ihre Töchter glauben ließ, sie sei gestorben.

„Die Queen“ – Helen Mirren spielt Queen Elisabeth II. und zeigt eindrucksvoll, dass selbst eine Herrscherin durch Demut wachsen kann.

Gebrauchsanweisung: Was macht Sie wütend und nervös? Wem könnten Sie nicht verzeihen? Von wem könnten Sie lernen?

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