18. Februar 2014
Endlich Ich

Endlich Ich

Eigen, nicht artig: Dinge anders zu machen als alle anderen erfordert Mut – schenkt aber viel Wohlfühlglück. Denn gesunder Egoismus ist die Kunst, sich um sich selbst zu kümmern, bevor es kein anderer tut. vital-Autorin Nadine Barth über das einzigartige Gefühl des Monats.

Frau lacht
© Thinkstock
Frau lacht

Sie nannten mich "Stadtindianer" und das lag an den schillernden Tüchern die ich zur Kordel geschlungen um den Kopf band. Meine Turnschuhe hatte ich mit zwei verschiedenen Plaka-Farben angestrichen, ein Paar orange-hellblau, das andere grün-gelb, auch sonst konnte es mir nicht bunt genug sein. Mit wiegenden Schritten ging ich über den Schulhof, mittig, von den Pavillons zur Aula, und ich wusste, dass sie mir nachschauten, vielleicht neidisch, weil ich mich etwas traute, was sie in ihren eintönig grauen V-Pullovern und den langweiligen Jeans nicht wagten, vielleicht auch abfällig, aber das war mir egal. Die Schule war meine Bühne – es gefiel mir, auf ihr herumzutanzen wie auf einem leuchtenden Mohnfeld...

Warum war das so? Was war passiert?
Bei meiner Einschulung war ich noch eine dieser blonden langhaarigen Hamburger Deerns gewesen, mit Kirschen im Haar und Pferdepostern an der Wand. Ich ging in den Turnverein, hatte meine Hausaufgaben vor dem Mittagessen fertig, las „Fünf Freunde“-Bücher von Enid Blyton. Doch mit ca. 11, 12 Jahren kippte das Gefüge, und zwar gleich doppelt. Wir waren eine Clique, vier Jungs, vier Mädchen, wir trafen uns am Berliner Tor, fuhren kreuz und quer durch die Stadt, rissen die U-Bahn-Türen noch während der Fahrt auf (das ging damals), wir strolchten über den Steindamm, knutschten paarweise, fingen an, Bier zu trinken, natürlich auch zu rauchen. Ich rauchte erst mit, doch als hätte das Verbotene seinen Reiz für mich darin, es abzulehnen, sagte ich plötzlich zu den anderen: „Nö, lasst mal, ich will nicht.“ Sie schauten mich überrascht an, erst fanden sie das blöd, schließlich war das gemeinsame Rauchen wie ein Geheimvertrag der Clique, dann wurde meine Abstinenz akzeptiert.

Mut zu Veränderungen

Ich begriff: Die Normen einer Gruppe sind stark, aber man kann sie auch brechen. Die Jahre danach testete ich immer wieder aus, was geht und was nicht. Mit 15 hatte ich ein Mofa, fuhr wie die anderen in die Clubs, trank dort aber nur Kakao (die Barkeeper hassten mich), aber das ging. Nach der Schule arbeitete ich als Model und studierte gleichzeitig Philosophie. Das ging überhaupt nicht. Die Bookerinnen in der Agentur wollten lieber mit Models arbeiten, mit denen sie Schminktipps austauschen konnten. Und meine Philosophie-Kommilitonen fanden mich höchst suspekt. Ich saß in den Seminaren und dachte darüber nach, ob ich erst nach Mailand oder nach Paris fahren sollte. In der anderen Welt las ich, während ich im Studio auf ein Shooting wartete, in Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Ich balancierte ein paar Jahre zwischen diesen Extremen, bis es knallte, ich kurz vor der Saison Windpocken bekam und mit 200 juckenden Flecken an keine Schauen mehr zu denken war.

Das Leben austesten

So schloss ich mein Studium konzentriert ab, leistete mir nur den Luxus, über das eher poppige Thema „Platon und das Fernsehen“ zu schreiben. Natürlich wollen wir alle gern von anderen akzeptiert werden. Wir wollen uns in der Gemeinschaft geborgen fühlen, stark fühlen. Das Miteinander genießen. Und es ist ja auch einfach: Man zockelt durchs Leben ohne große Aufregung, orientiert sich an seiner Umwelt, fällt nicht weiter unangenehm auf. Aus diesem Trott auszuscheren und Dinge anders zu machen als die anderen – dazu gehört Mut. Und dann gilt es zu entscheiden, ob man aus Prinzip gegen etwas ist, was viele vertreten, weil man einfach anders sein will, oder ob man in dem Moment wirklich so denkt und billigend in Kauf nimmt, dass man mit dieser Meinung anecken könnte.

Denn dieses „Anders-Sein“, dieses vehemente „Ich-ich-ich“, das kann auch zum Kult verkommen. Sturköpfe findet man nämlich manchmal ganz reizend, und es gibt viele, die Rebellen sind, nur um Rebellen zu sein. In Berlin kleckern sich Hipster gern Farbe auf die Schuhe, weil sie dann als „Künstler“ durchgehen. Und jeder Fashion-Blog dreht sich in einer Endlosschleife darum, wie eigen der eigene Stil denn nun wirklich ist. Aber genau das ist auch richtig.

Es ist ganz alleine mein Leben

Leben ist ein Austesten, was es für mich bedeutet. Ich bin mir meiner bewusst, meiner Vorlieben, meiner Träume. Das Ich-Gefühl ist ein Ich-Sein, das aber stets aufs Neue überprüft werden muss. Wie fühlt sich das Jetzt an? Wie wird es sich wohl morgen anfühlen? Bin ich die, die ich sein will? Bin ich glücklich? Wie kann ich etwas von dem, was mich ausmacht, an andere weitergeben?
Schaue ich zurück, habe ich diesen Blick in den Spiegel, diese Vergewisserung meiner selbst, meines Standortes, eigentlich immer zelebriert. Man könnte auch sagen, ich bin manchmal ganz offenen Auges ins Verderben gerannt. Ich entschied mich für Lieben, die unmöglich waren, stellte Leidenschaft über Vernunft, ging auch geschäftlich schwachsinnige Risiken ein. Eigensinnig bis zum Exzess. Im Nachhinein kann ich über vieles nur den Kopf schütteln und lachen (oder weinen, je nachdem), aber in jenen Momenten habe ich mein Handeln als richtig empfunden. Es war Ausdruck meines Willens – und es hat mich nicht gestört, dass Kollegen mich skurril fanden, dass meine Familie an mir verzweifelte, dass die Gesellschaft mich nicht einordnen konnte.
Fazit: Mit dem Egoismus ist es so eine Sache. Verfolge ich nur meine eigenen Interessen, kann es sein, dass ich andere verletze. Stelle ich die Bedürfnisse eines Mitmenschen dagegen komplett über meine, frönt der andere seinem Egoismus, und ich gehe unter. Andererseits kann die fokussierte Entscheidung für meine Wünsche einen positiven Effekt haben: Meine Stärke hilft dem anderen vielleicht, sich zu finden. Ich kann ihn mitreißen, ihn aufmuntern, kann ihm raten, ihn auf seinem Weg begleiten. Und dann reiten wir beide als Indianer schön in den Sonnenuntergang.

Jetzt ankommen

Malen, wandern, Natur genießen: Nur wer die eigenen Bedürfnisse kennt, ist auf dem besten Weg zu sich selbst. Die Autorin Gabriella Pahud über die spannende Reise „ichwärts“

vital: Was hält Menschen immer wieder davon ab, „ichwärts“ zu gehen?
Gabriella Pahud: Zuallererst Vergleiche. Menschen messen sich mit anderen, statt auf sich zu hören und eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Zweitens: Wer zu sich finden will, muss zu sich aufbrechen. Es geht darum, zu spüren, was man wirklich will. Drittens muss ich bereit sein, die Komfortzone zu verlassen. Eigene Wege zu gehen, das ist selten bequem. Viele wissen, was sie wollen, sind aber nicht bereit, den Preis dafür zu zahlen. Oft fehlt es an Disziplin und der Bereitschaft zu tun, was zu tun ist.
Dann bleibe ich Statistin im eigenen Leben.
Das passiert jenen, die zu viel Fremdbestimmung zulassen. Sie handeln nicht aus innerer Überzeugung, sondern weil es von außen erwartet wird – zumindest glauben sie das.
Welche Fragen sollte sich jeder stellen?
Lebe ich wirklich mein Leben? So, wie ich es will? Wofür habe ich Grund, dankbar zu sein – und wann war ich es das letzte Mal?
Gibt es nützliches „Reisegepäck“?
Es hilft, Zeit mit sich zu verbringen. Ohne Ablenkung. Das bedeutet nicht zwingend stundenlange Versenkung in die Meditation. In meinem Fall führen mich zum Beispiel Berge und die Natur allgemein immer wieder zu mir. Bei einem anderen ist es vielleicht die Musik, das Malen, die Stunden im Wald, das Tanzen. Das, was einen erfüllt, bringt einen auch näher zu sich selbst.
Warum sollte ich auf der Reise zu mir selbst ab und zu auch solo unterwegs sein?
Niemand wird bei sich ankommen, solange er nicht durch die Tür des Alleinseins gegangen ist. Nur dann weiß ich: Jetzt bin nur ich verantwortlich für meine Entscheidungen und Handlungen. Ich bin frei von den Erwartungen anderer und frei von Erwartungen an andere, das stärkt das Selbst und die Authentizität enorm. Und authentisch sein ist der Schlüssel zum eigenen Ich.
Kann man überhaupt jemals bei sich ankommen? Und wenn ja: Wie spüre ich das?
Man kommt immer wieder an, muss es aber auch bewusst wahrnehmen. Ich merke es dann, wenn ich an nichts zweifle, 100 Prozent Ja zum Leben sagen kann und mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit umgibt.
Woran erkenne ich, wann ich mit einer Situation Frieden schließen sollte?
Das mache ich persönlich ganz pragmatisch. Ich frage mich: „Kann ich an den Umständen etwas verändern? Falls ja: was?“ Danach gibt es letztlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder ich tue, was zu tun ist, damit sich etwas ändert. Oder ich nehme die Situation an, wie sie ist. Jammern und gleichzeitig nichts tun, das ist für mich tabu.
Die größte Herausforderung besteht Ihrer Meinung nach darin...
...nicht aufzugeben. Autohersteller Henry Ford sagte ganz treffend: „Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“
Wenn sich jeder auf die Suche nach sich macht, werden wir nicht alle zu Egoisten?
Es gibt Grenzen: die, die ich mir selbst setze. Die, die die Natur mir setzt. Und die, bei deren Überschreitung andere Menschen oder die Schöpfung Schaden nehmen könnten. Ein wichtiges Lebensgesetz sagt: „Nichts und niemals auf Kosten anderer!“ Eine wichtige Verpflichtung: für die eigene Zufrieden
heit zu sorgen. Sie bedeutet „innerer Friede“ – je mehr Menschen den gefunden haben, desto friedvoller wird die Welt.

Kurzer Weg, langes Glück

Mini-Memoiren

„Zu verkaufen: Kinderschuhe. Nie getragen.“ Hemingways kürzeste aller Kurzgeschichten zeigt: Mit wenigen Worten lässt sich viel sagen. Versuchen Sie doch, Ihr Leben in ein Wort-Kleid zu hüllen. Wer sich auf Spurensuche in seiner Biografie begibt, findet oft den Weg zum Glück. Lernen können Sie das im Kurs Autobiografisches Schreiben an der Volkshochschule (www.vhs.de). Oder indem Sie klein anfangen. So wie Hunderttausende, die bereits beim Literatur-Projekt „Six-Word Memoirs“ (www.sixwordmemoirs.com) mitgemacht haben und das, was sie ausmacht, in nur sechs Worten beschreiben.
Tipp: Hören Sie auf Ihren Bauch. Denn die erste Version ist oft die beste.
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