18. August 2014
Endlich befreit

Endlich befreit

Zu unserem Gefühl des Monats haben Philosophen Lebenswerke verfasst, wurden Revolutionen eingeläutet, und es bestimmt unser Denken, unser Handeln – Freiheit. Dass wir fähig sind, uns innerlich und äußerlich frei zu fühlen, gehört für vital-Autorin Nadine Barth zum wahren Wohlfühlglück.

Frau mit Schirm
© Thinkstock
Frau mit Schirm
Du weißt, ich liebe das Leben.“ Ein wundervoller Song von Vicky Leandros. „Dein Koffer wartet schon in der Tür, du lässt mich allein.“ Doch Vicky ist tapfer, ist stark, sie fängt sich und singt: „Sorg dich nicht um mich, du weißt, ich liebe das Leben, und weine ich manchmal noch um dich, das geht vorüber, sicherlich, was kann mir schon geschehen, glaub mir, ich liebe das Leben.“
Frau mit einer Schere
© jalag-syndication.de
Frei im Kopf: Raus aus der Grübelfalle
Mein Song, der mir in solchen Momenten immer Kraft gegeben hat, war ja Gloria Gaynors „I Will Survive“. Diese Idee, dass da ein Kerl ist, der sie schlecht behandelt, den sie rausschmeißt, und denkt, sie hätte das Schloss an der Tür längst auswechseln müssen. Ich sehe mich auf dem Boden sitzen vor der Anlage, mit meiner besten Freundin, wir trinken Tee, ich heule, sie spielt mir dieses Lied vor, ich lache, wir singen zusammen, „go now, go, walk out the door, you are not welcome anymore“, und da war da dieses Gefühl von Stärke, die hochkochte, sich ausbreitete und uns trug, in den Hamburger Abend hinein. Wir fuhren mit dem Mokick in die „Cha Cha“-Bar, und als dieser Junge wieder auftauchte und mit ihm der Liebeskummer, war es anders als vorher, ich konnte ihm anders begegnen, war unangreifbar, hatte einen Schutzschild. Und dahinter – ja ich glaube, dahinter war ich frei. Zumindest ein bisschen.
Freiheit
© PR
Freiheit: Ich mache was ich will

Das Recht auf Freiheit

Freiheit ist ein großes Wort. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die Ideale der Französischen Revolution, heute ist Freiheit ein Grundrecht in demokratischen Gesellschaften: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit etc. Sie bilden ein Korsett, in dem wir uns sicher fühlen können. Und wenn wir auf andere Länder schauen, in denen diese Freiheiten nicht gewährleistet sind, macht uns das traurig, wütend, lässt uns zu Akteuren werden, diesen Zustand zu ändern. Wir möchten, dass alle Menschen frei sind, und was das bedeutet, geht wieder in den persönlichen Bereich hinein. Es geht um die Freiheit des Willens, darum, das eigene Handeln zu bestimmen. Ich kann entscheiden, ob ich links langgehe oder rechts, ob ich die Treppe nehme oder den Fahrstuhl, ob ich stehen bleibe oder hochspringe. In jeder Minute habe all ich diese kleinen Möglichkeiten, die natürlich banal sind, aber ein gutes Training, wenn es um die großen Fragen des Lebens geht. Darum, ob man seiner Liebe in eine Stadt folgt, die für einen selbst gar keinen Sinn macht. Die Frage, ob man einen Job macht, der zwar Geld bringt, aber keinen Spaß. Die Frage, ob man ein Kind will oder nicht. Natürlich gibt es gewisse Zwänge, die meine Entscheidung beeinflussen – spielt der Partner mit, der Arbeitgeber, der eigene Körper. Aber innerhalb dieser Koordinaten habe ich die Freiheit zu entscheiden, was ich will.

Wer mutig ist, kann auch frei sein

In der Philosophie sprechen wir von Handlungsfreiheit und Willensfreiheit. Ist Ersteres gegeben, weil es keine äußeren Zwänge und Bindungen gibt – ich mich auch freimachen kann etwa von herrschenden Normen oder den Erwartungen meiner Familie –, dann kann ich meinen Willen frei ausüben, meine Visionen in die Tat umsetzen.
Ein befreundetes Paar ist gerade einfach ein Jahr um die Welt gefahren. Sie hatten keine Lust mehr auf ihre Jobs gehabt, haben alles Geld zusammengekratzt, ihre Sachen verkauft, beide Wohnungen aufgegeben, nur einige Kartons behalten und die irgendwo untergestellt. Vorher haben sie noch geheiratet. Wenigstens eine Konstante sollte es geben auf dieser Reise. Sonst waren sie frei. Sie konnten in alle Länder der Welt fahren, sie haben sich für die USA, für Kanada, Thailand, Kambodscha, Malaysia und Australien entschieden. In dieser Reihenfolge. In einem Blog konnten wir Daheimgebliebenen verfolgen, wo die beiden sich gerade aufhielten. Sie haben Fotos gepostet von Stränden, Getränken, ihrem zum Wohnwagen umgebauten Bus, von lustigen Straßenschildern und Menschen, die ihnen begegnet sind, von Koalas und von sich als Paar. Es war schön, über ihren Blog im Internet daran teilzuhaben. Fast jeden Tag kam so eine kleine Meldung aus ihrer Welt in meine Mailbox. Klar stellte ich mir die Frage, ob mich das auch reizen würde, einfach wegzufahren, und ich habe überlegt, welche Länder wohl auf meiner Liste stünden. Bei ihnen ging es darum, ob es einen Ort gibt, an dem sie sich vorstellen könnten zu leben. Bei mir würde es eher darum gehen, Ecken der Welt zu erkunden, die ich noch nicht kenne, die ungewöhnlich sind, die mich inspirieren – so wie Kirgisien, wo wir in Jurten schliefen, seltsamen Reiterspielen beiwohnten und es Wiesen gab voller Edelweiß.

Was bedeutet Glück?

Meine Freunde sind mittlerweile zurück und haben sich einen Hund angeschafft. Und meine Freiheit liegt darin, dass ich nicht auswandern möchte. Dabei habe ich mich, vor die Wahl gestellt, etwas zu machen oder lieber nicht, meistens für das Machen entschieden. Wie soll man schließlich sonst wissen, wie es ist, was man ablehnt? Zögern, ängstlich sein, zurückschrecken, das ist nicht meins – nur wenn ich verletzt werde. Ich gehe auf etwas oder auf jemanden zu und gebe mich gern diesem Gefühl hin. Ich bin frei, dies zu tun. Die große Aufgabe ist, damit verantwortungsbewusst umzugehen. Mich selbst zu fragen: Entscheide ich hier richtig, das heißt, in „meinem“ Sinne? Was bedeutet Glück? Was Liebe? Konfuzius sagt: „Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“ War das nicht so auch bei Vögeln, die man freilässt und die nach kurzem Flug zurückkehren?
Ich bin frei, du bist frei – das ist die beste Basis, auf der wir hochfliegen können in die Lüfte, 1000 Luftballons, nicht nur 99, um uns herum.
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