25. Juni 2012
Ein Leben nach "Hotel Mama"

Ein Leben nach "Hotel Mama"

Wenn die Kinder ausziehen, beginnt nicht nur für sie, sondern auch für die Eltern ein neues Leben. In Vital erzählen vier Frauen, wie sie ihr „leeres Nest“ wieder gefüllt haben.

Ein Leben ohne Kinder
© iStockphoto
Ein Leben ohne Kinder

Es ist ein 24-Stunden-Job. Jahrelang. Und plötzlich macht die Tochter oder der Sohn die Kinderzimmertür zu und bespricht Probleme lieber mit Freunden als mit Mama. Dann fährt sie oder er allein mit Freunden in die Ferien, sucht sich einen Job, eine Studentenbude – und eines Tages stehen ein paar zusammengetrommelte Umzugshelfer mit einem klapprigen Lieferwagen vor der Tür, die „unser Kind“ samt Koffern und Kisten einfach mitnehmen.
Ab 25 wohnen laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden noch 21 von 100 jungen Frauen im "Hotel Mama". Junge Männer lassen sich in diesem Alter etwas mehr Zeit: 38 von 100 nutzen noch die Vorteile des Eltern-Haushalts. Vor allem wegen längerer Ausbildungszeiten bleibt die nächste Generation heute länger zu Hause wohnen.

Viele Mütter spüren: Das war noch nicht alles

Doch irgendwann ist das Nest leer. Und bei den Müttern macht sich häufig ein inneres Nichts breit. „In meinem Kopf geisterten Fragen herum wie: Warum eigentlich noch? Was soll jetzt noch kommen?“, erzählt etwa Britta Müller (Name von der Redaktion geändert). Im Herbst 2010 zog ihr Sohn Philip, 21, aus. Die Töchter Charlotte, 25, und Marlene, 23, sind schon länger weg. Trotzdem bringt die Ärztin es nicht übers Herz, die früheren Kinderzimmer zu verändern.
So geht es vielen Frauen. „Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Frauen vom sogenannten ,Leeres-Nest-Syndrom’ betroffen sind. Ich schätze, dass es ein Drittel aller Mütter ist“, sagt die Berliner Psychologin Beate Schultz-Zehden. Gerade Frauen, die ihr Leben stark nach den Kindern ausrichten, geraten „nach deren Auszug oft in eine Identitätskrise und müssen sich erst ein neues Selbstbild erschaffen“, bestätigt die Augsburger Kommunikationswissenschaftlerin Birgit Adam.
Doch auch Mütter, die Kind und Karriere tatsächlich unter einen Hut bekommen haben, sind vor Tiefpunkten nicht gefeit. Was tun, wenn sich die neue Freiheit nicht gut anfühlt? Wenn man dem Partner plötzlich nichts mehr zu sagen hat, weil das Abitur und die laute Musik aus dem Kinderzimmer als gemeinsame Themen wegfallen? Auch als Paar müssen sich viele Eltern neu finden. Nicht selten folgt kurz auf den Auszug der Kinder der letzte Arbeitstag des Partners. Plötzlich ergibt sich wieder ganz viel Zweisamkeit, (zu) viel Nähe. Jede Menge Zeit steht auf einmal zur freien Verfügung. Was mache ich damit? Zurück in den alten Job? Gibt’s den noch? Kann ich, will ich das noch? Viele Mütter erwachsener Kinder haben keine Lust mehr, sich weiterhin allein um den Haushalt zu kümmern, sie spüren, dass das noch nicht alles war, was das Leben für sie bereithält, und fangen an zu träumen. Eine neue Rollen- und Aufgabenverteilung steht an.

BUCHTIPPS

„Loslassen und sich selber finden“ von Verena Kast, Herder Verlag, 128 Seiten, 7 Euro

„Eltern allein zu Haus“ von Birgit Adam, Sankt Ulrich Verlag, 202 Seiten, 16,90 Euro

„Endlich Platz im Nest – Wenn Eltern flügge werden“ von Uwe Bork, Kreuz Verlag, 159 Seiten, 12 Euro

„Ausgeflogen“ von Felicitas Römer, Patmos Verlag, 174 Seiten, 14,90 Euro

Als Paar müssen sich viele Eltern neu erfinden

Und die Väter? „Auch sie leiden natürlich, wenn die Kinder ausziehen. Aber sie sprechen oft nicht darüber“, sagt die Münchner Psychologin Gabi Ingrassia. Doch das Schweigen kann fatale Konsequenzen haben. „Das Trennungsrisiko steigt, wenn die Kinder ausziehen, vor allem in den ersten beiden Jahren danach“, sagt Ingmar Rapp, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg.
Wer aber diese erste Phase im „leeren Nest“ übersteht, hat sogar die Chance auf eine bessere Partnerschaft, zeigt eine aktuelle US-Studie. Die Gründe: mehr Zeit und weniger Stress. „Obwohl ich selbst mit 17 ausgezogen bin, fällt es mir schwer, die Kinder loszulassen“, gibt Angelika Lautenbacher offen zu. „Aber ich genieße auch die neue Freiheit. Dieser geregelte Tagesablauf ist weg. Jetzt unternehmen mein Mann und ich wieder öfter Dinge spontan. Nur wir zwei.“ Angelika Lautenbacher, Britta Müller und zwei weitere Frauen haben uns erzählt, wie sie das „leere Nest“ erlebt und wieder gefüllt haben.

Neue berufliche Wege

„Ich möchte etwas Neues finden, das mich ausfüllt“ - Angelika Lautenbacher, 56, Finanzmanagerin, hat zwei Töchter und orientierte sich jetzt beruflich um

Ich habe immer gearbeitet, zuerst für ein Softwareunternehmen, später in der Firma meines Mannes. Parallel kümmerte ich mich um unsere Töchter Simone, heute 22, und Martina, heute 26. Als sie vor vier Jahren auszog, war das ziemlich schwierig für mich. Gott sei Dank ging Martina nicht nach Timbuktu, sondern blieb in München. Sonst hätte ich sicher viel geheult. Wir telefonieren und sehen uns regelmäßig. Oft kommt sie am Wochenende zu uns zum Essen.
Im Herbst wird auch Simone ausziehen. Sie geht für ihr Studium in eine andere Stadt. Wohin genau, steht noch nicht fest. Das wird sicher schlimm. Dann ist gar keine mehr da. Obwohl Simone natürlich seit Langem selbstständig und viel unterwegs ist, war es schön, sie bei uns zu haben. Oft kamen Freunde vorbei. Ich habe diese Lebendigkeit immer sehr gemocht. Jetzt wird es im Haus bald leer und ruhig sein. Mir ist klar, dass ich dann etwas Neues finden muss, das mich ausfüllt.
Vor einigen Monaten habe ich deshalb beim Verein für Fraueninteressen in München das drei monatige Seminar „Neuer Start“ belegt. Für den ersten „Schultag“ schrieben mir meine Töchter eine ganz süsse Karte: „Mama, mach das. Du packst das“, stand darauf.
Auch mein Mann hat mich immer wieder angeschubst und bestärkt. Der Kurs hilft Frauen, die sich beruflich neu orientieren möchten. Ich wollte herausfinden, wo meine Stärken liegen, was zu mir passt, wo ich mit Herzblut dabei sein könnte. Weil ich schon immer gern mit Menschen gearbeitet habe, machte ich Anfang des Jahres eine Ausbildung zum psychologisch-systemischen Coach. Ich möchte künftig zum Beispiel Motivationskurse geben. Gerade arbeite ich an einem Konzept für Seminare. Obwohl ich selbst mit 17 ausgezogen bin, fällt es mir schwer, die Kinder loszulassen. Aber ich genieße meine neue Freiheit auch. Dieser geregelte Tagesablauf – Frühstück, Mittag essen, Abendbrot – ist weg. Jetzt unternehmen mein Mann und ich wieder öfter spontan etwas. Nur wir zwei.

Nicht loslassen können

„Ich habe mich noch nicht ganz abgenabelt“ Britta Müller, 53, promovierte Medizinerin, hat drei Kinder und verordnete sich selbst eine Therapie

Meinen Mann lernte ich im Medizinstudium kennen. Er machte Karriere, und ich schrieb zwar noch meine Doktorarbeit, aber unsere Töchter Charlotte, heute 25, Marlene, 23, und unser Sohn Philip, 21, standen für mich immer an erster Stelle. Ich habe mich ehrenamtlich im Kindergarten engagiert, in der Schule und in Vereinen und fand es toll, irgendwie noch einmal eine zweite Kindheit zu durchleben.
Erst als Philip 13 Jahre alt war, fing ich wieder an zu arbeiten. Charlotte und Marlene gingen nach dem Abitur zum Studieren und für ein Praktikum in die USA. Als dann im Herbst 2010 auch Philip auszog, erwischte es mich richtig. Ich bekam zwar die Arbeit noch hin – ich unterrichte angehende Erzieherinnen –, aber nach der Schule wusste ich nichts mehr mit mir anzufangen. Ich saß auf dem Sofa und habe Süssigkeiten gefressen. Ich war antriebslos, schlief schlecht und kam mir plötzlich so wahnsinnig alt vor.
In meinem Kopf geisterten Fragen herum wie: Warum eigentlich noch? Was soll jetzt noch kommen? Ich hatte tiefe depressive Verstimmungen, dachte viel über meine Situation nach, und schließlich verordnete ich mir selbst eine Therapie. Als Erstes kaufte ich mir eine Tageslichtlampe und setzte mich jeden Morgen davor. Und ich zwang mich dazu, Freunde zu treffen, viel spazieren zu gehen, Sport zu machen. Langsam ging es dann wieder aufwärts.
Heute unterrichte ich Vollzeit. Ich mache die Arbeit richtig gern. Das ist jetzt mein Leben. Von den Kindern habe ich mich aber immer noch nicht ganz abgenabelt. Wenn sie mir von Problemen im Studium oder bei der Wohnungssuche erzählen, dann leide ich mit, habe schlaflose Nächte. Ihre Sorgen sind immer noch meine Sorgen. Ich schaffe es auch nicht, die Kinderzimmer zu verändern. Ich sage immer: Ich betreibe Museumspflege. Aber langsam merke ich eine Veränderung bei mir. Als Philip neulich zu Besuch kam und ein Chaos hinterließ, merkte ich, dass ich froh war, zu wissen, dass er auch wieder abreist.

Zeit für sich selbst haben

Ingrid Heeremann
© Thomas Dashuber
Ingrid Heeremann, 57, Ladenbesitzerin und Therapeutin, hat drei Söhne und erfüllte sich einen Traum

„Jetzt blühe ich total auf“

Ich habe mich 30 Jahre um alle und alles gekümmert. Mein Mann war beruflich immer voll eingespannt, er war oft nur an den Wochenenden bei mir und unseren drei Söhnen. Simon ist inzwischen 30, Raphael und David, unsere Zwillinge, sind 28. Mein Innenarchitektur-Studium musste ich für sie aufgeben. Das bedauere ich bis heute.
Später half ich meinem Mann in seiner Praxis, obwohl mir die Arbeit als Arzthelferin eigentlich keinen Spaß gemacht hat. Ich war immer kreativ, habe viel gemalt und machte nebenbei eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin. Mit den Jungs habe ich viel unternommen, oft draußen in der Natur. Vor zwölf Jahren zogen die drei dann aus. Sie gründeten in München eine „Brüder-WG“. Mein Mann und ich saßen plötzlich allein in dem großen Haus.
Bei mir passierte zu der Zeit unheimlich viel. Ich bekam Depressionen, auch weil meine Jungs plötzlich weg waren und ich keine Zeit zum Abschiednehmen gehabt hatte. Meine Wechseljahre setzten ein. Dann wurden meine Eltern krank und starben innerhalb von nur sechs Monaten. Das war eine schlimme Zeit. Ich wurde selbst krank, hatte Knoten in der Schilddrüse, musste operiert werden. Es hat mir im wahrsten Sinne des Wortes die Kehle zugeschnürt.
Kurze Zeit später bekam ich auch noch eine Herzmuskelentzündung. So konnte es nicht weitergehen. Ich entschied mich für eine Psychotherapie, machte eine Kur. Als ich mich wieder fit fühlte, begann ich eine Ausbildung zur Lebensraumberaterin. Vor knapp einem Jahr eröffnete ich „Tintorella“, meinen eigenen Laden in München. Jetzt verkaufe ich Möbel und Stoffe, mache Wohntypberatung und arbeite zusätzlich weiter stundenweise als Kunsttherapeutin. Es ist nicht einfach. Oft weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht. Trotzdem blühe ich total auf. Jetzt ist „meine Zeit“ gekommen. Vielleicht denken manche Leute: „Da will sich die Arztgattin ein bisschen selbstverwirklichen.“ Aber das stimmt so nicht. Ich hatte mich innerlich nie von der Innenarchitektur und dem Wunsch nach Selbstständigkeit verabschiedet. Jetzt mache ich, was ich schon als junge Frau machen wollte.

Expertenrat über das Leben danach

Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Gabi Ingrassia
Die Münchner Diplom-Psychologin und Paartherapeutin Gabi Ingrassia sagt, wie "das Leben danach" gelingt

Vital: Wenn die Kinder ausziehen, ist das für Mütter oft ein tiefer Einschnitt. Was raten Sie?
Gabi Ingrassia: Setzen Sie sich nicht zu sehr unter Druck. Es ist normal, traurig zu sein, schließlich ist Ihr Kind weggegangen. Sie dürfen weinen und trauern. Finden Sie Rituale mit Ihren Kindern, die den Abschied erleichtern, z. B. einen gemeinsamen Urlaub.

Hilft es, sich gedanklich einzustimmen, obwohl die Kinder noch zu Hause sind?
Ja. Fangen Sie rechtzeitig an, sich auf den Auszug Ihrer Kinder vorzubereiten. Ein guter Zeitpunkt dafür kann sogar schon die Pubertät sein. Mütter sollten sich dann schon fragen, was für Lebensziele sie noch haben.

Und wenn ich allein keine neuen Ziele finde?
Manche Mütter wissen in der Tat nicht, wie sie die Leere füllen sollen. Oft kann da eine Beratung helfen, z. B. durch einen Coach. Es gibt auch Kurse zu diesem Thema an Volkshochschulen oder in Frauenzentren. Oder Sie tun sich mit Gleichgesinnten zusammen. Treffen Sie sich regelmäßig wie bei einem Stammtisch. Da darf dann auch mal gejammert werden, aber 90 Prozent der Zeit sollten Sie für gegenseitige Unterstützung nutzen.

Leiden Väter auch so sehr im „leeren Nest“?

Kinder ziehen oft aus, wenn die Väter endlich Zeit hätten. Die glauben dann oft, dass sie ein „schlechter Vater“ waren.

Wie kommen die verlassenen Eltern als Paar wieder zusammen?
Sie sollten bewusst wieder mehr Dinge gemeinsam tun. Gehen Sie z. B. mit dem Partner mal wieder tanzen. Das ist immer gut. Sie fassen sich an. Haben ein richtiges Date. Kommen Eltern allein nicht weiter, können sie auch zu einer Paarberatung gehen. So verwandeln sie den Frust in eine neue Chance.

Was hilft außerdem?
Rufen Sie alte Freunde und Verwandte an. Suchen Sie sich neue Aufgaben und Hobbys. Falls das Traurigsein jedoch zu lange dauert oder sich zu einer Depression entwickelt, sollten Sie sich professionelle Hilfe holen.

Ein neues Leben beginnt

Petra Feucht
© Thomas Dashuber
Petra Feucht, 46, Sozialpädagogin, unternahm mit ihrem Sohn Janosch eine Abschiedsreise

„Es ist gut so, wie es ist“

Eine Glucke war ich nie. Trotzdem traf mich der Auszug von Janosch schwer. Ich war alleinerziehend, und er ist mein einziges Kind. Wahrscheinlich erlebte ich es deshalb als so großen Einschnitt. Dabei bekam ich eigentlich regelmäßig einen Vorgeschmack darauf, wie sich das leere Nest anfühlen könnte: Janosch hatte immer ein gutes Verhältnis zu seinem Vater und seinen Großeltern und war oft an den Wochenenden und in den Ferien nicht bei mir. Mit 16 ging er zum Schüleraustausch in die USA. Ich hatte damals noch für vier Jahre ein Pflegekind. Funda ging genau zu dem Zeitpunkt zu ihrer Mutter zurück, als Janosch in Amerika war. Für ihn war immer klar, dass er nach dem Abi aus Wasserburg weg und nach München gehen will. Und tatsächlich packte er wenige Tage nach der Abi-Feier seine Sachen.
Ich war damals fürchterlich wehmütig, riss mich aber zusammen. Schließlich wollte ich ihm nicht die Freude an seinem Neuanfang nehmen. Unsere gemeinsame Wohnung löste ich zwei Wochen später auf und zog zu meinem neuen Partner nach Rosenheim. Zum Abschied machten Janosch und ich aber noch eine Reise. Wir flogen im Herbst 2011 nach Nepal und wanderten vier Wochen lang. Es regnete oft. Wir lagen im Zelt, eingemummelt im Schlafsack, und redeten. Über seine Kindheit, seine Erinnerungen.
Als Sozialpädagogin sage ich meinen Klienten immer, dass sie sich auf die Rente vorbereiten müssen, um nicht in ein Loch zu fallen. Mit dem Auszug von Kindern ist es, glaube ich, genauso. Um mehr Zeit in den Bergen verbringen zu können, hatte ich mich schon 2010 zur Tourenführerin ausbilden lassen. Ich begleite inzwischen sehr häufig Bergsteigergruppen und gebe Kurse in Eis und Fels. Janosch arbeitet beim Film und ist ebenfalls viel unterwegs. Wir treffen uns deshalb nur alle paar Wochen, meist in einem Restaurant. Das macht mich manchmal etwas wehmütig, denn es gibt kein altes Nest mehr, in das er kommen und wo ich ihn bekochen und bemuttern kann. Es ist gut so, wie es ist, und ich genieße die neue Freiheit. Trotzdem kann ich nicht behaupten, dass ich mich schon an die neue Situation gewöhnt habe. Janosch ist jetzt erwachsen, aber die mütterlichen Gefühle bleiben, ich bin immer noch seine Mutter.

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