17. April 2014
Die sechs Geheimnisse der Liebe

Die sechs Geheimnisse der Liebe

Wer liebt, bleibt trotzdem ein eigenständiger Mensch. Das Wir ersetzt nicht das Ich. Manche haben damit ihre Schwierigkeiten, doch vielen Paaren gelingt es, eins zu werden und selbstständig zu bleiben. Weil sie die sechs Spannungsfelder der Liebe gemeinsam auflösen. „Das kann jedes Paar lernen“, sagt unser Experte Jörg Berger. Das Tolle: Fängt der eine an, ermutigt er den anderen.

Verliebtes Paar
© Thinkstock
Verliebtes Paar

Einfühlsam Reden und Streiten

„Gerade am Anfang einer Beziehung, wenn zwei Leben ein Ganzes werden sollen, ist Kommunikation sehr wichtig“, sagt der Diplom-Psychologe Jörg Berger. „Doch kein Paar muss viel reden, wie in vielen Ratgebern steht. Wer darin geübt ist, dem kommen solche Ratschläge entgegen. Wer ein anderes Wesen hat, den setzen sie unnötig unter Druck. Viele Paare brauchen gar nicht so viele Worte.“ Grundsätzlich haben Paarforscher in Konfliktgesprächen vier Verhaltensmuster entdeckt, die – wenn sie auftreten – zu 90 Prozent zur Trennung führen: unsachliche Kritik („Nie denkst du an mich“), Verachtung („Kein Wunder, dass niemand mit dir auskommt“), Rechtfertigung („Ich muss dich ja kontrollieren, wenn du so nachlässig bist“) und Mauern (schweigen, wegschauen).
Der US-Psychologe John Gott- man nennt sie „apokalyptische Reiter“. „Wer einen durch seine Beziehung galoppieren sieht, sollte handeln“, rät Berger. Das Ziel ist, die nur scheinbar widersprüchlichen Fähigkeiten Verstehen und Widersprechen zu vereinen. Der Schlüssel heißt Einfühlungsvermögen (Empathie): Glückliche Paare drücken Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse direkt aus. Beide Partner wiederholen oft in ihren Worten, was der andere gesagt hat, stellen offene Fragen, zeigen Verständnis, Wertschätzung und übernehmen Verantwortung („Das hätte ich machen sollen“). Im Streit verwenden sie Ich-Botschaften („Ich fühle mich übergangen“), behaupten ihre Rechte („Ich möchte wichtige Dinge mit dir besprechen können“) und zeigen Konsequenzen, die der Beziehung guttun („Dir zuliebe werde ich anderen keine heile Welt vor- spielen“).
Tipp von Jörg Berger: „Versuchen Sie, für Ihren Partner eine Stunde lang der perfekte Zuhörer zu sein, der ideale Frauen- oder Männerversteher: Halten Sie Blickkontakt, stellen Sie Fragen, ermutigen Sie.“

Gefühl zeigen und kontrollieren

„Eine tragfähige Beziehung beruht auf einem Gleichgewicht der Gefühle“, erklärt Jörg Berger. Das heißt: Beide Partner lassen Gefühle zu, zeigen sie offen und stellen sie in kritischen Momenten auch zurück. Frisch verliebten Paaren fällt das leicht. Doch dann muss sich die Liebe im Alltag bewähren, es kommt zu ersten Verletzungen und Enttäuschungen. Solche negativen Gefühle zu zeigen und zu kontrollieren ist nicht mehr so einfach. „Es können Zwänge entstehen“, sagt Berger. Partner üben Druck aufeinander aus, um den anderen zu dem zu bringen, was er nicht (mehr) freiwillig tut. Vorwürfe, gezielte Verletzungen, Strafen und Drohungen belasten die Liebe. Schlimmstenfalls.
Glücklichen Paaren gelingt es, einander wieder einen Vertrauensvorschuss einzuräumen und die Zwänge zu beenden. Gerade bei negativen Gefühlen schaffen sie es meistens, bewusst ein Stück zurückzutreten, um ihnen die Spitze zu nehmen, etwa bei sogenannten Blitzgedanken („Das ist Erpressung!“) oder wenn sich emotionale Erinnerungen aus der Kindheit melden. Zu starke Gefühle besänftigen sie mit Ablenkung oder einer Auszeit, oder der nicht betroffene Partner bietet dem aufgewühlten einen sicheren Rahmen an („Dir geht es gerade nicht gut, oder? Erzähl doch mal. Ich werde es schon verkraften“). „Aus vielen kleinen Gefühlserfahrungen webt sich ein festes Band“, fasst Jörg Berger zusammen.
Tipp von Jörg Berger: „Bitten Sie Ihren Partner, ein Gefühl zu zeigen, das er bislang verborgen hat.“

Das eigene Ich bewahren

Eins werden und sich die Freiheit bewahren

Die erste Beziehung, die wir aufbauen, ist die zu unserer Mutter. Psychologen sprechen von Bindung. „Die Bindungsmuster, die sich in der Kindheit ausprägen, bleiben unverändert und wirken sich schließlich auf die Partnerschaft aus“, sagt Berger. Zum Beispiel verliebt sich ein Mann in eine fürsorgliche Frau – und findet sie nach einiger Zeit unerträglich bemutternd. „Verhängnisvolle Anziehung“ nennt das die US-Psychologin Diane Felmlee. Doch auch daraus kann eine sichere Bindung werden. „In guten Beziehungen kann viel nachreifen“, ermutigt Berger. Der Schlüssel: „Ein Partner zeigt dem anderen offen, wann er Fürsorge braucht und für welche Art der Zuwendung er zugänglich ist.“ Allerdings können auch Dritte (z.B. die Schwiegereltern) die Bindung stören. Je bewusster Paare diesen Ablösungsprozess gestalten („Wir bauen etwas Eigenes auf“), desto mehr profitiert ihre Beziehung, und umso selbstverständlicher können beide Partner die sichere Bindung auch mal verlassen, etwa für ein Hobby, ein ehrenamtliches Engagement oder nicht gemeinsame Freunde.
Tipp von Jörg Berger: „Gehen Sie 15 bis 30 Minuten lang auf die Bindungssignale Ihres Partners ein. Schenken Sie ihm Anerkennung, wenn er zum Bei- spiel von seiner Arbeit berichtet oder einen Gedanken äußert, den er interessant findet, oder Nähe und Zeit für ihn, wenn er sie braucht.“

Sechs Tipps für eine glückliche Beziehung

Eigensinnig für andere da sein

Kein Paar l(i)ebt auf einer einsamen Insel. Jedes ist eingebunden in ein soziales, kulturelles und gesellschaftliches Umfeld. „Konzentriert sich ein Paar auf das eigene Glück, entfremdet es sich von seiner Umwelt“, erklärt Jörg Berger. Die ist gleichzeitig eine Stressquelle, da sie die Liebe unter Anpassungsdruck setzt („Wann kriegt ihr endlich ein Baby?“). Studien zeigen: 40 Prozent der Paarzufriedenheit hängen davon ab, wie Partner diese Belastung gemeinsam meistern. Je offener Paare einander zeigen, dass sie gestresst sind, je mehr sie sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam nach Lösungs- oder Abgrenzungsmöglichkeiten suchen, desto tragfähiger wird ihre Beziehung.
Aber: Das Umfeld kann für jedes Paar auch eine Kraftquelle bilden. Ob in der Nachbarschaft, im Verein, in der Kirchengemeinde oder in einer Partei, hier hat es die Chance, gemeinsam Gutes zu tun. „Ein eigenes Leben zu führen und zugleich in einen bereichernden Austausch mit dem eigenen Umfeld zu treten kann für ein Paar eine aufregende Entdeckungsreise bedeuten“, ermutigt Berger. Positiver Nebeneffekt: Das gemeinsame Leben bekommt für das Paar einen tieferen Sinn, weil die Partner erleben, dass sie gemeinsam etwas gestalten können und dieser Einsatz sich lohnt. „Das gibt einem Paar die moralische Stärke, die es braucht, um schwierige Situationen zu bewältigen“, sagt Berger.
Tipp von Jörg Berger: „Überlegen Sie, was Sie als Paar gut können, und dann, ob und wie Sie diese Gabe zum Wohl anderer einsetzen wollen. Organisationstalente könnten z.B. Bekannten helfen, die sich selbstständig machen, gute Redner einer Bürgerinitiative beitreten.“

Jeder gibt so viel, wie er kann

Sprechen Sozialpsychologen über die Liebe, hat das nur wenig Romantisches an sich. Paare, lautet ihre Theorie, tauschen „Ressourcen“ aus: Informationen, Güter, Geld, Dienstleistungen und eben Liebe. Beide Partner wollen dabei möglichst gut abschneiden und legen Wert auf einen fairen Austausch. Klingt wie eine BWL-Vorlesung. Studien zeigen aber, dass Paare, die das Geben und Nehmen in ihrer Beziehung als ausgewogen erleben, zufriedener sind, weniger Ärger spüren, erfüllteren Sex haben und sich seltener trennen.
Aber was können sich Paare geben und nehmen? Der US-Eheberater Gary Chapman nennt fünf Dinge: Aner- kennung (Lob), Zweisamkeit (Zeit nur für dich), Geschen- ke, Hilfsbereitschaft und Zärtlichkeit. Liebende sprechen jedoch beim Geben nicht immer die gleiche Sprache. Glückliche Paare achten deshalb darauf, welches Verhal- ten dem anderen guttut, und zeigen es oft. Außerdem sagen und vermitteln sie einander klar, was sie im Alltag brauchen, um sich wohlzufühlen.
Wünsche zu äußern ist gleichzeitig der erste Schritt des Nehmens (denn der Partner kann nicht Gedanken lesen). Das Gegebene zu empfangen der zweite. „,Das wäre doch nicht nötig gewesen‘ lautet das Motto von Menschen, die nicht gut empfangen können“, sagt Jörg Berger. „Gutes Empfangen ist nicht allzu wählerisch. Es akzeptiert auch mal einen Kuhhandel und weiß zu schätzen, was sich der Partner mühsam abgerungen hat.“ Selbst wenn es nicht das ist, was wir erwartet haben – jedes Geben verdient Wertschätzung, der dritte Schritt des Nehmens. Dazu gehört, dem Partner die eigenen Bedürfnisse noch etwas genauer zu erklären, damit er sie demnächst besser treffen kann. Das schmälert seinen Einsatz nicht, sondern zeigt ihm, dass er gebraucht wird.
„Bei einschneidenden Lebensereignissen, etwa wenn Kinder dazukommen oder einer der Partner längere Zeit krank ist, muss ein Paar hier neue Antworten finden“, erklärt Berger. „Unausgewogenes Geben und Nehmen kann zu einer Gefahr für die Liebe werden.“ Paare, die es dann schaffen, die (vorübergehende) Unausgewogenheit anzunehmen und das Umfeld um Hilfe zu bitten, können sie aber erfolgreich abwenden.
Tipp von Jörg Berger: „Überraschen Sie Ihren Partner eine Woche lang jeden Tag mit einer kleinen Freude: Blumen, Komplimente, kleine Geschenke, eine Massage, ein Ausflug. Das setzt beim anderen enorm viel frei.“

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