27. Juli 2011
Die Qual der Wahl

Die Qual der Wahl

Ob eine Wahl gut oder schlecht war, merken wir leider immer erst hinterher. Das ist aber kein Grund, allzu lange zu zögern. Denn an den Kreuzungen des Lebens können wir jede Menge tun, um den Weg zu finden, mit dem wir uns dann auch wohlfühlen.

© fotosipsak / iStock

Rausziehen aufs Land? Oder lieber in der Stadt bleiben? Und dazu vielleicht ein Schrebergarten? Die Vielfalt der Möglichkeiten stellt uns vor die Qual der Wahl. Und die wächst ständig. Weil wir kaum noch an traditionelle Rollenmuster gebunden sind, die vorschreiben, was frau tut und was nicht. Wir dürfen wählen. Aber: Wir müssen eben auch wählen! Und das fällt uns umso schwerer, je gewichtiger die Entscheidung scheint. Denn ich könnte ja das Falsche tun. Und das wäre fatal.

Klar, die meisten Entscheidungen kann man revidieren, kann sich scheiden lassen oder die Eigentumswohnung wieder verkaufen. Aber dann muss man sich eingestehen: Ich bin irgendwie vom Kurs abgekommen. Das fühlt sich manchmal wie eine Niederlage an. Schließlich wollte man erfolgreich durchs Leben düsen, ein Ziel nach dem anderen erreichen und abhaken. Anhalten und nachdenken kostet Zeit. Fast noch schlimmer: Ich muss diesen Richtungswechsel auch noch vor der Familie und den Freunden rechtfertigen. Das kratzt am Ego. Also doch lieber wie gewohnt weitermarschieren und in der Komfortzone bleiben? Immerhin kann ich so den Abschiedsschmerz vermeiden. Zumindest fürs Erste.

Allen, die an einer Weggabelung stehen, empfiehlt die amerikanische Business-Expertin und Autorin Suzy Welch drei Fragen: Welche Folgen hat meine Entscheidung für mich in zehn Minuten? In zehn Monaten? Und in zehn Jahren? Das eröffnet neue Perspektiven, statt immer nur um Ja oder Nein zu kreisen. Schon in ein paar Wochen sind die ersten Reaktionen der Freunde auf meine Entscheidung vergessen („Bist du verrückt? Was wollt ihr denn mit einem so teuren Boot?“). Und ein Jahrzehnt später sind wir uns selbst dankbar für den Mut zur halbjährigen Weltumseglung oder das Engagement, mit dem wir uns mit 39 noch mal in eine Ausbildung gestürzt haben. Nicht vergessen: Ihr Leben soll Ihnen gefallen.

Entscheidungshilfen

So Funktioniert es

Drei Strategien helfen beim Entscheiden. Sie sind auch kombinierbar

Argumente Fixieren „Ich ordne meine Gedanken und dann meine Gefühle“

Anne kümmert sich um ihre pflegebedürftige Mutter, spürt aber, dass es ihre Kräfte übersteigt. Krampfhaft sucht sie nach einer Lösung. Sie denkt an betreutes Wohnen mit Pflegedienst. Aber wird sich ihre Mutter dann abgeschoben fühlen? Und welche Einrichtung käme überhaupt infrage? Anne recherchiert im Internet, sieht sich Seniorenheime an. Die Qual der Wahl bleibt. Bis sie eine Liste mit Kriterien erstellt, die ihr wichtig sind. So findet sie schließlich ein passendes Betreuungsangebot, mit dem sie sich wohlfühlt. „Argumente sollte man schriftlich fest halten“, sagt Prof. Helmut Jungermann, Entscheidungsforscher an der TU Berlin, „sonst springen die Gedanken ständig hin und her. Schreiben wir dagegen Auswahlkriterien auf und die Gedanken, die uns dazu einfallen, ordnen wir das Chaos im Kopf.“ Und wir können unseren Entscheidungsprozess jederzeit nachvollziehen.

Zukunftsbilder malen „Mir wurde klar, was ich möchte. Und dass ich dem gewachsen bin“

Christine wünscht sich ein Baby. Irgendwann später. Aber sie wird bald 39 und hängt schon ziemlich lange in der Grübelschleife fest. Deshalb startet sie schließlich zu einer virtuellen Reise. Das Ziel: ihre eigene Zukunft. Christine taucht ein in ihr Leben in fünf Jahren: einmal mit und einmal ohne Kind. Wie würde ihr Alltag als Mutter aussehen? Und die Beziehung mit ihrem Freund? Würde sie der großen Veränderung standhalten? Vielleicht sogar an ihr wachsen? Szenenwechsel: Christine ohne Familie, mit weniger Verantwortung, dafür mehr Freiheit und dieser Sehnsucht. Da spürt sie, dass sie das Baby will. Jetzt. Und die Verantwortung tragen kann. Sie beschließt, trotz kleiner Zweifel, mit ihrem Freund noch mal darüber zu reden. Bei der sogenannten Outcome-Psychodramatechnik, die auch in der Beratung genutzt wird, nimmt man Entscheidungen gedanklich vorweg und kann als Hauptakteur des eigenen Films auf die Gefühle achten, die man in verschiedenen Versionen empfindet.

Das Bauchgefühl einbeziehen „Plötzlich spürte ich, wohin meine Reise gehen soll“

Anja wollte schon eine Münze werfen. Ahnte aber, dass sie deren „Entscheidung“ dann doch ignorieren würde. Sommerurlaub am Meer oder lieber in den Bergen? Ist doch eigentlich egal, denkt sie, Hauptsache, mal raus. Aber die Frage bleibt: Wohin? Als sie zufällig im Fernsehen eine Reportage über Lissabon sieht, wird ihr plötzlich ganz warm ums Herz. Vergnügt summt sie „Summer in the City“ und schaltet den PC ein und denkt: Am besten, ich buche sofort. Wer klug entscheiden will, braucht Bauchgefühl. Dr. Maja Storch, Leiterin des Instituts für Selbstmanagement und Motivation Zürich (ISMZ) und Autorin eines Buches über kluge Entscheidungen, rät, auf Körpersignale zu achten. Z.B. den „Kloß im Hals“, „weiche Knie“ oder eben ein „tanzendes Herz“. Manchmal nehmen wir diese Signale (sogenannte „somatische Marker“) im Alltagsstress nicht wahr oder betäuben sie mit Argumenten. Aber: „Eine kluge Entscheidung ist vernünftig und fühlt sich gut an“, sagt die Expertin. Sie empfiehlt deshalb, die Körperwahrnehmung zu schulen, etwa mithilfe von Yoga oder Meditation.

Fragen-Check

Die Antworten helfen Ihnen, das Richtige zu tun

Was passiert, wenn ich diese Wahl treffe?

Macht mich diese Entscheidung langfristig zufrieden?

Bringt sie mich näher an mein eigentliches Ziel?

Welche Nachteile hat diese Entscheidung?

Wogegen entscheide ich mich, wenn ich diesen Weg wähle?

Wie werde ich mich fühlen, wenn ich mich anders entscheide?


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