20. August 2012
Die prägende Jugend

Die prägende Jugend

Keine Lebensphase prägt uns so stark wie die Jugend. Der „International Youth Day“ am 12. August, von der UNO initiiert, erinnert uns daran. Doch es lohnt sich, ruhig öfter per Fotoalbum auf Zeitreise zu gehen. VITAL-Autorin Ute Oda Frantzen tat es - und stieß auf eine echte Kraftquelle.

Frau,, dunkle Haare
© thinkstockphotos
Frau,, dunkle Haare

Den Fahrtwind im Haar blinzeln meine Augen in die tief stehende Sonne. Meine Beine bewegen sich wie von selbst. Die große Freiheit – bei mir begann sie 1983. Ich war 14. Meine Eltern hatten mir zum Geburtstag das allerschönste rote Peugeot-Rennrad geschenkt. Damit wolltest du die Welt erobern, denke ich beim Blick ins Fotoalbum und muss grinsen.
Die Welt – das war Wilhelmshaven, 25 Kilometer von meinem friesischen Heimatdorf entfernt. Mit der besten Freundin radelte ich dorthin, um vom ersten selbst verdienten Geld ein Sweatshirt in Übergröße, ein riesiges Halstuch, knallenge Jeans und knöchelhohe Turnschuhe zu erwerben. Ein Outfit, fand ich, das zu jeder Gelegenheit, inklusive Weihnachten und Omas Geburtstag, getragen werden konnte, ja musste!

"Es war eine tolle Zeit. Ich war ständig unterwegs"

Besitzen Sie auch solche Fotos aus Ihrer Jugend, über die Sie heute nur den Kopf schütteln oder laut lachen können? Dies vorweg: Lachen ist eindeutig die bessere Wahl. Und danach lohnt es sich, noch ein bisschen weiter in Erinnerungen zu schwelgen. Wie haben Sie sich damals gefühlt? Wovon haben Sie geträumt? Welche Pläne hatten Sie? So vieles passierte zum ersten Mal: ohne Eltern in den Urlaub. Eigenes Auto. Das erste Mal betrunken. Der erste Joint. Die erste Liebe...

Zurück in die Vergangenheit

Unser Gehirn begibt sich auf Zeitreise. Und das hinterlässt nicht etwa nur Wehmut. Es bringt vielmehr ein großes Stück Unbeschwertheit zurück. Zapfen Sie diese Kraftquelle an! Schaue ich mir beispielsweise Fotos von meinen Kolleginnen und mir an, spüre ich wieder, was für selbstbewusste Mädchen wir damals waren. Weil wir so tolle Vorbilder hatten: Catherine Deneuve, Senta Berger, Nena, Madonna – alles starke Frauen. Heidi Klum und ihre Topmodels wirken da wie das krasse Gegenteil. Doch für heutige Teenager sind sie nun Vorbild und Traum zugleich.

Einzigartige Jugend

zwei mädchen lachen
© Thinkstock
zwei mädchen lachen

Wieso stöckeln jetzt wieder so viele Mädchen freiwillig in die Weibchen-Falle, aus der sich erst die Frauengenerationen vor ihnen Schritt für Schritt befreit haben, überlege ich und merke schnell, dass die Frage zu kurz greift. Jeder von uns ist auch ein Kind seiner Zeit. Jede Jugend ist immer so rebellisch wie die gesellschaftliche Enge – Elternhaus, Geburtsort, Heimatland –, in der sie aufwächst.
Gegenwärtig scheint sie nicht allzu arg zu sein. 84 Prozent der 12- bis 25-Jährigen sehen, laut aktueller Shell Jugendstudie, die Globalisierung als Freiheit, weltweit reisen, arbeiten und studieren zu können. Und ihre Eltern sind diejenigen, die vor 30, 40, 50 Jahren für solche Freiheiten gekämpft haben. Da verwundert es nicht, dass 90 Prozent der Jugendlichen ein gutes Verhältnis zu Mama und Papa haben. Deren Erziehungsstil wollen 73 Prozent übernehmen. Auflehnung sieht anders aus.

Die Autoren der Studie beschreiben eine „pragmatische Generation“, für die einerseits wichtig ist, fleißig und ehrgeizig zu sein (60 Prozent) und die andererseits das Leben genauso intensiv genießen will (57 Prozent). Politik spielt da eine Nebenrolle. Nur 37 von 100 Jugendlichen sind daran überhaupt interessiert.
Knapp ein Drittel glaubt, gegen „die Mächtigen“ gar nichts ausrichten zu können. Aber mal ehrlich: Geht es uns Rebellen der 60er-, 70er- und 80er-Jahre angesichts der heutigen Eurokrise und des Klimawandels nicht genauso? Unsere Gegner damals waren sehr viel (an-)greifbarer.

Die Regeln meiner Kindheit

In meiner Kindheit war es noch völlig undenkbar, sich scheiden zu lassen. Das Ende einer Ehe bedeutete meist auch das gesellschaftliche Aus. Eine Frau mit einem Ex- Ehemann wurde nicht mehr eingeladen. Doch die Emanzipation ließ sich nicht stoppen: 1974 wurde der Paragraf 218 reformiert.
Seit 1976 sind Mann und Frau in einer Ehe finanziell gleichgestellt. 1977 erschien die erste Ausgabe der „Emma“. Ich spürte ziemlich früh, dass ich nicht in einer männerdominierten, verklemmten Welt leben wollte – und verliebte mich in einen Jungen aus konservativem Haus. Seine Eltern lehnten mich ab. Dass ich sie auch nicht mochte, ließ ich mir nicht anmerken. Dafür reizte ich sie, etwa mit einem schwarzen Korsagenkleid, das ich zu ihrer Silberhochzeit trug.

Kindheits-Erinnerungen

Bei dem Gedanken daran, habe ich ihn gleich wieder im Kopf, den wenig anerkennenden Kommentar der Silberbraut: „Nackedei-Kleidchen.“ Hätte ich doch damals schon gewusst, was ich heute weiß. Milde lächelnd hätte ich zu meinem Freund gesagt: „Feiere du mit deinen Eltern. Ich mache mir einen schönen Abend.“ Was wohl aus ihm geworden ist? Gern würde ich ihn mal wieder sehen.
Doch ausgerechnet er ist nicht bei Facebook, wo wir inzwischen mit wenigen Mausklicks Menschen in aller Welt aufspüren können, die wir aus den Augen verloren haben, aber mal wichtig für uns waren. Viele andere Schulfreunde fand ich dort wieder. Sich mit ihnen auszutauschen wird auch jedes Mal zu einer kleinen Zeitreise. Wir erinnern uns an die, die wir waren. Und wenn wir uns treffen, stellen wir fest: Es ist etwas aus uns geworden.
Als Teenager ähnelten wir uns doch ziemlich. Jetzt merke ich jedem die Geschichte seines Lebens an. Graue Haare, Falten im Gesicht, aber auch ein echtes Lachen, forschere Schritte und sanftere Augen. Doch dann genügt ein „Wisst ihr noch ...?“, und wir sind plötzlich wieder fast genauso aufgekratzt und unbeschwert wie vor 25, 30 Jahren.

Unsere Zukunftsängste

Trauern wir der Sorglosigkeit hinterher? Nein. Wir hatten ja Sorgen. Warum ruft er nicht an? Bin ich hässlich? Bekomme ich den Studienplatz? Und danach? Ständig schwirrten uns solche Fragen im Kopf herum. Doch noch öfter taten wir Dinge einfach. Spontan. Dem Lustprinzip folgend.
Über die Folgen dachten wir nicht nach. Weil wir noch nicht wussten, was wir heute wissen. Wir sind erwachsen geworden. Alles in allem ist es gut gelaufen. Sicher, jede Entscheidung für etwas schließt andere Optionen aus. Viel wichtiger ist aber doch die schöne Gewissheit, dass die allermeisten Entscheidungen richtig waren. Und über meine Fältchen denke ich heute weit weniger nach als über meine Pickel von damals.

"Wir wussten alle noch nicht, was aus uns wird"

Ein bisschen Wehmut bleibt. Unser Gehirn kann gar nicht anders. Dieses Meer an Möglichkeiten. Dieses Lampenfieber vorm Leben. Es ließ mein Herz manchmal bis zum Hals klopfen. Dann lag ich abends im Bett und malte mir meine Zukunft aus. Jetzt ist es die Couch, das Fotoalbum ruht auf meinen Beinen. Ich blättere noch mal um – und sofort ist alles wieder da: mein erster Urlaub ohne Familie in einem Feriencamp an der französischen Mittelmeerküste. Ich verliebte mich sofort.
Zum ersten Mal aß ich Pistazien, hörte die Grillen nachts zirpen, roch den Duft nachtfeuchter Erde am Morgen und schwamm in einem Meer, das so viel wärmer, zarter, türkiser war als meine heimische Nordsee. Das war das Land, in dem ich leben wollte! Endlich wusste ich, wohin die Reise geht.

junge frau schaukelt
© Thinkstock
junge frau schaukelt

Jung sein

Jung zu sein heißt aufzubrechen und noch die Chance und die Zeit zu haben, umzukehren, um doch eine andere Abzweigung zu nehmen. Unterschiedliche Charakterzüge, Fähigkeiten und Interessen tauchen auf wie Bernsteine am Strand, bereit, geschliffen zu werden. Das Tolle: In unserer Erinnerung bleiben sie liegen. Wir können sie noch Jahrzehnte später wie- der aufheben. Machen Sie sich gleich auf die Suche. Graben Sie nach den Träumen, Plänen und Wünschen, die Sie zurückgelassen haben.
Bilder malen, Gedichte schreiben, sich sozial engagieren, die Natur schützen, „die da oben“ politisch nicht alles alleine machen lassen – wer sagt denn, dass wir dafür mit 40, 50 oder 60 zu alt sind? Sich an die unglaubliche Energie zu erinnern, die in uns allen brodelte, als wir jung waren, hilft dabei. Sie ist der dickste Bernstein von allen. Sechs Monate nach meinem 21. Geburtstag warf ein Betrunkener in Passau mein rotes Rennrad in den Inn. Natürlich war ich traurig. Das Rad hatte mich schließlich auf meinem Weg zu mir selbst begleitet. Doch da war noch ein anderes Gefühl. Ich studierte Kulturwirtschaft, reiste so oft nach Frankreich, dass ich auf Französisch träumte und schrieb Artikel für das Stadtmagazin. Ich war angekommen. Im Leben.

Ein Interview mit der Hamburger Diplom-Psychologin Christine Geschke zum Thema "Zeitreisen regen Veränderungen an" und warum die Jugendzeit oft verklärt wird finden Sie hier.

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