30. September 2013
Die Magie des Lesens

Die Magie des Lesens

Versinken wir in einem elektronischen Buch genauso wie in einem gedruckten? Gerade jetzt, wo die Frankfurter Buchmesse und der „Tag der Bibliotheken“ anstehen, diskutieren das viele. Fest steht: Besonders Lesemuffel finden über E-Reader wieder ins Reich der Fantasie.

Frau liest ein Buch in der Badewanne
© Jalag Syndication
Frau liest ein Buch in der Badewanne

Draußen zieht ein trüber Septembertag vorbei. Ich sitze im Zug in Richtung Feierabend und freue mich auf mein Wohnzimmer. Dort, auf dem Couchtisch, wartet ein neuer „Schweden-Krimi“ auf mich. Schweren Herzens habe ich ihn heute morgen weggelegt und die Unterlagen für den Job in meine Tasche gepackt. Heute Abend will ich wissen, wie die Sache ausgeht!
Mein Blick wandert zu der jungen Frau in der Sitzreihe nebenan. Sie liest. Auf einem dieser neuen E-Reader. Wischen statt blättern, Pixel statt Papier. Ist das wirklich dasselbe?, frage ich mich. Sollte das Ticket für die Reise ins Land der Fantasie nicht aus der Druckerei kommen? Bastian Balthasar Bux fällt mir ein, der auf dem Dachboden seiner Schule heimlich „Die unendliche Geschichte“ liest und so die magische Welt Phantásien vor dem Nichts rettet. Was würde Michael Ende (1929–1995) wohl zu E-Books aus dem Online-Shop sagen? Tatsache bleibt: Lesen bewegt. Laut neuer Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt schmökern knapp vier von zehn Deutschen mehrmals pro Woche in einem Buch. Mehr als 400 Millionen Titel kaufen sie jedes Jahr. Dage- gen wirken die 2012 heruntergeladenen 13,2 Millionen E-Books fast mickrig. Noch liegt ihr Anteil am Gesamtumsatz der Verlage bei 9,5 Prozent. Bis 2015 soll er auf 16,2 Prozent steigen. 100 Projekte hat die Stiftung Lesen bundesweit ins Leben gerufen, um die Leselust und Lesekompetenz im Land der Dichter und Denker zu fördern. Denn ein gleichbleibend hoher Umsatz im Buchhandel von 9,5 Milliarden Euro kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der Nichtleser hierzulande kontinuierlich steigt: 23 von 100 Kindern und 16 von 100 Jugendlichen gehören dazu. Jeder vierte Erwachsene hat noch nie ein Buch gelesen, ergab eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest, kurz MPFS, in Stuttgart. Wer sich E-Books herunterlädt, kauft auch mehr gedruckte Bücher „Dabei ist Lesen der Sockel für gesellschaftliche Teilhabe“, sagt Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Mainzer Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. „Wer liest, ist eigenständig, kann sich im Alltag bewegen und Entscheidungen treffen. Wir können also gar nicht genug tun, um diese Fertigkeit zu fördern. Doch das Buch hat gerade bei lesefernen Schichten kein gutes Image.“ Es gilt als uncool und altmodisch. „Da wehren viele gleich ab“, haben Ehmig und ihre Kollegen herausgefunden. Genau an dieser Stelle können die neuen digitalen Lesegeräte auftrumpfen. Mit ihrem schicken Design, der Aura des Modernen und ihrer Technik, die meist viel mehr kann als bloß ein E-Book darzustellen, sind sie längst in viele Haushalte eingezogen. Und wecken wie nebenbei (wieder) die Lust am Lesen. So führt zum Beispiel die Technikbegeisterung vieler Väter dazu, dass sie ihren Sprösslingen häufiger E-Kinderbücher vorlesen; auch Papas, die Papierbücher meiden, belegt die jüngste Vorlesestudie der Stiftung Lesen. Und: E-Book- Nutzer kaufen auch mehr gedruckte Bücher, fanden Prof. Michel Clement und sein Team am Institut für Marketing und Medien an der Universität Hamburg heraus.

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Die neuen Geräte beeinflussen unser Leseverhalten also gleich doppelt positiv: Sie küssen es wach, sollte es brachliegen, und verstärken es. In den eigenen vier Wänden, so ein weiteres Ergebnis der Hamburger Studie, bevorzugen wir gedruckte Bücher. Doch unterwegs nutzen wir gern die Möglichkeit, verschiedene Lesestoffe handlich zu speichern. Egal, in welcher Stimmung wir sind, wo wir uns gerade befinden – Urlaubsstrand, Wartezimmer, U-Bahn, Flugzeug, Stau – oder wonach uns der Sinn steht, ein E-Reader lässt sich sinnvoll bestücken. Nicht nur mit E-Books. Auch Zeitungen, E-Comics, Internet-Tagebücher (Blogs) und 140 Zeichen lange Twitter-Prosa („Der April macht was er will.“ „Wir haben August!“ „Siehste, sogar seinen Namen ändert er!“) lassen sich auf ihm lesen. Literaturfans, die angesichts solcher Inhalte die Nase rümpfen, kann Simone C. Ehmig nicht verstehen. „Das ist unangebracht“, so die Expertin. „Auch kleinteilige Inhalte können Hemmschwellen abbauen und motivieren.“

Einen „Kampf der Lesekulturen“ werden wir nicht erleben. Statt also das gedruckte Buch sentimental zu verklären und das digitalisierte geringzuschätzen, obwohl wir in Wahrheit vielleicht bloß Schwellenangst vor der Technik haben, sollten wir lieber das beste aus beiden Welten genießen. Einen „Kampf der Lesekulturen“ sieht Prof. Stephan Füssel, Leiter des Instituts für Buchwissenschaften an der Universität Mainz, jedenfalls nicht. „Das traditionelle Buch mit seinen seit Jahrhunderten bewährten Potenzialen wird zweifellos bleiben“, sagt der Experte. „Aber auch das E-Book ist gekommen, um zu bleiben. Und es wird die Formen der Textpräsentation revolutionieren.“ Damit meint Füssel z.B. „Enhanced E-Books“: Diese digitalen Bücher, angereichert mit nützlichen Extras, bieten etwa die Möglichkeit, Begriffe nachschlagen oder sich die Orte der Handlung in kurzen Videos anzusehen.

Da muss das klassische Buch passen. Doch es punktet mit anderen Qualitäten. Immer mehr Verlage gönnen ihren Titeln eine aufwendige Schriftgestaltung (Typografie), lassen auf hochwertigem Papier drucken und in feinstes Leinen binden. So entsteht das, was der französische Lyriker und Philosoph Paul Valéry (1871–1945) die „vollkommene Lesemaschine“ nannte. „Ein Ding“, so Valéry, „doch eines, das seinen persönlichen Charakter hat, die Kennzeichen eines einmaligen Gedankens an sich trägt und das die noble Absicht weckt, ihm eine glückliche und gewollte Anordnung zuteil werden zu lassen.“ Das wiederum wird kein E-Reader jemals erreichen. Um so schöner, dass wir heute beides haben können. Anders als beim Fernsehen, wo die analoge Antennentechnik längst ausgedient hat und alle Sender digital übertragen werden, müssen wir uns beim Lesen nicht entscheiden. Gedrucktes und Digitalisiertes gehen prima zusammen. „Wenn beides nebeneinander existiert, ist doch alles gut“, findet auch Simone C. Eh- mig. Entscheidend ist, dass wir uns die Lust am Lesen nicht durch andere Dinge verderben lassen. Eine mitreißende Geschichte ist keine Zeitverschwendung, sondern verdient es, dass wir uns Zeit für sie nehmen. Wir dürfen träumen, mitfiebern und die Nachttischlampe erst um drei Uhr morgens ausknipsen. Ob wir zuvor die letzte Seite umgeblättert oder angeklickt haben, ist egal. Die Magie entfaltet sich im Kopf.

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