14. April 2013
Die Lust auf was Neues

Die Lust auf was Neues

Ohne Kreativität und den Mut, Dinge infrage zu stellen, säße der Mensch heute noch auf Bäumen. Wir profitieren von Ideen – und deshalb lieben wir sie. Warum wir uns dennoch manchmal davor fürchten und wie wir die Angst vor Veränderungen besiegen.

Frau lacht
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Frau lacht

Endlich! Das Frühjahr ist da und mit ihm alle Kräfte des Neuen – es keimt und wächst und sprießt. Und was draußen vor unserer Nase geschieht, steckt an. Wir putzen, wischen, lüften, auf dass alles frühjahrsfrisch und vor allem mal ganz, ganz anders aussieht. Dann kommen Garten und Balkon dran. Palettenweise ziehen Primeln und Begonien bei uns ein, geschwungene Sandwege ersetzen Waschbeton, geflochtene Weidenmatten die alten Jägerzäune. Und wozu wir uns im Winter nicht aufraffen konnten, wird im Frühjahr ruck, zuck in die Tat umgesetzt: Italienisch lernen, eine Yoga-Gruppe gründen, öfter mal in Kultur machen und überhaupt. Neues entdecken, Altes loslassen.

Das Frühjahr ist die perfekte Zeit für Veränderungen

Die Biochemie unseres Körpers läuft zur glückshormonellen Bestform auf, die Tage werden länger, mehr Licht regt die Vitamin-D-Produktion an. Das hellt unsere Stimmung zusätzlich auf. Wir sind bereit für neue Abenteuer. Und dann dies: Das Büro, in dem wir arbeiten, soll frisch gestrichen, eine neue Heizung installiert, neue Arbeitsabläufe sollen getestet werden, die Tochter soll an einem Austauschprogramm teilnehmen – objektiv betrachtet, tolle Nachrichten. Doch wir reagieren mit einem Mal gestresst, gereizt, verärgert, ablehnend. Fühlen uns wie gelähmt und spüren plötzlich Angst vor dem, was da auf uns zukommt. Wie kann das sein? Psychologen beobachten das Phänomen seit einiger Zeit bei immer mehr Menschen. Ihre Erklärung: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der ständig alles im Fluss zu sein scheint, in der sich Veränderungen mit einer so hohen Geschwindigkeit vollziehen, dass wir den Überblick zu verlieren drohen“, so ein Expertenteam der Universität Kassel unter Leitung des Psychologen Ernst-Dieter Lantermann.

„Moderne Lebensverhältnisse sind unsichere Lebensverhältnisse.“

Traditionen, die uns früher Halt gaben, haben sich überlebt. Statt Ehe und Familie neue Patchwork- und Wahlverwandtschaftsnetze – so empfindlich und flexibel, dass sie uns nicht immer zuverlässig tragen. Der Arbeitsplatz steht auch mal wieder infrage. Dazu der Klimawandel, die Weltwirtschaftskrise – jeder Tag konfrontiert uns mit einem so hohen Maß an Verunsicherung, dass die Zuversicht – unser emotionaler Regulator – nicht mehr nachkommt. Kein Wunder, wenn dann eine scheinbar geringfügige Veränderung im Büro oder der Nachbarschaft der berühmte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt.

"Veränderung ist das Salz des Vergnügens " - Friedrich Schiller

Das Gehirn reagiert auf Unbekanntes mit Steinzeit-Mustern

Verunsicherung und ihre Folgen lassen sich sogar wissenschaftlich messen. In einem Experiment entdeckte Michael Inzlicht, Neurowissenschaftler und Professor für Psychologie an der Universität von Toronto, dass wir ein „katastrophisches Gehirn“ besitzen: Wir sind immer auf das Schlimmste gefasst. Sobald etwas nicht ganz koscher erscheint, durchfluten uns Angst und Adrenalin und das instinktive Wissen um die einzigen drei Möglichkeiten, die
wir haben: flüchten, kämpfen, verstecken. In der Zeit, da jeder abgebrochene Ast ein Hinweis auf eine Herde zerstörungswütiger Mammuts sein konnte, ergab es natürlich Sinn, ängstlich und übervorsichtig an alles Unbekannte heranzuschleichen.

Heute ist diese Überlebenstaktik nur in bestimmten Fällen erforderlich. Dennoch reagiert der Mensch im dritten Jahrtausend auf unklare Situationen wie einst. Einziger Unterschied: Wir tarnen unsere Ängstlichkeit. Wir lästern, gucken genervt, beklagen uns. Schade, denn jeder Mensch besitzt die psychologischemotionale Ausstattung, um mit Veränderungen klarzukommen: die sogenannte Veränderungsintelligenz. Damit meint die Forschung keine feststehende charakterliche Eigenschaft, sondern einen gelungenen Mix aus Interesse, Neugier, Urteilskraft, Offenheit, praktischer Intelligenz, Weitblick, Zivilcourage, Selbstkontrolle, Optimismus.

Keine Angst vor Veränderungen

Heute ist diese Überlebenstaktik nur in bestimmten Fällen erforderlich. Dennoch reagiert der Mensch im dritten Jahrtausend auf unklare Situationen wie einst. Einziger Unterschied: Wir tarnen unsere Ängstlichkeit. Wir lästern, gucken genervt, beklagen uns. Schade, denn jeder Mensch besitzt die psychologischemotionale Ausstattung, um mit Veränderungen klarzukommen: die sogenannte Veränderungsintelligenz. Damit meint die Forschung keine feststehende charakterliche Eigenschaft, sondern einen gelungenen Mix aus Interesse, Neugier, Urteilskraft, Offenheit, praktischer Intelligenz, Weitblick, Zivilcourage, Selbstkontrolle, Optimismus. Nach Martin P. Seligman, Professor für Psychologie an der Universität von Pennsylvania, zählen sie zu den Signaturstärken, einer Art Blaupause der besten menschlichen Eigenschaften, mit der jeder Mensch auf die Welt kommt.

Alte Muster verlernen, die innere Stimmigkeit fördern

Aber woran liegt es, dass diese angeborenen Eigenschaften nicht immer zum Zuge kommen? Ganz einfach: Immer wenn wir Veränderungen nicht selbst planen, sondern sie uns von außen aufgezwungen werden, reagieren wir zunächst mit großen Widerständen. Wir müssen erst fünf Phasen der Veränderung durchlaufen, bevor wir uns wieder stabil und zuversichtlich fühlen. Management-Trainerin Diana Dreeßen-Wösten begleitet seit 15 Jahren Einzelpersonen und Teams durch Veränderungsprozesse. Sie sagt: „Nach der Widerstandsphase liefert uns das Unterbewusstsein Argumente, warum die angekündigte Veränderung nicht stattfinden kann. In der dritten Phase fühlen wir uns ohnmächtig, hilflos, deprimiert und rutschen automatisch in die vierte Phase, den Schmerz und die Angst.“ Erst nachdem wir diese Phase durchlebt, die Angst ausgehalten haben, erleben wir den Moment, den wir alle aus Erfahrung kennen: „Wir schütteln uns und sagen: Ach, was soll’s, ich schau mal, was ich aus der Sache mache.“ Einige, so Diana Dreeßen-Wösten, bleiben in der Widerstandsphase stecken, andere in der Ohnmacht. Dagegen hilft: „Sich bewusst machen, dass Veränderungen immer eine Verbesserung herbeiführen, wenn man sich nicht dagegenwehrt.“ Manchmal geschieht das jedoch auf Umwegen: Vielleicht motiviert einen eine neue Kollegin, mit der man nicht auskommt, dazu, in einen anderen Job zu wechseln – wo man dann prompt mehr Erfolg hat. Außerdem, so die Expertin, hilft es, das Kohärenzgefühl zu fördern, die innere Stimmigkeit, dieses großartige „Alles wird gut“. Achtsames Wahrnehmen und die Konzentration auf das Hier und Jetzt unterstützen das: sich an vergleichbare Situationen erinnern, die man gemeistert hat und die neue Chancen eröffneten. Und vor allem: oft in den Flow kommen, also etwas machen, das Freude, Begeisterung, Zufriedenheit, Selbstvergessenheit auslöst, z. B. Sport treiben, einem Hobby nachgehen, kochen, meditieren.

Gelassenheit lernen

Neben der Veränderungsintelligenz haben wir einen weiteren inneren Helfer, mit dem es sich gut durch den Fluss der Unsicherheiten navigieren lässt: die „Ambiguitätstoleranz“. Schwieriges Wort, aber Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz können die Verunsicherung, die mit Veränderungsprozessen einhergeht, nicht nur ertragen, sondern aktiv und konstruktiv damit umgehen. Sie halten Situationen mit ungewissem Ausgang problemlos aus, bewerten damit verbundene unklare Informationen und Widersprüche nicht von vornherein negativ und verfallen nicht in Schwarz-Weiß-Denken. Die Höhe der Ambiguitätstoleranz ist angeboren, aber wir als psychologische Wunder können sie entwickeln und mit einfachen Tricks trainieren. Die besten Methoden haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Übungen für mehr Sicherheit

Breitbeinig gehen

So fangen alle Kinder an zu gehen: breitbeinig. Machen Sie es nach. Stellen Sie sich hin, die Füße mehr als hüftbreit auseinander, dann wanken Sie los, verlagern dabei das Gewicht von einer Seite auf die andere. Versuchen
Sie, mit jedem Schritt noch etwas breitbeiniger zu gehen.
Effekt: Indem unser Körper das Gleichgewicht halten muss, meldet das Kleinhirn ans Großhirn: „Alles im Lot“, und das Großhirn bestätigt: „Sehr gut, weitermachen“ – eine Art Dialog ist initiiert, der das Gehirn so beschäftigt, dass negative Gefühle wie Ängste keinen Raum mehr einnehmen können. Außerdem bewegen wir uns durch das breitbeinige Gehen schaukelnd, was die Neuronen beruhigt. Denn die im Unterbewusstsein gespeicherten Erinnerungen an die pränatale und frühkindliche Phase, in der Schaukelbewegungen – erst im Mutterleib, später durch die elterliche Umarmung – unser Dasein bestimmten, werden wach und mit ihnen die guten Gefühle des ungebrochenen, weil unbewussten Urvertrauens.

Auf einem Bein stehen

Stellen Sie sich auf ein Bein und heben und strecken Sie das andere – so hoch, so schnell und so lange, wie Sie das Gleichgewicht halten können. Nach einer Minute wiederholen Sie die Übung auf dem anderen Bein. Dann schnippen
Sie mit den Fingern, wobei der Daumen der Reihe nach mit jedem der vier Finger schnippt. Erst mit der linken, dann mit der rechten Hand.

Übung Baum, Yoga
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Übung Baum, Yoga

Effekt: Die Koordination von Links-rechts-Bewegungen und von Händen und Fingern erfordert viel motorisches Geschick und Konzentration, deshalb hat das Großhirn einen riesigen Bereich für diese Aufgabe reserviert. Ist der aktiv, haben Angstgefühle, die das Kleinhirn an die Großhirnrinde senden will, keine Chance. Sie werden im Großhirn nicht wahrgenommen und so neutralisiert. Außerdem hat das Fingerschnippen mit der linken und der rechten Hand eine zweite Funktion: bilaterale Stimulanz. Diese Methode aus der Traumatherapie regt die Amygdala an, den Mandelkern, der die Hirnhälften verbindet und in dem sich auch mal negative Gefühle „festsetzen“. Durch das Stimulieren werden sie weitergeleitet und verarbeitet.

Mit den Füßen stampfen

Stampfen Sie abwechselnd mit Ihren Füßen auf der Stelle, tun Sie so, als wollten Sie die Erde festtrampeln. Sie können auch eine Treppe hinauf- und wieder hinunterstampfen. Am besten fühlt sich diese Übung an, wenn Sie barfuß im Gras oder Sand stampfen. Sie funktioniert aber auf Holz oder Teppich ebenso schnell und zuverlässig.
Effekt: Das Stampfen stimuliert die Nervenenden an den Fußsohlen. Dieser Reiz wird über die Nervenbahnen ins Gehirn geleitet und aktiviert dort die Bereiche, die für Aufmerksamkeit, Wachheit und Kraft zu ständig sind. Außerdem überträgt sich der gleichmäßige Rhythmus auf Organe, die einen regelmäßigen Rhythmus brauchen, z. B. das Herz. Es beginnt, kräftiger zu schlagen, was dem Gefühlszentrum im Gehirn signalisiert: Ich bin stark, un erschrocken, frisch.

SOS Mudra

Falls Ihnen Stress und Anspannung gerade über den Kopf wachsen und Sie sich alles andere als kreativ und aufgeschlossen für Neues fühlen, hilft diese Übung: Suchen Sie sich einen ruhigen Platz, legen Sie die Hände locker auf die Knie und Daumen und Zeigefinger aneinander. Der Kreis, den Sie dabei schließen, verhilft Ihnen zu neuer Konzentration und baut innere Unruhe ab.

Alte Muster loslassen

Als Kinder haben wir Vorleser damit genervt, jede Geschichte genau wie beim letzten Mal wiederzugeben. Nur dann war alles gut – dachten wir. Als Erwachsene erliegen wir derselben Illusion. Wir glauben, durch Kontrolle Gefahren ausschließen zu können. Bringt aber nichts! Im Gegenteil, je mehr Kontrolldruck wir ausüben, desto häufiger müssen wir
feststellen, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden: Der Liebste flirtet trotzdem, die Tochter kommt trotzdem zu spät nach Hause. Denn wir können nur unser eigenes Verhalten beeinflussen. Das zu akzeptieren fühlt sich seltsam an. Versuchen Sie es dennoch. Sie werden spüren, dass es sich gut anfühlt, die Kontrolle aufzugeben, innere Gelassenheit zu gewinnen.

Kreativen Denkstil entwickeln

Wir sind es gewohnt, immer an das Schlimmste zu denken. Besser ist es, die positiven Seiten einer Veränderung zu betrachten – und zwar möglichst fantasievoll. Schreiben Sie auf, was als Bestes aus der beängstigenden Situation entstehen kann. Erlauben Sie sich große Entwürfe, fabulieren Sie immer weiter, bis Sie meinen, zu Ende gedacht zu haben. Das neutralisiert Ihre Angst oder wenigstens einen Teil davon. Mögen Ihre Einfälle Ihnen auch nicht praktikabel erscheinen, fördert kreatives Denken doch die Produktion von Glückshormonen – und die sind das Beste gegen ängstliche Unsicherheit.

Soforthilfe gegen Angst und Panik

Dr. Claudia Croos-Müller, Neurologin, Psychotherapeutin und Traumatologin in München verrät uns wichtige Tipps und Tricks.

VITAL: Erklären Sie uns, wie funktioniert Ihre Body2Brain-Methode?
Dr. Croos-Müller: Übertragen bedeutet der Name: vom Körper direkt ins Gehirn. Durch meine Arbeit habe ich beobachten können, wie sich unsere Stimmungen, positive wie negative, körperlich ausdrücken. Diese Körperlichkeit wiederum verstärkt die Gefühle. Daraus habe ich einfache Übungen entwickelt, die zu einer sofort spürbaren emotionalen Regulierung und Stabilisierung führen. Wichtig war mir, dass sie ohne Aufwand und völlig unauffällig, aber hocheffektiv jederzeit und in jeder Situation eingesetzt werden können.

Wie können so einfache Übungen so schnell gegen Ängste wirken?
Körper und Gehirn stehen über Nervenbahnen in ständigem Austausch miteinander. Im Gehirn gibt es auch Nervenformationen für Stimmungen und Gefühle, die wiederum mit den Zentren für Körperfunktionen und Körperbewegung verbunden sind. Das heißt, über das Gehirn ist alles – Körperlichkeit und Gefühlserlebnis – miteinander vernetzt. Durch diese Vernetzung entsteht der „Kreislauf“: Die Stimmung drückt sich über den Körper aus, der Körper kann aber auch die Stimmung beeinflussen. Beispiel: Wenn ich mich schlecht fühle, lasse ich oft unbewusst den Kopf hängen. Da sich im Gesichtsbereich unsere wichtigsten Sinnesorgane befinden, schränken wir uns durch diese Haltung in unserer sinnlichen Wahrnehmung ein, die Nerven im Bereich der Halswirbelsäule melden Haltung und Einschränkung dem Gehirnbereich, der für Emotionen zuständig ist und auf die Informationen mit einem Stimmungstief reagiert.
Dagegen hilft ganz simpel: Kopf hoch. Diese Haltung meldet dem Gehirn, dass alles wieder gut ist. Die Stimmung hebt sich.

In Ihrem „Überlebensbuch“ zeigen illustrierte Schafe die Übungen. Warum?
Weil wir über unsere Augen die meisten Sinneseindrücke erfahren und Humor und Freude uns am meisten motivieren. Außerdem assoziieren wir mit Schafen ja zuerst einmal nicht unbedingt Mut und Stärke. Umso mehr berührt es uns, wenn diese scheinbar Schwachen durch bestimmte Übungen zu Starken werden. Außerdem entsteht dadurch spielerische Leichtigkeit, was unser sogenanntes inneres Kind anspricht – gerade als Erwachsene brauchen wir heute jede Menge davon, um im manchmal schwierigen Alltag besser zu bestehen.

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