7. August 2014
Die Kunst des Kritisierens

Die Kunst des Kritisierens

Wir tun es ungern. Doch wenn keiner vom anderen weiß, was stört, ändert sich nichts. Eine offene Aussprache hingegen stärkt unsere Beziehungen – und uns selbst.

Kritik annehmen und austeilen
© Thinkstock / iStock / Minerva Studio
Kritik annehmen und austeilen
Der „Tatort“ am Sonntag? Langweilig. Das neue Überweisungsformular mit 22-stelliger IBAN? Nervt gewaltig. Die Hotline des Telefonanbieters? Ein Albtraum. Fühlen wir uns als Zuschauer, Bürger oder Kunde schlecht behandelt, kommt uns Kritik mühelos über die Lippen. Zumindest im Gespräch mit Freunden, Verwandten oder Kollegen, die dann meist ähnlich nörgeln. Aber: Weiß Ihre Kollegin nicht nur, dass Sie „Tatort“-Fan sind, sondern auch, dass es Sie stört, wenn sie lautstark mit ihrem Freund telefoniert? Haben Sie dem Hotline-Mitarbeiter damals direkt gesagt, dass Sie mit seiner Hilfe nicht zufrieden waren?

Kritik üben

So bleiben Sie gelassen und konstruktiv:

  • Suchen Sie nicht nach zusätzlicher „Munition“ in der Vergangenheit. Was stört Sie hier und heute?
  • Klären Sie Ihre Motive. Was wollen Sie erreichen?
  • Hinterfragen Sie Ihre Maßstäbe. Warum stört Sie das?
  • Analysieren Sie Ihre Gefühle. Welche Emotionen löst das Verhalten des anderen bei Ihnen aus? Warum?
  • Zeigen Sie Wertschätzung durch Blickkontakt. Überlegen Sie: Was mögen Sie an Ihrem Gegenüber?
  • Sagen Sie dem anderen konkret und sachlich, was Sie stört. Formulieren Sie das in Ich-Botschaften (z. B.: „Ich weiß, dass du viel Arbeit hast. Trotzdem fühle ich mich wertlos, weil du mir heute nicht gesagt hast, dass du später kommst. Mir würde es besser gehen, wenn du mir in Zukunft einfach eine SMS schickst.“).
Zugegeben, das waren etwas plumpe Suggestivfragen. Doch bei den meisten von uns verursacht allein die Vorstellung, je- manden zu kritisieren, einen Kloß im Hals. Sogar unsere Expertin, Diplom-Psychologin Annette Schlipphak, Vizepräsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologen in Berlin, sagt von sich selbst: „Ich finde Kritik auch nicht toll und muss mich dazu aufraffen.“ Ob wir eine Standpauke halten oder aushalten, fühlt sich für unsere Psyche offenbar ziemlich ähnlich an. „Kritik lässt in unserer Gesellschaft generell den Stresspegel hochfahren“, bestätigt Annette Schlipphak. „Trotzdem ist sie für unsere Beziehungen etwas sehr Entscheidendes. Die Fähigkeit, konstruktiv mit Kritik umzugehen, hat mit Vertrauen und viel damit zu tun, ob wir uns gegenseitig Fehler ein- und zugestehen können.“

Auf Kritik folgt oft Lob

Daran hapert es oft. Denn früh im Leben lernen wir, Fehler tunlichst zu vermeiden. Unser Verstand weiß zwar, dass wir auf ihnen klug werden. Auf der Gefühlsebene erinnern wir uns aber vor allem an leidvolle Reaktionen auf unsere Missgeschicke: Ablehnung, Enttäuschung, Hohn, Spott. Auch eine Form von Kritik. Aber eine, die wir möglichst nicht noch mal erleben wollen. „Sicher waren nicht alle Botschaften, die wir als junger Mensch gehört haben, böse gemeint“, erläutert Annette Schlipphak. „Trotzdem hinterlassen sie Spuren. Solche negativen Erfahrungen können sich verselbstständigen. Fällt dann der Satz ‚Wir müssen mal reden‘, bekommen manche schon Herzklopfen, und ihr Blick wird starr, weil sie innerlich mit einer Strafe rechnen.“ Nicht die besten Voraussetzungen für ein Gespräch. „Hinzu kommt, dass Kritik unserem Grundbedürfnis nach sozialer Anerkennung widerspricht“, so die ehemalige Polizeipsychologin weiter. „Wir alle hören natürlich lieber, dass wir toll sind.“ Kein Wunder, dass wir das Gegenteil weder gern aussprechen noch gern vor den Latz geknallt bekommen.

Kritik rechtzeitig äußern

Stattdessen halten wir mit Kritik lieber so lange hinter dem Berg, bis daraus ein prall gefüllter Vulkan geworden ist, der dann ohne Vorwarnung alles vernichtende Lava spuckt. „Und in solchen Augenblicken verfestigt sich dann wieder die Angst vor Kritik“, erklärt die Expertin. Denn alle Beteiligten, Kritiker ebenso wie Kritisierter, erleben so einen Ausbruch vor allem als Kontrollverlust. Hirnscanner-Aufnahmen belegen: In ihren Köpfen findet dann eine Art Revolution von unten statt. Tieferliegende Teile des Gehirns, die zuerst in der Evolution entstanden sind und intensive Gefühle wie Wut, Angst, Verachtung oder Trauer steuern, übernehmen die Regie. Kühles Analysieren, Argumentieren oder Abwägen, Prozesse, die tatsächlich weiter oben, hinter unserer Stirn ablaufen, werden entmachtet. In diesem Zustand wird konstruktive Kritik immer schwieriger. Wir handeln impulsiv, ein Wort gibt das andere, jeder weitere Gefühlsausbruch entfesselt den nächsten. Wir schreien, beleidigen, treiben uns in die Enge – bis wir am Ende türenknallend und weinend auseinandergehen ...

Kritik äußern kann man lernen

Stopp! Egal ob wir Kritik üben oder einstecken (müssen), wir können die Lunte abschneiden, bevor es zum großen Knall kommt. Schon Vor- und Grundschüler schaffen das, belegt z. B. eine Studie der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Forscher brachten den Kindern bei, eine „innere Ampel“ zu nutzen, sobald ein Gefühle-Chaos droht. Rot bedeutet: Halt! Atme tief durch und erkläre dir selbst, worin das Problem besteht und wie du dich fühlst. Gelb heißt: Überleg dir mehrere Lösungen für das Problem und such dir die beste aus. Grün signalisiert: Führe deinen Plan aus und beobachte, was daraus wird. „So lernten die Kinder, Gefühle bei sich und anderen genauer wahrzunehmen und auszudrücken“, erklärt Annette Schlipphak. Sie ist überzeugt, dass dadurch auch die Kritikfähigkeit zunimmt. „Diese Kinder sagen nicht mehr: ‚Du bist böse‘, sondern: ‚Das, was du gerade gemacht hast, macht mich böse.‘ Sie trennen zwischen Person und Verhalten, ein wichtiger Schritt.“
Schön und gut. Aber was ist mit uns, die wir leider nicht an dieser Studie teilnehmen durften und folglich die "innere Ampel" nicht kennen? Uns rät die Psychologin zu einem ähnlichen Vorgehen (siehe Tipps links). „Dazu gehört zunächst einmal eine wertschätzende Haltung“, sagt Annette Schlipphak. „Grundlage dafür ist Blickkontakt. Kritik sollte in jeder Hinsicht auf Augenhöhe und unter vier Augen stattfinden.“ Fühlt sich der Kritisierte dagegen herabgesetzt, bloßgestellt, reagiert er mit Rückzug oder Gegenangriff. Seine Emotionen übernehmen die Regie. Die Krux: Noch bevor das erste Wort seine Lippen verlässt, droht dem Kritiker die gleiche Gefahr. Je nachdem, worum es geht und wie nah uns die Person steht, die wir kritisieren wollen, wühlt uns eine Aussprache stark oder sehr stark auf, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Kritik annehmen

So bleiben Sie offen, ohne sich wegzuducken:

  • Hören Sie gut zu (Blickkontakt). Unterbrechen Sie den anderen nicht.
  • Achten Sie auf Ihre Gefühle. Will Ihr Gegenüber Sie in eine bestimmte „Rolle“ zwingen?
  • Bedanken Sie sich für die Kritik. Stimmen Sie zu, wo der andere recht hat. Fragen Sie nach, falls Sie etwas nicht genau ver- standen haben.
  • Entschuldigen oder rechtfertigen Sie sich nicht, wenn kein Anlass dafür besteht.
  • Erkundigen Sie sich, was Sie konkret besser/anders machen könnten.
  • Zeigen und sagen Sie, was die Kritik bei Ihnen auslöst (Ich-Botschaften).
  • Sagen Sie, wenn Sie eine Pause brauchen („Darüber muss ich nachdenken“). Niemand muss sofort eine Lösung anbieten können.

Die innere Ampel

Genau davor bewahrt uns die „innere Ampel“. „Das funktioniert am besten, in­ dem Sie einmal tief durchatmen und sich Fragen stellen“, rät Annette Schlipphak. Was genau stört mich hier und jetzt am Verhalten des anderen? Welche Gefühle löst das bei mir aus? Was soll sich ändern? Welche Eigenschaften schätze ich trotz­ dem am anderen? Ist er überhaupt in der Lage zu korrigieren, was mich nervt? „Je­ manden für etwas zu kritisieren, das er beim besten Willen nicht ändern kann, ist unfair“, sagt Annette Schlipphak. Das gilt auch für Reizwörter wie „nie“ oder „immer“ (z. B.: „Du hörst mir nie zu!“). „Sie lassen die Situation eskalieren, weil sie Abwehr und Trotz hervorrufen“, erklärt die Psychologin. Ist es da nicht nachvollzieh­bar, dass wir angesichts so vieler Stolper­fallen lieber nicht sagen, was uns stört? „Natürlich sollte ich mich auch fragen, ob mir die Sache wichtig genug ist“, rät Annet­ te Schlipphak. „Aber entscheide ich mich, einen Kritikpunkt runterzuschlucken, muss er auch wirklich weg sein. Gelingt Ihnen das nicht, sollten Sie ihn äußern.“
Und damit sind wir wieder beim Kritisierten. Die Botschaft an ihn kann noch so konstruktiv verpackt sein, je nach Vorerfahrung wird er sie trotz­ dem als Angriff auf sein Selbstwertgefühl empfinden. Wut oder Scham kommt auf. Wir spüren den starken Drang, uns wahl­weise verteidigen, rechtfertigen oder ent­ schuldigen zu müssen. „Reagieren Sie nicht sofort“, erinnert Annette Schlipphak noch einmal an die „innere Ampel“. „Lassen Sie sich von Ihren Emotionen nicht über­ rollen. Auch wer kritisiert wird, sollte möglichst viele Fragen stellen, etwa: Was genau meinst du damit? Was heißt das für dich? So nehmen Sie das Explosive aus der Situation.“
Schwieriger, aber sehr wirksam, wenn es darum geht, einen kühlen Kopf zu be­ wahren, ist ein anderer Blickwinkel: „Ver­suchen Sie, die Kritik als Geschenk zu betrachten“, erklärt Annette Schlipphak. „Sie gibt Ihnen die Chance zu wachsen.“ So edle Motive hat aber nicht jeder Kritiker im Sinn. „Wenn Sie spüren, dass es dem Kritiker nur darum geht, Sie kleinzuma­chen, sollten Sie einen Schlusspunkt set­ zen, indem Sie zum Beispiel sagen: ‚Das geht mir sehr nah. Darüber muss ich nach­ denken‘, und danach den Raum verlassen.“
Viele gute Tipps, die aber natürlich nicht immer verhindern, dass wir uns beim Kritisieren emotional ineinander ver­haken. „Beziehungen funktionieren nicht nur sachlich­nüchtern“, sagt Annette Schlipphak. „Dann müssen am besten beide Seiten den Mut haben, raus aus der emotionalen Verstrickung auf eine sach­ liche Ebene zu gehen. Dafür braucht es manchmal mehrere Anläufe. Aber dann steckt in jeder Kritik die Chance, die Beziehung weiterzuentwickeln.“
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