20. September 2013
Die Kraft der Stillen

Die Kraft der Stillen

"Welches Umfeld tut mir gut?" "Wie viel Gesellschaft brauche ich, um mich wohlzufühlen?” Hier finden Introvertierte wertvolle Tipps für ein gemeinsames miteinander.

Nachdenkliche Frau
© Thinkstock
Nachdenkliche Frau

Die Stärken der Stillen

Vorsicht: Bungee-Jumping und Achterbahfahren – viel zu gefährlich! Was auf Extrovertierte oft langweilig oder ängstlich wirkt, zahlt sich bei schwierigen Entscheidungen und in angespannten sozialen Situationen aus. Statt unüberlegt zu handeln, beobachten leise Menschen sehr genau und reagieren schließlich taktvoll und besonnen.

Tiefe: Belangloser Small-Talk, Angeberei und oberflächliche Witze, damit fangen Introvertierte wenig an. Was sie äußern, hat meist einen tieferen Sinn. Statt die gesamte Party-Gesellschaft zu unterhalten, führen sie lieber intensive Gespräche mit Einzelnen. Das führt nicht unbedingt zu einem großen Bekanntenkreis, aber zu wenigen innigen, dauerhaften Freundschaften und Beziehungen. Leise Menschen sind immer ganz Ohr, hören genau hin und filtern heraus, was ihrem Gegenüber wichtig ist.

Konzentration: Das Telefon klingelt, die beste Freundin hat Lust zu plaudern. Für Extrovertierte eine willkommene Ablenkung. Stille Menschen beenden das Gespräch dagegen schnell wieder. Arbeiten sie konzentriert, lenkt sie nichts und niemand ab. Was ihnen wichtig ist, bekommt und verdient ihre volle Aufmerksamkeit. Klasse! Wie sonst wurde wohl aus der schüchternen Heidemarie Jiline Sander aus Wesselburen in Schleswig-Holstein die berühmte Modeschöpferin Jil Sander?

Innere Ruhe: Während sich Extrovertierte bei zu viel Stille unbehaglich fühlen, genießen leise Menschen solche Momente sehr. Sie finden leichter Zugang zu Meditation. Ihre innere Ruhe schafft Klarheit, fördert positives Denken und schärft den Blick fürs Wesentliche. In Gegenwart von Introvertierten fühlen sich sogar die Lauten entspannter. Das entschärft aufgeregte Diskussionen und hektische Verhandlungen.

Analytisches Denken: Leise Menschen lieben es, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihr glas-klarer Verstand hilft ihnen, Probleme effektiv zu lösen und komplexe Zusammenhänge zu entschlüsseln. Gefragt ist diese Stärke in vielen Berufen, zum Beispiel im Controlling, im IT- oder auch im Gesundheitsbereich.

Unabhängigkeit: Extrovertierte geben viel auf Bewertungen von außen. Je öfter sie etwa bei Facebook „gelikt” werden, desto besser fühlen sie sich. Unabhängigkeit sieht anders aus. Wie, das zeigen ihnen die Introvertierten. Sie pfeifen auf die Meinung anderer, stehen zu ihrem eigenwilligen Stil und tun, was sie für richtig halten.

Beharrlichkeit: „Ich bin gar nicht so klug. Ich setze mich einfach länger mit einem Problem auseinander.“ Diese Worte stammen von Albert Einstein, Physiknobelpreisträger, Genie – und einer der berühmtesten stillen Menschen überhaupt. Beharrlich forschen und nachhaken ist zwar nicht besonders sexy. Doch wer seine Träumen nicht aus den Augen verliert, macht sie am Ende wahr.

Einfühlungsvermögen: Stille Menschen sind nicht nur gute Zuhörer, sie haben auch sehr gute Antennen dafür, wie es ihrem Gegenüber gerade geht und haben auch den Mut, mit ihm über diese Gefühle zu reden. Deshalb sind Introvertierte ideale Verhandlungsführer: Wer neben dem eigenen Anliegen auch das des anderen versteht, erkennt Kompromisse leichter und vermittelt cleverer

Stille brauchen Stille

Stille brauchen Stille

Bleiben Sie sich treu: Sie brauchen kein riesiges Netz aus beruflichen Kontakten und müssen auf Partys nicht die lustige Entertainerin mimen. Pflegen Sie Ihre wenigen Kontakte. Gehen Sie mit nur einem oder zwei Menschen essen, führen Sie Gespräche mit Substanz. Das erfüllt nicht nur Sie, sondern auch ihr Gegenüber. Wer sich selbst treu bleibt, kommt weiter.

Raus aus der Deckung: Kämpfen Sie für das, was Ihnen wichtig ist, und zeigen Sie sich dabei von ihrer extrovertierten Seite. Gehen Sie für die Dauer ihres „Auftritts” ganz aus sich heraus, als würden Sie eine Rolle übernehmen. Danach dürfen Sie wieder still sein – mit dem Unterschied, dass Sie sich ein wenig glücklicher und zufriedener fühlen.

Sorgen Sie für Ruhe: Vor und nach jeder Belastung sollten Sie gezielt für Entspannung sorgen. Lesen Sie z. B. ein gutes Buch. Machen Sie Yoga oder eine Meditationsübung. Wenn Ihnen Job und Familie viel abverlangen, planen Sie Zeit für Dinge ein, die Ihre Energie-Reserven wieder aufladen.

Verändern Sie Ihr Umfeld: Organisieren Sie es so, dass es Ihrem Bedürfnis nach Ruhe entspricht. Im Großraumbüro fühlen Sie sich unwohl? Vielleicht lässt der Chef über einen Home-Office-Tag mit sich reden. Wenn zuhause mal wieder Remmidemmi herrscht, hilft Ihnen vielleicht ein eigenes Zimmer oder ein gemütlich gestalteter Bereich, in den Sie sich bei Bedarf zurückziehen können.

Werden Sie Botschafter: Machen Sie anderen Introvertierten in Ihrem Umfeld Mut. Vielleicht haben Sie eine stille Kollegin, die sich in Konferenzen fast nie äußert, mit der Sie aber in der Mittagspause tolle Gespräche führen. Erklären Sie Ihr, warum es wunderbar ist, introvertiert zu sein. Als leiser Botschafter helfen Sie anderen stillen Menschen, ein Gefühl für die eigenen Stärken und Bedürfnisse zu entwickeln.


Buchtipps

1) „Leise Menschen, starke Wirkung” von Sylvia Löhken, Gabal, 288 Seiten, 24,90 Euro

2) „Still” von Susan Cain, Goldmann, 464 Seiten, 9,99 Euro

3) „Die Macht der Introvertierten” von Marti Olsen Laney, Huber, 302 Seiten, 24,95 Euro

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