27. August 2013
Die beste Freundin

Die beste Freundin

In guten wie in schlechten Zeiten, trotz blöder Männer und verschiedener Lebenslinien: Auf echte Freundinnen ist Verlass. Wie sich Seelenverwandte finden – und meist nie wieder verlieren.

Zwei Freundinnen
© Andre Reinke
Zwei Freundinnen

Was für ein Glück, eine beste Freundin zu haben. Nichts und niemand kann sie ersetzen. Wie toll der Mann an unserer Seite auch sein mag, er kann nicht mit ihr konkurrieren, denn Männer ticken einfach anders.

Eine Seele in zwei Körpern

Das Wunder der Freundschaft beschrieb schon der griechische Philosoph Aristoteles als „eine Seele in zwei Körpern“. Die Münchener Familientherapeutin Swantje Benussi formuliert das weniger poetisch: „Zusammengehörigkeit und -Übereinstimmung – aus diesem Stoff werden Freundschaften gemacht. Freundinnen spiegeln, was wir sind.“ Dabei muss uns die andere gar nicht wie ein doppeltes Lottchen gleichen. Oft lebt diese Freundin gerade eine Seite von uns aus, die wir anderen nicht zeigen. Nur ihr!

Eine Freundin für andere sein

Und wo finden sich Seelenverwandte? Im Sandkasten, in der Schule, im Büro, Nachbarhaus oder Yoga-Studio. Dass Sie dem Zufall bei Bedarf nachhelfen können, hat der Forscher Mitja Back von der Universi tät Leipzig eindrucksvoll bewiesen. Erstsemestern teilte er die Sitz plätze für die allererste Vorlesung per Los zu. Und siehe da: Studenten, die nebeneinandergesessen hatten, befreundeten sich in der nächsten Zeit überdurchschnittlich oft. Wer eine neue Freundin sucht, sollte einer sympathischen Zufallsbekannt schaft also unbedingt Zeit und Inter esse schenken. Und sich ansonsten so verhalten, wie man selbst behandelt werden möchte. Seien Sie also die Freundin, die Sie gern hätten!

Verständnis, Wärme und Trost gehören in eine Freundschaft

Wie wir uns eine beste Freundin im Idealfall wünschen, beschreiben die klassischen Freundinnen-Geschichten, die wir alle kennen: von „Hanni und Nanni“ über „Thelma & Louise“ bis zu „Grüne Tomaten“. Beste Freundinnen sind loyal, verständnisvoll und wirklich an mir interessiert. Bei so einer Seelenver wandten können wir uns über die Macken der Männer ausheulen oder über fiese Kolleginnen schimpfen – und hinterher mit ihr darüber lachen. Natürlich würde so eine ideale Freundin nie hinter unserem Rücken weitererzählen, was wir ihr anvertraut haben. Was aber, wenn uns die beste Freundin enttäuscht und unser Vertrauen missbraucht?

Die Freundschaft richtig pflegen

Konflikte brauchen eine Lösung

Verständnis oder Schlussstrich Die meisten Frauen ziehen sich dann zurück, lassen den Kontakt einschlafen. In vielen Frauenfreundschaften wird Ärger lieber unter den Teppich gekehrt, als Nerviges anzusprechen und die Freundin auch mal zu kritisieren. Ein offenes Gespräch, so die Befürchtung, könnte die Freundschaft auf lange Sicht zerstören. Dabei passiert meist das Gegenteil. Denn wer Verletzungen nicht anspricht, gibt der anderen auch keine Gelegenheit, sich zu entschuldigen.

Und so lebt der Groll wie eine tickende Zeitbombe weiter in uns, deren Gewicht wir ständig spüren und die in einer Krisensituation womöglich explodiert und dann zum endgültigen Aus führt. Anders sieht es aus, wenn in der Freundschaft immer wieder Konflikte auftauchen und die gegenseitigen Verletzungen zunehmen. In diesem Punkt gilt für eine Freundschaft wie zür jede andere Beziehung: Klar hat sie ihre Höhen und Tiefen, und natürlich kommt es ab und an zum Streit – aber der sollte konstruktiv ablaufen. Wenn es dauerhaft wehtut, ist es keine Liebe. Und auch keine Freundschaft. Dann wäre es besser, einen Schlussstrich zu ziehen. Und sich eine neue beste Freundin zu suchen.

Beste Freundinnen machen glücklich

Eine Mühe, die sich lohnt: Dass beste Freundinnen glücklich machen, haben viele wissenschaftliche Studien bewiesen. Die Mehrzahl dieser Untersuchungen hat Julianne Holt-Lunstad von der Universität Utah/USA in einer Übersichtsarbeit zueinander in Beziehung gebracht. Mit spektakulärem Ergebnis: Wer sich einsam fühlt, lebt genauso ungesund, als würde er täglich 15 Zigaretten rauchen! Oder, positiv ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, lange zu leben, steigt um 50 Prozent, wenn man gute Freundinnen hat.

Übrigens: Viele Frauen beleben ihre allererste enge Freundschaft aus der Schulzeit als Erwachsene neu. Alte Liebe rostet nicht. Also: Warum rufen Sie Ihre erste beste Freundin nicht gleich heute mal an oder finden schon mal ihre Nummer heraus?

Wir haben uns nach langer Zeit wiedergefunden

Andrea Bielenberg, 56 (l.), & Astrid Beck, 53: Die Nachbarinnen wurden beste Freundinnen – bis zur plötzlichen Sendepause. „Ich kam an einen Punkt“, sagt Andrea, „da hätte ich einfach die Wahrheit sagen müssen. Ich fand, Astrids Mann tat ihr nicht gut. Stattdessen schwieg ich.“ Beide ließen den Kontakt einschlafen. Nach zehn Jahren Funkstille trafen sich Astrid und Andrea dann wieder. „Die Zeit war reif“, sagt Andrea lächelnd. Astrid lächelt zurück: „Und du hattest noch einen Webrahmen von mir.“

Zwei Frauen am Strand
© Andre Reinke
Zwei Frauen am Strand

Sich neu kennenlernen

Erst telefonierten sie wegen der Übergabe einige Male hin und her, dann trafen sie sich. Und prompt war die alte, wohltuende Vertrautheit wieder da. Andrea tauchte – Zufall oder nicht – genau rechtzeitig im Leben der anderen auf: Ein halbes Jahr später zerbrach Astrids Ehe, und die Freundin konnte ihr zur Seite stehen. Gemeinsame Themen fanden die Freundinnen von Anfang an viele. Zuerst die Weberei. Da lebten beide in benachbarten Wohnungen auf dem Land, waren noch in der Ausbildung – Astrid zur Weberin und Andrea zur Krankenschwester. Später studierten sie, wurden Lehrerinnen. Dann kamen die Kinder und das Eigenheim, was auch reichlich Gesprächsstoff hergab. „Wir ergänzen uns gut“, sagt Andrea heute, „obwohl wir beide so unterschiedlich sind.“ Andrea ist eher spirituell ausgerichtet, Astrid praktisch. „Wir geraten nicht mehr in so grundsätzliche Konflikte wie früher“, sagen beide, „jetzt schätzen wir es sogar, oft unterschiedlicher Meinung zu sein.“

An die Freunde denken

„Ohne Freundinnen? Das würde für mich nicht gehen“, sagt Antoinette Schmelter de Escobar, 51. „Selbst wenn Frauen heiraten und eine Familie gründen – sie sollten immer auch eine beste Freundin haben.“ Zwei- bis dreimal im Jahr lädt die alleinerziehende Mutter die etwa zehn Frauen, die ihr am meisten bedeuten, zum Damenabend ein. Nur eine fehlt leider immer: ihre beste Freundin aus Studientagen. „Ich habe so oft versucht, wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen.“ Dabei waren die beiden während des Studiums in München unzertrennlich. Sie lernten sich im Romanistik-Seminar kennen. „Wir mochten uns gleich, waren lustig und unternehmungslustig, haben alle Höhen und Tiefen und jeden Liebeskummer geteilt.“ Sie verreisten oft zusammen.

Antoinette Schmelter
© Andre Reinke
Antoinette Schmelter

Auf einmal ist alles anders im Leben

Bis zu jenem letzten Urlaub, in dem ihre Freundin einen Anruf bekam, der alles verändern sollte: Ihr Vater war gestorben. Von diesem Moment an war sie nicht mehr die Studentin kurz vor dem Examen, sondern die Chefin eines großen Unternehmens. „Sie ging immer mehr in einer anderen Welt auf“, erinnert sich Antoinette. Erst trafen sich die beiden noch ab und zu, dann – nach der Geburt ihrer Tochter – hatte Antoinette das Gefühl, in der Villa der Freundin nicht mehr willkommen zu sein. „Dabei sollte für eine alte Freundin doch immer ein Platz im Leben sein, finde ich.“ Noch heute denke sie an die andere, wenn sie durch deren Wohngebiet in Nordbayern fährt: „Trotz aller Enttäuschung – sie geht mir einfach nicht aus dem Kopf.“

Freundinnen fürs Leben

Beim Geld hört die Freundschaft auf, sagt der Volksmund und meint: Man sollte Privates und Geschäftliches lieber sauber trennen. Angelika Bachmann und Iris Siegfried, beide 40, sehen das anders. „Fängt beim Geld die Freundschaft nicht erst an?“, fragen sie mit einem Augenzwinkern. Die beiden Geigerinnen des Hamburger Quartetts Salut Salon sind seit fast 30 Jahren beste Freundinnen und seit über zehn Jahren beruflich gemeinsam erfolgreich. „Ich finde, in einer Freundschaft sollte es keine Tabuthemen geben“, sagt Angelika. „Und wenn, dann sollte man darüber reden.“ Wovon lebt Freundschaft, wenn die beiden ohnehin miteinander arbeiten und das ganze Jahr über zusammen durch Deutschland und Europa touren? „Von der Wertschätzung füreinander“, sagt Iris. „Angelika und ich haben uns mit elf Jahren am Pult im Schulorchester kennengelernt. So lange gemeinsam zu musizieren, das prägt. Wir kennen alle unsere Stärken und Schwächen.“ Schulzeit, WG, Studium, Weltreise, Quartettgründung – zwei parallele Lebensläufe.

Die Freundin respektieren

Befreundet sein und eng miteinander zu arbeiten, das geht bei Angelika und Iris auch deshalb schon so lange gut, weil sie sich an ein klares Prinzip halten: „Wenn die eine von uns eine Vision hat, hat die andere den dazu passenden Zweifel.“ Und dann? Dann diskutieren sie das aus. Am Ende setzt sich die durch, die heller für ihren Standpunkt brennt als die andere.

Wichtiges für eine Freundschaft

VITAL: Der bekannte Verhaltensforscher Robin Dunbar sagt, ein Mensch könne maximal 150 echte Freunde haben.
Swantje Benussi: Diese hohe Zahl erklärt sich durch Aufteilung. Nur 3 bis 5 Menschen stehen uns wirklich nah. Dazu gehört die beste Freundin, bei der man auch nachts anrufen darf. Etwa 15 Menschen bilden den nahen Freundeskreis, dar über hinaus nimmt die Intensität der Beziehung weiter ab. Trotzdem stellt vielleicht auch Kontakt Nummer 139 eine Bereicherung dar. Weil man sich mit dieser Person zum Beispiel besonders gut über Inneneinrichtung austauschen kann.

Therapeutin Swantje Benussi
© Andre Reinke
Therapeutin Swantje Benussi

Warum sind Freundschaften so wichtig für uns?
Weil sie zwei unserer ursprünglichsten Bedürfnisse erfüllen: Jeder Mensch will Mitglied einer Gemeinschaft sein und jeder möchte spüren, dass er von anderen gesehen wird. Kurz: Freunde geben uns das wertschätzende Feedback, das wir brauchen. Ohne sie würden wir wohl seltsame asoziale Wesen werden.

Wann ist es besser, sich von einer Freundin zu trennen?
Wenn ich das Gefühl habe, die andere zieht mich nur runter und will mir nichts Gutes. Oder wenn es langweilig wird und ich merke, dass ich an der anderen nicht mehr wachse.

Lade weitere Inhalte ...