23. November 2011
Der Tinitus-Effekt

Der Tinitus-Effekt

Mehr als drei Millionen Deutsche leiden an Tinnitus, quälenden Tönen im Ohr. Kann Musik das heilen? Und Singen? Klingt absurd. Doch eine Ambulanz in Heidelberg versucht genau das – mit Erfolg. VITAL hat sich dort umgehört.

Tinnitus
© iStockphoto
Tinnitus

Das Piepen nervt sofort. Exakt 8786 Hertz kommen aus den beiden kleinen schwarzen Lautsprechern auf dem Schreibtisch von Prof. Hans Volker Bolay. „Das ist er“, sagt sein Patient Jens Schweighöfer und nickt. „Das ist mein Tinnitus.“ Er hört ihn seit sieben Jahren. Zwei Reha-Aufenthalte hat er hinter sich. Sogar an einer Studie der Uniklinik Regensburg nahm er teil. Es half nichts. „Sie müssen damit leben lernen, hieß es dann“, sagt Schweighöfer und klingt nicht so, als würde er das noch eine Sekunde länger wollen.

Knapp vier Stunden Autofahrt hat er auf sich genommen, um sich am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung (DZM) in Heidelberg vorzustellen – die einzige Institution in Deutschland, die eine wissenschaftlich fundierte Musiktherapie gegen chronischen Tinnitus anbietet. In der Ambulanz von Prof. Bolay, untergebracht im Erdgeschoss eines Bürogebäudes im Stadtteil Wieblingen, zwischen Finanzamt und Supermarkt, sitzt Schweighöfer zum Vorgespräch. Nachdem Prof. Bolay seine Tinnitusfrequenz ermittelt hat, zieht er Einmalhandschuhe über und untersucht die Druckempfindlichkeit der Nasennebenhöhlen, der Kiefergelenke und die Halswirbelsäule. „Ich kaue schon länger vor allem auf der rechten Seite“, gibt Schweighöfer zu.

Bolay nickt, setzt sich und sagt: „Sie wissen, dass wir nicht allen Patienten helfen können? Bei 20 Prozent wirkt unsere Therapie nicht.“ Schweighöfer nickt. Er wirkt wie ein Mann, für den das Glas stets halb voll ist. Und am DZM stehen seine Chancen besser als Fifty-fifty: Bei 80 von 100 Patienten lassen die Ohrgeräusche durch die Behandlung deutlich nach oder verschwinden - unabhängig davon, wie lange sie vorher bestanden. Das belegt eine aktuelle Langzeitstudie. Doch diese Zahlen erwähnt Prof. Bolay eher beiläufig.


Das Gehirn beginnt selbst Töne zu erzeugen

„Als Forscher sind wir mit diesen Zahlen natürlich hochzufrieden“, sagt der 60-Jährige, nachdem er Schweighöfer für weitere Tests an eine Kollegin übergeben hat. „Doch die Patienten frage ich immer, ob sie mit einem Klempner zufrieden sind, der jeden fünften Wasserhahn nicht reparieren kann.“ Er tut das, weil er weiß, wie viele unseriöse Anbieter von Tinnitustherapien mit ihren vermeintlichen Erfolgen prahlen. „Das ist ein großer Markt“, bestätigt auch Prof. Peter Plinkert, Direktor der HNO-Uniklinik Heidelberg, der für das Interview extra ins DZM gekommen ist. Ginkgo, Laser, Ohrkerzen, Neurostimulatoren – die Liste der angeblichen Heilsbringer ist lang. „Als uns Herr Bolay seine Methode vorstellte, kannte ich bestimmt schon 50 andere, die nicht funktionierten. Damals dachte ich: Vergiss es“, gesteht Plinkert. Heute arbeiten die beiden eng zusammen. „Ich musste umlernen. Seine Ergebnisse haben mich überrascht und überzeugt.“

Bolay lächelt. „Man braucht gute Nerven unter Schulmedizinern. Unsere ersten Studien mussten wir dreimal einreichen, bis eine Fachzeitschrift sie ver-öffentlichte.“ Zu lange galt Musiktherapie in Deutschland als halbseiden. „Zu Recht“, räumt Bolay ein. „Es existierten so gut wie keine wissenschaftlichen Studien. Deshalb mussten wir schrittweise vorgehen.“ Er startet eine kurze Animation auf seinem PC. Sie zeigt Aufnahmen einer funktionellen Magnetresonanztomografie an Testpersonen, die entweder Musik oder einen Tinnitus hörten. Sichtbar aktiv ist jeweils nicht nur die sogenannte Hörrinde. Auch Gehirnteile, die für Gefühle und Gedächtnis zuständig sind, leuchten rotorange auf. „Interessanterweise war die Aktivität beim Musik- und beim Tinnitushören fast identisch. Tinnitus ist also ein neurologisches Problem“, erklärt Bolay. Auf dieser Grundannahme beruht die Therapie am DZM.

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Der Tinitus ist ein Phantom-Ton

Mit dem linken Zeigefinger zeichnet Prof. Bolay eine unsichtbare Kurve auf den Tisch. „Bei jedem Ohrgeräusch beobachten wir eine Hörminderung in einem bestimmten Frequenzbereich, die sogenannte Tinnitussenke.“ Die Folge: Einige Nervenzellen bekommen so keinen Input mehr von Außen, werden übererregbar und fangen an, spontan Signale abzufeuern. Die nehmen Betroffene als Tinnitus wahr. Diesen Phantom-Ton kann das Gehirn aber auch wieder verstummen lassen. „Wir machen hier eine Art Intensivsprachkurs.“ In einer Sprache, die jeder versteht: Musik. Bolay ist auch da Fachmann: Der ausgebildete Kirchenmusiker spielt Klavier, Orgel und Kontrabass. „Damit habe ich mir mein Studium finanziert“, erzählt er auf dem Weg zu einem der Behandlungszimmer. In dem hellen Raum steht ein weißer Flügel, daneben ein Gong, im Regal ein Sinusgenerator, der die verschiedenen Ohrgeräusche der Patienten reproduzieren kann. Am Gong oder an einem Vibrafon spielen sie sie nach. Ein Therapeut gibt am Flügel Tonfolgen vor, die außerhalb oder innerhalb des vom Tinnitus beeinträchtigten Frequenzbereichs liegen. Die Patienten sollen sie erkennen und nachsingen. „Dazu kommen Resonanzübungen“, fährt Bolay fort. Dafür lernen die Teilnehmer Obertongesang, bei dem die Stimme klingt wie ein Didgeridoo, und singen ihren Tinnitus mit „oktavierter“, also verdoppelter oder halbierter, Tonhöhe nach. Mehrmals täglich. „Das erzeugt zusätzlich einen leichten Bluthochdruck im Kopf.“ Den hält nicht jeder aus.

Deshalb muss Claudia Krüger im Zimmer gegenüber auf bunte Kugeln, Würfel und Pyramiden starren. Ein Computer präsentiert sie in immer schnellerer Folge. Die 37-jährige Grundschullehrerin soll mit Mausklick sagen, welche Form und Farbe sie sieht. Was sie nicht weiß: Binnen drei Minuten wird das fast unmöglich. Das Spiel ist ein Stresstest, bei dem ihr Puls und die Leitfähigkeit der Haut erfasst wird. Danach soll sie auf einer bequemen Liege wieder zur Ruhe kommen.

Oft hast das Rauschen im Ohr eine organische Ursache

Nur wenn ihr Körper normal mit An- und Entspannung umgeht, kommt sie für eine Therapie am DZM infrage. Prof. Bolay erklärt das so: „Beim Tinnitusrauschen findet sich in jedem zweiten Fall eine organische Ursache.“ Bluthochdruck, Diabetes, verengte Gefäße, Herzprobleme, ein schiefes Kiefergelenk oder eine unentdeckte Schwerhörigkeit können das Rauschen auslösen. „Das muss immer zuerst behandelt werden, sonst kann unsere Therapie nicht helfen. Und manchmal ist sie danach überhaupt nicht mehr nötig.“ Würde sich die Therapie hier aber nur um die musikalische Arbeit am Tinnitus drehen, wäre sie wohl nicht so erfolgreich. „Die Psyche spielt eine große Rolle“, sagt Prof. Bolay. „Zwischen dem Tinnitus und dem Betroffenen besteht ein Arrangement: Er beseitigt so viele Ruhe- und Erholungsphasen wie möglich, damit ihm das Ohrgeräusch möglichst selten bewusst wird.“ Lehrer, Fabrikarbeiter, Jäger und Sportschützen trifft es besonders häufig. „Und jene Manager, die glauben, so gut wie ihr Gehaltssei auch ihr Gesundheitskonto gefüllt.“ Zwischen Ohrgeräusch und Stress entsteht eine gefährliche Wechselwirkung: Bei Überlastung verschlimmert sich der Tinnitus – und umgekehrt. „Diese Verbindung müssen wir kappen“, sagt Bolay. Deshalb erstellen die Patienten zu Beginn ihrer Therapiewoche ihre „Tinnitus-Landkarte“. „Wir fragen sie: Welches sind die schlimmsten und die schönsten Situationen mit dem Tinnitus?“, sagt Bolay. Die schönsten? „Wenn sie wegen ihrer Ohrgeräusche etwa am Arbeitsplatz besonders rücksichtsvoll behandelt werden, erleben sie das positiv – als wichtigen Krankheitsgewinn.“

Adressen & Tipps

Therapie & Studie: Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung, Maaßstr. 32/1, 69123 Heidelberg, Tel. 0 62 21/83 38 60, dzm-heidelberg.de.

Tipp: Die DZM-Therapie soll im Rahmen einer Studie auch bei akutem Tinnitus (besteht max. acht Wochen) eingesetzt werden. Man sucht noch Testpersonen!

Rat & Hilfe: Deutsche Tinnitus Liga, Am Lohsiepen 18, 42369 Wuppertal, Tel. 02 02/24 65 20, tinnitus-liga.de

Jeder Patient sehnt sich nach stille - bis sie da ist

Auch Claudia Krüger müsste ihre Landkarte entfalten, wenn sie wiederkommt. Könnte vom Lärm im Sportunterricht erzählen, den sie kaum noch aushält. Von Kindern, die sie im Unterricht akustisch nicht orten kann, weil das Dauerpiepen im Ohr alles stört. In Heidelberg könnte sie lernen, Stress mit ihrem persönlichen „Wohlfühlbild“ im Kopf und einem musiktherapeutischen Entspannungstraining auszuschalten. Aber: „Wenn die Patienten spüren, dass sich ihr Tinnitus verändert, im Kopf wandert, höher, tiefer und immer leiser wird, erschrecken sie.“ Eine von Bolays Patientinnen ließ daraufhin Wasser aus der Dusche in ihren Gehörgang laufen.

Und dann – Stille. Kein Ton. „Das haben wir total unterschätzt“, sagt Ambulanzleiter Boley rückblickend. „Nichts wollen die Teilnehmer mehr als das. Doch wenn es so weit ist, haben viele das Gefühl, einen treuen Begleiter zu verlieren. Deshalb reden wir heute viel intensiver über diesen Moment und über die Stille.“ Ob Claudia Krüger sich darauf einlässt, bleibt offen, als sie sich verabschiedet.

Unweit der Eingangstür hängt eine Schwarz-Weiß-Postkarte. Ein kleiner Junge mit Kopfhörern fragt: „Wo bleibt die Musik, wenn sie gehört ist?“ Im Kopf, lautet die Antwort. Dort kann sie viel bewirken.

Hörschutz: So haben fiese Ohrgeräusche keine Chance

  • Unsere Ohren schlafen nie. Umso wichtiger ist es, ihnen regelmäßig Ruhepausen zu gönnen. Zum Beispiel beim „Blätterrauschen-Lauschen“ im Wald oder bei leiser Musik.
  • Rockkonzert, Open-Air-Party, Anti-Atomkraft-Demo oder 90 Löcher für die neue Veranda bohren – gerade nach solchen Erlebnissen piept es häufig in den Ohren. Hier gilt: Hörschutz tragen! Ohrstöpsel in knalligen Farben und Kopfhörer gibt es in Apotheken und Baumärkten.
  • Dauerstress macht auch das Gehör anfälliger. Bewusstes Entspannen, z.B. beim Yoga oder Meditieren, hilft, den Druck abzubauen. Piept’s dann doch mal, verhindert die innere Ruhe, dass die Aufmerksamkeit am Ohrgeräusch „klebt“ – das erhöht die Heilungschance.
  • Gehen Sie alle zwei Jahre zum Hörtest. Nicht selten steckt eine unentdeckte Hörminderung hinter dem Tinnitus. Je eher sie entdeckt wird, desto besser lässt sich gegensteuern.

Test

Wie stark belasten Sie die Geräusche?

1. Mir ist von morgens bis abends ständig bewusst, dass ich ein Ohrgeräusch habe.

2. Wenn der Tinnitus weiter so bleibt, finde ich mein Leben nicht mehr lebenswert.

3. Seit ich das Ohrgeräusche habe, bin ich öfter und schneller gereizt und genervt.

4. Ich habe Angst, dass der Tinnitus eventuell körperliche Schäden verursacht.

5. Seit das Ohrgeräusch da ist, kann ich nicht gut abschalten und entspannen.

6. Häufig ist der Tinnitus so laut, dass ich ihn nicht mehr ignorieren kann.

7. Wegen der Ohrgeräusche kann ich abends häufig nicht einschlafen und liege wach.

8. Ich merke, dass ich durch den Tinnitus leichter und öfter niedergeschlagen bin.

9. Ich frage mich, ob das Piepen/Rauschen im Ohr jemals wieder verschwinden wird.

10. Ich fühle mich hilflos, ausgeliefert und als Opfer meiner Ohrgeräusche.

11. Ich kann mich schlechter konzentrieren, seit ich den Tinnitus habe.

12. Ich mache mir Sorgen, ob mein Ohrgeräusch vielleicht durch ein ernstes körperliches Problem ausgelöst wird.

  • Ja (2 Punkte)
  • Teilweise (1 Punkt)
  • Nein (0 Punkte)

Auflösung:

WICHTIG: Ist der Tinnitus erst wenige Tage alt (max. acht Wochen), sollten Sie umgehend einen HNO-Arzt aufsuchen. In diesem Stadium kann eine 3- bis 5-tägige Kortison-Therapie helfen. Lassen Sie Ihr Gehör testen und abklären, ob eventuell organische Auslöser (z. B. Bluthochdruck oder Diabetes) vorliegen.

0 bis 7 Punkte: Sie leben problemlos mit Ihrem Tinnitus, lassen sich durch ihn nicht stören und schenken ihm keine besondere Aufmerksamkeit. Gut! Ein Entspannungsverfahren hilft, besonders belastende Situationen durchzustehen.

8 bis 16 Punkte: Für Sie wird der Tinnitus zunehmend zum Problem. Das „Nicht-Hinhören“ klappt zwar noch, aber Rückschläge nehmen zu. Wenden Sie sich z.B. an eine Tinnitusambulanz in Ihrer Nähe oder holen Sie sich Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe der Deutschen Tinnitus Liga.

17 bis 24 Punkte: Der Tinnitus beherrscht Ihre Gefühle und Gedanken und Ihren Alltag. Ein Termin beim HNO-Arzt reicht da nicht mehr. Auch die Seele braucht Hilfe. Das Beste für Sie wäre eine stationäre Tinnitusbehandlung.

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