8. Februar 2010
Der Gentest

Der Gentest

DNA-Tests im Internet entschlüsseln das Erbgut und sagen Gesundheitsrisiken voraus. Experten warnen davor.

© claudiaveja - Fotolia

Der schnelle Gentest aus ein paar Tropfen Spucke wird immer günstiger. Kostete er bei seiner Einführung in Deutschland noch rund 700 Euro, sind die Vorhersagen für das persönliche Schlaganfall- oder Brustkrebsrisiko jetzt schon ab 90 Euro zu haben. Im Rennen sind dabei fast ausschließlich ausländische Anbieter, wie die amerikanische Webseite „23andMe“ („23“ steht für die Anzahl der Chromosomenpaare), „DeCODEme“ aus Island oder auch „Navigenics“, USA.

Dabei versprechen die Unternehmen viel: Wollen Sie wissen, ob Sie einmal unter Haarausfall leiden werden? Ein Blick auf Chromosom 12 soll Aufschluss geben. Müssen Sie vorsichtig bei Ihrem Alkoholkonsum sein? Wird Ihr Kind ADHS entwickeln? Die verschlungene Kette kennt die Antwort. Auch Charaktereigenschaften und Vorlieben kann man theoretisch aus der DNA filtern. Forschungen an eineiigen Zwillingen zeigen tatsächlich, dass es bei getrennt aufgewachsenen Paaren verblüffende Parallelen gibt. Aber was kann man wirklich schon entschlüsseln, und was heißt das für uns konkret?

Die privaten Anbieter surfen nur bestimmte Stellen auf der DNA an, die bei Patienten statistisch auffällig geworden sind. Sie wollen laut Eigenwerbung auch der gesundheitlichen Aufklärung dienen. Auf der Webseite von „DeCodeme“ ist der 55-jährige Charles zu sehen. Er hat sich für die Entschlüsselung seines Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen entschieden. Das Bild zeigt ihn schlank und sportlich. Und er sieht ganz so aus, als wüsste er schon lange, wie man ein kardiovaskuläres Risiko in Schach hält. Doch das Testergebnis wäre das gleiche, wenn er ein schwer übergewichtiger Raucher in den Dreißigern wäre, der schon jetzt unter Herzverfettung leidet. Denn diese Art von Gen-Analyse sagt nichts aus über das wirkliche individuelle Gesundheitsprofil. Und was noch viel schlimmer ist: Sie sagt noch nicht mal etwas über die Erbkrankheiten aus, die man wirklich schon entschlüsselt hat. Wir sprachen mit drei Experten über den Sinn solcher Tests.

Der Molekularbiologe

„KRANKHEITEN HABEN GENETISCHE ANTEILE, ABER WIR BEGINNEN JETZT ERST, SIE ZU VERSTEHEN“

Der Kieler Wissenschaftler Prof. Philip Rosenstiel ist kein Gegner von genetischen Analysen – ganz im Gegenteil. Der Mediziner gehört einem molekularbiologischen Institut an, das selbst an der Entschlüsselung von Krankheitshinweisen in der DNA arbeitet. Umso skeptischer sieht er aber die Gentests aus dem Internet.

„Dort werden Aussagen getroffen wie: ,Ihr Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, ist die Hälfte des Risikos der Normalbevölkerung.‘ Dann wiegen sich die Menschen in einer relativen Sicherheit und gehen womöglich nicht mehr zu Vorsorgeuntersuchungen.“ Dabei sind die dort untersuchten Auffälligkeiten in der DNA nicht mehr als der Schnappschuss eines kleinen Webfehlerchens im Erbgut, sogenannten Einzelbasenpolymorphismen (SNP). Häufig sind viele dieser SNPs an der Entstehung von einem Krankheitsrisiko beteiligt. „Man weiß, dieser Abschnitt ist assoziert mit einer bestimmten Erkrankung. Aber wir können oft nur auf den Genort zeigen. Wir wissen nicht, welche Wechselbeziehungen der Eiweißprozesse dort stattfinden. Und wir verstehen noch zu wenig, wie sich die SNPs nachher in Krankheit umsetzen. Da fehlen rund 20 Zwischenschritte.“ Anders als bei den monogenen Erbkrankheiten wie etwa der Bluterkrankheit. Doch die Entdeckung der genetischen Anteile von Leiden wie Asthma, Morbus Crohn oder Rheuma wird kommen, da ist sich Prof. Rosenstiel sicher. „Das wird ein großes Umdenken auslösen – aber das wird nicht in den nächsten Monaten oder Jahren geschehen.“

Der Humangenetiker

„EIN BLICK IN DIE FAMILIENGESCHICHTE IST AUSSAGEFÄHIGER ALS EIN DNA-TEST IM INTERNET“

Es ist sein Job, Menschen die Resultate von Gentests zu erklären oder ihnen davon von vornherein abzuraten. Prof. Wolfram Henn ist Leiter einer genetischen Beratungsstelle. Dorthin wird man bei dem Verdacht auf eine Erbkrankheit vom Arzt überwiesen. Oder wenn eine künstlichen Befruchtung geplant wird. Die Beratung durch einen Humangenetiker ist in Deutschland Kassenleistung. Die Empörung über die Internet-Tests ist bei ihm groß. „Letztes Jahr wurde ich Günther Jauch eingeladen, um mich testen zu lassen. Ich habe es abgelehnt, aber Günter Jauch hat mitgemacht. Dabei kam heraus, er müsste klein und dick sein. Aber was wirklich dramatisch ist: Bei einer Patientin mit nachgewiesenem erblich bedingten Darmkrebs wurde diese Neigung überhaupt nicht entdeckt. Die Tests fragen nicht die hohen Risiken für echte Erbkrankheiten ab. Das ist viel zu teuer und aufwändig. Ein gezielter Gentest auf erblichen Brustkrebs etwa kostet rund 2000 Euro, auf Muskelschwund bis zu 10 000 Euro.“

Zu Prof. Henn kommen nicht Menschen mit abstrakten Sorgen, sondern mit konkreten Befürchtungen. Und hier gilt: „Was hat das Ergebnis für eine Konsequenz? Gibt es etwa die Möglichkeit einer Vorbeugung.“ Ein Beispiel: die unheilbare Huntington-Krankheit bricht erst ab dem 30. Lebensjahr aus – bis dahin ist man völlig gesund. „Nur ein Drittel der Betroffenen wollen vorher wissen, ob sie erkranken. Auch das Nein zum Gentest kann das Ergebnis einer Beratung sein. DNA-Tests über das Internet sind Unsinn. Aber so ist der Mensch nun mal: Man kann auch die Vorhersagen einer Wahrsagerin hundertmal für Blödsinn halten irgendetwas bleibt doch hängen und belastet.“

Der Datenschützer

„SCHREITET DIE ENTSCHLÜSSELUNG VON GENEN VORAN, SIND DIE DATEN AUS DER HAND GEGEBEN…“

Gibt es etwas Persönlicheres als die eigene DNA? Dass solche Daten nicht an Unbefugte geraten, darüber macht sich Datenschützer Prof. Johannes Caspar Sorgen. Denn machen sich die Betroffenen wirklich klar, was sie da preisgeben? Viele beteiligen sich sogar an dem Austausch der Analysen untereinander oder erlauben sogar Drittfirmen, sie auszuwerten. „Generell sind im Internet Daten nicht sicher. Ohne Zustimmung und Wissen können sie jederzeit kopiert und weiterverwendet werden.“

Besonders kritisch wird es aber, wenn man sich vorstellt, dass die Entschlüsselung der DNA voranschreitet. „Es besteht das Risiko, dass diese Daten in die falschen Hände geraten. Die Kenntnis über genetische Krankheitsdispositionen von Arbeitgebern kann zu Nachteilen im Beruf wie Nichtanstellung oder Kündigung führen. Oder Versicherungsunternehmen können die Versicherungsdeckung verweigern.“ Ohne dass man jemals die wahren Gründe erfährt. „Besonders riskant ist dabei die Weitergabe an Firmen, die ihren Sitz nicht in Deutschland haben. Der staatliche Schutz von solch sensiblen Daten ist z. B. in den USA nicht vergleichbar mit den Standards, die hier existieren.“ Es ist auch keine schöne Vorstellung, dass sich unter Freunden und Kollegen herumspricht, dass man eine Neigung zu bestimmten Gesundheitsproblemen hat.

Das "1000-Genom-Projekt"

  • Das Erbgut aller Menschen ist zu 99 Prozent identisch. Die Variationen sind es also, die es in sich haben. Das Ziel ist es deshalb, die Genome von 1000 Menschen komplett zu sequenzieren, die Erbinformation bis in die kleinste Einheit zu entschlüsseln. Forschungsinstitute aus der ganzen Welt beteiligen sich an dem „1000-Genom-Projekt“.
  • Auf der Grundlage dieser Sequenzierung soll eine Risikokarte gezeichnet werden, um mehr über das Entstehen von Krankheiten zu erfahren. Die anonymisierten Daten werden in Datenbanken eingespeist und für alle Wissenschaftler zugänglich sein.

Woher komme ich

Waren die Vorfahren wilde Kosaken oder kamen einige gar vom Niger in Afrika? Die Herkunft der Ahnen lässt sich ziemlich gut bestimmen mithilfe einer einfachen Gen-Analyse bei den Internetanbietern. Je exakter und konkreter man es wissen will, desto aufwändiger wird die Untersuchung allerdings. In den USA ist Familienforschung, die Genealogie, inzwischen das zweithäufigste Hobby – nach der Gartenarbeit. Es ist sogar üblich, dass sich verschiedene Zweige von Familienmitgliedern einem Gentest unterziehen, um zu sehen, ob man wirklich verwandt ist oder beim Stammbaum geschummelt wurde. Ein häufiges Phänomen: Mütter verschwiegen zu allen Zeiten gern, wenn ihr Kind nicht vom Ehemann stammte.

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