22. August 2017
Das sind die Gewinner

Das sind die Gewinner

Jedes Jahr kürt die Vital-Redaktion drei Lesertexte in einem großen Schreibwettbewerb. Hier findet Ihr alle Gewinnertexte.

© Vital.de

Auch dieses Jahr fand der Schreibwettbewerb von vital und dem westfälischen Fleischwarenhersteller Wiltmann statt. Die zahlreichen Einsendungen haben uns begeistert: sie sprühten vor Fantasie und zeigten, dass unsere Leserinnen und Leser, echte Schreibtalente sind. Die Jury – Wiltmann-Gesellschafterin Dr. Inga Ingold und vital-Chefredakteurin Carolin Streck – las und diskutierte jeden Beitrag – und kürte im November die zehn besten. Untermalt von klassischer Musik und Festreden wurden in der Heine-Villa an der Hamburger Alster die Siegerbeiträge vorgetragen. Die Gewinner/-innen freuten sich über ihre Auszeichnung.

Gewinnertexte 2018 I Platz 1: Agda

Was mich umtreibt, was mich bezwingt, ist nicht in Worte zu fassen.
Selbst wenn ich versuche es zu beschreiben, hört es sich für mich so fremd an. Schattenwände lassen sich nicht in Formen zwängen. Sie sind da, belauern und umhüllen mich. Alles soll ich werden, aber nichts darf ich in Ruhe sein.

Er hört die Tür ins Schloss fallen und die Welt ist wieder in Ordnung.
Jetzt können sie gemeinsam essen, er hat schon alles vorbereitet.
Freitags, da kümmert immer er sich um das Abendessen. Käse und Wurst werden aus der Verpackung genommen und sorgfältig aufgetischt. Radieschen, Tomaten und Gurken gehören selbstverständlich auch dazu.
Agda betritt die Wohnküche, in ihrer Hand hält sie eine kleine graue Tüte. Im nächsten Moment zaubert sie aus dieser mit einem Handgriff eine rote Wollmütze hervor. Sogar mit Bommel dran.
„Ist die nicht schön?“ fragt sie.
Er nickt und setzt sich. Er möchte jetzt wirklich gerne essen.
Agda zieht die Mütze über die Ohren. Wie sehr sie sich nach der Kälte sehnt. Dabei ist noch Spätsommer und die rote Wolle viel zu warm auf ihrem Kopf.
„Du siehst nach Winter aus, nach Schnee und Eis“, seufzt er, während Agda sich leicht wiegend im Raum bewegt. Beinah dreht sie sich, fast kann sie schon den Schnee auf ihrer Nasenspitze spüren.
Er sitzt am Tisch und schaut sie an und wundert sich, dass sie beide hier gelandet sind.
Dabei gibt es den richtigen Ort nicht und die wahrhafte Zeit ist sowieso längst vergangen.
Taumel dich durch den Schnee. Tanze dich durch den Winter.
Doch das hier, das Abendessen, das ist die Normalität. Das üben wir jetzt, Agda.
So, wie sich alle gemeinsam an den Tisch setzen.
Man redet, teilt den Alltag, vielleicht sogar die Träume und Wünsche miteinander.
Werden sie das jemals können?

Das wäre alles. Mehr möchte er doch gar nicht.
Es würde mir die Welt bedeuten, Agda.

„Glaubst du mir das?“ hatte sie ihn bei ihrer ersten Begegnung gefragt. „Dass ich es schaffe, 40 Sekunden lang die Luft anzuhalten?“
Er hatte nur gedacht, dass Agda ein merkwürdiger Name war, der hart und gleichzeitig weich klang. Ähnlich wie eine Melodie.
Sie hatte vor ihm gestanden und begonnen zu lachen.
„Träumst du?“ hatte sie gefragt. Ihre Lippen waren ganz schmal geworden und ihre Wangen
leicht gerötet.
,40 Sekunden reichen‘, hatte er gedacht und genickt.
,Das reicht vielleicht sogar für ein gutes Leben.‘

Im Gegensatz zu Agda ist er dem Winter nicht freundlich zugewandt. Eiswände lassen ihn glauben, nie wieder die Sonne zu spüren.
Agda mag Geschichten. Die, die alle schon kennen, aber anders enden als gewöhnlich.
Umknicken und dabei nicht fallen, balancieren ohne Sicherheitsnetz.
Immer dieser Lärm. Sie würde sich beschweren, wenn sie nur könnte.
Alles verwüsten. Ganz anders als im Winter, denn da muss man sich nur zurückziehen.
„Ich habe Angst“, würde sie manchmal gerne sagen. Blaumeisen sind zu Kohlmeisen verkommen. Hast du wirklich geglaubt, die Verunsicherung könnte verschwinden?
Blickkontakt suchen, das fällt Agda schwer. Dann starrt sie auf Poren, sie sieht das Zucken der Wimpern und die fettige, glänzende Haut. Wie ungepflegt ein Gesicht aussehen kann. Dabei mag sie doch markante Linien.
Die Grenzen verschwimmen so schnell. Es gibt keine Grauzonen, die Ansicht muss klar und gefestigt sein.

„Ich vermisse dich, Agda“, würde er manchmal gerne sagen.
Aber sie ist ja da, sie steht ja neben ihm im Raum. Die Zuversicht ist von der Kante gerutscht.

Er möchte sie wirklich gerne verstehen, wenn sie wieder einmal sagt, dass sie so müde ist.
Dann erzählt er ihr Geschichten über den Schnee und die Eulen. Ein gezeichnetes Bild mit möglichst viel Weiß, weil das Schwarze sie so schnell verschluckt.
Nichts liegt ihm ferner, als ihr Angebot nicht anzunehmen. Ein friedlicher Augenblick ist so viel mehr wert, als all die Sorgen. Er könnte sie niemals verletzen. Sie drehen sich weiter, nicht loslassen, bitte nicht loslassen.
Wenn das Herz in den Dialog eintritt, dann hat man doch eh keine Chance mehr. Dabei möchte ich noch so viel mehr. Wie oft man um Verzeihung bittet, wie abstrakt das Flehen um Vergebung scheint. Sie schrieb mit ihrem Finger Worte in den Sand. Das war kein Schneeersatz, aber es war ein Anfang.
„Ich hatte geträumt, du hättest versagt“, flüstert eine leise Stimme. Alles ist in Ordnung, wie immer, ja sicherlich.
Ich wünschte, ich könnte mir nur einmal selber glauben.

Auf der Suche nach Heimat schneidet er sorgsam die Brothälfte durch. „Wollen wir nachher noch Scrabble spielen?“ fragt er. Agdas Nase kräuselt sich immer dann, wenn sie nachdenkt, gedanklich Buchstaben verschiebt um anschließend Wörter zu bilden. Wie gerne er sie dabei anschaut, denn dann ist Agda einfach da. Nicht melancholisch, ja nicht einmal traurig.
Dann ist sie für einen Moment lang wieder das lachende Mädchen von damals.
„Ich wollte eigentlich noch joggen gehen“, antwortet Agda und beißt ein kleines Stück Brot ab.
Wann hast du deinen Appetit verloren? Kommst du jemals zurück zu mir?

Die schönste Brotzeit, die hatte er in seiner Kindheit erlebt, nachdem sie den Berg hinaufgestiegen waren. Auf der Wiese wurde eine große Decke ausgebreitet. In dem Moment, als sie beim Auswerfen den höchsten Punkt in der Luft erreichte, waren er und sein Bruder kreischend unter dem kurzweilig aufkommenden Zelt hindurch gelaufen. So konnte sich der Himmel anfühlen. Sie hatten geschrien vor Aufregung und Freude, die Eltern hatten gelacht und die Decke war zu Boden gesunken.

Es gab Wurst und Käse, frisches Brot, Karotten und Senf. Seine Mutter hatte Kaffee in einerThermoskanne dabei gehabt, natürlich auch Kakao für die Jungs. Zu viert hatten sie auf der Wiese gesessen, beschützt von den Bergen, geborgen durch die Wärme der Sonne.
Das war sie, die liebste Erinnerung an eine zeitlose Kindheit, wenn Tage die Länge von Wochen erreichten, weil in ihnen so viel passierte. Barfuß hatte er das Gras unter sich gespürt, aufgeregt hatten er und sein Bruder sich mit dem kleinen Taschenmesser Wanderstöcke geschnitzt. Niemals wieder hatte eine Brotzeit so gut geschmeckt. Auch wenn er es später noch so oft versucht hatte.
Da bist du wieder, ertappt beim Versuch, die Zeit zurückzudrehen.

Sie hatte die Luft angehalten. Es waren niemals 40 Sekunden gewesen, doch das hatte auch nie eine Rolle gespielt.
Agda hatte herausgefordert, sich und ihn, so lange, bis sie sich an den Händen gehalten und
im Kreis gedreht hatten. Spürst du den Wind? Kannst du ihn fühlen?
„Mir wird ganz schwindelig, Agda.“ Er wollte sich hinsetzen, er brauchte eine Pause.
„Niemals“, schrie sie. „Niemals.“
Sie durften die Hände nicht loslassen, dann würden sie beide rücklings in den Schnee fallen.

Von Verena Kaster

Gewinnertexte 2018 I Platz 2: Der Plan

Franklin nestelte an dem Kragen seines Mantels und zog ihn so eng zu wie es ihm möglich war. Es war bitter kalt geworden. Der eisige Wind blies ihm geradewegs ins Gesicht. Unerbittlich. Während er eilig die Straßen entlang schritt, richtete er den Blick auf seine Fußspitzen, um die Augen vor dem Wind zu schützen. Nur langsam kam er seinem Ziel näher. Gerade erst hatte er einen der vielen Gedenksteine übertreten, die überall dort in den Boden eingelassen worden waren, wo einmal die Berliner Mauer stand. Nun war es schon 25 Jahre her gewesen, dass die Mauer gefallen war. Erst kürzlich hatte er einen Artikel darüber in einer beliebten deutschen Zeitschrift gelesen.
Franklin verbarg seine Hände tief in den Taschen seines Mantels. Die Wetterfee aus dem Frühstücksfernsehen hatte erst vorgestern einen schönen Spätherbst versprochen. Lächerlich! Davon konnte keine Rede sein. Die Frau hatte augenscheinlich keine Ahnung. Das wiederum wunderte ihn überhaupt nicht. Auf Frauen war selten Verlass. Zu oft hatten sie ihn enttäuscht. Er wusste genau, warum er lieber alleine durchs Leben ging. Keine Frauen = kein Ärger! Franklin teilte seinen Haushalt und sein Leben mit George V., einem struppigen alten Kater. Ab und an teilten sie sogar die letzten Scheiben Salami, die nicht selten als trauriger Rest allein und verlassen im Kühlschrank lagen, da er wieder einmal vergessen hatte einzukaufen.
Franklin zog die Schultern hoch bis an die Ohren. Ausgerechnet heute hatte er keine Wahl zwischen seinem Schreibtisch und dieser Kälte gehabt. Er wurde schon am frühen Morgen zu einem Spezialfall gerufen und brach direkt zu seinem Außeneinsatz auf, ohne sich zuvor ins warme Büro begeben zu können. Gott allein wusste, dass er dort jetzt wesentlich lieber sitzen würde. Schon längst gehörte er nicht mehr zu den Jüngsten seiner Truppe. Nicht einmal mehr zu den Kollegen des mittleren Alters. Erzog die Wärme der Kälte vor. Franklin verzog seinen Mund zu einem unsichtbaren Lächeln. Auch etwas, das er mit seinem Kater teilte. Die Wärme tat seinen Gliedern gut, während die Kälte das Gegenteil bewirkte und mitunter für stechende Schmerzen in seinen Gelenken sorgte. All das ließ er sich natürlich seinen Kollegen gegenüber nicht anmerken. Schließlich war er immer noch ein echter Kerl und nicht so verweichlicht, wie es die meisten jungen Leute heutzutage waren. Wie Helden traten sie in seiner Spezialeinheit auf, um bald möglichst die Karriereleiter hinauf zu steigen. Doch wenn es etwas gab, um das ihn die jungen Kommissare wirklich beneideten, dass war es sein ausgesprochen guter Spürsinn. Er ließ sich nicht einfach so an der Nase herum führen. Franklin hatte einen „Riecher“ für die richtige Fährte, das hatte er schon oft beweisen können. Kaum einer seiner Kollegen, die alten Hasen und Frauen schloss er mit ein, konnte ihm das Wasser reichen. Sobald es knifflig wurde, schaltete man ihn ein. So einfach war das. Und so zögerte er auch nicht nur eine Sekunde, als man ihn auch an diesem Morgen anrief und zu diesem Tatort beorderte, obwohl er Geburtstag hatte. Auch das wussten die wenigsten. Wenn überhaupt jemand. Wozu auch.
Sein Job allein bereitete ihm Freude, ganz gleich was kam. Und er hatte schon so einiges mit ansehen müssen in den letzten fast 40 Dienstjahren. Rechnerisch dauerte es bis zu seiner Pension nicht mehr lange. Doch allein der Gedanke daran ließ ihn noch mehr frösteln. Das war allerdings eine innere Kälte, die sich nun ausbreitete. Viele seiner Kollegen konnten es kaum erwarten, endlich die Dienstmarke an den Nagel zu hängen. Bei ihm war das anders. Sein Job war für ihn zu einer Art Berufung geworden. Während seine Kollegen Reisepläne schmiedeten, plante Franklin eventuell noch ein paar Jährchen in seinem Job anzuhängen. Wenn sie ihn nur ließen. Auf ihn wartete niemand. Außer George V. Die Arbeit tat nicht nur ihm, sondern auch seinem Bankkonto gut, dachte er insgeheim. In den letzten Jahren waren seine Ersparnisse fast gänzlich aufgezehrt worden. Erst im vergangenen Jahr musste das Dach seines alten Häuschens neu gedeckt werden. Alles war in die Jahre gekommen. Erst die Elektrik, dann die Wasserleitungen und schließlich, ausgerechnet an diesem eiskalten Morgen, hatte dann auch noch sein Wagenden Geist aufgegeben. Vermutlich endgültig. Keine Chance auf Wiederbelebung. Deswegen war er überhaupt erst in dieser misslichen Lage und musste die ganze Strecke in der Eiseskälte bewältigen. Franklin wohnte ein ganzes Stück außerhalb der Stadt. Hier war es bedeutend ruhiger. Friedlicher. Und vor allem: Hier kreuzten bedeutend weniger Menschen seinen Weg als in der City, in der es zudem laut war und stank. Dadurch war er eben auch auf sein Auto angewiesen. Der Weg hatte sich an diesem Morgen schon schwierig gestaltet. Zuerst musste er in dieser Kälte zur Bahnstation laufen, um endlich in eine überfüllte Bahn einzusteigen, die ihn schließlich in die City brachte. Von dort aus konnte er dann seinen Fußweg weiter fortsetzen. Natürlich hätte er auch mit einem Taxi oder, nach etlichen Umsteigemöglichkeiten, weiter mit der Bahn fahren können. Doch der Fußweg schien ihm einfacher. So war er am Ende vielleicht sogar noch schneller am Tatort gewesen. Während Franklin sich schickte noch einen Schritt schneller zu gehen, zerknüllte er in Gedanken das Bahnticket, das in seiner rechten Manteltasche lag und dort gefühlt zu viel Platz einnahm.
Franklin blickte auf. Er war an der fraglichen Adresse angekommen. An dem Hauseingang mit der Nummer 35 blieb er stehen und sah die Fassade hinauf. Die Gegend war ihm wohl bekannt. Seit dem Mauerfall war viel Geld in diese Gegend geflossen. Man hatte die Häuser baulich aufgewertet, doch von außen wirkten sie noch immer wie ein Relikt aus alten Zeiten. Dieses hier war besonders gut erhalten. Der Hauseingang war sicherheitshalber abgesperrt worden. Gesichert, sagte man in Fachkreisen. Ein rot-weißes Flatterband sicherte den Aufgang. Zwei Bedienstete standen am Eingang und bewachten den Ort vor den neugierigen Blicken vorübergehender Passanten und schützten ihn vor allem vor dem Zutritt Unberechtigter. Oft genug schnüffelten die Menschen dort herum, wo sie nichts zu suchen hatten. Die Beamten begrüßten Franklin und entfernten die Absperrung am Eingang, damit er eintreten konnte. Anerkennend nickte er den Beamten zur Begrüßung zu. Hier verstand man sich ohne Worte. Einer der Kollegen grinste ihn an. Franklin sah daraufhin noch ernster drein. Als wenn ein Tatort ein Ort zum Grinsen wäre! Gutes Personal war eben überall nur schwer zu finden! Franklin schritt in den Hausflur. Es war ziemlich duster im Inneren des Hauses. Nur die Flurfenster ließen etwas Tageslicht hinein. Erst langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Im Erdgeschoss gab es zwei Wohnungen. Eine war links gelegen, die andere rechts. Ein weiterer Weg führte geradeaus zu einer weiteren Tür, die vermutlich zum Innenhof führte. Es roch etwas modrig. Franklin schätzte das Baujahr des Gebäudes auf die vorige Jahrhundertwende. Das waren Häuser mit Charakter, wie er sie gerne nannte. Sie hatten so etwas wie eine Seele und keine Fertigbauwände. Und sie hätten vermutlich viel zu erzählen, wenn sie es denn könnten.
Franklin strich sich den Kragen des Mantels wieder glatt und öffnete die oberen Knöpfe, während er die Stufen zum 1. Obergeschoss hinauf stieg. Etwas ließ ihn plötzlich aufhorchen. Er konnte es nicht benennen, aber etwas hatte ihn irritiert. Am ersten Treppenabsatz hielt er für einen Augenblick inne. Er ging ans Flurfenster und bewegte sich nicht. Durch die Stille des Augenblicks drang eine ihm wohl bekannte Stimme ans Ohr. Unverwechselbar. Durchdringend. Weiblich. Und äußerst nervig! Es war genau genommen die Stimme von Susan Meyer! Ausgerechnet sie war ebenfalls hier her geschickt worden, vermutlich um die Spuren am Tatort zu sichern. Franklin atmete so tief durch, als hätte er zuvor an einer Zigarette gezogen. So wie er Susan bisher in diversen Einsätzen kennengelernt hatte, würde sie bestenfalls nur für Verwirrung am Tatort sorgen. Vielleicht würde sie am noch alles durcheinander bringen. Rechthaberisch wie sie war.
Franklin verdrehte die Augen. Mit der linken Hand stützte er sich an der Fensterbank ab und strich sich mit der rechten Hand über die Stirn. Er schwitzte leicht. Dann blickte er ins Erdgeschoss hinab. Er konnte sich einfach auf dem Absatz umdrehen und später wieder her kommen. Er musste nur abwarten bis sie gegangen war und konnte sich dann in aller Ruhe um seinen Job kümmern. Die Beamten draußen an der Tür würden sich sicher keinen Kopf machen. Franklin hatte freie Bahn.
Aber glich sein Abgang nicht irgendwie einer Flucht? Er? Ausgerechnet vor Susan? Franklin spürte pures Unbehagen in jeder Zelle seines Körpers aufkeimen. Er spürte auch, wie sein Herz wild zu klopfen begann. Sicher nur wegen des eiligen Fußmarsches und des Treppenanstiegs. Kaum merklich schüttelte er den Kopf. Sicherlich hatte sein Herz nichts, aber auch rein gar nichts mit Susan Meyer zu tun! Und vor ihr fliehen würde er schon gar nicht. Franklin drückte den Rücken durch und straffte die Schultern, ehe er sich von der Fensterbank löste und entschlossen den nächsten Treppenaufgang nahm.
Susans Stimme wurde lauter, je näher er ihr kam. Susan reihte ein Wort ans andere. Atmete diese Frau überhaupt? Wo holte sie nur all diese Worte her? Einmal hatte sie Franklin kalt erwischt und in ein Gespräch verwickelt, erinnerte er sich. Zugegeben, sie sah ganz passabel aus für ihr Alter, wenn man ihn nach seiner Meinung gefragt hätte. Jetzt allerdings war da nur ihre Stimme und die war ihm lediglich eine Orientierungshilfe. Mehr nicht. Er erkannte welche Richtung er einschlagen musste.
Vier Wohnungen gingen vom ersten Obergeschoss aus. Eine der Türen war nur einen Spalt breit geöffnet und Susans Stimme war nun mehr als deutlich zu hören. Hier war er richtig. Franklin bemühte sich um Konzentration. Es war wichtig, dass er jetzt einen kühlen Kopf behielt und alles andere ausblendete. Also richtete er seinen Blick auf die Wohnungstür und versuchte einen Schluss auf die Persönlichkeit zuzulassen, die hier lebte. Oder gelebt hatte? Eine schlichte Fußmatte lag zu seinen Füßen. Nichts Außergewöhnliches. Laufschuhe standen daneben. Die Sohlen waren sauber, zumindest nicht mit Dreck verschmiert. Vermutlich lief er oder sie über die Straßen der Gegend. Franklin tippte auf Größe 41 oder 42. Eine Schuhgröße, die für Mann oder Frau in Frage kommen konnte. Einzig die Farbe der Schnürsenkel, ein kräftiges Rosa, konnte zu der Tatsache führen, dass es sich um eine Fran handelte. Doch da konnte man sich nie sicher sein. Der Träger oder die Trägerin hatte sich zwar die Mühe gemacht die Schnürung zu öffnen, doch die Schuhe waren dennoch achtlos abgestreift worden. Wäre die Person ordentlich gewesen, hätte er oder sie die Schuhe nebeneinander gestellt. Es war dieser Person nicht wichtig gewesen, anderen gegenüber einen ordentlichen Eindruck seiner selbst zu vermitteln. Er war immer noch ein Unterschied gewesen, wie sich jemand vor oder hinter der Wohnungstür verhielt. Gegenstände konnten viel über eine Person verraten.
Susan lachte auf, was Franklin aus seinen Gedanken riss. Dieses Weibsbild! Er ärgerte sich über sich selbst, weil er sich ablenken ließ. Scheinbar unterhielt sie sich mit jemandem und hatte auch noch Spaß dabei. Hier ging es um Arbeit, nicht um Spaß! Wann begriff sie endlich, dass das, was sie hier zu tun hatten, einen ziemlich ernsten Hintergrund hatte und Konzentration, als auch Zuverlässigkeit und Anständigkeit gefordert war?! Erst neulich waren sie in einer ähnlichen Situation gefangen. Susan hatte permanent daran gearbeitet ihn aus seiner Reserve zu locken, wie sie es nannte. Das hier war doch keine Spielwiese! Frauen hatten immer nur Flausen im Kopf. Sie schnatterten den ganzen Tag und lenkten andere von der Arbeit ab. So sah es doch aus! Und ausgerechnet dann kommen Politiker noch auf die Idee und führen so etwas wie eine Frauenquote ein! Als hätten sich Frauen nicht ohnehin schon überall breit gemacht.
Franklin seufzte. Er zog Einmalhandschuhe aus seiner Brusttasche und streifte sie sorgsam über seine noch immer kalten Finger. Vorsichtig streckte er den Arm aus und öffnete die Wohnungstür einen weiteren Spalt breit, so dass er gerade eintreten konnte. Wiederholt blieb er stehen und sah sich zunächst um. Franklin versuchte jeden Gegenstand in sich aufzunehmen, den seine Augen erfassen konnten, um daraus eine Situation ableiten u können. Die Wohnung war größer als er es zunächst von außen vermutet hatte. Er stand in einem kleinen Flur, von dem zur rechten Hand eine schlauchförmige Küche und von dort aus ein Balkon abging. Er erkannte von weitem den Haarschopf von Susan. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sie es sich dort gemütlich gemacht hatte. Eine fremde Wohnung, die ihr nicht gehörte, ein Tatort dazu, war da scheinbar kein Hindernis. Dass sie am Ende womöglich dabei wichtige Spuren verwischte, interessierte sie wohl kaum. Eine Schande war das. Franklin konzentrierte sich wieder auf die Küche und beschloss den Balkon auszusparen, so lange es ihm möglich war.
Die Küche war modern und hochwertig eingerichtet. Nichts hier wirkte verspielt, alles klar in seiner Struktur. Franklin beugte sich ein Stück vor um etwas mehr sehen zu können, ohne selbst aufzufallen. Auf der Arbeitsplatte aus grauschwarzem Granit, stand ein Frühstücksbrett, gefertigt aus schwarzem Schiefer. Glatt und edel wirkte das Material. Alles, was darauf zubereitet worden war, war verzehrbereit. Auf dem Brettchen lag eine belegte Scheibe Brot, die sogar schon angebissen worden war. Die Person um die es hier ging war augenscheinlich bei ihrem Frühstück unterbrochen worden. Das Brot sah verhältnismäßig frisch aus. Tomaten und Radieschen lagen auf dem Teller appetitlich angerichtet, daneben ein geöffnetes Glas Cornichons. Hier war jemand hungrig gewesen. Der Anblick des Frühstücks erinnerte ihn daran, dass sein eigenes Frühstück schon viel zu lange zurück lag. Franklin spürte prompt ein Ziehen in der Magengegend. Eines stand fest: Was auch immer hier geschehen war, es konnte noch nicht lange her gewesen sein.
Er drehte sich um und wandte sich dem Wohnzimmer zu, das zu seiner Linken lag. Auch hier erkannte er den guten Geschmack des Wohnungseigentümers. Kein Firlefanz, den Frauen sonst überall so gerne aufstellen. Natürliche Farben wohin er auch sah. Ein gemütliches Sofa, auf dem mehrere Personen zugleich sitzen und sich unterhalten konnten, ohne sich zu berühren. Bei ihm zu Hause gab es genau zwei Sessel. Auf dem einen saß er, auf dem anderen George V. Ein weiterer Grund länger zu arbeiten war der, sich von diesen zwei Sesseln zu trennen und sich ein schönes neues Sofa zu gönnen, fand Franklin. Jetzt aber, suchte er erst einmal nach einem Indiz. Bisher hatte es nichts gegeben, was ihm ungewöhnlich vorgekommen war. Wie schon in der Küche hatte er auch hier den Eindruck, dass die Person, um die es hier ging, gerade erst fort war. Franklin tat einen Schritt ins Wohnzimmer. Dann noch einen. Auf einem Sideboard erkannte er ein Handy. Er ging näher heran. In der Hoffnung, dass alle Spuren bereits gesichert worden waren, nahm er das Handy auf und betätigte es. Das Bild eines Sonnenunterganges zeigte sich als Bildschirmschoner. Weiter kam er nicht. Er legte das Handy zurück an Ort und Stelle. Wenn hier etwas geschehen war, und schließlich hatte man ihn deswegen gerufen, dann hatte der Täter es ihm nicht leicht machen wollen. Franklin schnupperte bewusst in den Raum hinein, doch er konnte keinen Duft oder Geruch ausmachen. Alles war neutral.

Franklin verließ das Wohnzimmer und schritt durch den Flur in den hinteren Teil der Wohnung. Drei leicht geöffnete Türen lagen vor ihm. Vielleicht war Susan mit anderen Beamten deswegen auf dem Balkon? Mussten sie frische Luft schnappen, da sie der Anblick, der sie hinter einer dieser Türen erwartete so schockiert hatte? Mit jemandem reden zu können, war in so einem Moment mehr als Gold wird. Das wusste Franklin gut, hatte er für sich jedoch im Gegenzug nur selten in Anspruch genommen. Franklin ging weiter. Er machte sich noch einmal gerade, als er mit seiner behandschuhten Hand die Tür zu seiner Linken aufschob. Langsam und leise. Er konnte so lautlos sein, dass man ihn dafür nur bewundern konnte.
Vor ihm lag ein geräumiges Schlafzimmer. Kein Blut. Überhaupt keine Person. Kein Chaos. Ja nicht einmal Spuren eines Kampfes. Alles in allem also so gar nichts Auffälliges. Wieder nicht. Die Anspannung stieg in ihm auf, wie eine Schlange, die sich windete. Blieben noch zwei Türen übrig. Franklin atmete tief durch. Er öffnete die erste Tür und entdeckte das Bad. Da auch dort nichts war, was auf eine Tat hinwies, wandte er sich nun der letzten Tür zu. Hier musste es geschehen sein. Das Lachen draußen ebbte ab, was ihn aber nicht störte. Im Gegenteil. Endlich hatte er seine Ruhe. Vermutlich brach Susan auf und er bekam seinen Frieden. Franklin spürte, dass sein Herz fast bis zum Hals schlug. Die Anspannung war nun zum Greifen nah. Er schob die letzte Tür auf. Langsam und leise, wie auch die anderen Türen zuvor. Der Blick ins Innere des Raumes verwirrte ihn gänzlich. Nur schwer tat er einen Schritt in den Raum. Dann noch einen. Seine Beine fühlten sich an, als wären sie mit Blei gefüllt worden. Was ging hier vor sich? Schweiß trat ihm auf die Stirn. Franklin führte seine rechte Hand an den Hemdkragen und ließ ihn die obersten Knopfe seines Hemdes öffnen. Mit einem Mal hatte er das Gefühl nicht atmen zu können. Was in aller Welt …?!
Der Raum der vor ihm lag war offen und hell. Ein deckenhohes Bücherregal zierte die linke Seites des Raumes. Davor stand ein alter Ohrensessel, der geradezu einlud dort Platz zu nehmen. Er selbst stand bereits auf einem hellen flauschigen Teppich. Und obwohl er in einer Wohnung stand, in der er selbst so fremd war und in der irgendeiner Tat verübt worden sein musste – eine schlimme Tat! – stand er auf einem Teppich und wollte doch nichts anderes, als nur seine Schuhe auszuziehen und sich hier niederzulassen. In dem Sessel! Mit einem Mal wollte er nur ankommen. Franklins Blick fiel auf den Tisch, der inmitten des Raumes stand. Er ging einen Schritt näher ran. Auf dem Tisch lag ein ausgebreitetes Scrabble-Spiel. Franklin fühlte sich von diesem Spiel plötzlich wie angezogen. Es lag dort, als wenn es nur auf ihn wartete. Die Spielregel des Spiels war einfach. Ein Spieler hatte die Aufgabe aus zufällig gezogenen Steinen, auf denen jeweils ein Buchstabe gedruckt war, Wörter zu bilden. Jeder Buchstabe war mit einer Ziffer versehen. Je mehr Worte gebildet werden können, umso höher ist am Ende die Summe der Ziffern und der damit verbundene Bonus für den Spieler. War das Spiel hier die Nadel im Heuhaufen? Franklin blendete alles um sich herum aus und näherte sich dem Spiel, um es sich genauer ansehen zu können. Er bemerkte nicht, dass auch dieser Raum einen Zugang zum Balkon hatte. Er bemerkte auch nicht, dass sich auf dem Balkon jetzt etwas bewegt hatte. Ebenfalls lautlos. Langsam. Er bemerkte auch nicht das kleine rote Päckchen mit der weißen Schleife, das ebenfalls auf dem Tisch lag. Er hatte nur noch Augen für das Spiel. Das Indiz.
Franklin betrachtete die Anordnung der Steine. Er las, was dort jemand für ihn, mit weißen und kalten Plastiksteinen, geschrieben hatte. Eine Botschaft. Die Worte ergaben zunächst keinen Sinn. Er musste sie in eine vernünftige Reihenfolge bringen, aber dann war alles klar. Da stand geschrieben: „LIEBER FRANKLIN WIR WUENSCHEN DIR ALLES LIEBE ZUM GEBURTSTAG KOMM FEIERN“. Franklin sah auf. Auf dem Balkon reihten sich nun seine Kollegen und auch die Kolleginnen aneinander. Hinter ihm traten die Beamten in die Wohnung, die das Haus zuvor unten abgeschirmt hatten. Man hatte ihn unter einem Vorwand hergelockt. Aber selten war er glücklicher darüber gewesen, als genau in diesem Moment. Als am Ende Susan mit einem breiten Lächeln auf ihn zuschritt, ihm ein Glas Sekt reichte und ihn auf beide Wangen küsste, stieg ihm die Röte in die Wangen. Susan umarmte ihn jetzt fester.
„Gefällt dir meine Wohnung?“, fragte sie spitzbübisch. Franklin wurde noch heißer. Bisher hatte er sich mit dieser Frau ganz und gar nicht geduzt. Doch damit war er plötzlich sehr einverstanden. Franklin fühlte sich merkwürdig. Er war verlegen. Und das in meinem Alter, dachte er und erzog seinen Mund zu einem Grinsen. Die Kollegen seines Reviers gingen in Gespräche über und so lockerte sich die Stimmung schnell auf. Was für eine Überraschung. Ihm war bisher nicht klar gewesen, dass er in seinem Team so gemocht wurde. Vielleicht war das Leben gar nicht so berechenbar, wie er es in der Vergangenheit tagein tagaus erlebt hatte. Vielleicht war es endlich an der Zeit, einmal einen frischen Wind in sein Leben zu lassen. Und wer weiß, vielleicht konnte er seine Sessel auch mit jemand anderem teilen, als ausschließlich mit George V. ?!
Wenn er Susan genauer betrachtete, etwas verstohlen von der Seite her, dann musste er sich sogar eingestehen, dass sie ihm im Grunde genommen sogar sehr gefiel. Auch Susan suchte seinen Blick. Franklin lächelte. Er wunderte sich über sich selbst, doch es ging nicht anders. Das Leben war schön. Und der Augenblick hätte nicht passender sein können um genau das zu feiern!

Von Nicole Junghans

Gewinnertexte 2018 I Platz 3: Das Geschenk

Es war ein Zufall gewesen, ein wunderbarer Zufall, einer dieser Zufälle, bei denen man erst viel später merkt, dass sie das ganze Leben verändern sollten. Sie arbeitete damals in dem Blumenladen ihrer besten Freundin etwas außerhalb der Stadt, direkt unter dem Krankenhaus. Ihre Freundin erwartete ein Kind und es gab irgendwann Probleme in der Schwangerschaft. Von ein, zwei Wochen Ruhe war zunächst die Rede gewesen, aber dann musste sie ganz liegen. „Natürlich“, hatte sie gesagt, „ich helfe dir doch, mach dir keine Sorgen“. So, wie sie immer half, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wurde. Und so stand sie nun schon die vierte Woche allein in dem Laden, band Sträuße und bediente die Kundschaft. Meist waren es Menschen, die ihre Angehörigen in der Klinik besuchten; häufig aufgeregte, strahlende junge Männer, die auf dem Weg zur Entbindungsstation noch schnell ein paar Blumen kauften. Manchmal kamen auch ernste Kunden mit besorgter Miene, ältere Männer, die dankbar waren, wenn sie ihnen Ratschläge gab, welche Blumen sie auswählen sollten. Manchmal machte sie sich einen Spaß daraus, anhand der Größe des Straußes auf die Krankheit der Angehörigen zu schließen. Kleine, bunte Sträuße waren für die Patienten, die bald entlassen wurden; die großen verhießen meist nichts Gutes, denn – so wollte es der Aberglaube – sollte man keine Krankenhausblumen mit nach Hause nehmen. Ob da wirklich etwas dran ist, fragte sie sich manchmal. Als er eines Tages den Laden betrat, merkte sie sofort, dass hier ein besonderer Kunde wartete. Er war etwas älter als sie, braun gebrannt, sportlich. Insgesamt ein sehr gut aussehender Mann, dachte sie, schalt sich aber sofort selber, da er – natürlich – nach Blumen verlangte. Eine einzelne Rose wollte er und sie band ihm eine hübsche, fast vollständig erblühte orangefarbene Rose mit etwas Grün zusammen. Bereits am nächsten Tag war er wieder da und wählte eine gelbe Rose. Er sprach nie mehr als erforderlich, aber als er in der Folge täglich in den Laden kam, suchte sie vorsichtig das Gespräch. Er wurde blass unter seiner braunen Haut, ernst und sprach von einer schweren Krankheit seiner Frau. Sein knapper Ton verbat ihr, näher nachzufragen, als sie ihm diesmal eine zartrosa Rose band. Sie ertappte sich dabei, wie sie täglich auf ihn wartete, zur Uhr schaute, befürchtete, er würde nicht mehr kommen und erleichtert aufatmete, als sie die Glocke der Ladentür hörte, die sein Kommen ankündigte. Doch eine Tages blieb sie still und auch die folgenden Tage kam er nicht mehr. Sie litt fast körperlich, war fahrig und unkonzentriert. Bis zu dem Tag, an dem er plötzlich wieder im Laden stand. Er sei gekommen, um sich zu verabschieden, sagte er, seine Frau sei gestorben. Und, ja, er wolle sich für ihre gute Beratung bedanken. Ihre Rosen hätten seiner Frau immer eine besondere Freude gemacht. Wieder verging eine Zeit und sie hatte es aufgegeben, auf die Klingel zu achten und auf ihn zu warten. Doch plötzlich, eines Tages, stand er da, seine Traurigkeit war verschwunden und er wirkte fast heiter. Heute bräuchte er einen großen Strauß bunter Rosen, von jeder Sorte und Farbe eine, verlangte er. Sie band mit zittrigen Händen den Strauß, beneidete die Frau, die ihn bekommen sollte und gab ihm das Wechselgeld. „Er ist für jemand ganz besonderen“, sagte er, „einen Menschen, der mir viel bedeutet. Bitte, gehen Sie heute Abend mit mir essen!“. Sie war sprachlos, fühlte sich überrumpelt, fast etwas ärgerlich, wie er über ihre Zeit verfügte. Aber natürlich, sie freute sich, sagte sofort zu und staunte über das Restaurant, das er auswählte und um das sie stets einen großen Bogen gemacht hatte, weil es weit über ihren finanziellen Möglichkeiten lag. Sie schaffte es noch, nach Ladenschluss die Haare zu waschen und wählte ein dezentes Kleid. Aus dem ersten Abend wurden mehrere Treffen und sie spürte, wie sie sich zu ihm hingezogen fühlte, obwohl sie sich ihrer Gefühle schämte, wo er doch gerade seine Frau verloren hatte. Aber er begann in ihrer Gesellschaft aufzublühen, wurde zunehmend fröhlicher und gewann seinen Lebensmut zurück. Längst trafen sie sich bei ihr zuhause und irgendwann verbrachten sie die erste Nacht miteinander. Zu ihm gingen sie nie, er ertrug den Gedanken nicht, sich in seinem Haus mit einer anderen Frau zu treffen und natürlich respektierte sie diese Entscheidung. Bis er eines Tages mitteilte, er habe das Haus verkauft und sich eine kleine Wohnung genommen. Ab diesem Zeitpunkt lebten sie wie ein Paar zusammen, jeder in seiner Wohnung, aber sie trafen sich, wann immer sie Zeit füreinander fanden. Da er beruflich stark eingespannt war, verbrachte sie häufig Abende damit, auf ihn zu warten und es kam nicht selten vor, dass sie allein und hungrig ins Bett ging, da er kurzfristig absagen musste und sie das kalt gewordene Essen in die Mülltonne beförderte. Manchmal machte sie es sich zur Gewohnheit, ihr Handy auszustellen, in der Hoffnung, er würde noch kommen. Denn solange er nicht anrief, bestand noch die Möglichkeit, dass er plötzlich vor der Tür stand und sie tröstend in den Arm nahm, weil er sich verspätet hatte. Auch kam es vor, dass er ohne Ankündigung zu gelegentlichen Dienstreisen aufbrach und sie dann tagelang unruhig durch ihre Wohnung lief, ständig in der Sorge, sein Klingeln an der Haustür zu verpassen. Oft ärgerte sie sich über sich selber, dass sie wartete, bis er endlich auftauchte, aber dann kaufte sie wieder ein, deckte den Tisch, begann zu kochen. Sie begann mit dem Fahrrad in den Blumenladen zu fahren, um etwas für ihre Figur zu tun, kaufte neue Unterwäsche und ging zum Frisör. Da er einmal gesagt hatte, dass blonde Frauen ihm besser gefallen, hatte sie sich helle Strähnen machen lassen, doch diese mussten nachgesträhnt werden, so dass sie dazu überging, ihre Haare selbst zu blondieren, um Geld zu sparen. Und so schaute eines Tages eine blonde Frau ihr aus dem Badezimmerspiegel entgegen. Ihre Brille hatte sie längst entsorgt und trug nun Kontaktlinsen. Selbst einen Besuch im Sonnenstudio gönnte sie sich ab und zu, denn es war Herbst geworden und sie fand sich nur blass und nichtssagend. Häufig fragte sie sich, warum er sich überhaupt mit ihr abgab, aber wenn sie dann in seinen Armen lag und er ihr ins Ohr flüsterte, wie sehr er sie liebte, waren alle Zweifel vergessen. Sie war glücklich und verliebt und spürte, dass es ihm genauso ging. Und so stimmte sie zu, als er sie bat, mit ihm ein paar Tage zu verreisen. Sie wollte gerne ans Meer, doch er wünschte sich, sie solle ihn in die Berge begleiten. Als Kind war sie häufig in den Alpen gewesen und erinnerte sich mit Grauen an die endlos scheinenden, nur bergauf führenden Wanderpfade, die einen nach stundenlanger Quälerei zum Gipfel führten. Dort traf man auf Familien, die bequem mit der Gondel hochgefahren waren und längst beim Mittagessen im Panoramarestaurant saßen, während sie aus dem Rucksack aufgeweichte Salamibrötchen kramte. Nein, das war für sie kein Urlaub, aber er, sportlich und aktiv, bat so sehr darum, dass sie schließlich einwilligte. Zudem hatte es ein Ereignis gegeben, das ihre Entscheidung letztlich beeinflusst hatte. Sie wollte nicht neugierig sein oder in seinen Sachen stöbern, aber sie hatte eines Tages in seinem Schrank ein kleines Geschenk entdeckt; liebevoll in rotes Geschenkpapier eingeschlagen und in der Form eines Schmuckkästchens. Das konnte nur eines bedeuten, dachte sie glücklich und lächelte in sich hinein. Und da er erwähnt hatte, seine Familie würde in Süddeutschland wohnen, sah sie die Gelegenheit, dass er sie dort vorstellen würde. Da ihre Freundin inzwischen entbunden hatte und ihr vor lauter Dankbarkeit über die lange Vertretung frei gab, stimmte sie der Reise zu und so starteten beide gut gelaunt an einem regnerischen Oktobertag in Richtung Süden. Je weiter südlich sie kamen, umso freundlicher wurde das Wetter, der Himmel riss auf und die Sonne zeigte sich. Er hatte eine kleine Pension für sie gebucht, es gab ein einfaches Frühstück und die Möglichkeit, in einer Küche abends ein kleines Abendbrot herzurichten. So hatte sie sich ihren ersten gemeinsamen Urlaub zwar nicht vorgestellt, aber sie wollte nicht undankbar sein und genoss die Zeit mit ihm. Das Wandern war ihm sehr wichtig und so quälte sie sich beinahe täglich auf irgendwelche Gipfel, deren Namen sie schon vergessen hatte, als sie wieder im Tal waren. Nichts schien sich verändert zu haben in den Bergen, es gab immer noch Familien, die vergnügt nach einer ruhigen Gondelfahrt in den Gipfelrestaurants saßen, um dann eine halbe Stunde über einen kurzen Panoramaweg zu spazieren, bevor sie gemütlich ins Tal zurück fuhren. Und auch sie klaubte wie in Kindertagen matschige Brötchen aus dem Rucksack, nur dass sie diesmal mit vegetarischer Wurst belegt waren, denn er hielt nicht viel von Fleischkonsum und hatte sie gebeten, auf diese Variante umzusteigen. Und so vergingen die Tage und noch immer war nicht geschehen, was das Geheimnis um das rote Kästchen lüftete. Als der vorletzte Abend anbrach, richtete sie noch einmal ein Abendbrot für sich her, vegetarische Salami, dazu eine Karaffe mit Wasser, etwas Käse. Dazu Gemüse, so wie er es mochte. Er war wieder zu einer Joggingrunde aufgebrochen, so wie jeden Tag, weil ihn die kurzen Wanderungen mit ihr nicht ausgelastet hatten. Sie begann sich hübsch zu machen, duschte, rasierte sich die Beine und cremte sich ein. Ihr fiel ein, dass sie sich noch die Nägel lackieren könnte. Mit einem Mal kam ihr ein Gedanke. Sie wollte Gewissheit, brauchte Sicherheit. Nur mal schauen, ob das kleine Kästchen tatsächlich dabei war. Vorsichtig begann sie, seine Kleidung anzuheben, fühlte und tastete. Ganz unten entdeckte sie das Kästchen mit dem roten Papier. Er hatte es tatsächlich mitgenommen, aber wann würde sie es endlich bekommen? Sie drehte es in den Händen, ratlos und von Zweifeln gequält. Dann fasste sie einen Entschluss. Vorsichtig begann sie die Verpackung zu lösen, bemüht, Risse zu vermeiden. Die Klebestreifen ließen sich überraschend leicht lösen und hinterließen nur wenige hässliche weiße Streifen an den Stellen, wo sie sie abgezogen hatte. Sie öffnete das Kästchen und entdeckte tatsächlich einen wunderschönen, mit Steinen besetzten Ring auf schwarzem Samt. Um welche Steine es sich handelte, konnte sie nicht sagen, damit kannte sie sich nicht aus. Aber sie hatte genug gesehen und ließ zufrieden den Deckel des Kästchens zuschnappen. In diesem Moment entdeckte sie ein kleines Kärtchen, das im Deckel befestigt war. „Für meine wunderbare Frau zu unserem siebten Hochzeitstag. In ewiger Liebe“ stand darauf. Ihr wurde heiß und kalt und sie schämte sich für ihre Neugierde. Vermutlich hatte er den Ring bereits vor dem Tod seiner Frau gekauft und konnte ihn ihr nun nicht mehr geben. Deswegen hatte sie ihn auch noch nicht bekommen, zu groß war sein Schmerz und seine Trauer. Und sie hätte mit ihrer Ungeduld und ihrem Misstrauen beinahe alles zerstört. Rasch wollte sie alles wieder einpacken, als ihr plötzlich ein weiterer Zettel in die Hände fiel. Es war ein Zertifikat des Juweliers und fast hätte sie es unbeachtet wieder zurückgelegt, als ihr Blick auf das Kaufdatum fiel: 26. September stand darauf, also hatte er den Ring erst vor einigen Wochen gekauft, und da war seine Frau schon lange verstorben. Ihr wurde übel, und mit einem Mal spürte sie, dass sie sich die ganze Zeit hatte belügen lassen, dass es das verkaufte Haus wahrscheinlich gar nicht gab und die vielen Dienstreisen ebenfalls eine Lüge waren. Sie wurde mit einer kleinen Urlaubspension in den verhassten Bergen abgespeist, während er mit seiner Frau vermutlich in den schönsten Hotels der Welt wohnte. Überraschend schnell fing sie sich, überlegte nur kurz, nahm den Ring an sich und versteckte ihn im Innenfach ihrer Handtasche. Das Zertifikat fand nach kurzer Überlegung einen unauffälligen Platz zwischen den Geldscheinen im Portemonnaie. Das leere Kästchen wickelte sie wieder in das Papier und war zufrieden, dass man die Beschädigung auf den ersten Blick nicht sah. Als er zurückkam, aßen sie gemeinsam, als wäre nichts gewesen und plauderten über die bevorstehende Heimreise. Später begannen sie, bereits ein paar Dinge in den Koffer zu packen, damit sie am nächsten Morgen früh aufbrechen konnten. Auf dem Rückweg wollte er ihr noch einen kurzen Höhenpfad zeigen, den er immer gerne gelaufen war. Von einem Besuch bei seiner Familie war nicht einmal die Rede gewesen und inzwischen bezweifelte sie, dass es sie überhaupt gab. Die Nacht war grauenhaft gewesen, sie hatte sich von einer Seite auf die andere gedreht und war am Morgen mit Kopfschmerzen aufgewacht. „Die frische Luft wird dir gut tun“, meinte er, „heute fahren wir mit der Seilbahn nach oben und laufen dann nur auf einer Höhe“. Die Fahrt war furchtbar, die Gondel ruckelte und blieb zweimal stehen, bis sie sich mühsam wieder in Bewegung setzte. Auf dem Gipfel hatte das Wetter inzwischen umgeschlagen, und ein nebliger Wind schlug ihnen entgegen. Dennoch bestand er darauf, seinen „Spaziergang“, wie er abfällig erklärte, durchzuführen. Doch nach einigen hundert Metern musste er zugeben, dass dies heute kein guter Plan war. Langsam tasteten sie sich voran, teilweise an ein wackeliges Holzgeländer gestützt, mehr suchend als wirklich sehend. Sie wollte umkehren, weg von diesem grässlichen Berg, weg von dem Mann, den sie liebte und der sie so belogen hatte. Und so wunderte sie sich über sich selbst, staunte über ihren Mut, ihre Stärke und Kraft. An einer freien Stelle, an der das Geländer unterbrochen war, bat sie ihn, stehen zu bleiben, gab vor, schwindelig zu sein. Als er ihre Hand nahm, rutschte sie ein Stück nach vorn, stolperte, hielt sich mit der anderen Hand am Geländer fest. Der Stoß war nur leicht, sie staunte, wie schnell sie ihn aus dem Gleichgewicht bringen konnte, ihn, der so sportlich und stark war. Er schaute sie nur an, verwundert, überrascht und sein Gesicht veränderte sich blitzschnell, als er erkannte, dass sein Leben jetzt zu Ende war. Es wurde zu einer hässlichen Fratze und im Fallen begann er zu schreien, so laut und verzweifelt, dass sie beinahe schon Mitleid mit ihm bekam.
Als sie in dem schönen Panoramarestaurant saß und sich ihr Mittagessen schmecken ließ, bemerkte sie, dass ein Fingernagel abgebrochen war. Das Blut darunter war längst getrocknet. Sie fühlte sich frei wie schon lange nicht mehr. Sie beschloss, die Talfahrt verfallen zu lassen und zurück ins Tal zu laufen. Fast musste sie lächeln bei diesem Gedanken. Sie gönnte sich noch einen Kaffee und winkte dem Kellner, um zu bezahlen. Als sie nach den Geldscheinen griff, streiften ihre Hände das Zertifikat. Sie zog es hervor, um noch einmal in Ruhe zu lesen, um welche Steine es sich genau handelte. Dabei fiel ihr Blick erneut auf das Kaufdatum. Im selben Augenblick begann der Boden sich zu drehen, sie fasste nach dem Tisch, um sich festzuhalten und stieß dabei an die Kaffeetasse, die mit lautem Klirren zu Boden fiel. Sie begann nach Luft zu schnappen und fürchtete, sich übergeben zu müssen. Hinter „26. September“ stand die Jahreszahl des letzten Jahres.

Von Sabine Klemm-Schmidt

Dick und schwer liegt die Luft wie eine Glocke über Köln. Ein schöner Sommertag neigt sich seinem Ende zu. Noch staut sich die Wärme in der Kölner Altstadt. Touristen bevölkern das Rheinufer und zahlreiche Pärchen genießen noch die letzten Sonnenstrahlen. Die Tische der zahlreichen Restaurants sind noch immer voll besetzt. Der Duft von gebratenem Fleisch und Knoblauch liegt in der Luft. Rotwein schimmert in den blank geputzten Gläsern, Kerzen flackern unruhig im warmen Sommerwind. Jung und Alt genießt den lauen Sommerabend.

Ein Obdachloser hat es sich unter der schattenspendenden Krone eines dicken Baumes gemütlich gemacht. Mit der Rotweinflasche in der Hand döst er vor sich hin, in Gedanken versunken an sein früheres Leben.

Eine Frau, zwei Kinder, ein Haus, das hatte er einmal gehabt, doch seine Spielsucht hat ihm alles genommen. Nur noch seine heiß geliebte Flasche ist ihm geblieben. Plötzlich schreckt er hoch.

Wenn er seinen üblichen Schlafplatz vor dem Kölner Hänneschen-Theater noch leer vorfinden will, muss er sich jetzt auf den Weg machen. Ach sein Hänneschen- Theater. Liebevoll denkt er an die holzgeschnitzten Puppen, an das Bärbelchen, den Speimanes, den Polizisten Schnäuzerkowski und all die anderen Figuren. Vor allem natürlich an das Hänneschen mit seiner rot-weißen Zipfelmütze. Wie oft hat er über dessen Sprüche lachen müssen. Sein Part war es vor vielen Jahren gewesen, die Puppen in Stand zu halten. Es ist, als könnte er den Duft des Theaters immer noch riechen, die Menschen lachen hören. Er hört das Flüstern der Puppen: “Jeder Mensch hat doch eine zweite Chance“. Doch er glaubt nicht mehr daran.

Den Kopf auf die Brust gesenkt macht er sich torkelnd auf den Weg. Er ist müde und freut sich auf seinen gewohnten Schlafplatz. Sein Weg führt in durch das Martinsgäßchen, vorbei an der Kirche Groß St. Martin, deren fünf mit Schiefer gedeckten Türme dunkel in den nächtlichen Himmel ragen. Schon bald werden die Glocken Mitternacht einläuten.

Gleichgültig schlendert er im Mondschein an den Giebelhäusern von anno 1643 vorbei, ohne einen Blick auf die wunderschönen Fassaden zu werfen.

Es ist immer derselbe Weg. Er kennt jedes Geräusch, jeder Schatten ist ihm vertraut. Sein Magen schmerzt. Die üppige ungewohnte Mahlzeit, die ihm der Koch von einem der umliegenden Brauhäuser warmgehalten hat, liegt ihm schwer im Magen. Hätte er doch besser wie üblich sein leckeres Brötchen mit Salami belegt gegessen.

Ein plötzliches Geräusch lässt ihn hochschrecken. Ein Wispern, trippelnde Schritte, er wirft vorsichtig einen Blick nach hinten. Doch nichts als sein Schatten bewegt sich in der Dunkelheit. Ihm ist als würden die Bronzestatuen von Tünnes und Schäl ihn hämisch zu grinsen. „Was ist aus dir bloß geworden“, meint er von den Beiden zu hören. Resigniert wendet er sich ab und setzt schlurfend seinen gewohnten Weg fort. Endlich ist er am Ziel: Er steht vor seinem geliebten Puppentheater!

Gusseiserne Laternen tauchen den Eisen-Markt mit dem Millowitsch-Denkmal in ein sanftes Licht. Auf einem der Bänke, die im Karree um die großen Bäume angeordnet sind, will er wie immer die Nacht verbringen.

Schwer atmend lässt er sich auf eine dieser Bänke nieder, die er sich für diese Nacht als Schlafplatz ausgesucht hat. Seine Habe, bestehend aus bunt zusammengewürfelten Plastiktüten und einer Luftmatratze mit defektem Ventil schiebt er unter die Bank. Er nickt der Millowitsch-Figur einen Gruß zu, zieht seine Flasche billigen Rotweins aus einer seiner Tüten und gönnt sich einen letzten Schluck. Schwer fallen die Lider über seine Augen.

Die Nacht ist schwarz verhangen, kein Laut durchdringt die Ruhe. Die Zeit scheint still zustehen. Nebel zieht auf.

Plötzlich wacht er auf, ein Schaudern durchströmt seinen Körper, eine Ahnung drohenden Unheils überkommt ihn.

Doch da er müde und ziemlich betrunken ist, fällt er schnell wieder in seinen gewohnten Schlaf. Doch plötzliches Glockenläuten lässt ihn hochschrecken. 12 dumpfe Schläge schallen von Groß St. Martin herüber. Der Platz ist in gleißendes Licht getaucht. Rote, blaue und gelbe Lichter, wie Irrlichter, die über das Moor tanzen, schweben in der Luft.

Er hört ein Wispern, ein Flüstern, Stimmen die immer lauter werden und dann wieder verstummen. Ein gespensterhaftes Rauschen durchzieht die Luft. Starr vor Angst versucht er seinen Kopf in die Richtung zu drehen aus der die Stimmen kommen.

Er kann sich nicht mehr bewegen. Seine Beine sind schwer wie Blei, als wären sie auf dem Kopfsteinpflaster festgewachsen. Er scheint in sich zu schrumpfen.

Plötzlich öffnet sich die Türe des Puppentheaters und Schatten tauchen aus dem dunklen Inneren hervor. Erschrocken starrt er auf etwas, was er kaum glauben kann: Die Puppen aus dem Theater schleichen sich eine nach der anderen aus der Tür. Bei jedem Schritt scheinen sie zu wachsen bis sie die Größe eines Menschen erreicht haben. Starr vor Entsetzen reißt er die Augen auf. Die Puppen kommen immer näher auf ihn zu.

Ängstlich drückt er sich immer tiefer in die Bank. Doch es gibt kein Entrinnen für ihn. Die Puppen reihen sich vor ihm auf, nehmen ihn bei der Hand, heben ihn hoch und steigen mit ihm in die Luft. Er fliegt immer höher und höher, gleitet über die spitzen Dächer der schönen Altstadt, die Türme des Kölner Doms ziehen an ihm vorbei. Immer kleiner werden die Lichter unter ihm. Er sieht den Rhein, der sich wie ein glitzerndes Band durch die Stadt schlängelt. Er schwebt immer höher, fast ist ihm, als könnte er nach den Wolken greifen.

Er hat sich schon lange nicht mehr so frei gefühlt. Eine ungewohnte Leichtigkeit umhüllt ihn. Er wünscht sich, dieses Gefühl würde ewig anhalten.

Sein ganzes Leben zieht in Gedanken an ihm vorbei. Wenn er noch einmal die Chance hätte, er würde alles anders machen.

Eins zu sein, mit dem Universum verschmolzen, in der Hoffnung ewig dem Himmel nahe zu sein, versucht er sich noch fester an seine geliebten Puppen zu klammern. Doch er greift ins Leere.

Zu seinem Entsetzen muss er feststellen, dass er frei in der Luft schwebt. Die Puppen haben seine Hände losgelassen. Panik überkommt ihn. Er spürt wie sein Körper fällt und fällt, wie ein Seiltänzer ohne Netz.

Im Fallen sieht er noch sein geliebtes Hänneschen, dass ihm fröhlich winkt, den Speimanes der ihm zu zwinkert. Er scheint förmlich das schallende Lachen des Schnäuzerkowski zu hören. Er fällt immer tiefer und taucht in ein seltsames schleierhaftes Licht.

Es ist vorbei, endlich ist alles vorbei. Am nächsten Morgen werfen Passanten, die schnellen Schrittes an ihm vorbeieilen, einen flüchtigen Blick auf den Mann auf der Bank. Ein Jugendlicher in modisch zerrissenen Jeans blickt kurz von seinem Handy auf und sagt lakonisch zu seinem Freund: „Ganz schön offline, der Alte“.

Der Wind weht eine kleine rot-weiß geringelte Zipfelmütze von der Bank, auf der ein alter Mann mit einem entrückten Lächeln liegt.

von: Ursula Zahr

Als er die Klasse betrat, richteten sich alle Augen auf ihn. Lange schwarze Haare. Und wenn ich „lang“ sage, dann meine ich noch länger als meine. Das Gesicht eines Engels. 16? Seine Augen: schwarze Murmeln. Ein Typ von einem anderen Stern.

Die Eule, unsere Klassenlehrerin, fing sich als erste, nestelte einen Zettel hervor und las etwas ab. Buchstabenkolonnen rauschten vorbei. Sein Name. Irgendwann hörte sie mittendrin auf und sah ihn an. Er neigte den Kopf, zeigte weiße Zähne und sprach „Salam ...“ Der Rest ging unter im erregten Flüstern der Mädels.

„Salami“, sagte ich zu Flasche. Flasche, das ist meine beste, beste Freundin. Eigentlich Karin, aber die haben einen Getränkeladen daheim. „Was?“, fragte Flasche verstört. „Salami. Sein Name. Ab jetzt. Hab ihn umgetauft. Kann sich ja keiner merken.“ Flasche hörte mir überhaupt nicht zu.

Keine hörte mir mehr zu. Die Pause hatte begonnen. Salami war nicht mehr zu sehen. Zwei Dutzend hormongesteuerte Teenager umringten ihn. „Gottesanbeterinnen“, fuhr es mir durchs Hirn. „Gleich fressen sie ihn.“

Also ging ich „Schulhof“. „Auf den Schulhof“ war gerade nicht angesagt. Dann stand ich „Schulhof“. Angesagt, aber allein. Denn meine Mädels umgarnten noch immer den Neuen. Langsam quoll der Pulk nach draußen, noch langsamer löste er sich auf. Weiber.

Ich zog mir ’ne Cola, sie schäumte über. Ich trank und trank, hustete und hustete. „Auch ein Tod“, dachte ich noch, dann stand er vor mir. Sein Haar schimmerte in der Sonne. Bläulich. Ich dachte an meine verfilzten Dreadlocks und fand sie gar nicht mehr toll. Er kam noch näher.

Ich setzte die aufgewühlte Cola wieder an und trank, trank um mein Leben. Doch der Schaum blieb Schaum. Ich bekam keine Luft mehr, hustete und hustete. Er fixierte mich. „Was gibt’s denn da zu glotzen, Salami“, versuchte ich krächzend meine Position zu festigen und hustete weiter. Dann ließ es nach. Meine Augen standen voller Wasser. Oder Cola. Alles verschwamm.

„Geht’s wieder?“, fragte er mit samtiger Stimme. „Cola schadet der Haut. Zu viel Zucker.“ Mir fiel der Pickel ein, der seit Tagen mein Kinn zierte und der von dem Versuch ihn auszudrücken, auch nicht gerade kleiner geworden war. Wütend schaute ich ihn aus ertrunkenen Augen an. „Was geht dich das an, Salami?“, fauchte ich. Zwischenzeitlich hatten sich meine Mädels dazu gesellt, und ich hatte ein Gesicht zu verlieren – wenn auch eins mit ’nem Pickel. Ich fingerte eine Gauloise aus der zerdrückten Packung und zündelte. Ein flacher Zug. Bloß nicht wieder husten.

„Die auch“, sagte er ungerührt. „Schlecht für die Haut.“ Die Mädels kicherten. Das Maß war voll. „Verzieh dich, Salami.“ Er blieb, hielt meinem Blick stand. „Es wird nicht mehr lange dauern“, fügte er hinzu. Verblüfft schaute ich ihn an. „YOLO“ interpretierte ich seine kryptische Rede, zog nochmal und trat die Kippe aus. Er bückte sich, hob sie auf und warf sie in den Ascher. Die Mädels kicherten wieder. Ich spürte, dass meine Autorität schwand. In diesem Augenblick beschloss ich, ihn zu hassen.

***

Ihn zu hassen war ganz einfach, denn ich musste dauernd an ihn denken und dachte dann immer „Hass, Hass, Hass.“ Zwei Wochen hatte ich schon keine Cola mehr getrunken, die Gauloises waren aus, der Pickel weg und meine Hass-Botschaften funktionierten, denn er sprach mit allen, nur nicht mit mir. „Gut“, dachte ich. So konnte ich ihn leichter hassen.

Die Mädels teilten meinen Hass nicht. Ich kam schnell dahinter, wieso. Er nannte Flasche „Carina“ und es hörte sich an wie ein Kompliment. Und er fand auch für die anderen Mädels Namen wie „Stella“, „Luna“ und „Venus“, woraufhin sie der Reihe nach kapitulierten.

Eines Tages nahm ich nach der Schule die Nagelschere und knipste die Dreadlocks ab. Eine nach der anderen. Flasche, die mal wieder bei mir abhing, schaute mir zu. „Warum machst du das“, fragte sie. „Läuse“, erklärte ich ungerührt. „Iiiih“, flüsterte Flasche. „Wie extravagant.“ Ich starrte in den Spiegel. Dieses erschrockene, neugierige Gesicht mit den riesigen blauen Augen und den Haarstoppeln. Das war ab jetzt meins. Flasche seufzte. „Läuse“, wiederholte sie und fing an sich zu kratzen.

Am nächsten Tag in der Schule schauten die Mädels groß. „Läuse“, flüsterte Flasche. „Iiiih“, antworteten die Mädels im Chor. Erst kratzten sich alle, dann war das Thema durch. Einen Moment lang hatte es den Anschein, dass Salami mir im Vorübergehen einen Blick geschenkt hätte, ich hörte ein gemurmeltes „Bald“, dann vergab er wieder Namen wie „Ronja“ und „Wunderkind“, und der Rest meiner Gang lief mit wehenden Fahnen über. Naja, wenn du Läuse hast.

In der Pause hockte ich auf einer Mauer und träumte von ’ner Cola mit ’ner Gauloise. Meine Jeans vibrierte. SMS.

Amari:

stand da. Eigentlich heiße ich ja „Maria“, aber die Mädels sagten natürlich „Boss“. Amari – „Wer hat sich denn da vertippt?“, dachte ich und dann stand da noch:

mein weißes Herz
auf deiner Faust
ein Falke
O

„Wer zum Teufel ...“, dann dämmerte es. „O“, das könnte die Abkürzung von „Omar“ sein. Das war der Name, den er sich selbst gegeben hatte. Irgendwie musste er meinen Account geknackt haben oder Flasche hatte ihm meine Nummer gegeben. Die konnte was erleben. „Flasche!“, brüllte ich. Widerstrebend kam sie näher. Natürlich stritt sie alles ab: „Warum sollte ich ihm deine Nummer geben? Ich liebe ihn doch. Da werde ich ihm doch nicht deine Nummer geben.“ Liebe. Ist die verrückt geworden? Haben wir uns nicht geschworen, uns nie in einen Typen zu verlieben?
Meine Hose vibrierte schon wieder:

Amari: grenzenloses Blau
in deinen Augen
meine neue Heimat
O

Wie soll denn da ein Mensch in Ruhe hassen? Ich schaltete ab. Natürlich kann man nicht immer abschalten. Es könnte ja etwas Wichtiges sein. Jemand könnte mich brauchen, um die Welt zu retten. Also wieder an. Tatsächlich.

Amari: ein langer Kuss
die Wärme der Bruchsteine
in deinem Rücken
O

Das waren keine Tweets, das waren Haiku. Japanische Lyrik. Hatten wir gerade im Deutsch-Leistungskurs. „Der spinnt wohl.“

Und schon wieder:

Amari: ich zeig dir den Mond
bei der alten Brücke.
2 Uhr
O

Der wollte ein reales Date. Offline und außerhalb der Schule. An meinen Lieblingsplatz! Nee, also! „Der glaubt doch nicht ernsthaft, dass ich mich mitten in der Nacht mit ihm treffe!“ Flasche schaute irritiert und beeilte sich mir zu versichern: „Nein, das erwartet er bestimmt nicht.“

Kurz vor 2 kletterte ich aus dem Klofenster, nahm mein altes Rad und fuhr runter zum Fluss. Dem würde ich was erzählen. Ich stellte meinen Drahtesel mit dem rechten Pedal auf den Bordstein. Ging zur Mitte der Brücke, schaute ins Wasser. Der Mond leuchtete so rot und rund wie nie, warf bengalisches Feuer auf den Fluss. „Bin ich blöd?“, dachte ich noch. „Das bin ich doch gar nicht!“ Ich wollte gerade wieder gehen, da stand er hinter mir und murmelte „Amari“. Was sollte ich sagen? Ich blieb.

Er zeigte mir den Mond. „Blutmond“, nannte er ihn. Ich schaute hin, sagte „Aha“ und sah doch nur seine schönen Hände. Er zeigte mir die Sterne und vergab Namen wie „Orion“ und „Kassiopeia“. Und ich sah nur seinen Mund. Er sagte: „Amari. Ich zeig dir den Mond und will dabei nur dich berühren. Ich zeig dir die Sterne und deine Augen sind doch tausendmal schöner.“ Dann zeigte er mir, wie man küsst. Und ich spürte sie. Die Bruchsteine in meinem Rücken.

Mond und Sterne, schön und gut. Aber dieser Kuss. Ich überlegte, ob es nicht langsam angebracht sein könnte, ihn nicht mehr zu hassen.

Am Ende unserer Küsse sagte er „Jetzt wird es Zeit.“ Wir gingen zu meinem Rad. Platt. Beide Reifen. „Ach, Amari“, seufzte er, nahm die kleine Pumpe, schob sie über das Ventil und pumpte. „Amari“, wiederholte er. Dann ging alles ganz schnell.

Gerade hockte er noch auf der Straße, ich schaute mir noch einmal seine Hände an, seine Lippen, die Sterne und den Mond. Etwas quietschte, knallte, kreischte, dann war ich allein. Jemand schrie.

Da waren keine Sterne mehr und auch kein Mondschein. Nur noch die Rücklichter eines Lkws.

Auf einmal stand Flasche neben mir. Keine Ahnung, wo die so plötzlich hergekommen ist. Sie heulte und stammelte: „Das hab ich doch nicht gewollt!“ Dann lagen wir uns in den Armen, heulten beide und ich dachte: „Warum?“

von Gabriele Hartmann

In der Luft liegt etwas, das nach Frühling, so verheißungsvoll nach Neubeginn und Zuversicht duftet. Es ist, als wollte mir dieser laue Abend Mut machen, da meine Nerven blank liegen. Seit einem Monat steuere ich auf diesen Termin zu: ein Date. Das erste nach meiner Ehe. Eine geschlagene halbe Stunde zu früh stehe ich vor dem Café, in dem ich mich verabredet habe. Ich horche in mich hinein, ob mich nicht gerade der Mut verlässt, ich somit eine Ausrede für einen Rückzieher habe. Nein. Ich, Julia, 43 Jahre, werde gleich einem Mann gegenüberstehen, den ich über eine Partnervermittlung kennengelernt habe.

Online-Dating - Partnersuche leicht gemacht. Laut meiner besten Freundin Mona die einfachste, zeitsparendste Methode und vor allem - was die Statistik anbelangt – die Methode, die den größten Erfolg verspricht, einen passenden Partner kennenzulernen. Mona ist in jeder Hinsicht up to date, Neuerungen aufgeschlossen und kann eine Bilanz an Männerbekanntschaften vorweisen, die ich, selbst wenn ich so lange wie Methusalem leben würde, niemals erreichen könnte. Dass Monas Beziehungen ein kurzes Haltbarkeitsdatum haben, ist eine andere Geschichte.


Ich hielt überhaupt nichts von einer Partnersuche im Internet, wollte aber nach meiner Scheidung auch nicht solo bleiben. Mona redete so lange auf mich ein, bis ich mein Notebook aufklappte und meine Daten in eine dieser Singlebörsen hämmerte. Zu meiner Verwunderung ließen die Reaktionen nicht auf sich warten. Männer mit bemerkenswert wenig kreativen Pseudonymen schrieben mir und ich ging offline.
Natürlich bekam Mona mit, dass ich nicht mitspielte. Sie meinte, es hinge damit zusammen, dass ich mit meinem Ex, der sich zu dem damaligen Zeitpunkt für mich trotz Scheidung nicht wie mein Ex anfühlte, nicht abgeschlossen hatte. Recht hatte sie. Kurz darauf erlebte sie hautnah mit, welches Gefühlschaos in mir tobte: Auf einer Party, von lauter glücklichen Pärchen umgeben, fühlte ich mich einsam wie nie zuvor. Meine Verzweiflung suchte sich gegen Mitternacht ein Ventil: Ohne Vorwarnung küsste ich einen wildfremden Mann, um für einen winzigen Moment dem Monster der Einsamkeit zu entfliehen, danach leerte ich eine halbe Flasche Prosecco auf ex. Nach diesem Eklat war Mona wild entschlossen, eine tief greifende Veränderung in meinem Leben stattzufinden lassen.
Sie zerrte mich zu einem Coach.
Ein echter Profi und ein Hottie (verheiratet, sehr zu Monas Leidwesen), der ihr selbst einmal enorm geholfen habe, erzählte sie mir. Monas gute Beziehung zu ihm machte es möglich, dass ich sofort einen Termin, sogar nach Feierabend, bekam. Das erste, was ich dem Hottie sagte, als wir uns in einer hellen Ledersitzecke in einer gemütlichen Dachgeschosswohnung gegenübersaßen, war, dass ich allein wegen Mona hier wäre und keinerlei Interesse an Psychokram hätte. Vor allem aber keine Hilfe von einem Menschen wie ihm, der stark an George Clooney erinnerte, nötig hätte. Letzteres sagte ich natürlich nicht laut. Nach meinen Worten, denen er ohne zu unterbrechen Gehör geschenkt hatte, erhob er sich und löschte das Licht. Feierabend, dachte ich mit Genugtuung, er schmiss mich raus.
Weit gefehlt. Er setzte sich wieder zu mir, fragte, wie es mir jetzt ginge. Das gedämpfte Licht der Straßenbeleuchtung drang in den Raum und über uns – die Wohnung hatte ein Glasdach – sah ich den Vollmond. Der Mondschein irritierte mich mehr als seine Frage oder sein Verhalten. Alles zusammen brachte mich zur Vernunft. Von da an unterhielten wir uns wie zwei normale Menschen, die zu meinem Erstaunen im Handumdrehen eine vertraute Ebene fanden. Keine zwei Stunden später buchte ich die nächsten Termine bei ihm.
Ich war dankbar, jemanden zu haben, der sich meine Lebenslage durch die professionelle Brille anschaute. Der meinen überfälligen Seelenstriptease ohne mit der Wimper zu zucken ertrug. Der die wie ein unbezwingbarer Berg vor mir stehende Aufgabe – ein neues Leben - fein säuberlich nach der Salami-Taktik zerlegte, um sie mir in leicht zu verdauenden Bissen zu servieren. Ein neues Leben war kurz gesagt: neuer Partner, neue Wohnung, neuer Job, bei altem Gewicht und Ego. Schritt für Schritt ging ich voran und mein Selbstvertrauen nach oben. Ich konnte nach vorne schauen, trauerte meiner Ehe nicht mehr jeden Tag hinterher, ertappte mich dabei, Momente des Glücks zu erleben. Fehlte nur noch der Partner. Kurz vor meinem letzten Termin, als mich ein bisschen zu sehr auf die Stunden mit dem Coach zu freuen begann (ja, er war extrem sympathisch), lenkte ich mein wiedererwachtes Interesse an der realen Männerwelt in das virtuelle Universum: Von nun an sah ich mich ernsthaft darin um. Ich sortierte Amor und Adonis, Sexgötter und Kuschelbären aus und antwortete den Männern, deren Anschreiben mich ansprachen. Aus den Verbliebenen war Mr X bald mein Favorit, denn er schrieb wunderbare, hoffnungsfrohe E-Mails. Ihm verzieh ich sogar das schemenhafte Foto, das praktisch nichts von ihm preisgab.

Laute Musik. Bunte Drinks. Attraktive Menschen, die wie ihre Umgebung auf Hochglanz poliert sind. Das Szenecafé, so wird das „Moritz“ im Internet angepriesen, erweist sich als Schickimickiladen. Warum in aller Welt habe ich diesen Treffpunkt vorgeschlagen? Spiegel, Glas, glänzender Granit überall. Bodentiefe Fensterscheiben erzeugen Transparenz. Sehen und gesehen werden ist hier das Motto. Für mich heißt es: Augen zu und durch. Aufgeregt bin ich, wie vor einem Vorstellungsgespräch.
Aus meiner Deckung vor der Eingangstür betrete ich die Bühne der Eitelkeiten. Augenblicklich fühle ich mich beobachtet, als hätte ich ein Schild „Blind Date“ auf der Stirn kleben. Was mir aber den Schweiß aus den Poren treibt, ist – Mona! Vertieft in ein Gespräch sitzt sie am Tresen, keine zehn Meter von mir entfernt. Mit Absicht habe ich ihr nichts von meinem Vorhaben erzählt. Ich wollte nicht, dass sie sich wieder einmischt. Dann erst erkenne ich die Person, mit der sie sich unterhält: eine mir sehr gut bekannte Person. Er sieht besser aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Fluchtgedanken bedrängen mich, voller Panik schaue ich mich nach einem Schlupfloch um. Geduckt wie ein Murmeltier im Adlergebiet fliehe ich an der Fensterfront entlang durch die nächstbeste Tür in einen Flur. Was machen die beiden hier?, überlege ich im Halbdunkel. Das kann kein Zufall sein. Ergo ... Ein Hoffnungsfunke glimmt in mir auf, um ebenso schnell wieder zu erlöschen. Nein. Mein Ex würde nicht diesen Umweg wählen. Und gefühlvolle E-Mails kann er auch nicht schreiben ...
„Verdammter Mist!“ Fünf ohrenbetäubende Schläge auf einen Metallkasten neben mir zertrümmern meine Überlegungen. Wie von Zauberhand flammt jetzt Licht auf, es wird hell. Im Gang zu den Toiletten, bei den Zigarettenautomaten, bin ich also gelandet.
„Entschuldigung!“, knurrt ein Mann. „Haben Sie ein Eurostück? Es ist ein Notfall!“, setzt er nach, da ich ihn nur regungslos anstarre. Schöner Mann. Akkurater Dreitagebart, roséfarbenes Hemd mit offenem Kragen, leuchtend blaue Stoffhose, deren Beine für meinen Geschmack um einiges zu kurz sind, feine Wildlederslipper. Das i-Tüpfelchen bildet der locker-flockig um den Hals geschlungene Schal. Diesen Mann umgibt neben einer Parfümwolke die Aura von unglaublicher Kreativität. Er verkörpert das ganze Gegenteil meiner gewohnten Welt, geht mir durch den Kopf. Fragend schaut er mich an. Ach ja, er wollte Geld. Während ich meinen Einkaufswagen-Euro aus der Manteltasche fische, sehe ich, wie sich der Beau unablässig die Finger knetet, diese Bewegungen nur unterbricht, um sich durch die Haare zu fahren. Tröstlich - es gibt jemanden, der nervöser ist als ich.
Sekunden später wirft er meine Münze in den Automaten. Mit Erfolg, denn die Maschine spuckt sogar zwei Päckchen aus. Sichtlich erleichtert wendet er sich mir zu. In seinem Blick liegt Dankbarkeit. Seine wässrigen Augen wollen nicht zu seinem restlichen Erscheinungsbild passen. Solche Augen wecken in mir immer Gedanken an einen Basset. Beide, er und mein imaginärer Basset, sehen traurig aus.
„Ich habe gleich einen wichtigen Termin!“ Ein gequältes Lächeln gleitet über sein Gesicht, während er mir einen Haufen Kleingeld in die Hand schüttet. „Ein Blind Date.“
Sämtliche Alarmglocken heulen in mir auf. Für den Moment hatte ich vollkommen vergessen, weswegen ... Egal. Dann ist er also ... Hm, ich lasse diese Erkenntnis auf mich wirken. Hm, hmmmmm. Also: Mein Typ ist er nicht. Und mein Bauch sagt: nichts. Gar nichts. Seltsamerweise verhält er sich vollkommen neutral. Nun gut, probieren können wir es. Ich schließe die Augen, drücke innerlich den Reset-Knopf, denke an seine wunderschönen E-Mails und an das, was die Statistik sagt. Als ich die Augen wieder aufschlage, meine ich, ich könnte mich mit dem Mann arrangieren. Bestimmt! Es ist alles nur eine Frage der Einstellung. Auf geht’s! Ich schenke ihm ein Zahnpastalächeln.
„Alles in Ordnung?“, fragt er, das Misstrauen in seiner Stimme ist nicht zu überhören.
„Ja“, hauche ich.
Skeptisch runzelt er die Stirn und zerrt eine der beiden Zigarettenpackungen auf. Ich wollte keinen Raucher. Hatte ich das nicht in meinem Profil angekreuzt? Und warum kommt er nicht auf die Idee, dass ich seine Verabredung sein könnte? Was soll mir das sagen? Abbruch? Oder lieber Frontalangriff?
Als hätte er einen Teil meiner Gedanken gelesen, steckt er die Zigarettenschachteln weg.
„Tun Sie mir einen weiteren Gefallen?“
Ergeben nicke ich.
„Würden Sie schauen, ob er schon da ist: Als Erkennungszeichen trägt er den Klassiker! Eine rote Rose“, schiebt er mit einem Grinsen hinterher.
Er? - ER???
Was soll ich sagen, ich bin erleichtert. Grenzenlos!
Vorsichtig linse ich durch die Tür und muss einen Kicheranfall unterdrücken. Das hier ist wirklich verrückt. Ja, da ist er: Ein in Schwarz gekleideter Blonder mit einer roten Rose in der Hand! Süß, wie unbeholfen er da rumsteht.
Und - nein - das kann nicht sein. Nein, das darf nicht sein! Mein Mann und Mona - meine beste Freundin: Sie küssen sich. Verliebt, der Welt entrückt und irgendwie sehr vertraut. Direkt vor meinen Augen.

Eigentlich hätte ich sofort gehen sollen. Stattdessen sitze ich am Tresen, vor mir einen Cognac, den mir der freundliche Barkeeper mit einem aufbauenden Blick serviert hat. Ohne von mir Notiz zu nehmen, haben alle meine Bekannten inzwischen die Lokalität verlassen. Und mein Date? Er wird mich erkennen. Bis vor Kurzem erschien mir diese Formulierung in seiner Mail als der Inbegriff der Romantik, jetzt denke ich: wie idiotisch! Damit hält er sich, der große Mr Unbekannt, alle Rückzugsmöglichkeiten offen. Sei’s drum. Meine Gedanken kreisen sowieso unentwegt um Mona und meinen Ex ... Warum? Hinter meinem Rücken? Wie lange?
Als ich den Blick von meinem Glas hebe, sehe ich im Spiegel vor mir ein vertrautes Gesicht. Träume ich?, wabert es durch mein Hirn. Aber nein, da steht er. Ein Stück hinter mir. Thomas Wolff. Mein Coach. Wie es aussieht, hat er mich beobachtet. Vielleicht hat er überlegt, ob er außerhalb seines Dienstes eingreifen, mich vor dem Suff retten sollte. Vermutlich sehe ich wie der personifizierte Notfall aus. Der Spiegel zeigt, Thomas Wolff steuert auf mich zu. Mein Coach begrüßt mich routiniert freundlich. Sein Lächeln ist auch 21 Wochen nach unserer letzten Sitzung Grund genug, mein Herz in eine schnellere Gangart zu bringen. Ich versuche trotzdem, souverän zu bleiben.
„Ich warte auf jemanden, offenbar hat er sich verspätet.“
Er nickt, fährt sich einmal durch sein schwarzes volles Haar, das nur an den Schläfen von einem lässigen Grau durchzogen ist. „Ich bin auch verabredet.“
Toller Dialog, den wir führen. Mein Coach wirkt nicht ganz so selbstsicher wie während unserer Termine, stelle ich fest, als wir uns anschauen. Ausdrucksstarke Augen hat er. Sein Blick wandert von meinem Gesicht zu meinem Cognac.
„Zu Ihrer Beruhigung: Das ist mein Erster“, ich kippe den Rest meines Getränks in einem Schluck hinunter, „und mein Letzter!“ Blind Date hin oder her, ich werde gehen. Mir ist die Lust auf Abenteuer vergangen. Ich winke dem Barkeeper, wedele mit dem Geldschein und spüre plötzlich die Hand des Coaches auf meiner.
„Warte!“
Wie ein Blitz durchzuckt mich seine Berührung, während mein Herz einen unsinnigen Hüpfer der Glückseligkeit macht. Warte! Nicht: Warten Sie! Also warte ich, seine Hand warm und angenehm auf meiner.
„Mr X!“, raunt er mir zu.
Ich fühle, wie meine Gesichtszüge entgleisen.
„Mr X!“, wiederholt er etwas lauter und sieht mir dabei eindringlich in die Augen.
Nur nebenbei bekomme ich mit, dass der Barkeeper einen extraweiten Bogen um uns schlägt. Die Leute hinter der Bar haben ein Gespür für sensible Momente. Oder bizarre Situationen. Irgendetwas davon trifft auf diesen Augenblick mit Sicherheit zu.
Ist das ein Witz? Oder - Mona?! Steckt sie mit ihm unter einer Decke? Ja. Das muss es sein. Bestimmt hat Mona ihn angestiftet, um mich von ihrer Beziehung abzulenken. Das Ganze ist nichts als ein abgekartetes Spiel!
„Ich gehe!“, sage ich mit fester Stimme, ziehe meine Hand unter seiner hervor und lasse das Geld liegen. Ich brauche Abstand. Im Eilschritt laufe ich an die frische Luft. Noch immer ist es belebt vor der Tür. Kein Wunder, der samtene Hauch des Frühlings zieht jedermann nach draußen. Während ich mich orientiere, wo ich mein Auto geparkt habe, erscheint mein Coach neben mir.
„Es ist nicht, wie du denkst!“
Grottenschlechter Satz! „Dann erklär mir, wie es ist, aber schnell. Ich hab’s eilig!“
„Ich möchte dich kennenlernen.“
Irgendwie nimmt mir dieser Satz, gepaart mit seinem Großer-Junge-Blick den Wind aus den Segeln.
„Auf privater Ebene“, fährt er fort. „Ich hatte keine bessere Idee. Du hast mir von der Partnerbörse erzählt.“
In seinen Augen liegt etwas Unbestimmtes, für mich schwer zu Deutendes, irgendetwas, das mich berührt, meine Vernunft zum Wanken bringt. Aber nur beinahe.
„Vergiss es! Ich fahre nicht zweigleisig!“ Zu meiner eigenen Sicherheit kehre ich ihm den Rücken zu. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn er mich pausenlos mit diesem speziellen Psycho-Röntgenblick mustert.
Sanft legt sich seine Hand auf meine Schulter. „Du bist doch über deinen Mann so gut wie weg.“
„Ich spreche nicht von mir!“ Wütend drehe ich mich zu ihm um und wische dabei seine Hand weg. „Sondern von dir!“
Mein Coach kann sich wirklich begriffsstutzig geben, alle Achtung, seine schauspielerische Leistung ist oscarreif.
„Eine Kleinigkeit“, helfe ich ihm auf die Sprünge, „aber ich weiß, Menschen vergessen es manchmal: DU BIST VERHEIRATET!“
Ein Passant im Rentenalter bleibt für einen Moment stehen, misst uns beide mit strafendem Blick und schüttelt den Kopf, ehe er den Spaziergang mit seinem Rauhaardackel fortsetzt.
„Nein!“
„Nein?“, krächze ich und habe das Gefühl, im freien Fall aus sämtlichen Sicherheitsnetzen zu rasen. Emotionale Gleichgewichtsstörung wäre wohl der weniger dramatisch klingende Begriff dafür im Fachjargon meines Gegenübers.
„Nicht mehr! Komm mit!“ Er nimmt meine Hand und zieht mich in Richtung einer Bank.
„Jetzt erzähle ich dir von mir!“

von Bettina Schneider

Vital Schreibwettbewerb 2016
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Vital Schreibwettbewerb 2016

Es gibt eine größere Kraft als die Liebe.
Sie überwindet den Hass,
wie das Licht die Finsternis.
Martin Luther


Durch die undichten Fenster zieht ein kalter Windhauch. Die 13jährige Maryam zieht ihre Jacke enger um die Schultern. In dem kleinen Bergstädtchen Clamor mit den hübschen, alten Fachwerkhäusern sitzt sie mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Ileas in einem nicht mehr genutzten, alten Hotel auf dem schäbigen Teppich und spielt Backgammon. Mit noch acht anderen Flüchtlingsfamilien aus Afghanistan, Syrien, Irak und Kongo sind die beiden mit ihren Eltern vor zwei Monaten dort untergebracht worden. Irgendwie versuchen sie sich die Zeit und Langeweile zu vertreiben, sind aber glücklich und dankbar dem Grauen in Syrien entkommen zu sein. Obwohl es erst kurz vor 16.00 Uhr ist wird es schon langsam dunkel. Es ist der Samstag vor dem 1. Adventsonntag.

Auf einmal hören sie entfernt leise Musik spielen. Maryam geht zum Fenster und schaut über den kleinen Fluss auf den dahinterliegenden, verschneiten Marktplatz.
Schon seit Tagen beobachten sie wie dort überall kleine, urige, lichtergeschmückte Bretterhäuschen aufgebaut werden. Emsig schleppen die Männer und Frauen Kisten und Kästen heran. An einem Kranhaken schwebt eine mächtige, dicht gewachsene Nordmanntanne auf die Wiese neben dem Marktplatz. Der Kran hievt die etwa zehn Meter hohe Tanne in eine dafür vorgesehene Bodenhülse.
Von der Arbeitsbühne aus wird sie dann mit Beleuchtung, großen, goldenen Kugeln und roten Schleifen geschmückt. Leise herunterrieselnde Schneeflocken legen sich wie ein weißes Kleid auf die Zweige. Um den Baum herum bauen Arbeiter etwas was aussieht wie eine Straße. Nach einigen Tagen stellen die Kinder dann fest dass es eine Schlittschuhbahn ist.

Seit Jahren schon treffen sich hier auf dem Marktplatz Aussteller aus vielen Nationen. „Ileas, sollen wir mal schauen gehen was dort los ist?“
„Ja, gerne.“ „Uno, Abo!“, dürfen wir draußen die Musik hören und uns den Weihnachtsmarkt anschauen gehen?“

Die Eltern sitzen sich unterhaltend, mit zwei anderen Bewohnern auf einer Liege, probieren dabei deutsche Rinderwurststücke und trinken dazu Kaffee. Der Vater nickt mit dem Kopf und die Mutter erlaubt ihnen für eine Stunde rauszugehen. „Seid aber vorsichtig und versucht nicht aufzufallen“, sagt sie. Die jungen Leute ziehen sich eine warm an und verlassen das Haus.
Unter der 150jährigen hölzernen Brücke die sie überqueren müssen, schlängelt sich das glasklare Wasser des Flüsschens Glen wie ein hübsches Band. Die Lichter des Marktes spiegeln sich wie funkelnde Kristalle im Wasser. Am Geländer der Brücke spannen sich Lichtschläuche die einen warmen Schein verbreiten. Schemenhaft sieht man in der Ferne die Berge in der Abenddämmerung versinken.
Strahlend hell liegt das Winterweihnachtsdorf im weihnachtlichen Glanz. Überall glitzert und leuchtet es aus tausenden Lämpchen. Die vielen festlich geschmückten, schneegepuderten Tannenbäume werfen geheimnisvolle Schatten. Auf der Eisbahn tummeln sich schon einige Kinder und Jugendliche.

„Ist das schön hier!“, staunt das Mädchen. „Komm Ileas dort vor der angestrahlten Kirche stehen viele Menschen und lauschen der Musik.“
Neben dem Kirchenportal von St. Corona ist eine kleine, tannengeschmückte Holzbühne aufgebaut. Piotr Dombas ein russisches Ensemble, mit einem Akkordeon- und Balalaikaspieler und einem Baritonsänger dessen Stimme schwermütige wie die russische Seele ist. Sie eröffnen den Weihnachtsmarkt mit einem Repertoire aus melancholischen Lieder wie, verschneite, stille Wälder, das einsame Glöckchen oder das weite Schneefeld. Musik zum Niederknien schön.

Andächtig lauschen Maryam und Ileas und vergessen für einen Moment ihr Leid. Die wochenlange Flucht immer die Angst im Nacken, Hunger, Durst, Bauchschmerzen und die vielen Entbehrlichkeiten werden sie nie vergessen. Aus dem zerbombten, aramäischen Maalula, einem kleinen Dorf nördlich von Damaskus, sind sie mit ein paar Habseligkeiten, wichtigen Ausweisen und Papieren (auch auf dem Smartphone gespeichert) geflohen. Das ganze gesparte Geld haben sie Schleusern zahlen müssen um per Lastwagen, Boot und zu Fuß vor der mörderischen IS (blutrünstige Söldner) und dem Assad Regime in Sicherheit zu kommen. Einem Religionskrieg zwischen Sunniten, Schiiten und Alawiten, ein Feldzug gegen das Weltkulturerbe. Jahrtausende alte Skulpturen, antike Ruinen und Moscheen werden wahllos zerstört. Menschenleben zählen nichts.

Die Gräber der durch einer Bombe getöteten Großeltern und der kleinen Schwester Hadeel mussten sie in den Trümmern zurücklassen. An den im Kopf festgesetzten Bildern der erlebten Greueltaten werden sie ihr Leben lang zu leiden haben.
„Komm Maryam wir schauen uns mal die Häuschen an.“
In der ersten Bude gibt es viele verschiedene Kerzen zu sehen. Aus der Barockstadt Fulda bietet die Kerzenmanufaktur „Noun Candela“ Wachswaren in reichlicher Auswahl an.
Lange, dünne Stabkerzen in schlanken Ständern, bunte Stumpen- und Duftkerzen, handgefertigte, honigfarbene Bienenwachskerzen, traditionelle Christbaum- und Altarkerzen. Kugelkerzen und Teelichter in Dosen, Gläsern, in vielen Farben, Formen und Verzierungen.
Schemenhaft in Licht getaucht wirkt die flackernde Szenerie. „Jede Kerze könnte für die viertel Million Tote brennen die es seit Beginn des Syrien Konflikts gibt“, flüstert Ileas. Maryam nickt zustimmend.
„Drechslerei Ferdinand Beck Holzkunst/Erzgebirge“ steht über dem zweiten Stand, ein renommierter Handwerksbetrieb aus dem Spielzeugdorf Seiffen.
Alles höchst aufwendig gestaltete Weihnachtspyramiden mit Liebe zum Detail. Gedrechselte Nussknacker als Soldat, Gendarm oder als König kunstvoll bemalt. Spieldosen mit Miniaturwelten darauf aus der Märchen- und Sagenwelt, Christi Geburt oder aus der Weihnachtswelt, Volkskunst vom Feinsten. Lange verweilen sie dort und schauen sich jede Kleinigkeit interessiert an. Zwischen zwei Ständen, vor einer Tannenhecke ist eine Krippe mit lebensgroßen Figuren aufgebaut, umgeben von einem Holzgatter und mit einer einfachen Strohdachkonstruktion.

So vor Schnee geschützt stehen Maria und Josef mit den Hirten, vor der Krippe mit dem Jesuskind. Der Stall von Bethlehem Obdach für Ankunft, Würde, Liebe, Wärme.
Etwas entfernt davon sind die hl. drei Könige auf dem Weg zum neugeborenen König der Juden. Vier wollige, lebende Schafe mit drei Lämmern machen es sich auf dem aufgeschütteten Stroh bequem. „Böhhh, määhhh“, blöcken sie als sich einige Leute davor stellen. Über dem Stall hängt ein leuchtender Stern mit großen und kleinen gefalzten Zacken.

„Christlich-jüdische Eltern und Hirten, weise Magier und Sterndeuter aus Mesoptamien dem heutigen Irak, wie nah wir doch wieder unserer Heimat sind“, sinniert Maryam.
Linksseitig der Krippendarstellung bietet Reuven, ein jüdischer Künstler, ästhetisch, schönes Kunsthandwerk wie Kalligraphie, Illustration, Jugendstilaquarelle und individuelle Weihnachtskarten an. Außerdem noch jüdische Kerzenleuchter. Siebenarmig die Menora und acht- oder neunarmig der Chanukka-Leuchter. „Für die Herstellung der Schriften braucht man aber viel Übung“, meint Maryam und viel Geduld.“ Auf der rechten Seite in der Bude hat Reuvens polnische Freundin Swetlana, Platz für die Präsentation ihrer traditionellen Bunzlauer Keramik. „Hmmm, hier riecht es aber lecker mir läuft das Wasser im Mund zusammen.“

Rauch steigt aus der Nachbarbude auf. Knuspriger, elsässischer Flammkuchen bestrichen mit Sauerrahm, belegt mit gerösteten Zwiebeln und Speckwürfeln, wird hier in einem Holzbackofen auf Stein gebacken. Mit einem großen Holzschieber holt Baptiste die Tarte flambee aus dem Holzbackofen. „Oh la` la`Madame, ihre Tarte.Voila!” In einem Korb liegen noch liebevol verpackte Charcuterie-Spezialitäten Elsässer Wurst wie Cervelas, Knack, Bierwurscht oder Presskopf. „Komm schnell weiter dafür haben wir kein Geld!“ Maryam zieht ihren Bruder am Ärmel. Aber auch am nächsten Stand weht ihnen anregender Geruch von Glögg, Punsch und heißem, süßen Kakao entgegen. Ingra und Kresta in gelb-blauer Schwedentracht servieren dazu Lussekatter, süße Hefebrötchen mit Safran und Falukorv auf Brot, die schwedische Nationalwurst.

„Sieh mal dort stehen etliche Kinder, mal sehen was es dort gibt.“ Auf einem historischen, roten Pferdeschlitten mit zwei davor gespannten Alt-Oldenburger Pferden, sitzt der Nikolaus im roten Bischofsgewand, Mitra und dem weißen Bart. In der weiß behandschuhten Hand hält er der Krummstab. Er erzählt den Kinder gerade die Geschichte des gutherzigen hl. Nikolaus aus dem türkischen Myra, der sich für die Armen und Schwachen einsetzte.
Als er geendet hat möchte er ein Nikolauslied hören. Zaghaft fangen die Kinder an zu singen. Und dann erschallt es lautstark aus den hellen Kinderkehlen, “lasst uns froh und munter sein.“ Artig gehen die Kinder anschließend hintereinander zum Bischof und bekommen von ihm einen Schokoladennikolaus geschenkt. Auch die beiden Flüchtlinge freuen sich riesig darüber.

Maryam überlegt kurz. „ Der Nikolaus ist ähnlich wie der hl. Sankt Martin. Der trägt auch einen roten Mantel und war gut zu einem Bettler. Nur er war römischer Soldat, geboren in Pannonien dem heutigen Ungarn aber in Pavia in Italien aufgewachsen.“
„Die Schokolade esse ich jetzt sofort“, lacht Ileas. „Nein!“, ruft Maryam. „Wir nehmen die Schokomänner mit zu den Eltern und geben ihnen auch etwas ab.“ „Du hast ja so recht ich habe nur an mich gedacht.“
Bischof Nikolaus tauscht nun den Schlitten mit Väterchen Frost. Eingepackt in einen warmen, langen Mantel mit Pelzkragen, einem breiten Gürtel und einer typisch russischen Pelzmütze.
Neben ihm auf dem Bock setzt sich die bildschöne Snegurotschka. Eine junge Frau mit einem langen, blonden Zopf und einer hellblauen Mütze mit weißem Pelzrand. Der eisblau schimmernde, mit Perlen und silbernen Fäden bestickte Mantel, symbolisiert das zu Eis gewordene Wasser. Mit Schellengeläut können bis zu acht Leute mit dieser Attraktion eine Rundfahrt durch das verschneite Dorf machen. Warm eingepackt in Felldecken ziehen sie mit den schnaubenden Pferden von dannen. Für jeden eine russische, süße Wurst, gibt es gratis dazu. Kalter Hund oder Blutwurst werden aus Keksen, Nüssen, Kakao, Butter oder sonstigen Zutaten hergestellt.

Stapfend gehen Maryam und Ileas weiter durch den knirschenden Schnee zum nächsten Häuschen. Kreative Handarbeiten aus Filz und Patchwork, liebevoll gestrickte, kuschelige Babyjäckchen, Socken und Pullover werden von „Oma Berta“, einer wie ein bunter Hund bekannten Ortsansässigen, feilgeboten. Schon ihre Großeltern und Eltern hatten in der Wachtelgasse den Strick- und Garnladen „Wollkörbchen.“
„Hier duftet es wie in der Heimat“, schnuppert Maryam. Getrocknete, aromatische, orientalische Gewürze gibt es nebenan zu kaufen. Kreuzkümmel, Muskat, Kurkuma, Safran, Curry, Kardamom und viele andere Gewürze.

Sercan ein Deutschtürke, versucht gerade einem Mann Muskatnüsse zu verkaufen. “Hey, isch dir geben 3 für 2 weisste! Isch schwöare, beste Ware, Korrektheit!“
„Der würzig, warme Duft erinnert mich an mein Lieblingsessen von Großmama„ Sujuk Wurstrollen aus Aleppo. Sie wird mit einem Tuch umwickelt und an kalten Tagen für eine Woche auf den Balkon gehangen. Aus Rind-oder Lammhackfleisch hergestellt, gewürzt mit Pfeffer, Kamun, Baharat, Paprikapulver, Salz, Bockshornklee und Knoblauch. Dazu Granatapfelsirup. Ileas treten Tränen in die Augen. Maryam legt tröstend den Arm um ihn. „Wird schon wieder Bruderherz.“ Auch aus der nächsten Verkaufsstelle kommt ein die Sinne betörender Wohlgeruch.

Fatma eine dunkelhaarige, arabische Schönheit mit tiefdunklen, kajalumrandeten Augen handelt mit filigranen, gläsernen und handbemalten Designflakons. Darin sind winzige Mengen von sinnlich, schweren Duftölen. Jeder Parfumbehälter ist ein Unikat. Weihrauch, Myrrhe, Minze, Zeder, Damaszener Rose und Jasmin-Odeur lockt vor allem die Frauen an.
„Sieh mal dort an dem Stand brennt ein kleines Feuer.“ Hautnah erleben sie Kjell Löfgren, einen schwedischen Glasbläser wie er die Luft durch ein langes Metallrohr in einen glühenden Tropfen aus geschmolzenem Glas bläst. Dann erklärt er verschiedene Techniken die in einer Glasbläserei angewendet werden um all diese wunderschönen Glasartikel herzustellen. Aus „Glasriket“, dem weltbekannten Glasreich in Smaland, kommt das hochwertige Glasdesign von einzigartiger Schönheit und vielfältigen Farbfacetten.

„Hallo liebe Kinder seid ihr alle da?“ „Jaaa!“, schreien die Kinder deren Augen vor freudiger Erwartung leuchten. Am Endes des Weihnachtsmarktes steht ein kleines, buntes Häuschen, Karel Mikovas Kasperletheater. „Die Froschereien oder was ist Weihnachten?“, heißt das Puppenspiel. Das kleine Publikum sitzt lachend auf Holzbänken davor und ruft den Stabpuppen etwas zu. „Sieht ja sehr lustig aus. Nächstes Jahr können wir vielleicht verstehen was sie sagen und spielen.“
An der Eisbahn inmitten der glanzvoll, leuchtenden Tanne bleiben die Geschwister stehen und sehen den Schlittschuhläufern zu. Zu Klängen wie, Rockin around the Christmas Tree, drehen diese unbeschwert ihre Runden. Ungelenk fahrende Anfänger, gekonnt Pirouetten drehende Fortgeschrittene, händchenhaltende Pärchen gleiten sanft über das Eis. Es sieht witzig aus wenn jemand, beim eleganten Schleife drehen, hinfällt und versucht wieder aufzustehen. Einige haben lustige Eisbär- Elch- oder Zipfelmützen auf dem Kopf.

Die Jugendlichen essen ihr typisches Fastfood an einem Stand, der ganzjährig an der Wiese steht. „De Pan-Besitzer“ Aart Tuinier bruzelt zusammen mit seiner thailändische Frau Joy für die Kidis, Friet Special mit Mayo und Zwiebeln, Thai- Bami und Curry, Kipskorn und Kroket und die holländische Frikandell Wurst.

Schwupps, knallt ein Schneeball in Ileas Genick. „Oh warte du kleiner Schlingel, das bekommst du zurück. Schnell bückt er sich, formt eine Kugel und wirft diese dem weglaufenden Kind hinterher. Einige übermütige Kinder bieten sich eine zünftige Schneeballschlacht auf der verschneiten Wiese. Über den Streich grinsend, fegt Maryam mit der Hand den Schnee von Ileas Jacke.

Neben der Eisbahn stehen noch ein Häuschen und die mobile Cafeccinobar „Kleiner Muck“. Neben Kaffeespezialitäten gibt es noch weihnachtliche Leckereien. Saftige Zimtsterne, nach Butter und Vanille duftendes Spritzgebäck, feinmürbe Vanillekipferl, herb-süße, exotische Printen, würzig-nussiger Lebkuchen und Motivgewürzspekulatius aus der Weihnachtsbäckerei. Eine Vielfalt von gebrannten Mandel in den Sorten, Prosecco, Rum, Sandorn, Chili, Eierlikör, Karamell und noch viele andere außergewöhnliche Geschmacksrichtungen lassen keine Wünsche offen.

Sehr kunstvoll sind die von den „Chocolatiers“, dem Belgier Laurent Galler und seinem Schweizer Kollegen Mattheo Hefti, hergestellte preisgekrönte Pralinen, Rumkugeln, Trüffel und Nugat.
Originell sehen die Dörrpflaumenmännchen aus. Auf Blumendraht gesteckte getrocknete Pflaumen und Feigen, eine Walnuss als Kopf, ein kleines Stoffdreieck für die Zipfelmütze und etwas Watte für den Bart und schon ist das Männchen fertig.
Auf der Verkaufstheke stehen Teller mit Probehäppchen des Naschwerks. „Komm, wir probieren einmal etwas von den Köstlichkeiten ich habe schon ewig keine mehr gegessen.“ Maryam zieht ihren Bruder am Ärmel und schüchtern nehmen sie sich einige Stückchen. „Das schmeckt fantastisch, hoffentlich bekommen die Eltern bald Arbeit damit wir uns wieder etwas leisten können.“ Gedankenverloren knabbert sie an einem Gebäckstückchen.

Vater Ali Sabia arbeitete in Damaskus in einem großen Schlachthof, zerteilte Rinder, Lämmer, Geflügel und verarbeitete das Fleisch zu Merguez und Sucuk Würstchen.
Seine Frau Hafida Sabia war Krankenschwester. Täglich fuhren sie mit dem Auto von Maalula, dem kleinen Heimatdorf, über eine schlecht befahrbare Straße zirka 6 km bis zur Autobahn und dann in die Stadt.
Eingebettet zwischen steil aufsteigenden Felsen des Qalamungebirges liegt das geschichtsträchtige Maalula. Wie Vogelnester kleben die würfelförmigen, gelb oder blau gestrichenen Häuser übereinander geschachtelt an den bizzaren Felsen. In den heißen Sommern liegt das Dorf kühlend unter dem wolkenlosen Himmel und dem leuchtengelben Licht der Sonne. Im kurzen, schneereichen Winter liegt es grau und still.

Katholische und griechisch-orthodoxe Christen leben hier Tür an Tür mit ihren muslimischen Nachbarn. Hoch über dem Ort auf einem Felsplateau steht die blau gewandete Gottesmutter Maria, segnend und schützend . Aber ihr Schutz nutzte nichts. Brutale Kämpfe von Dschihadisten zerstörten viele Häuser und vor allem die nie wieder zu ersetzenden, Jahrtausende alte Stätten des Weltkulturerbes. Das Kloster der hl. Thekla war Ziel unzähliger Pilger aus aller Welt. Aus dem 4. Jh.n.Chr. das Kloster und Kreuz des hl. Sergius, es gehörte zu den ältesten Klöstern der Welt. Alles wurde unwiederbringlich dem Erdboden gleich gemacht. Uralte, wertvolle Ikonen wurden zerhackt und geschichtsträchtige Bibeln verbrannt. Gestohlene, wertvolle Antiquitäten und antike Kulturschätze werden vom IS unter anderem zum Erwerb von Waffen verkauft.

Friede auf Erden? Es gab und gibt immer Menschen mit verwirrten, kranken Gedanken die niemals Frieden gewähren. Wir leben jetzt in einer Zeit der geistig Minderbemittelten und was sie dem Volk einträufeln, das macht einem richtig Angst.
Ob Mutter Hafida Sabia überhaupt noch einmal arbeiten kann ist fraglich, sie ist schwer traumatisiert. Nachts wimmert und schreit sie oft im Schlaf. Der Verlust der Eltern und des kleinen Sohnes lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Was ihr sonst noch widerfahren ist darüber spricht sie nicht.

Die Nase kitzelndes Kaffeearoma mit leichtem Schokoduft, strömt aus einem Kaffeemobil. Adriano der Italiener serviert dampfend heißen Arabica Kaffee, cremigen Cappuccino, starken Espresso und milchgeschäumte Latte Macciato. Nicht gerade italienisch verkauft er auch grünen Tee aus einem wunderschönen, alten, goldfarbenen russischen Samowar. Außerdem schlürft man bei ihm Sekt oder Champagner aus stilvollen Gläsern.

„Ecco il suo caffe`, bella donna”, flirtet Adriano und reicht eine große Tasse Kaffee an eine junge Frau. „Prosecco?“, schäkert er mit der danebenstehende Blondine und grinst.
Heiße Maroni!“, ruft der Schwarzafrikaner Abdul Abedi. Er hat eine witzige Weihnachtsmannmütze auf seinen Dreadlock Haaren. Bei Knopfdruck bewegt sie sich hin und her und spielt „Rudolph the red nosed Reindeer.“ Mit seinem breiten Grinsen sieht man seine makellosen, weiße Zähne. In der Grillpfanne seines Gasgrills knistern geröstete Esskastanien. Mit einem scharfen Messer ritzt er die harte Schale der Maronen kreuzförmig ein, legt sie in die heiße Pfanne und wartet bis sie aufplatzen. „Kleine Tüte 3 Euro, große nur 5 Euro!“ „Und für die junge Dame“, ruft er einer älteren Frau zu, “Kigelia Anti-Falten-Creme.“ Gleichzeitig verkauft er Tiegel mit Creme, die Fruchtextrakt des afrikanischen Leberwurstbaumes beinhaltet.

Glockengeläut ruft zur Abendandacht, die Kirchturmuhr schlägt sechs mal. „Oh je wir haben die Zeit vor lauter gucken vergessen. Wir müssen nach Hause gehen sonst macht Mutter sich Sorgen“, sagt Ilea.
„Hallo Maryam!“ Antje und Kira zwei nette, freundliche Mädchen aus ihrer neuen Klasse sind mit ihren Eltern da. Sie sprechen die Beiden auf Englisch an. „Gefällt euch der Weihnachtsmarkt? Kommt doch morgen Abend in die Kirche. Unser indischer Pfarrer Thomas Shaya hält dort eine kleine Adventfeier.“

Kira erklärt weiter, „der Gospelchor wird singen, der Grundschulchor spielt Blockflöte, zwei Frauen tragen Gedichte vor und der Bürgermeister liest eine Adventgeschichte. Zum Abschluss wird ein christlich-muslimisches Oratorium die Geburtsgeschichte Jesu aus Sicht beider Religionen aufführen. Anschließend treffen wir uns im Pfarrhaus zum geselligen Bratapfel- und Waffelessen. Dort spielt „Seelentröster“, die heimische Jugendband ein Medley interessanter Lieder wie „ The Ragpricker`s Dream, Streets of London“ oder „Stop the Cavalry.“ Alles Songs die zum Nachdenken anregen. Und wenn es euch gefallen hat, am 2. Adventsonntag führt das Laientheater aus dem Nachbarort die Version „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ auf.“ (Ein Märchen eines erfrierenden Mädchen in der Silvesternacht, von dem dänischen Dichter und Schriftsteller Hans Christian Andersen. Er erzählt über die Eiseskälte der Gesellschaft, über menschliche Einsamkeit und die Erfahrung des modernen Menschen um das Entwurzelt sein).

„Am 3. Adventsonntag liest dann eine Abiturientin die Geschichte von Gudrun Pausenwang „Angsttraum“ vor und noch einige andere schöne Lesungen“, erklärt Antje. (Ein Ausschnitt der Geschichte „Angsttraum“ die in Schwarzafrika spielt).
„Das Bad mussten wir mit einer anderen Familie teilen. Im selben Haus wohnten noch Italiener, Franzosen, Engländer und Polen. Lauter Weiße. Und auf der Hauswand gleich unter unserem Fenster stand groß hingesprüht: AUSLÄNDER RAUS! Und darunter: WEISSE SIND SCHEISSE!“.

„Der Höhepunkt wird der 1. Weihnachtstag sein. Vom Kirchturm aus 25m Höhe rufen vier Turmbläser mit ihren Blechinstrumenten die Gläubigen zur Festmesse, „Herbei, oh ihr Gläubigen.“
„Hier hast du ein Programmheft für die Weihnachtszeit. Vielleicht kann es jemand für euch ins Englische oder Syrische übersetzen. Auch wenn ihr nicht alles versteht wird es euch schön warm und heimelig ums Herz werden. Wir würden uns wirklich freuen wenn ihr kommt und noch einige andere Flüchtlinge mitbringt.“ „Thank you, wir werden mit unseren Eltern sprechen“, erwidert Maryam, nun müssen wir aber schleunigst gehen.“

Im schummrigen Dunstschleier auf der Brücke, dreht im gleichmäßigem Tempo der Berliner Athanasius Kircher, seine aus den 30er Jahren stammende Drehorgel. Traurig-schöne Töne kommen aus dem Leierkasten.
In jener Nacht, wo keine Sterne blinken, wo keines Auswegs Hoffnungsstrahlen winken, schrick nicht zurück, das Glück es wird nicht sinken.
Leicht rutschend über den gefrorenen Schnee erreichen sie die andere Dorfseite.


Im vierten Haus neben dem Hotel werden gerade die Klappläden geöffnet um das 13. Adventkalenderfenster zu zeigen. Ein Pulk Leute stehen davor und stimmen ein Adventlied an. „Frieden auf Erden den Menschen die guten Willens sind“, ertönt es durch die frostige Abendluft. Im Fenster zündet eine alte Frau mit einem langen Zündholz eine dicke, rote Kerze an. Geschmückt mit Rauschgoldengel, Wichteln und Fensterbildern sieht es sehr stimmungsvoll aus. Nach vortragen einer Geschichte, eines Gedichts oder Liedes gibt es vom Hausbewohner ein warmes Getränk und heiße Brühwürstchen. Hier im Ort ist es Brauch an verschiedenen Häusern, vom 1. bis 23. Advent, ein Fenster festlich zu schmücken. Am 24. Advent gibt es dann am Nachmittag eine Andacht in der Luziakapelle, ein echtes Kleinod im Fachwerkstil. Das ist seit ewigen Zeiten ein unvergleichliches Erlebnis.

„Erinnerst du dich noch dass wir in der Kirche auch Krippenspiele vorgeführt haben. Die Wohnung festlich geschmückt war und am heiligen Abend alle zusammen in der großen Küche um den Tisch gesessen sind und unser traditionelles „Makluba“, Hähnchenstücke in Basmatireis mit Aubergine, Zwiebel, Kartoffeln gewürzt mit Pfeffer, Salz, Paprika und Kurkuma, dann noch mit Mandelblättchen bestreut, dazu Joghurt-Minzsoße verspeist haben,“ sagt Maryam bekümmert. „Und die leckeren Kibbe, frittierte Hackbällchen, die Oma gemacht hat“, antwortet Ileas.

Es wird ein schmerzliches Weihnachtfest werden das Heimweh nagt an ihren verwundeten Seelen. Bekleidet mit einem schweren, wärmenden Umhang, schwarzem Schlapphut, Wanderstab und brennender Laterne in der Hand, geleitet der traditionelle Weihnachtsnachtwächter Anton, die letzten Nachtschwärmer durch den wieder einsetzenden Schneefall sicher nach Hause.

„Gott muss wachen,
Gott muss schützen.
Herr durch deine Güt` und Macht
gib uns eine gute Nacht!“,
ruft er in die frostige Stille des schlafenden Dorfs.

Ein Zweig namens Alter Brach ab um ein Haar
Zweig ihres Namens Die Sehnsucht: wie Lanzen
Und die Wörter verflechten sich Wir machen mit – Unsere Geschichte
Und ihre traurigen Momente All die Wolken der Hoffnung Sind Fährten nur
Der Regen brachte keine Rettung
Weder das Verweilen noch das Reisen Haben uns zu uns selbst geführt
Friede sei unsere Wunde Unser Haus quillt über von ihrem Wasser
Die Bäume um das Haus, die Blumen Verschlingen ihre Kelche
Enttäuscht vom Sinn Verraten von den Bilder
Was werden wir sagen und was erwarten wir noch?

Adonis syrischer Dichter

Vital Schreibwettbewerb 2016
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Vital Schreibwettbewerb 2016

Gewinnertexte 2016 | Platz 2: Wurst-Heimat: Heute, morgen und für immer!

Emma hatte mit 19 Jahren gerade das Abitur bestanden und damit war ihr eines klar: Nichts wie weg aus dem Dorf und endlich hinaus in die große weite Welt. Sie wuchs auf in einem Dorf bei Usingen – Pfaffenwiesbach. Allein der Name schon war Emma ein Graus, wenn sie diesen angeben musste.
Auf diesen Tag hatte sie sehnlichst gewartet: Der Tag an dem sie in die Großstadt nach Frankfurt ausziehen konnte. Sie fand eine schnuckelige ein - Zimmer – Wohnung in dem schönen Ortsteil Sachsenhausen. Nach 5 Jahren Bachelor- und Master - Studium bewarb sie sich in mehreren Marken-artikelunternehmen und startete das Marketing-Trainee-Programm bei einem großen Kosmetik-Hersteller Frankfurt. Emma war am Ziel ihrer Träume. Das hatte sie sich genau so vorgestellt und alles verlief „ wie am Schnürchen“. Das Trainee-Programm war noch die Praline, die sie sich gewünscht hatte.


Von nun an wurde sie stets gefördert und nach und nach befördert. Nach erfolgreichem Trainee-Programm wurde sie schließlich Assistent Manager und betreute eine sehr bekannte Gesichtspflege-Marke. Nun verdiente sie auch ein gutes Gehalt und konnte sich damit schöne Urlaube finanzieren.


Ein Ziel davon war Australien. Das Mega-Ziel von Emma. Emma fuhr nach Australien mit einer guten Freundin namens Lotta, die mit ihr damals für das Abitur lernte. Sie bereiteten die Reise gut vor. Es gab es vorab eine Dia-Show über Australien, zu der beide vorab hinfuhren. Hier holten sich beide Tipps für ihre Reise. Da wurde erzählt über Adelaide, Sydney und Brisbane. Der Referent erzählte ferner über den Ayers Rock und die Faszination des Outbacks. Beide wussten nun, dass sie mit einem guten Reiseführer, Rucksack und Zelt im Gepäck bestens ausgestattet waren, um ihrem Traum-Kontinent endlich zu begegnen.


Sie genossen die große Reise in vollen Zügen. Emma und Lotta hatten ein Mietauto, zelteten und genossen jede Minute in Australien. Die Stadt Sydney hatte für beide etwas Faszinierendes. In Adelaide hörten sie von einem deutschen Hahn-Dorf. Das fanden beide toll und wollten es sehen. Hier hatten sich Deutsche, die vor vielen Jahren dorthin ausgewandert waren, niedergelassen. Sie fuhren mit ihrem Mietauto hin und trauten ihren Augen nicht. Da gab es am anderen Ende der Welt so viele Deutsche, die sich einem kleinen Dorf niedergelassen hatten und ein Geschäft führten. So langsam wuchs ein Gefühl in Emma, das sie nicht für möglich gehalten hatte: Heimat- das Essen, das war es, was sie liebte und vermisste. Selbst, wenn sie blind gewesen wäre, sie hätte beim Betreten des Ladens am Geruch erkannt, dass sie in einer deutschen Bäckerei ist. Da roch es so gut nach Brot und Backwaren.


Auf einmal schoss es ihr in ihr geistiges Auge: Es roch so gut wie in ihrer Heimat wie in der Bäckerei Schmidt damals. Der Duft war wie Heimat-Parfum und Emma liebte Parfum und sammelte seit ihrem 8. Lebensjahr Flacons, Miniaturen und auch Facticen. Tolle Gerüche waren einfach etwas unbeschreiblich Schönes, das im Gehirn wie eine eigene faszinierende Welt für sie war. Emma hätte nie zuvor gedacht, dass durch diese Gerüche ihre Sinne so intensiv angeregt wurden. Irgendwie war dieser Duft in ihrem Gehirn abgespeichert, denn Emma hätte diesen Duft mit verbundenen Augen sofort erkannt. Da merkte sie, was sie so als Einziges so bisher vermisst hatte: Deutsches gutes Holzofenbrot. Und dann noch deutsche Butter.. mehr braucht es doch gar nicht. Aber halt… da gab es direkt eine deutsche Metzgerei gegenüber. Genau das war es jetzt noch: Gute deutsche Wurst. Emma liebte schon seit Kindheitstagen Gelbwurst.

Die Freundinnen gingen in die Metzgerei und bei dem Geruch war Emma wieder klar, wie sehr sie deutsche Wurst schon als kleines Mädchen mochte. Na, ja die bekam sie auch immer geschenkt, wenn sie mit der Oma, die in Stuttgart lebte, einkaufen ging. Dort trafen sich die Leute und man redete. Im Dorf hielten die Leute zusammen und kannten sich alle untereinander. Beide konnten es nicht glauben: Ein Stück Heimat …. und es bedarf nur gutem deutschen Brot und der so allseits geliebten deutschen Wurst.
Sie konnten es nicht erwarten endlich diese Milchbrötchen, die sie sich hatten aufschneiden lassen, mit Gelbwurst zu belegen und dann noch auf der nächsten Parkbank zu verzehren. Da brauchten beide kein Steak, kein Lachs und kein Kaviar. Das war einfach göttlich.
Beide Freundinnen reisten noch in das Outback, sahen endliche den Ayers Rock und spürten die Begeisterung von diesem roten Stein-Monument und sahen das Outback. Zum ersten Mal in ihrem Leben sahen sie eine Bananen-Plantage. Emma erinnerte sich da an die Frage in einer Klausur in ihrem Bio-Leistungskurs: Erklären Sie, warum die Banane krumm ist! Die Bananen hangen an den Stauden und wuchsen in den Blättern. Diese Blätter richten sich nach der Sonne und neigten sich gemäß der Schwerkraft der Erde nach unten. Das alles mit eigenen Augen zu sehen, waren unbeschreiblich tolle Erlebnisse. Genauso toll war es am Great Barrier Reef. Das glasklare und azurblaue Meer, die betörende Welt der bunten Fische mit ihrem Aussehen und die so unendliche und facettenreiche Farbenvielfalt. Und dazu ganz viel Sonnenschein. Ein Ort, wo ein Traum einfach Wirklichkeit geworden war.


All‘ das waren Momente, die die Reise für die beiden unvergesslich machten. Nach 3 Wochen schließlich war die Reise zu Ende und sie flogen zurück. Emma war schnell wieder „im Hamsterrad“ ihres Jobs. Sie liebte ihren Beruf. Doch dieser hatte auch seinen Preis. Bei Produkt-Neueinführungen wurde abends lange gearbeitet. Manchmal galt es auch so einiges am Wochenende noch vorzubereiten. Das war irgendwie nie ein „9 to 5 job“, so dass sie pünktlich hätte gehen können.
Na.. ja sie verdiente auch viel Geld und konnte sich davon so viel kaufen. Hier und da ließ sie viel Geld in exklusiven Boutiquen. Sie kaufte sich teure Handtaschen und Schuhe und musste nicht auf den Preis achten. Mittlerweile wohnte sie in einer drei- Zimmer-Wohnung in Bad Homburg. Für 75 qm bezahlte sie 950 Euro kalt. In ihrer Heimat hätte sie womöglich davon ein kleines Häuschen mieten können. Doch am Wochenende mal schnell nach Paris hin und zurück fliegen und hier und da war sie bei Kollegen und Freunden auf tollen Partys eingeladen. Das war das Leben, was Emma sich leisten konnte.


Und natürlich musste sie hart für die Karriere arbeiten. Und stets war die Devise: Auf zum nächsten Ziel in ihrer Karriere. Nach zwei Jahren wurde Emma wieder befördert zum Junior Manager. Sie erhielt wieder eine prima Gehaltserhöhung und war mittlerweile auch viel für ihr Unternehmen unterwegs. Sie war in Madrid, London, Paris, Kopenhagen und sogar in New York. Wunderschön waren die Flüge nach Monaco in die Fabrik, die die Cremes für das Gesicht produzierten. Der Geruch in der Kosmetik-Fabrik war immer wieder eine unbeschreiblich schöne Duft-Komposition.


Hier flog sie immer nach Nizza und dann mit dem Helikopter über das Meer nach Monaco. Emma genoss es in vollen Zügen und blieb oft übers‘ Wochenende in Nizza. Hier fühlte sie sich manchmal reich beschenkt wie eine kleine Prinzessin. Das war in den ersten Jahren immer klasse. Emma sah aber auch viele Flughäfen und viele Hotels und nicht immer was von der Umgebung. Sie merkte auch oft, dass sie sich in den Hotels abends so alleine und einsam fühlte.
Nur sie stellte immer wieder fest, dass sie sich bei längeren Aufenthalten auf ihre Heimat freute. Das hätte sie niemals gedacht. Je schlechter das Essen im Ausland war, umso mehr wusste sie ihr gutes deutsches Brot und ihre geliebte Wurst in Deutschland zu schätzen. Es gab Tage in England... da lief ihr schon das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an ihr Essen in Deutschland dachte. Irgendwie ist Essen doch Heimat. Das merkte sie, wenn sie im Ausland war. Und irgendwie dachte sie an warme bzw. liebevolle Gefühle aus ihrer Kindheit. Als Kind liebte sie immer an Kinder-Geburtstagen das Wurstschnappen mit Frankfurter Würstchen, denn die schmeckten kalt und warm genauso gut. Sie erinnerte sich an Gerüche und die schönen Erlebnisse mit Oma in Stuttgart, wenn sie mit ihr in den Metzgereien einkaufen ging und ihre geliebte Gelbwurst geschenkt bekam. Oder auch in der Metzgerei ihrer Eltern. Da bekam sie von ihren Eltern die leckere und begehrte Fleischwurst – ob warm oder kalt am Stück. Für Fleischwurst und Gelbwurst hätte man Emma nachts wecken können. Irgendwie wurde ihr das Thema - Wurst und Heimat - für ihr Leben immer bewusster.


Nie hatte sie eigentlich gewusst was Heimat ist. Doch genau das machte - Heimat - aus. Aber was ist eigentlich Heimat? Ja… das ist nicht nur der Baum, das Haus, die alte Schule ... das sind so schöne Erlebnisse, aber auch eben all das, was es im Ausland gar nicht gab. Und da war das gute Essen wie Wurst mit gutem deutschen Brot und keinem Toastbrot. Tja… und Toastbrot schmeckte im Ausland immer wie Gummibrot oder Wattebällchen und war irgendwie geschmacklos.
All‘ dieser Wert ihrer Heimat wurde ihr im Ausland regelrecht vor Augen geführt.


Eines Tages musste Emma für ein internationales Seminar nach San Francisco in die USA fliegen. Alle beneideten sie um diese Reise. Sie wohnte in einem idyllischen Hotel in der Nähe der Serpentin-förmigen Straße von San Francisco - der Lombardstreet -. Von dem Hotelzimmer hatte sie einen traumhaften Blick auf das Meer und auf das bekannte Gefängnis Alcatraz, das auf einer Insel in der Bucht von San Francisco nur etwa 500 Meter lang war. Hier lebte einst der legendäre Al Capone und der große Magier David Copperfield führte 1987 eines seiner Zauber-Experimente durch.


Ihr Seminar „Online Marketing“ war interessant. Es gab viel zu lernen, jede Menge Business-Talk und Kollegen aus aller Welt. Morgens im Hotel gab es Toastbrot, Marmelade und Käse. Mittags während des Seminars gab es jedes Mal Pizza. Leider! Abends ging sie nach dem Seminar mit anderen Teilnehmern zu Mac Donalds und aß in den USA einen Hamburger und trank Coca Cola. Emma fühlte sich nicht gut nach dem Frühstück und Mittagessen. Sie freute sich schon wieder auf zu Hause. Das Seminar endete nach 3 Tagen und Emma flog mit Vorfreude zurück nach Deutschland. Sie freute sich auf ihr eigenes Bett und ihre gemütliche Wohnung. Das war einfach immer gemütlicher und schöner als die teuersten Hotelzimmer.


Selbst das Essen im Flugzeug war ja nicht besser. Irgendwie schmeckte es immer gleich. Das Beste im Flieger war noch der Tomatensaft mit Eiswürfeln und Pfeffer. Das war es aber auch schon.
Am Wochenende war sie müde und musste ihr Jet-Leg wieder in den Griff kriegen. Aber als sie zu Hause ankam, ging sie gleich mal in den Supermarkt, um Brötchen und Wurst einzukaufen. Kaum ging es ihr besser - da begann eine neue Woche und sie musste wieder hart arbeiten. Dieses Mal war alles anders. Emma saß im Meeting-Raum und da war dieser Aha-Moment bzw. Moment ihres Lebens, den Emma auf einmal erfasste: Heimat! Das ist es! Was gab ihr der Job noch Tag für Tag?
Jeden Tag im Kostümchen hart arbeiten, für das schwer verdiente Geld Dinge bzw. Luxusgüter kaufen, die sie nicht wirklich brauchte.


Sie spürte Oberflächlichkeit und in ihrer Wohnung Anonymität und irgendwie sah sie keinen Sinn mehr in ihrer materiellen Welt. Sie merkte, dass sie viele Dinge gar nicht brauchte und dass diese ihr gar nichts mehr geben konnten. Die wahren Schätze sind doch mit Geld gar nicht zu bezahlen: Herzlichkeit, ein schöner Ort, wo jeder jeden kennt, Vertrautheit, Sicherheit und einfach gutes Essen wie Wurst und gutes leckeres Brot.
Das, was sie so intensiv vermisste, erlebte sie in ihrem Heimatdorf. Da hätte keiner sich anonym gefühlt. Jeder hilft jedem. So spießig war das aus heutiger überhaupt nicht mehr für Emma.
Das Meeting rauschte an ihr nur so vorbei. Sie merkte auf einmal: Das ist es doch alles nichts mehr für sie. Ihr ging ein Licht auf. Die „Jalousie für diesen Job ging in ihrem geistigen Auge runter“ und ihr dämmerte es. Sie war hier irgendwie im falschen Kostüm. Der Ort war falsch und der Job ging für sie zu Ende. War das alles nur ein Schein? Oder sollte ihr das alles nur aufzeigen, was wirklich wichtig ist im Leben? Heimat hatte mit im Alter von Anfang /Mitte 30 für Emma einen ganz anderen Stellenwert in ihrem Leben erhalten. Der alte Job „war ihr irgendwie Wurst“ im wahrsten Sinne des Wortes; doch Wurst und Heimat waren ihr nicht egal.


Doch es dämmerte Emma. Irgendwie machte alles doch Sinn: Die elterliche Metzgerei gepaart mit der Expertise, die sie in ihrem Job erlernt hatte. All‘ das konnte sie doch jetzt miteinander verbinden.
Der Betrieb ihrer Eltern war zu klein aufgestellt; hatte aber Spezialitäten, die die Dorfbewohner liebten und kannten. Doch das Business mit der Wurst musste einfach größer aufgezogen werden.


Emma war ganz klar mit sich. Alles fügte sich zusammen und ergab seinen Sinn. Sie sah es förmlich vor ihren Augen: Zurück in die Heimat und die Wurstspezialitäten bekannter machen für die weite Welt. Alle Deutschen und deutsche-Wurst-Anhänger lechzen nur so danach nach deutschen Wurst-Spezialitäten. Ihre Eltern hatten zwar tolle Wurst mit einzigartigem Geschmack, doch Emma war einfach kreativ und hatte das Unternehmer – Blut in den Adern. Für sie stand fest, dass sie das Business viel größer aufziehen kann. „Wurst mit Herz“ - das war so ihr Slogan, an den sie dachte. Ob dann bestimmte Wurstformen in Herzformen verkauft werden – das überlegte sie sich noch. Das was Herz hat, sollte irgendwie auch mit Herz verkauft werden. Und der legendäre und einzigartige Fleischsalat (in kleinen Würfeln geschnitten und mit einzigartiger Joghurt-Sauce) aus der Metzgerei ihrer Eltern mit seinem eigenen persönlichen Rezept sollte vermarktet werden. Genau wie die hessische Rindswurst, die es nur nach Geheimrezept ihrer Eltern mit Käsefüllung gab. Und es wäre doch irgendwie schade, wenn die gute deutsche Blutwurst, die es ja nun wirklich gab, irgendwann „vom Aussterben bedroht wäre“. Die Leute müssten die Blutwurst einfach nur probieren und schon wäre fast jeder begeistert. Nur der Name war für viele oft ein Hindernis.

Und der Liebe zur Region im Taunus und zum Land Hessen wollte sie gleichzeitig auch damit „einen Raum geben“ und ordentlich Werbung betreiben. Der Taunus mit seinem Wald und geheimen Orten rief etwas Gewohntes in jedem hervor. Hier ein schönes Picknick mit geschmierten Wurstbroten und einem guten Bier aus der Region. `“Wer weiß“, so dachte sie , werden vielleicht eines Tages Touristen hin pilgern, um dort die Original-Wurst-Spezialitäten zu kaufen.
Jetzt galt es nur noch alles in die Tat umzusetzen und ihre Eltern davon zu überzeugen. Da ging es ihr im wahrsten Sinne „jetzt um die Wurst“. Sie fuhr zu ihren Eltern und erzählte von ihren Plänen. Die Eltern von Emma waren mehr als sprachlos, denn niemals hätten sie sich träumen lassen, dass ihre Tochter sich für Wurst und die familiäre Metzgerei interessieren könnte.


Emma wusste plötzlich, dass für sie Heimat mit Herz verbunden ist. Und Herz und Herzenswärme sind wichtig im Leben. Genau das war ihr Weg und den musste sie gehen. Sie sah sich schon förmlich als erfolgreiche Metzgerin und Managerin von Wurstwaren. Denn es galt: Wurstwaren in Deutschland einfach am Markt zu erhalten, das Geschäft auszubauen und in die weite Welt bringen. Schließlich waren auch viele Metzgereien (und auch Bäckereien) in den letzten Jahren aufgrund der Supermärkte geschlossen worden. Wie schade doch eigentlich! Irgendwie ein Stück Kulturgut! Emma fühlte sich regelrecht dazu berufen all das für die nächsten Generationen zu bewahren. Ihre Arbeit sollte damit eine Hommage an die Wurst und ihre Heimat sein!
„Keine kleinen Brötchen mehr backen“, sondern gute für die Wurst im Geschäft mit verkaufen. Frei nach dem Motto „ nicht mehr kleckern, sondern klotzen“.


Sie dachte auch daran, beliebte Rezepturen oder Spezialitäten in Lizenz von großen Wurstfabriken produzieren zu lassen, um den Umsatz zu erhöhen, die Wurstsorten einem größeren Teil der Deutschen zugänglich zu machen und die Bekanntheit dieser Wurst-Sorten deutlich auszubauen. Aufgrund ihrer Urlaubs-Erfahrung hatte sie die Überlegung, dass es möglich sein müsste, diese Spezialitäten auch im Ausland kaufen zu können. Sie hatte ja gelernt aus Ideen Produkte zu kreieren, auf den Markt zu bringen und diese als Marken auf- und auszubauen.


Und dass ihr Heimat auch nur ein bisschen was bedeuten könnte, hätte sie sich nie zu träumen gewagt, denn Emma war doch so die Managerin und Karriere-Frau. Sie wollte ja nie so ein Leben wie Ihre Mutter führen und immer hinter der Theke stehen. Nein ..eigentlich nicht. Sie sagte immer zu ihrer Mutter: „ Mama ..wie oft willst du noch am Tag sagen: „ Darfst eine Scheibe mehr sein?“ Doch das Leben geht manchmal seltsame Wege. Niemals hätten Emmas` Eltern zu träumen gewagt, dass sie ihren Betrieb in die Hände ihrer eigenen Tochter geben können. Doch jetzt waren die Eltern überglücklich, dass die Tochter nicht nur die Metzgerei übernehmen wollte, sondern dass sie Wurstprodukte auch ganz groß rausbringen wollte mit ihren eigenen Ideen.
Kaum war Emma wieder in ihre Heimat zurück gezogen – da genoss sie es in vollen Zügen morgens gute Brötchen mit Wurst zu essen mit ihrem so geschätzten Kaffee. Und abends liebte sie wieder so sehr ihre gute alte Brotzeit mit dunklem Brot, Butter, guter deutscher Wurst und trank auch ab und zu gerne ein Glas Apfelwein dazu. Nur durch ihren Job lernte sie eigentlich zu schätzen, dass ihr das wirklich was bedeutet. Insofern war sie ihrem materiellen alten Leben dankbar. Erst dadurch bekam das Ganze eine unverzichtbare Bedeutung.

Ihre Erfahrungen schrieb sie in einem Gedicht nieder:
Meine persönliche Entdeckungsreise zur Heimat der Wurst:
Wie weit musste ich gehen,
um zu verstehen -
für was - Heimat - steht,
denn die Liebe zur Wurst niemals geht.
Im Ausland erkennt jeder blind –
was uns mit Wurst verbind`.
Egal ob man sie isst am Stück oder in Scheiben –
die Freude am Genuss wird für immer bleiben.
Wurst kommt vom Schwein oder Rind,
und es mag sie jeder Erwachsene und jedes Kind.
Die Sortiments-Vielfalt nicht nur aus Hessen,
wird jeder, der die Wurst probiert hat, nicht mehr vergessen.
Brot, Butter und Wurst,
und ein Kaffee für den Durst:
Das ist wie ein Morgen mit viel Sonne -
und wir können genießen den Tag mit Wonne.

Und dieses Gedicht hängte sie eingerahmt in ihre Metzgerei, so dass es jeder lesen konnte, der die Metzgerei betrat.
Emma sprudelte nur so vor Ideen. Wurst und Heimat – das wollte sie auch auf einer Website ganz groß rausbringen und vielleicht auch einen eigenen Blog einrichten. Auch wenn es immer hieß: „Alles hat ein Ende - nur die Wurst hat zwei“- für Emma sollte Wurst mit Heimat verbunden sein und einfach nie ein Ende haben. Das Thema ‚ Liebe zur Wurst und Heimat‘ sollte viel mehr Menschen näher gebracht werden; auch auf den modernen Medien.

Und Emma, die gut schreiben konnte, dachte schon daran ihre Erfahrungen in ihrem eigenen Buch zu vermarkten: „Sausage - Love, create and eat“ oder „Wurst und Heimat – eine Liebe“ oder „Heimat – da geht es mit viel Liebe um die Wurst“. Wurst ist sozusagen einfach - Scheibe für Scheibe - ein Stück Kultur für Emmas‘ Heimat. Na, ja der Wurst musste Emma im wahrsten Sinne des Wortes auf „die Pelle rücken“, um zu erfahren, was Heimat für sie bedeutet. Da kamen ihr so viele Ideen in den Kopf. Hauptsache, dass darüber viel mehr Menschen erfahren und davon begeistert werden.

Kurz darauf traf Emma in ihrem Dorf einen alten Schulfreund Florian wieder. Beide sahen sich nach vielen Jahren wieder. Florian besuchte seine Eltern und arbeitete in London als Banker. Obwohl sie schon als Kind im Sandkasten zusammen spielten und sich so lange kannten, hatte es auf einmal gefunkt. Frei nach dem Lied von Klaus Lage „Tausendmal berührt tausendmal ist nix passiert, tausendundeine Nacht und es hat Zoom gemacht“.

Sie trafen sich in den darauffolgenden Tagen und Florian machte ihr einen Heiratsantrag und suchte sich schließlich einen Job in Frankfurt in einer Bank und zog zu Emma ins Dorf. Mit der von Florian professionellen Beratung für den Finanzplan hatte Emma tatkräftige Unterstützung für den Ausbau von Wurst-Spezialitäten national und die Renovierung der Metzgerei sowie die Vermarktung der Wurstsorten. Es war für Emma nun ganz sicher, dass sie Kinder haben wollte, denn schließlich wollte auch sie mal alles weiter vererben und ihren Kindern erzählen was Wurstheimat in Deutschland so alles und im tiefsten Herzen bedeuten kann.

Vital Schreibwettbewerb 2016
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Vital Schreibwettbewerb 2016

Gewinnertexte 2016 | Platz 3: Lillys Heimatgeschichte oder wie Leberkäs das Herz wärmt

Lilly schnappte sich wutschnaubend ihr hellgrünes Hollandfahrrad! Mit glutrotem Kopf warf sie das alte hölzerne Gartentor laut donnernd hinter sich zu. Dabei riss sie sich, zu allem Überfluss, auch noch an der Ramblerrose ihres Torbogens den Handrücken blutig. Der Schmerz ließ die Wut in ihrem Bauch nur noch schlimmer aufkochen. Hastig drückte sie die verletzte Hand an die Lippen, um den stechenden Schmerz zu unterdrücken und das Blut abzulecken. Auch das noch! Eigentlich liebte sie die rosa Schönheit, die sich herrlich duftend um den eisernen Rosenbogen schmiegte über alles. Aber ausgerechnet heute stellte selbst die Rose sich gegen Lilly und wollte sie ärgern. Dann stieg sie hastig auf ihr Fahrrad und fuhr vom Hof ihrer alten Mühle in Richtung Dorfmitte. Der Kies knirschte nur so unter der Last der Reifen, weil Lilly auch viel zu hastig in die Pedale trat. Aber irgendwie musste der ganze Ärger und Zorn nun aus ihr heraus. Vielleicht konnte sie ihn einfach wegstrampeln auf ihrem Fahrrad. Sie trat in die Pedale, was das Zeug hielt. Fast ironisch fröhlich flatterte dabei das geblümte lange Sommerkleid im lauen Abendwind hinter ihr her. Und in dieser Stimmung sollte sie nun ausgerechnet zum Dankesessen der Schülerlotsen, zu dem der Bürgermeister alljährlich einlud. Viel lieber wäre sie in den Wald hinter der Mühle zum Holzhacken gefahren, um sich abzureagieren!


Der ganze Tag war eine einzige Aneinanderkettung von unglücklichen, oder schlimmer noch, katastrophalen Umständen gewesen! Florian, der Mittlere ihrer drei Söhne, befand sich in dem Zustand, den man gemeinhin Pubertät nannte. Nur Gott allein wusste, warum er sich diese furchtbarste aller Bestrafungen für Eltern hatte einfallen lassen. Eben erst konnte man mit ihrem ältesten Sohn Xaver wieder halbwegs normal in Kontakt treten, ohne sich dabei gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Seine Synapsen hatten endlich ihren Dienststreik beendet und eine einigermaßen normale Kommunikation wieder ermöglicht. Lilly hatte gerade Mal ein paar ruhige Monate verbringen dürfen, in denen sie sich von den nervenaufreibenden Eskapaden und Strapazen ihres mittlerweile volljährigen Xavers hatte erholen können. Und nun das! Vor ihr stand der nächste pubertäre Zombie und machte ihr das Leben zur Hölle. Noch viel schlimmer war für sie die Tatsache, dass sie genau wusste, dass sie dieses ganze Elend noch ein drittes Mal würde durchstehen müssen. Denn so viel stand fest, eines Morgens würde auch der jetzt so unendlich süße und liebenswerte kleine Paul in seinem Bett mit einem dicken, fetten Pickel auf der Nase aufwachen. Dann würde auch er zu einem unberechenbaren, penetrant stinkenden und motzenden Monster mutieren. Das hatte ihr damals, als sie ihre alte Jugendliebe Andi geheiratet hatte, um mit ihm eine Familie zu gründen, niemand gesagt. Es war im Moment einfach alles zu viel für Lilly! Sie war schließlich auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Mit Gefühlen und einer Seele, an der nicht alles einfach nur so abprallte. Am liebsten wollte sie den ganzen Krempel hinschmeißen. Die alte Mühle, mit dem großen eingewachsenen Garten, in der sie lebten und die sie von Ihren Eltern geerbt hatte. Aber auch ihre eigene kleine Familie wuchs ihr gerade über den Kopf. Dann auch noch das Hofcafé, das sie in einem Seitengebäude der Mühle betrieb.


Sie strampelte der nun langsam untergehenden Sonne entgegen, wobei das leuchtende Abendrot ihre noch immer vom Zorn geröteten Wangen noch mehr zum Ausdruck brachte. Nach einer Weile war sie am Biergarten des Landgasthofes angekommen. Sie stieg von ihrem alten Rad und suchte, in dem mit Fahrrädern völlig überfüllten Parkplatz, noch ein letztes freies Plätzchen, an dem sie ihren Drahtesel anketten konnte. Offensichtlich hatte ihr das stramme Radeln gutgetan. Die Wut in ihrem Bauch köchelte zwar noch ein wenig, war aber lange nicht mehr so am überschäumen wie noch vorhin, als sie vom Hof der Mühle davongebraust war. Lilly spürte, wie die Wut sich langsam aber sicher in eine gewisse melancholische Traurigkeit verwandelte. Eine Traurigkeit über ihr gesamtes momentanes Leben, dem sie sich irgendwie nicht mehr so recht gewachsen fühlte. Ein Leben, welches nach außen hin eigentlich nicht perfekter laufen konnte. Lilly hatte alles, was ein scheinbar perfektes Leben ausmachte. Einen wundervollen Mann, den sie seit Kindertagen über alles liebte und der sie auf Händen trug. Drei gesunde Jungs, mit denen sie auf einer idyllischen alten Mühle lebte. Und ein Hofcafé, das die mühsame und steinige Erfüllung eines Lebenstraumes war. Eigentlich alles perfekt! Aber es war gerade heute ein Leben, aus dem sie an manchen Tagen am liebsten ausbrechen wollte, weil ihr alles über den Kopf wuchs. Und weil gerade die beiden großen Jungs sie momentan bis an ihre menschlichen Grenzen und oft noch ein gutes Stück darüber hinaus brachten. Kein anderer Mensch auf dieser Welt schaffte es, eine solche Bandbreite an Gefühlen in ihr zu wecken, wie ihre eigenen Kinder. Nur ihre Söhne liebte sie so abgrundtief wie eine Mutter eben ihre Kinder liebt. Aber auch nur um sie sorgte sie sich so sehr, wie um keinen anderen Menschen auf dieser Welt. Ja, und auch nur sie konnten einen solchen Hass oder eine solche Wut und Traurigkeit in ihr hervorrufen, wie kein anderer Mensch, den sie kannte.


Der ganze Innenhof wimmelte nur so vor lauter fesch herausgeputzten Muttis, die es alle offensichtlich sehr genossen, endlich mal wieder ausgeführt zu werden und dabei auch gleich noch den neuesten Dorftratsch auszutauschen. Eingeladen von niemand Geringerem, als dem hübschen jungen Bürgermeister höchstpersönlich. Der wiederum lief gerade zur Hochform auf. Mit glühenden Bäckchen und äußerst charmantem Lächeln lief er von Tisch zu Tisch, schüttelte unzählige zarte Frauenhände, begrüßte und hofierte die Weiberschar. Lilly wusste nicht recht, ob sie ihn beneiden oder bedauern sollte. Sie sah sich suchend um. Nach einer Weile entschied sie sich für einen Tisch, an dem bereits eine halbwegs nette Schar an Frauen Platz genommen hatte. Sie gesellte sich dazu und bestellte beim Kellner einen Hugo, um damit den letzten Rest Zorn und Wut herunter zu spülen, was auch ganz gut gelang. Der Abend schien besser zu werden als befürchtet. Es wurden unzählige Gerüchte ausgetauscht, geklatscht und getratscht was das Zeug hielt und natürlich gelästert ohne Ende. Genauso, wie bereits unzählige Lotsenessen zuvor. Lilly vergaß mit der Zeit sogar ihren anfänglichen Zorn, mit dem sie in den heutigen Abend gestartet war. Sie lachte und plauschte mit den anderen Müttern und genoss dabei das Drei-Gänge-Menü, welches der Bürgermeister spendiert hatte. Ja, so unbeschwert und sorglos hätte sie am liebsten jeden Abend verbracht.


Genau wie früher in ihrer Jugend. Als sie mit Andi und ihrer Clique die Sommertage an ihrem Lieblingsort, der Kiesgrube, verbracht hatte. Dort wurde damals unbeschwert gebadet, gelacht, die Zukunft geplant, geliebt und am lodernden Lagerfeuer Gitarre gespielt. Es war eine so herrlich unbeschwerte Zeit in der es keine Verantwortung und keine Sorgen gab. Höchstens vielleicht mal ein wenig Liebeskummer oder Zickenkrieg unter den Weibern. Aber was war das schon gegen die Last, die heute auf ihren Schultern ruhte.
Der Abend verflog so schnell, dass Lilly es kaum glauben konnte. Plötzlich war es bereits Mitternacht. Langsam aber sicher machte sich die Mütterschar auf den Heimweg. Eine nach der anderen stieg auf ihr Fahrrad und unter lautstarkem Getuschel radelten sie alleine oder in Grüppchen in die Dunkelheit des Abends davon in Richtung Heimat. Auch Lilly schnappte sich ihr hellgrünes Rad, hängte sich ihre Strickjacke über die Schultern und machte sich auf den Weg. Es war eine herrlich laue Vollmondnacht. Nach einer Weile hatten sich auch die letzten Frauen bei Lilly verabschiedet und waren in alle Himmelsrichtungen davon geradelt. Sie war das letzte Stück alleine unterwegs und betrachtete gedankenverloren den Mond, der freundlich auf sie herablächelte. Die warme Abendluft wehte über ihre Haut und es lag auf dem ganzen Dorf eine Ruhe und Stille, wie man sie tagsüber nicht erlebte. Dieses Gefühl der Ruhe und Stille breitete sich allmählich auch in Lilly aus. Und wie sie so friedlich durch die Nacht radelte, kam ihr plötzlich ein Gedanke in den Kopf. Was, wenn sie einfach nicht aufhören würde zu radeln. Wenn sie der Last ihres Alltags mit dem Fahrrad entfliehen könnte. Einfach weg, ganz weit weg von hier. An der letzten Biegung zur Mühle vorbeifahren würde. Wenn sie einfach in ihr altes und sorgenfreies Leben von damals zurückradeln könnte. Wieder ohne diese ganze Verantwortung und Last leben könnte. Nur für sich alleine sein. Sich nur noch um sich selbst kümmern müsste. Genau wie damals als sie jung war. Einfach zurück in ihre unbeschwerte Jugend!


Lilly radelte und radelte. Sie fuhr ganz ohne Ziel einfach durch die laue Nacht. Nur der Mond zeigte ihr den Weg. Sie roch den wohlig süßen Duft einer Sommernacht, der ihr in die Nase wehte. Es duftete herrlich nach Heu und Sommerblumen. Ganz so wie früher, als sie die langen Sommertage mit ihren Freunden beim Baden in der Kiesgrube verbracht und abends in das lodernde Lagerfeuer geblickt hatte. Nach einer Weile nahm sie auch den vertrauten und feuchten Geruch wahr, wie er nur an einem mit Pflanzen und Seerosen durchzogenen Wasser zu finden ist. Die Ruhe der Nacht wurde nun immer mehr vom Zirpen der Grillen und vom liebestollen Quaken der Frösche durchzogen. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, wohin der Mond sie durch die Nacht geführt hatte. Da stand sie nun und blickte auf das friedlich schimmernde Wasser, an dem sie so viele schöne Stunden in ihrer Jugend verbracht hatte. Sie blickte auf die vom Mondschein glitzernde Oberfläche, die sich vor ihr erstreckte. Wie tausend kleine Elfen tanzte das Mondlicht über dem See. Lilly setzte sich genau an die Stelle, an der sie auch vor gut zwanzig Jahren immer gesessen hatten. Sie und Andi und die anderen. An der sie so viel gelacht und unbeschwerte Zeit verbracht hatten. Sie breitete ihre Jacke unter sich aus und setzte sich darauf. Es müssen Stunden gewesen sein, in denen Lilly ihren Gedanken nachgehangen war. Irgendwann im Morgengrauen war sie eingeschlafen.


Als sie aufwachte, blinzelte sie verwirrt in die warme Morgensonne, die ihr ins Gesicht schien und sie wachküsste. Lilly wusste zuerst nicht recht wo sie war. Unter ihrem Kopf lag ihr kleines rosa Schmusekissen und sie war sorgsam eingehüllt in ihre geliebte Kuscheldecke, die Oma Gerda ihr geschenkt hatte. War das vielleicht alles nur ein Traum gewesen? Plötzlich stieg ihr der köstliche Geruch von frischem, warmem Leberkäse in die Nase. Verwundert setze sie sich auf und rieb sich die Augen. Vor ihr lag immer noch das friedlich blaue Wasser, in dem die Morgensonne tanzte. Ihr Magen knurrte. Und da erst bemerkte sie, dass Andi schon die ganze Zeit neben ihr gesessen haben musste. In seiner Hand hielt er eine blau-weiß-karierte Metzgertüte. Damit wedelte er vor ihrem Gesicht herum und blickte sie aufmunternd an. Der herrliche Geruch von hausgemachtem frischem Leberkäse ließ alte Erinnerungen in ihr aufkommen. Es war genau wie damals, als sie noch Teenager waren und Andi zu den unmöglichsten Zeiten loszog, wenn Lilly Heißhunger auf ihre über alles geliebten Leberkässemmeln verspürte. Aber es durften nur die vom Dorfmetzger Wiltmann sein und sonst keine! Das wusste der Andi nur zu gut. Denn kein anderer Leberkäs schmeckte so einzigartig saftig und lecker wie der vom Metzger Wiltmann. Da ließ Lilly nicht mit sich verhandeln. Andi öffnete die Tüte und zog zwei herrlich resche, warme Leberkässemmeln heraus. Natürlich mit einer ordentlichen Portion süßem Senf darin. Wortlos reichte er Lilly die noch dampfende Semmel. Sie nahm die Semmel und biss herzhaft hinein. Mhm, wie großartig das schmeckte! Genau wie damals, wenn sie hier unzählige Male gesessen hatten, ihre Leberkässemmeln aßen und über Gott und die Welt sinnierten. Auch Andi biss genüsslich in seine Semmel, dass der Senf nur so herausquoll. Und genauso wie damals begannen sie stundenlang zu reden. Die beiden redeten und redeten. Über alles was Lilly auf dem Herzen lag und worüber sie die letzte Nacht nachgedacht hatte. Über die Kinder, die alte Mühle und ihr Leben im Allgemeinen. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie ihr Leben, ihre Familie und ihre Heimat um nichts in der Welt eintauschen wollte. Sie merkte, wie sehr sie ihre kleine Familie und ihr Leben doch liebte. Und zwar genauso, wie es jetzt war. Es war nicht immer ganz einfach, alles unter einen Hut zu bringen und die Kinder zu guten Menschen heranzuziehen. Aber mit Andi an ihrer Seite war alles möglich. Sie liebte diesen Mann über alles in ihrem Leben. Das spürte sie in diesem Moment ganz deutlich. Er war der Mann ihres Lebens. Andi war ihre Heimat und ihr ruhiger Hafen, wenn es manchmal zu stürmisch für sie wurde und ihr alles über den Kopf zu wachsen drohte. Und nur Andi wusste genau, wo er sie finden konnte und womit man Lillys Herz eroberte.

Kerstin Niedermayer

Leserwettbewerb 2015
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Leserwettbewerb 2015

Gewinnertexte 2015 | Platz 1: Glückssache

Vielleicht war es doch keine gute Idee, hierher zu kommen, ging mir durch den Kopf, als ich aus dem Schutz des Glasbaus die weitläufige Dachterrasse betrat und mich dabei an meiner perlenbestickten Clutch wie an einem Rettungsring festhielt. Um mich herum standen Menschen in Paaren oder Gruppen, vertieft in Gespräche, schwarz gekleidetes Personal jonglierte geschäftig Tabletts mit Champagnerflöten, Cocktails und Smoothies in allen Regenbogenfarben um die Gäste und die wuchtigen Terrakottatöpfe herum, in denen mannshohe Palmen wuchsen. In meinem roten Etuikleid, das mir bis gerade eben wie gemacht für eine Sommerparty schien, fühlte ich mich inmitten der Anzugträger und Kostümträgerinnen, allesamt in gedeckten Farben, in etwa so unauffällig wie ein Paradiesvogel zwischen einer Schar Graufinken.

Es war einer der letzten Altweibersommertage, ein unerwartetes Geschenk vor dem langen Winter. Die Quecksilbersäule hatte tagsüber noch einmal die 30-Grad-Marke geknackt und auf der sonnenbeschienenen Terrasse war es jetzt am frühen Abend noch immer warm, um nicht zu sagen, heiß. Mühsam fingerte ich ein Taschentuch aus meiner Minihandtasche, die zwar unglaublich schick, aber auch ebenso unglaublich unpraktisch war, denn außer meinem Handy, drei Geldscheinen, dem Hausschlüssel, den ich umständlich aus dem Etui gepuzzelt hatte, und einem Taschentuch passte nur noch ein Lippenstift hinein. Vorsichtig, bemüht mein sorgsam aufgetragenes Make-up nicht zu ruinieren, tupfte ich mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Die letzten goldenen Sonnenstrahlen ergossen sich über die Stadt und brachten den vor der Terrasse träge dahinfließenden Fluss zum Funkeln, als wäre er von Tausenden Diamanten übersät. Das war sie also, diese Rooftop-Bar, eine In-Lokalität, die ich nur aus der Regenbogenpresse kannte. Der Ort gefiel mir. Er hatte etwas, sogar sehr viel von dem viel zitierten federleichten Sommerflair, dachte ich und überlegte, ob ich lieber zum Champagner oder Smoothie greifen sollte.

Vor zwei Monaten war meinem Mann die Einladung zu der Sommerparty dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ins Büro geflattert. Mein Göttergatte hatte vorgeschlagen, die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen. Keine schlechte Idee, wir waren neu in der Stadt, seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgegangen und hatten so eine angesagte Party-Location wie diese wahrscheinlich das letzte Mal zu Studentenzeiten besucht. Hoch über der Stadt, dort, wo man im Sommer den lauen Wind in den Haaren und den Sand zwischen den Zehen spüren konnte, denn es gab sogar einen winzigen Strand. Und es gab eine Tanzfläche unter freiem Himmel. Je öfter ich in den letzten Tagen in Tagträumereien über die Party versunken war, desto mehr war sie mir als das faszinierende und verlockende Gegenteil meiner momentanen Welt erschienen: aufregend, schillernd, glamourös und ein wenig abgehoben. Und auf einen Tanz unter dem Sternenhimmel hatte ich sowieso Lust. Nachdem unser drittes Kind vor gut einem halben Jahr auf die Welt gekommen war, war ich überzeugt, eine klitzekleine Auszeit vom momentan sehr strapaziösen Alltag mit drei kleinen Kindern würde mir gut tun. Mit Feuereifer und generalstabsmäßig hatte ich den Abend geplant. Die Kinder untergebracht, ein neues Kleid gekauft, den Friseur gebucht, mir sogar einen Kosmetiktermin gegönnt. Währenddessen hatte ich mich gefreut, wie ein Kind auf Weihnachten. Als der Wetterbericht dann sommerliches Wetter für diesen Tag der Tage angekündigt hatte, hatte ich gejubelt. Es war perfekt, so perfekt wie schon lange nicht mehr.

Das hatte ich auch noch vor drei Stunden gedacht, ehe das Telefon klingelte. Er schaffe es nicht, hatte mein Mann mir lapidar mitgeteilt, wir könnten nicht gehen. Augenblicklich fiel meine Vorfreude in sich zusammen wie ein Kartenhäuschen, gefolgt von dem banalen, aber leider nicht zu verdrängenden Gedanken, dass er mich damit um meinen Tanz unter dem Sternenhimmel brachte. Genau das sagte ich ihm auch. Und seine Reaktion? Er lachte, fand es … süß. Süß! Augenblicklich überkam mich eine Laune, in der ich eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brach, die zu einem kurzen, aber heftigen Streit führte. Als ich dann auch noch erfuhr, dass er Überstunden mit der Kollegin machte, die uns auf einem unserer Sonntagsspaziergänge zufällig über den Weg gelaufen war und die gefragt hatte, ob ich das Kindermädchen der Familie sei und nachdem mein Mann uns bekannt gemacht hatte, ob ich mich als Hausmütterchen auf der Ersatzbank des Lebens nicht langweilte, keimte ein weiterer Gedanke erstaunlich schnell in mir. Mehr ein Geistesblitz als eine ausgereifte Überlegung war mein rasant gefasster Entschluss, der meinem Mann ganz und gar nicht gefiel ... Es war an der Zeit, die Ersatzbank für ein paar Stunden gegen eine trendige Rooftop-Bar unter sternenbeschienenen Himmel zu tauschen, dachte ich grimmig, sollten sich die beiden von mir aus auf dem Spielfeld für Top-Anwälte in ihrer stickigen Kanzlei vergnügen.

Ich konnte das auch alleine, eine schöne Zeit haben, dafür brauchte ich ihn nicht, hämmerte ich mir in den Kopf, straffte die Schultern und tat ein paar Schritte durch die Menschen. Weiter hinten leuchtete eine Frau durch das Meer der Nadelstreifen. Sie trug ebenso wie ich ein rotes Kleid, nur war ihres mädchenhafter, wie überhaupt die ganze Frau etwas sehr Jugendliches und Zierliches an sich hatte. Umringt von dunklen Anzugträgern stand sie in der Nähe der kleinen Bühne, bildete offenkundig das strahlende Zentrum des Interesses, und schien sich im Gegensatz zu mir prächtig zu amüsieren. Für einen Bruchteil einer Sekunde fing sie meinen Blick auf und verzog den Mund zu einem Lächeln, dann war sie wieder im Gespräch mit den Männern versunken. Ermutigt von ihrer Reaktion, spazierte ich bis zu der verchromten Brüstung der Terrasse, die der Reling eines Schiffes glich, und verfolgte für einen Moment die tiefer sinkende Sonne, betrachtete das Farbspektakel am Abendhimmel, das Lachen der Menschen im Ohr. „Beeindruckend, nicht wahr?“ Unbemerkt hatte sich einer der Anzugträger zu mir gesellt. „Frau Dr. Steinbeck?“ „Nein“, sagte ich kopfschüttelnd und da er bei mir stehen blieb, fragte ich: „Wer ist Frau Dr. Steinbeck?“

„Die CEO von McHardings und Partner und damit die Gastgeberin!“ Die Antwort verblüffte und beflügelte mich gleichermaßen, obwohl ich normalerweise nicht auf plumpe Schmeicheleien stand. „Trinken wir ein Glas Champagner zusammen? Oder sind Sie Abstinenzlerin?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, winkte er nach einem der Kellner. „Ich hatte ...“, setzte ich zu einer Antwort an, die wie eine Entschuldigung klang, und stoppte abrupt. Egal, was ich hatte oder nicht hatte, gerne wollte ich Champagner mit ihm trinken. Kaum hielten wir die Gläser in den Händen, stieß er mit mir an. „Auf einen schönen Abend!“ Lächelnd nickte ich, trank einen Schluck und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass mein Gegenüber unverwandt auf meinen Ringfinger mit dem Ehering starrte. „Florian Schuster“, stellte er sich vor, schob seine Sonnenbrille ins Haar und offenbarte ein Paar beeindruckender blauer Augen. „Eva Rinke!“ Das Klingen unser Gläser schien mir trotz des Stimmengewirrs über die Terrasse zu hallen und mir entging nicht, wie sein Blick einmal taxierend über mich huschte.„Ihr Kleid gefällt mir.“„Danke!“, brachte ich überrascht hervor.„Der eindeutige Mittelpunkt der Party!“, führte er sein Kompliment weiter aus und sah mir dabei fest in die Augen. Himmel. Flirtete er mit mir? Wie auch immer, ich entschloss mich zu einem unverfänglichen weiteren „Danke“ und war geradezu erleichtert über die abendliche Brise, die jetzt aufkam, nachdem die Sonne versunken war, und mein erhitztes Gesicht kühlte. Insgeheim freute ich mich über die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes, auch wenn sie mir etwas übertrieben vorkam, und ich überlegte, wie sich die Unterhaltung fortsetzen ließe. „Gefällt Ihnen die Veranstaltung?“ Nun gut, nicht sehr originell, aber für ein Small Talk ausreichend, tröstete ich mich und nahm einen weiteren Schluck.Bevor er antwortete, glitt ein breites Lächeln über sein Gesicht, das mich keineswegs unberührt ließ. „Schauen wir mal, wie sie sich entwickelt. Als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, mit Ihnen kann man sich blendend unterhalten.“„Ach ja?“, flötete ich mit einer Stimme, die um einige Töne höher als normal klang, während ich merkte, wie mir die Hitze erneut ins Gesicht stieg. „Über was denn?“ „Über das Leben!“ Ich hielt es für angebracht, mich erst einmal auf das sichere Terrain des Small Talks zurückzuziehen. „Die Lage der Bar ist einmalig. Und auf den Rest des Abends bin ich gespannt, es soll auch eine Band geben, eine gute Gelegenheit für einen Tanz unter dem Sternenhimmel, wie im Urlaub“, plapperte ich darauf los, „romantischer geht es nicht …“ Der Alkohol bewirkte eindeutig mehr als nur die aufsteigende Hitze in mir, wenn ich so daherredete, aber die Miene meines Gegenübers drückte Interesse aus an dem, was ich sagte. „Eigentlich wollte ich mit ...“ In letzter Sekunde verkniff ich mir, mit wem ich den Abend hatte verbringen wollen. Mein Mann hatte mit dieser Situation hier gerade herzlich wenig zu tun und ihn anzubringen, war irgendwie unpassend. Heute Abend war ich einfach ich, ich alleine, weder die Ehefrau noch die Mutter von irgendjemand. Ausnahmsweise hatte ich keine Funktion zu erfüllen oder zu bedienen. Es ging ausschließlich um meine Person. Und das gefiel mir zur Abwechslung sehr gut, dachte ich verwundert. Florian Schuster lächelte charmant, winkte gleichzeitig jemandem zu und sagte dann: „Entschuldigung. Die Pflicht ruft, aber ich würde unser Gespräch gerne fortsetzen. Zu den wichtigen Themen sind wir noch gar nicht gekommen.“ Mit einem jungenhaften Augenzwinkern verabschiedete er sich. „Ich freue mich auf später!“

Nachdenklich, schon ein wenig beschwipst, trank ich meinen Champagner und, als ein Kellner mir das leere Glas abnahm, griff ich im Austausch lieber nach einem giftgrünen Smoothie. Im Westen glühte der Horizont im Widerschein der untergegangenen Sonne, darüber leuchteten ein paar Wolkenfetzen in einem dramatischen Orange-Rot. Die Hitze des Tages war einer weichen Abendluft gewichen, erfüllt von angenehmen Düften. Eine Grille, die sich auf die Dachterrasse verirrt haben musste, zirpte ihre letzte Sommermelodie. Die Tanzmusik eines voll besetzten Ausflugsdampfers, der auf dem Fluss vorbeizog, drang leise zu mir.

Nun hielt die Dame in Rot, offenbar war sie die CEO, eine kurze Ansprache und eröffnete damit offiziell die Abendveranstaltung. Kaum war der Beifall verklungen, erschien ein weiteres Heer von Kellnern mit allerlei Köstlichkeiten auf der Bildfläche. Entspannt streifte ich über die Terrasse, lächelte wildfremden Menschen zu und sie lächelten zurück, zwischendurch wechselte ich immer wieder ein paar Worte. Belangloses Geplauder. Allmählich gewann ich wieder an Sicherheit auf dem gesellschaftlichen Parkett, es ging auch ohne meinen Mann. Aber schöner wäre es mit ihm, dachte ich ein ums andere Mal. Wenn immer sich mein Weg mit Florian Schusters kreuzte, warf er mir einen aufmunternden Blick zu, der seine belebende Wirkung auf mich nicht verfehlte. Irgendwann später, als sich der Nachthimmel schon über die Stadt gesenkt hatte, zog eine Live-Performance viele der Gäste in den Glasbau. Inzwischen brannten Fackeln, leuchteten unzählige Kerzen in kleinen Gläsern mit dem Kanzlei-Logo und verwandelten die Terrasse in ein Meer von Lichtern. Ich fummelte mein Handy aus meinem Täschchen, aber es gab keine Nachricht. Ich war weder gefragt, noch in der Pflicht - ein ungewohnter Zustand für mich.

In einer Ecke stand hinter einer Palmenreihe versteckt eine Bank, die ich schon länger im Auge gehabt hatte und die jetzt unbesetzt war. Langsam schlenderte ich hinüber und ließ mich darauf nieder, dankbar, meinen Füßen in den High Heels eine Pause gönnen zu können. Ich sah mich einmal um und streifte dann kurz entschlossen die Sandaletten von den Füßen. Mit weit zurückgelegtem Kopf betrachtete ich die Sterne – nur die hellen waren sichtbar -, spürte die leichte Brise der lauen Nacht im Gesicht und die Sonnenwärme, die die Holzplanken gespeichert hatten, unter meinen bloßen Füßen. Ich hörte die Musik der Band im Hintergrund, leises Stimmengewirr und das anheimelnde Rascheln der Palmenblätter, die sich bei jedem Windhauch bewegten. Auf dem Fluss spiegelten sich die Lichter der Stadt. Zauberhaft – etwas Anderes fiel mir dazu nicht ein. Es war zauberhaft. Und: Zeit zu haben und alleine für mich zu sein, erschien mir gerade wie der größte Luxus auf Erden. Ich empfand etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt hatte: tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit für alles, was ich hatte, auch wenn ich jetzt mit etwas schlechtem Gewissen daran dachte, dass ich es nicht immer gebührend zu schätzen wusste. Und ich spürte, wie sich noch etwas hinzugesellte: Glück. Dieses bauchtiefe Gefühl von Glück, mittendrin im Hier und Jetzt. Manchmal war es so leicht, glücklich zu sein. Ich nahm einen Schluck Champagner aus dem Glas, das man mir in die Hand gedrückt hatte, und genoss diesen Moment wie ein Geschenk. Am liebsten hätte ich ihn eingepackt, in mein Handtäschchen gezwängt, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

„Störe ich?“ Florian Schuster schaffte es immer wieder, mich zu überraschen. „Höchstens ein bisschen!“ „Ehrlich sind Sie“, gab er zur Antwort. Auch im Schein der Fackeln konnte ich seine gerunzelte Stirn erkennen. „Möchten Sie jetzt tanzen?“ Eine gute Gelegenheit wäre es, aber mit ihm ...„Nein, danke!“ In diesem Moment zischte die erste Rakete eines Feuerwerks in den nachtschwarzen Himmel, explodierte mit einem Knall und zerstob zu einem glitzernden silbrigen Funkenregen, gefolgt von einer zweiten und dritten Rakete. Im Anschluss prasselte das Feuerwerk am Boden auf der gegenüberliegenden Flussseite weiter. Unschlüssig verharrte der Mann neben mir. Ich klopfte auf den Platz an meiner Seite. „Setzen Sie sich!“ Ohne zu zögern, kam er der Aufforderung nach. „Sie sehen glücklich aus“, sagte er ohne weitere Einleitung. „Sind Sie es?“ Ich brauchte darüber nicht nachzudenken. „Ja, das bin ich.“ Für ein paar Sekunden starrte Florian Schuster auf einen kleinen Nachtfalter, der vor uns um eine Fackel flatterte, und wedelte ihn gleich darauf fort. „Beneidenswert!“ „Sind Sie es nicht?“ Irgendwie wunderte es mich nicht, dass ich ein solches Gespräch mit ihm führte.„Nicht besonders!“, kam seine prompte Antwort. Ich sah ihn fragend an, aber er ließ seinen Blick ziellos in die Ferne schweifen, während er an seinem Getränk nippte. Doch plötzlich straffte sich sein Körper, wie der eines Hundes, der einen Artgenossen entdeckt hatte. Ich folgte seinem Blick und glaubte meinen Augen nicht zu trauen.Florian Schuster erhob sich. „Wie es scheint, wartet dort jemand auf Sie. Es war schön, Sie kennenzulernen!“ So wie er es betonte, hörte es sich ehrlich, nicht nach einer bloßen Floskel, an.Langsam querte mein Mann die Terrasse und blieb dann abwartend vor mir stehen. „Ich hatte Sehnsucht nach dir!“, sagte er schließlich, als wäre er mir eine Erklärung für sein Aufkreuzen schuldig.

„Das heißt, du willst mich abholen?“, fragte ich, griff nach meinen Sandaletten und stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich in dieser lauschigen Sommernacht nicht alleine tanzen lassen …“

Ein warmes Gefühl durchfloss mich und unser Streit kam mir auf einmal so unendlich weit weg vor wie die Sterne.

„Oder bist du schon vergeben?“, fragte er und wies mit dem Kopf in die Richtung, in die Florian Schuster verschwunden war.

„Natürlich nicht!“

Er atmete einmal tief durch und reichte mir die Hand. „Wenn es so ist, darf ich bitten?“

Vielleicht war es doch keine gute Idee, hierher zu kommen, ging mir durch den Kopf, als ich aus dem Schutz des Glasbaus die weitläufige Dachterrasse betrat und mich dabei an meiner perlenbestickten Clutch wie an einem Rettungsring festhielt. Um mich herum standen Menschen in Paaren oder Gruppen, vertieft in Gespräche, schwarz gekleidetes Personal jonglierte geschäftig Tabletts mit Champagnerflöten, Cocktails und Smoothies in allen Regenbogenfarben um die Gäste und die wuchtigen Terrakottatöpfe herum, in denen mannshohe Palmen wuchsen. In meinem roten Etuikleid, das mir bis gerade eben wie gemacht für eine Sommerparty schien, fühlte ich mich inmitten der Anzugträger und Kostümträgerinnen, allesamt in gedeckten Farben, in etwa so unauffällig wie ein Paradiesvogel zwischen einer Schar Graufinken.

Es war einer der letzten Altweibersommertage, ein unerwartetes Geschenk vor dem langen Winter. Die Quecksilbersäule hatte tagsüber noch einmal die 30-Grad-Marke geknackt und auf der sonnenbeschienenen Terrasse war es jetzt am frühen Abend noch immer warm, um nicht zu sagen, heiß. Mühsam fingerte ich ein Taschentuch aus meiner Minihandtasche, die zwar unglaublich schick, aber auch ebenso unglaublich unpraktisch war, denn außer meinem Handy, drei Geldscheinen, dem Hausschlüssel, den ich umständlich aus dem Etui gepuzzelt hatte, und einem Taschentuch passte nur noch ein Lippenstift hinein. Vorsichtig, bemüht mein sorgsam aufgetragenes Make-up nicht zu ruinieren, tupfte ich mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Die letzten goldenen Sonnenstrahlen ergossen sich über die Stadt und brachten den vor der Terrasse träge dahinfließenden Fluss zum Funkeln, als wäre er von Tausenden Diamanten übersät. Das war sie also, diese Rooftop-Bar, eine In-Lokalität, die ich nur aus der Regenbogenpresse kannte. Der Ort gefiel mir. Er hatte etwas, sogar sehr viel von dem viel zitierten federleichten Sommerflair, dachte ich und überlegte, ob ich lieber zum Champagner oder Smoothie greifen sollte.

Vor zwei Monaten war meinem Mann die Einladung zu der Sommerparty dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ins Büro geflattert. Mein Göttergatte hatte vorgeschlagen, die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen. Keine schlechte Idee, wir waren neu in der Stadt, seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgegangen und hatten so eine angesagte Party-Location wie diese wahrscheinlich das letzte Mal zu Studentenzeiten besucht. Hoch über der Stadt, dort, wo man im Sommer den lauen Wind in den Haaren und den Sand zwischen den Zehen spüren konnte, denn es gab sogar einen winzigen Strand. Und es gab eine Tanzfläche unter freiem Himmel. Je öfter ich in den letzten Tagen in Tagträumereien über die Party versunken war, desto mehr war sie mir als das faszinierende und verlockende Gegenteil meiner momentanen Welt erschienen: aufregend, schillernd, glamourös und ein wenig abgehoben. Und auf einen Tanz unter dem Sternenhimmel hatte ich sowieso Lust. Nachdem unser drittes Kind vor gut einem halben Jahr auf die Welt gekommen war, war ich überzeugt, eine klitzekleine Auszeit vom momentan sehr strapaziösen Alltag mit drei kleinen Kindern würde mir gut tun. Mit Feuereifer und generalstabsmäßig hatte ich den Abend geplant. Die Kinder untergebracht, ein neues Kleid gekauft, den Friseur gebucht, mir sogar einen Kosmetiktermin gegönnt. Währenddessen hatte ich mich gefreut, wie ein Kind auf Weihnachten. Als der Wetterbericht dann sommerliches Wetter für diesen Tag der Tage angekündigt hatte, hatte ich gejubelt. Es war perfekt, so perfekt wie schon lange nicht mehr.

Das hatte ich auch noch vor drei Stunden gedacht, ehe das Telefon klingelte. Er schaffe es nicht, hatte mein Mann mir lapidar mitgeteilt, wir könnten nicht gehen. Augenblicklich fiel meine Vorfreude in sich zusammen wie ein Kartenhäuschen, gefolgt von dem banalen, aber leider nicht zu verdrängenden Gedanken, dass er mich damit um meinen Tanz unter dem Sternenhimmel brachte. Genau das sagte ich ihm auch. Und seine Reaktion? Er lachte, fand es … süß. Süß! Augenblicklich überkam mich eine Laune, in der ich eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brach, die zu einem kurzen, aber heftigen Streit führte. Als ich dann auch noch erfuhr, dass er Überstunden mit der Kollegin machte, die uns auf einem unserer Sonntagsspaziergänge zufällig über den Weg gelaufen war und die gefragt hatte, ob ich das Kindermädchen der Familie sei und nachdem mein Mann uns bekannt gemacht hatte, ob ich mich als Hausmütterchen auf der Ersatzbank des Lebens nicht langweilte, keimte ein weiterer Gedanke erstaunlich schnell in mir. Mehr ein Geistesblitz als eine ausgereifte Überlegung war mein rasant gefasster Entschluss, der meinem Mann ganz und gar nicht gefiel ... Es war an der Zeit, die Ersatzbank für ein paar Stunden gegen eine trendige Rooftop-Bar unter sternenbeschienenen Himmel zu tauschen, dachte ich grimmig, sollten sich die beiden von mir aus auf dem Spielfeld für Top-Anwälte in ihrer stickigen Kanzlei vergnügen.

Ich konnte das auch alleine, eine schöne Zeit haben, dafür brauchte ich ihn nicht, hämmerte ich mir in den Kopf, straffte die Schultern und tat ein paar Schritte durch die Menschen. Weiter hinten leuchtete eine Frau durch das Meer der Nadelstreifen. Sie trug ebenso wie ich ein rotes Kleid, nur war ihres mädchenhafter, wie überhaupt die ganze Frau etwas sehr Jugendliches und Zierliches an sich hatte. Umringt von dunklen Anzugträgern stand sie in der Nähe der kleinen Bühne, bildete offenkundig das strahlende Zentrum des Interesses, und schien sich im Gegensatz zu mir prächtig zu amüsieren. Für einen Bruchteil einer Sekunde fing sie meinen Blick auf und verzog den Mund zu einem Lächeln, dann war sie wieder im Gespräch mit den Männern versunken.

Ermutigt von ihrer Reaktion, spazierte ich bis zu der verchromten Brüstung der Terrasse, die der Reling eines Schiffes glich, und verfolgte für einen Moment die tiefer sinkende Sonne, betrachtete das Farbspektakel am Abendhimmel, das Lachen der Menschen im Ohr.

„Beeindruckend, nicht wahr?“ Unbemerkt hatte sich einer der Anzugträger zu mir gesellt. „Frau Dr. Steinbeck?“

„Nein“, sagte ich kopfschüttelnd und da er bei mir stehen blieb, fragte ich: „Wer ist Frau Dr. Steinbeck?“

„Die CEO von McHardings und Partner und damit die Gastgeberin!“

Die Antwort verblüffte und beflügelte mich gleichermaßen, obwohl ich normalerweise nicht auf plumpe Schmeicheleien stand.

„Trinken wir ein Glas Champagner zusammen? Oder sind Sie Abstinenzlerin?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, winkte er nach einem der Kellner.

„Ich hatte ...“, setzte ich zu einer Antwort an, die wie eine Entschuldigung klang, und stoppte abrupt. Egal, was ich hatte oder nicht hatte, gerne wollte ich Champagner mit ihm trinken.

Kaum hielten wir die Gläser in den Händen, stieß er mit mir an.

„Auf einen schönen Abend!“

Lächelnd nickte ich, trank einen Schluck und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass mein Gegenüber unverwandt auf meinen Ringfinger mit dem Ehering starrte.

„Florian Schuster“, stellte er sich vor, schob seine Sonnenbrille ins Haar und offenbarte ein Paar beeindruckender blauer Augen.

„Eva Rinke!“

Das Klingen unser Gläser schien mir trotz des Stimmengewirrs über die Terrasse zu hallen und mir entging nicht, wie sein Blick einmal taxierend über mich huschte.

„Ihr Kleid gefällt mir.“

„Danke!“, brachte ich überrascht hervor.

„Der eindeutige Mittelpunkt der Party!“, führte er sein Kompliment weiter aus und sah mir dabei fest in die Augen.

Himmel. Flirtete er mit mir? Wie auch immer, ich entschloss mich zu einem unverfänglichen weiteren „Danke“ und war geradezu erleichtert über die abendliche Brise, die jetzt aufkam, nachdem die Sonne versunken war, und mein erhitztes Gesicht kühlte. Insgeheim freute ich mich über die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes, auch wenn sie mir etwas übertrieben vorkam, und ich überlegte, wie sich die Unterhaltung fortsetzen ließe.

„Gefällt Ihnen die Veranstaltung?“ Nun gut, nicht sehr originell, aber für ein Small Talk ausreichend, tröstete ich mich und nahm einen weiteren Schluck.

Bevor er antwortete, glitt ein breites Lächeln über sein Gesicht, das mich keineswegs unberührt ließ. „Schauen wir mal, wie sie sich entwickelt. Als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, mit Ihnen kann man sich blendend unterhalten.“

„Ach ja?“, flötete ich mit einer Stimme, die um einige Töne höher als normal klang, während ich merkte, wie mir die Hitze erneut ins Gesicht stieg. „Über was denn?“

„Über das Leben!“

Ich hielt es für angebracht, mich erst einmal auf das sichere Terrain des Small Talks zurückzuziehen. „Die Lage der Bar ist einmalig. Und auf den Rest des Abends bin ich gespannt, es soll auch eine Band geben, eine gute Gelegenheit für einen Tanz unter dem Sternenhimmel, wie im Urlaub“, plapperte ich darauf los, „romantischer geht es nicht …“ Der Alkohol bewirkte eindeutig mehr als nur die aufsteigende Hitze in mir, wenn ich so daherredete, aber die Miene meines Gegenübers drückte Interesse aus an dem, was ich sagte. „Eigentlich wollte ich mit ...“ In letzter Sekunde verkniff ich mir, mit wem ich den Abend hatte verbringen wollen. Mein Mann hatte mit dieser Situation hier gerade herzlich wenig zu tun und ihn anzubringen, war irgendwie unpassend. Heute Abend war ich einfach ich, ich alleine, weder die Ehefrau noch die Mutter von irgendjemand. Ausnahmsweise hatte ich keine Funktion zu erfüllen oder zu bedienen. Es ging ausschließlich um meine Person. Und das gefiel mir zur Abwechslung sehr gut, dachte ich verwundert.

Florian Schuster lächelte charmant, winkte gleichzeitig jemandem zu und sagte dann: „Entschuldigung. Die Pflicht ruft, aber ich würde unser Gespräch gerne fortsetzen. Zu den wichtigen Themen sind wir noch gar nicht gekommen.“ Mit einem jungenhaften Augenzwinkern verabschiedete er sich. „Ich freue mich auf später!“

Nachdenklich, schon ein wenig beschwipst, trank ich meinen Champagner und, als ein Kellner mir das leere Glas abnahm, griff ich im Austausch lieber nach einem giftgrünen Smoothie. Im Westen glühte der Horizont im Widerschein der untergegangenen Sonne, darüber leuchteten ein paar Wolkenfetzen in einem dramatischen Orange-Rot. Die Hitze des Tages war einer weichen Abendluft gewichen, erfüllt von angenehmen Düften. Eine Grille, die sich auf die Dachterrasse verirrt haben musste, zirpte ihre letzte Sommermelodie. Die Tanzmusik eines voll besetzten Ausflugsdampfers, der auf dem Fluss vorbeizog, drang leise zu mir.

Nun hielt die Dame in Rot, offenbar war sie die CEO, eine kurze Ansprache und eröffnete damit offiziell die Abendveranstaltung. Kaum war der Beifall verklungen, erschien ein weiteres Heer von Kellnern mit allerlei Köstlichkeiten auf der Bildfläche. Entspannt streifte ich über die Terrasse, lächelte wildfremden Menschen zu und sie lächelten zurück, zwischendurch wechselte ich immer wieder ein paar Worte. Belangloses Geplauder. Allmählich gewann ich wieder an Sicherheit auf dem gesellschaftlichen Parkett, es ging auch ohne meinen Mann. Aber schöner wäre es mit ihm, dachte ich ein ums andere Mal. Wenn immer sich mein Weg mit Florian Schusters kreuzte, warf er mir einen aufmunternden Blick zu, der seine belebende Wirkung auf mich nicht verfehlte. Irgendwann später, als sich der Nachthimmel schon über die Stadt gesenkt hatte, zog eine Live-Performance viele der Gäste in den Glasbau. Inzwischen brannten Fackeln, leuchteten unzählige Kerzen in kleinen Gläsern mit dem Kanzlei-Logo und verwandelten die Terrasse in ein Meer von Lichtern. Ich fummelte mein Handy aus meinem Täschchen, aber es gab keine Nachricht. Ich war weder gefragt, noch in der Pflicht - ein ungewohnter Zustand für mich.

In einer Ecke stand hinter einer Palmenreihe versteckt eine Bank, die ich schon länger im Auge gehabt hatte und die jetzt unbesetzt war. Langsam schlenderte ich hinüber und ließ mich darauf nieder, dankbar, meinen Füßen in den High Heels eine Pause gönnen zu können. Ich sah mich einmal um und streifte dann kurz entschlossen die Sandaletten von den Füßen. Mit weit zurückgelegtem Kopf betrachtete ich die Sterne – nur die hellen waren sichtbar -, spürte die leichte Brise der lauen Nacht im Gesicht und die Sonnenwärme, die die Holzplanken gespeichert hatten, unter meinen bloßen Füßen. Ich hörte die Musik der Band im Hintergrund, leises Stimmengewirr und das anheimelnde Rascheln der Palmenblätter, die sich bei jedem Windhauch bewegten. Auf dem Fluss spiegelten sich die Lichter der Stadt. Zauberhaft – etwas Anderes fiel mir dazu nicht ein. Es war zauberhaft. Und: Zeit zu haben und alleine für mich zu sein, erschien mir gerade wie der größte Luxus auf Erden. Ich empfand etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt hatte: tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit für alles, was ich hatte, auch wenn ich jetzt mit etwas schlechtem Gewissen daran dachte, dass ich es nicht immer gebührend zu schätzen wusste. Und ich spürte, wie sich noch etwas hinzugesellte: Glück. Dieses bauchtiefe Gefühl von Glück, mittendrin im Hier und Jetzt. Manchmal war es so leicht, glücklich zu sein. Ich nahm einen Schluck Champagner aus dem Glas, das man mir in die Hand gedrückt hatte, und genoss diesen Moment wie ein Geschenk. Am liebsten hätte ich ihn eingepackt, in mein Handtäschchen gezwängt, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

„Störe ich?“

Florian Schuster schaffte es immer wieder, mich zu überraschen.

„Höchstens ein bisschen!“

„Ehrlich sind Sie“, gab er zur Antwort. Auch im Schein der Fackeln konnte ich seine gerunzelte Stirn erkennen. „Möchten Sie jetzt tanzen?“

Eine gute Gelegenheit wäre es, aber mit ihm ...

„Nein, danke!“

In diesem Moment zischte die erste Rakete eines Feuerwerks in den nachtschwarzen Himmel, explodierte mit einem Knall und zerstob zu einem glitzernden silbrigen Funkenregen, gefolgt von einer zweiten und dritten Rakete. Im Anschluss prasselte das Feuerwerk am Boden auf der gegenüberliegenden Flussseite weiter. Unschlüssig verharrte der Mann neben mir.

Ich klopfte auf den Platz an meiner Seite. „Setzen Sie sich!“

Ohne zu zögern, kam er der Aufforderung nach.

„Sie sehen glücklich aus“, sagte er ohne weitere Einleitung. „Sind Sie es?“

Ich brauchte darüber nicht nachzudenken. „Ja, das bin ich.“

Für ein paar Sekunden starrte Florian Schuster auf einen kleinen Nachtfalter, der vor uns um eine Fackel flatterte, und wedelte ihn gleich darauf fort. „Beneidenswert!“

„Sind Sie es nicht?“ Irgendwie wunderte es mich nicht, dass ich ein solches Gespräch mit ihm führte.

„Nicht besonders!“, kam seine prompte Antwort. Ich sah ihn fragend an, aber er ließ seinen Blick ziellos in die Ferne schweifen, während er an seinem Getränk nippte. Doch plötzlich straffte sich sein Körper, wie der eines Hundes, der einen Artgenossen entdeckt hatte. Ich folgte seinem Blick und glaubte meinen Augen nicht zu trauen.

Florian Schuster erhob sich. „Wie es scheint, wartet dort jemand auf Sie. Es war schön, Sie kennenzulernen!“ So wie er es betonte, hörte es sich ehrlich, nicht nach einer bloßen Floskel, an.

Langsam querte mein Mann die Terrasse und blieb dann abwartend vor mir stehen.

„Ich hatte Sehnsucht nach dir!“, sagte er schließlich, als wäre er mir eine Erklärung für sein Aufkreuzen schuldig.

„Das heißt, du willst mich abholen?“, fragte ich, griff nach meinen Sandaletten und stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich in dieser lauschigen Sommernacht nicht alleine tanzen lassen …“

Ein warmes Gefühl durchfloss mich und unser Streit kam mir auf einmal so unendlich weit weg vor wie die Sterne.

„Oder bist du schon vergeben?“, fragte er und wies mit dem Kopf in die Richtung, in die Florian Schuster verschwunden war.

„Natürlich nicht!“

Er atmete einmal tief durch und reichte mir die Hand. „Wenn es so ist, darf ich bitten?“

Vielleicht war es doch keine gute Idee, hierher zu kommen, ging mir durch den Kopf, als ich aus dem Schutz des Glasbaus die weitläufige Dachterrasse betrat und mich dabei an meiner perlenbestickten Clutch wie an einem Rettungsring festhielt. Um mich herum standen Menschen in Paaren oder Gruppen, vertieft in Gespräche, schwarz gekleidetes Personal jonglierte geschäftig Tabletts mit Champagnerflöten, Cocktails und Smoothies in allen Regenbogenfarben um die Gäste und die wuchtigen Terrakottatöpfe herum, in denen mannshohe Palmen wuchsen. In meinem roten Etuikleid, das mir bis gerade eben wie gemacht für eine Sommerparty schien, fühlte ich mich inmitten der Anzugträger und Kostümträgerinnen, allesamt in gedeckten Farben, in etwa so unauffällig wie ein Paradiesvogel zwischen einer Schar Graufinken.

Es war einer der letzten Altweibersommertage, ein unerwartetes Geschenk vor dem langen Winter. Die Quecksilbersäule hatte tagsüber noch einmal die 30-Grad-Marke geknackt und auf der sonnenbeschienenen Terrasse war es jetzt am frühen Abend noch immer warm, um nicht zu sagen, heiß. Mühsam fingerte ich ein Taschentuch aus meiner Minihandtasche, die zwar unglaublich schick, aber auch ebenso unglaublich unpraktisch war, denn außer meinem Handy, drei Geldscheinen, dem Hausschlüssel, den ich umständlich aus dem Etui gepuzzelt hatte, und einem Taschentuch passte nur noch ein Lippenstift hinein. Vorsichtig, bemüht mein sorgsam aufgetragenes Make-up nicht zu ruinieren, tupfte ich mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Die letzten goldenen Sonnenstrahlen ergossen sich über die Stadt und brachten den vor der Terrasse träge dahinfließenden Fluss zum Funkeln, als wäre er von Tausenden Diamanten übersät. Das war sie also, diese Rooftop-Bar, eine In-Lokalität, die ich nur aus der Regenbogenpresse kannte. Der Ort gefiel mir. Er hatte etwas, sogar sehr viel von dem viel zitierten federleichten Sommerflair, dachte ich und überlegte, ob ich lieber zum Champagner oder Smoothie greifen sollte.

Vor zwei Monaten war meinem Mann die Einladung zu der Sommerparty dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ins Büro geflattert. Mein Göttergatte hatte vorgeschlagen, die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen. Keine schlechte Idee, wir waren neu in der Stadt, seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgegangen und hatten so eine angesagte Party-Location wie diese wahrscheinlich das letzte Mal zu Studentenzeiten besucht. Hoch über der Stadt, dort, wo man im Sommer den lauen Wind in den Haaren und den Sand zwischen den Zehen spüren konnte, denn es gab sogar einen winzigen Strand. Und es gab eine Tanzfläche unter freiem Himmel. Je öfter ich in den letzten Tagen in Tagträumereien über die Party versunken war, desto mehr war sie mir als das faszinierende und verlockende Gegenteil meiner momentanen Welt erschienen: aufregend, schillernd, glamourös und ein wenig abgehoben. Und auf einen Tanz unter dem Sternenhimmel hatte ich sowieso Lust. Nachdem unser drittes Kind vor gut einem halben Jahr auf die Welt gekommen war, war ich überzeugt, eine klitzekleine Auszeit vom momentan sehr strapaziösen Alltag mit drei kleinen Kindern würde mir gut tun. Mit Feuereifer und generalstabsmäßig hatte ich den Abend geplant. Die Kinder untergebracht, ein neues Kleid gekauft, den Friseur gebucht, mir sogar einen Kosmetiktermin gegönnt. Währenddessen hatte ich mich gefreut, wie ein Kind auf Weihnachten. Als der Wetterbericht dann sommerliches Wetter für diesen Tag der Tage angekündigt hatte, hatte ich gejubelt. Es war perfekt, so perfekt wie schon lange nicht mehr.

Das hatte ich auch noch vor drei Stunden gedacht, ehe das Telefon klingelte. Er schaffe es nicht, hatte mein Mann mir lapidar mitgeteilt, wir könnten nicht gehen. Augenblicklich fiel meine Vorfreude in sich zusammen wie ein Kartenhäuschen, gefolgt von dem banalen, aber leider nicht zu verdrängenden Gedanken, dass er mich damit um meinen Tanz unter dem Sternenhimmel brachte. Genau das sagte ich ihm auch. Und seine Reaktion? Er lachte, fand es … süß. Süß! Augenblicklich überkam mich eine Laune, in der ich eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brach, die zu einem kurzen, aber heftigen Streit führte. Als ich dann auch noch erfuhr, dass er Überstunden mit der Kollegin machte, die uns auf einem unserer Sonntagsspaziergänge zufällig über den Weg gelaufen war und die gefragt hatte, ob ich das Kindermädchen der Familie sei und nachdem mein Mann uns bekannt gemacht hatte, ob ich mich als Hausmütterchen auf der Ersatzbank des Lebens nicht langweilte, keimte ein weiterer Gedanke erstaunlich schnell in mir. Mehr ein Geistesblitz als eine ausgereifte Überlegung war mein rasant gefasster Entschluss, der meinem Mann ganz und gar nicht gefiel ... Es war an der Zeit, die Ersatzbank für ein paar Stunden gegen eine trendige Rooftop-Bar unter sternenbeschienenen Himmel zu tauschen, dachte ich grimmig, sollten sich die beiden von mir aus auf dem Spielfeld für Top-Anwälte in ihrer stickigen Kanzlei vergnügen.

Ich konnte das auch alleine, eine schöne Zeit haben, dafür brauchte ich ihn nicht, hämmerte ich mir in den Kopf, straffte die Schultern und tat ein paar Schritte durch die Menschen. Weiter hinten leuchtete eine Frau durch das Meer der Nadelstreifen. Sie trug ebenso wie ich ein rotes Kleid, nur war ihres mädchenhafter, wie überhaupt die ganze Frau etwas sehr Jugendliches und Zierliches an sich hatte. Umringt von dunklen Anzugträgern stand sie in der Nähe der kleinen Bühne, bildete offenkundig das strahlende Zentrum des Interesses, und schien sich im Gegensatz zu mir prächtig zu amüsieren. Für einen Bruchteil einer Sekunde fing sie meinen Blick auf und verzog den Mund zu einem Lächeln, dann war sie wieder im Gespräch mit den Männern versunken.

Ermutigt von ihrer Reaktion, spazierte ich bis zu der verchromten Brüstung der Terrasse, die der Reling eines Schiffes glich, und verfolgte für einen Moment die tiefer sinkende Sonne, betrachtete das Farbspektakel am Abendhimmel, das Lachen der Menschen im Ohr.

„Beeindruckend, nicht wahr?“ Unbemerkt hatte sich einer der Anzugträger zu mir gesellt. „Frau Dr. Steinbeck?“

„Nein“, sagte ich kopfschüttelnd und da er bei mir stehen blieb, fragte ich: „Wer ist Frau Dr. Steinbeck?“

„Die CEO von McHardings und Partner und damit die Gastgeberin!“

Die Antwort verblüffte und beflügelte mich gleichermaßen, obwohl ich normalerweise nicht auf plumpe Schmeicheleien stand.

„Trinken wir ein Glas Champagner zusammen? Oder sind Sie Abstinenzlerin?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, winkte er nach einem der Kellner.

„Ich hatte ...“, setzte ich zu einer Antwort an, die wie eine Entschuldigung klang, und stoppte abrupt. Egal, was ich hatte oder nicht hatte, gerne wollte ich Champagner mit ihm trinken.

Kaum hielten wir die Gläser in den Händen, stieß er mit mir an.

„Auf einen schönen Abend!“

Lächelnd nickte ich, trank einen Schluck und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass mein Gegenüber unverwandt auf meinen Ringfinger mit dem Ehering starrte.

„Florian Schuster“, stellte er sich vor, schob seine Sonnenbrille ins Haar und offenbarte ein Paar beeindruckender blauer Augen.

„Eva Rinke!“

Das Klingen unser Gläser schien mir trotz des Stimmengewirrs über die Terrasse zu hallen und mir entging nicht, wie sein Blick einmal taxierend über mich huschte.

„Ihr Kleid gefällt mir.“

„Danke!“, brachte ich überrascht hervor.

„Der eindeutige Mittelpunkt der Party!“, führte er sein Kompliment weiter aus und sah mir dabei fest in die Augen.

Himmel. Flirtete er mit mir? Wie auch immer, ich entschloss mich zu einem unverfänglichen weiteren „Danke“ und war geradezu erleichtert über die abendliche Brise, die jetzt aufkam, nachdem die Sonne versunken war, und mein erhitztes Gesicht kühlte. Insgeheim freute ich mich über die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes, auch wenn sie mir etwas übertrieben vorkam, und ich überlegte, wie sich die Unterhaltung fortsetzen ließe.

„Gefällt Ihnen die Veranstaltung?“ Nun gut, nicht sehr originell, aber für ein Small Talk ausreichend, tröstete ich mich und nahm einen weiteren Schluck.

Bevor er antwortete, glitt ein breites Lächeln über sein Gesicht, das mich keineswegs unberührt ließ. „Schauen wir mal, wie sie sich entwickelt. Als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, mit Ihnen kann man sich blendend unterhalten.“

„Ach ja?“, flötete ich mit einer Stimme, die um einige Töne höher als normal klang, während ich merkte, wie mir die Hitze erneut ins Gesicht stieg. „Über was denn?“

„Über das Leben!“

Ich hielt es für angebracht, mich erst einmal auf das sichere Terrain des Small Talks zurückzuziehen. „Die Lage der Bar ist einmalig. Und auf den Rest des Abends bin ich gespannt, es soll auch eine Band geben, eine gute Gelegenheit für einen Tanz unter dem Sternenhimmel, wie im Urlaub“, plapperte ich darauf los, „romantischer geht es nicht …“ Der Alkohol bewirkte eindeutig mehr als nur die aufsteigende Hitze in mir, wenn ich so daherredete, aber die Miene meines Gegenübers drückte Interesse aus an dem, was ich sagte. „Eigentlich wollte ich mit ...“ In letzter Sekunde verkniff ich mir, mit wem ich den Abend hatte verbringen wollen. Mein Mann hatte mit dieser Situation hier gerade herzlich wenig zu tun und ihn anzubringen, war irgendwie unpassend. Heute Abend war ich einfach ich, ich alleine, weder die Ehefrau noch die Mutter von irgendjemand. Ausnahmsweise hatte ich keine Funktion zu erfüllen oder zu bedienen. Es ging ausschließlich um meine Person. Und das gefiel mir zur Abwechslung sehr gut, dachte ich verwundert.

Florian Schuster lächelte charmant, winkte gleichzeitig jemandem zu und sagte dann: „Entschuldigung. Die Pflicht ruft, aber ich würde unser Gespräch gerne fortsetzen. Zu den wichtigen Themen sind wir noch gar nicht gekommen.“ Mit einem jungenhaften Augenzwinkern verabschiedete er sich. „Ich freue mich auf später!“

Nachdenklich, schon ein wenig beschwipst, trank ich meinen Champagner und, als ein Kellner mir das leere Glas abnahm, griff ich im Austausch lieber nach einem giftgrünen Smoothie. Im Westen glühte der Horizont im Widerschein der untergegangenen Sonne, darüber leuchteten ein paar Wolkenfetzen in einem dramatischen Orange-Rot. Die Hitze des Tages war einer weichen Abendluft gewichen, erfüllt von angenehmen Düften. Eine Grille, die sich auf die Dachterrasse verirrt haben musste, zirpte ihre letzte Sommermelodie. Die Tanzmusik eines voll besetzten Ausflugsdampfers, der auf dem Fluss vorbeizog, drang leise zu mir.

Nun hielt die Dame in Rot, offenbar war sie die CEO, eine kurze Ansprache und eröffnete damit offiziell die Abendveranstaltung. Kaum war der Beifall verklungen, erschien ein weiteres Heer von Kellnern mit allerlei Köstlichkeiten auf der Bildfläche. Entspannt streifte ich über die Terrasse, lächelte wildfremden Menschen zu und sie lächelten zurück, zwischendurch wechselte ich immer wieder ein paar Worte. Belangloses Geplauder. Allmählich gewann ich wieder an Sicherheit auf dem gesellschaftlichen Parkett, es ging auch ohne meinen Mann. Aber schöner wäre es mit ihm, dachte ich ein ums andere Mal. Wenn immer sich mein Weg mit Florian Schusters kreuzte, warf er mir einen aufmunternden Blick zu, der seine belebende Wirkung auf mich nicht verfehlte. Irgendwann später, als sich der Nachthimmel schon über die Stadt gesenkt hatte, zog eine Live-Performance viele der Gäste in den Glasbau. Inzwischen brannten Fackeln, leuchteten unzählige Kerzen in kleinen Gläsern mit dem Kanzlei-Logo und verwandelten die Terrasse in ein Meer von Lichtern. Ich fummelte mein Handy aus meinem Täschchen, aber es gab keine Nachricht. Ich war weder gefragt, noch in der Pflicht - ein ungewohnter Zustand für mich.

In einer Ecke stand hinter einer Palmenreihe versteckt eine Bank, die ich schon länger im Auge gehabt hatte und die jetzt unbesetzt war. Langsam schlenderte ich hinüber und ließ mich darauf nieder, dankbar, meinen Füßen in den High Heels eine Pause gönnen zu können. Ich sah mich einmal um und streifte dann kurz entschlossen die Sandaletten von den Füßen. Mit weit zurückgelegtem Kopf betrachtete ich die Sterne – nur die hellen waren sichtbar -, spürte die leichte Brise der lauen Nacht im Gesicht und die Sonnenwärme, die die Holzplanken gespeichert hatten, unter meinen bloßen Füßen. Ich hörte die Musik der Band im Hintergrund, leises Stimmengewirr und das anheimelnde Rascheln der Palmenblätter, die sich bei jedem Windhauch bewegten. Auf dem Fluss spiegelten sich die Lichter der Stadt. Zauberhaft – etwas Anderes fiel mir dazu nicht ein. Es war zauberhaft. Und: Zeit zu haben und alleine für mich zu sein, erschien mir gerade wie der größte Luxus auf Erden. Ich empfand etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt hatte: tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit für alles, was ich hatte, auch wenn ich jetzt mit etwas schlechtem Gewissen daran dachte, dass ich es nicht immer gebührend zu schätzen wusste. Und ich spürte, wie sich noch etwas hinzugesellte: Glück. Dieses bauchtiefe Gefühl von Glück, mittendrin im Hier und Jetzt. Manchmal war es so leicht, glücklich zu sein. Ich nahm einen Schluck Champagner aus dem Glas, das man mir in die Hand gedrückt hatte, und genoss diesen Moment wie ein Geschenk. Am liebsten hätte ich ihn eingepackt, in mein Handtäschchen gezwängt, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

„Störe ich?“

Florian Schuster schaffte es immer wieder, mich zu überraschen.

„Höchstens ein bisschen!“

„Ehrlich sind Sie“, gab er zur Antwort. Auch im Schein der Fackeln konnte ich seine gerunzelte Stirn erkennen. „Möchten Sie jetzt tanzen?“

Eine gute Gelegenheit wäre es, aber mit ihm ...

„Nein, danke!“

In diesem Moment zischte die erste Rakete eines Feuerwerks in den nachtschwarzen Himmel, explodierte mit einem Knall und zerstob zu einem glitzernden silbrigen Funkenregen, gefolgt von einer zweiten und dritten Rakete. Im Anschluss prasselte das Feuerwerk am Boden auf der gegenüberliegenden Flussseite weiter. Unschlüssig verharrte der Mann neben mir.

Ich klopfte auf den Platz an meiner Seite. „Setzen Sie sich!“

Ohne zu zögern, kam er der Aufforderung nach.

„Sie sehen glücklich aus“, sagte er ohne weitere Einleitung. „Sind Sie es?“

Ich brauchte darüber nicht nachzudenken. „Ja, das bin ich.“

Für ein paar Sekunden starrte Florian Schuster auf einen kleinen Nachtfalter, der vor uns um eine Fackel flatterte, und wedelte ihn gleich darauf fort. „Beneidenswert!“

„Sind Sie es nicht?“ Irgendwie wunderte es mich nicht, dass ich ein solches Gespräch mit ihm führte.

„Nicht besonders!“, kam seine prompte Antwort. Ich sah ihn fragend an, aber er ließ seinen Blick ziellos in die Ferne schweifen, während er an seinem Getränk nippte. Doch plötzlich straffte sich sein Körper, wie der eines Hundes, der einen Artgenossen entdeckt hatte. Ich folgte seinem Blick und glaubte meinen Augen nicht zu trauen.

Florian Schuster erhob sich. „Wie es scheint, wartet dort jemand auf Sie. Es war schön, Sie kennenzulernen!“ So wie er es betonte, hörte es sich ehrlich, nicht nach einer bloßen Floskel, an.

Langsam querte mein Mann die Terrasse und blieb dann abwartend vor mir stehen.

„Ich hatte Sehnsucht nach dir!“, sagte er schließlich, als wäre er mir eine Erklärung für sein Aufkreuzen schuldig.

„Das heißt, du willst mich abholen?“, fragte ich, griff nach meinen Sandaletten und stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich in dieser lauschigen Sommernacht nicht alleine tanzen lassen …“

Ein warmes Gefühl durchfloss mich und unser Streit kam mir auf einmal so unendlich weit weg vor wie die Sterne.

„Oder bist du schon vergeben?“, fragte er und wies mit dem Kopf in die Richtung, in die Florian Schuster verschwunden war.

„Natürlich nicht!“

Er atmete einmal tief durch und reichte mir die Hand. „Wenn es so ist, darf ich bitten?“

Von Bettina Schneider

Leserwettbewerb 2015
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Leserwettbewerb 2015

Gewinntexte 2015 | Platz 2: Kein Tag wie jeder andere!

Der Herbst zeigt sich schlecht gelaunt. Ein tristes Grau liegt über der Stadt und spiegelt sich in den unausgeschlafenen Gesichtern der Menschen.

Unter dem Schutzdach der Haltestelle Rathaus stehen ein junger Mann und eine ältere Frau.

Der junge Mann tritt fröstelnd von einem Fuß auf den anderen. Ungeduldig schiebt er den Ärmel seiner Jacke hoch und wirft einen Blick auf seine Armbanduhr: Sie zeigt 7:20 Uhr. „So ein Mist, schon wieder Verspätung, ist doch jeden Montagmorgen dasselbe“, schimpft er laut. „Man sollte sich wirklich mal bei der Verkehrsgesellschaft beschweren, finden Sie nicht auch?“ wendet er sich an die neben ihm stehende Frau, doch die starrt nur weiter geradeaus, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. „Blöde Kuh, dann eben nicht" denkt er und dreht ihr den Rücken zu. Die Frau hat nicht einmal wahrgenommen, dass sie angesprochen wurde. Sie spürt auch den eisigen Wind nicht, der an den Plastikwänden des Wartehäuschens rüttelt. Ihre Gedanken sind weit weg. Nur ihr Körper steht da und wartet, wartet auf die Bahn so wie jeden Tag in den Jahren zuvor. Aber es ist kein Tag wie jeder andere, das weiß sie und das fühlt sie so schmerzhaft, als habe es ihr jemand mit einem scharfen Messer in den Arm geritzt. „ Nicht daran denken, noch nicht!“ Sie versucht sich auf das hier und jetzt zu konzentrieren, doch es will ihr nicht gelingen. Immer wieder tauchen die gleichen Bilder vor ihren Augen auf und sie fühlt wie ein Schauer ihren Körper durchläuft, so, als wäre sie von einer kalten Hand berührt worden.

Endlich kommt die Bahn. Der junge Mann steigt als erster ein und geht zügig nach hinten durch. Die Frau setzt sich auf einen der vorderen Plätze. Sie stellt ihre altmodische schwarze Handtasche auf die fest zusammengepressten Knie und hält sie geradezu krampfhaft fest. Völlig ausdruckslos sitzt sie da, nur ihre Augen wandern kurz hinunter zu den schwarzen Stiefeln ohne Absatz und sie stellt die Füße noch etwas korrekter nebeneinander. Als die Bahn sich in Bewegung setzt, dreht sie den Kopf Richtung Fenster. Ihr Blick fällt auf einen zusammengefalteten Regenschirm, der vergessen auf einem der Plastiksitze unter dem Wartehäuschen liegt. „ Der Schirm ist wie ich“ denkt sie, „gebraucht, benutzt, dann einfach liegen gelassen, wie etwas, das seinen Dienst getan hat und nicht mehr gebraucht wird!“ Ihre Augen füllen sich mit Tränen, suchen sich einen Weg aus den Augenwinkeln über die blassen Wangen. Geistesabwesend spielt sie mit dem Verschluss ihrer Handtasche, lässt ihn auf und zu klicken. Dann ganz plötzlich öffnet sie die Tasche, wirft einen Blick in das Innere und schließt sie wieder. So etwas wie ein triumphierendes Lächeln huscht darauf hin über ihr Gesicht, erhellt es wie ein Blitz zwischen Gewitterwolken und bildet einen seltsamen Kontrast zu den noch immer tränenfeuchten Augen. Nach diesem Zwischenspiel sitzt sie wieder unbeweglich wie eine Statue auf dem roten Kunstledersitz.

Nur ihre Gedanken sind aktiv, kramen in dem Nest voll Erinnerungen, das in 52 Lebensjahren entstanden ist. Die Frau will diese Erinnerungen nicht, sie tun ihr weh. Doch der Startknopf ist gedrückt.

Sie ist wieder die 16 – jährige, unsichere Magdalena die ihren Eltern gegenübersitzt und ihnen verkündet, dass sie Musik studieren möchte. Dem Vater, einem Möchtegern ich bin der Größte, der Mutter, einer hübschen Frau ohne eigene Persönlichkeit. Ungeheure Überwindung hat es sie gekostet über ihren Traum zu sprechen, aber es ist ihr wichtig, so wichtig wie sonst nichts auf der Welt. In der Musik fand sie etwas das die Menschen ihr nicht gaben, Wärme und Liebe.

Nun saß sie da, die vor Aufregung zitternden Händen hinter dem Rücken verschränkt, die großen grauen Augen erwartungsvoll auf den Vater gerichtet. Er war es auf den es ankam, das wusste sie aus schmerzvoller Erfahrung. Die Mutter würde so wie immer dem zustimmen was ihr Mann anordnete. Noch nie hatte sie sich ihm widersetzt, um ihrer Tochter aus erster Ehe beizustehen.

Der Vater schwieg, sah sie nur mit diesem zynisch abwertenden Blick an, den er für sie reserviert zu haben schien. Dann lehnte er sich vor, kniff die Augen zusammen und legte den Kopf etwas zur Seite, so als hätte er sie nicht recht verstanden. „Wie bitte junge Dame, ich habe wohl nicht recht gehört?!“ sagte er dann, wobei seine Stimme mit jedem Wort lauter wurde. „Was glaubst du eigentlich wer du bist?“ „Nur weil dein Erzeuger mit seiner Klimperei im Orchester ein paar Mäuse verdient hat, glaubst du wohl du hättest auch das Zeug dazu. Nein meine Liebe du hast es nicht!“

Wenn Magdalena vor einigen Minuten auch nur einen winzigen Funken Hoffnung auf Verständnis oder Unterstützung hatte, so war auch dieser jetzt erloschen.

Sie fühlte einen so tiefen seelischen Schmerz, dass sie ihn kaum aushalten konnte. Am liebsten hätte sie geschrien vor Wut und Enttäuschung über diese Ungerechtigkeit, und ihn gefragt, wann er sie denn jemals hatte spielen hören, denn üben durfte sie nur, wenn er nicht Zuhause war, und bei ihren ersten Auftritt vor Publikum saß nur die Mutter unter den Zuhörern. Nur sie hatte mitbekommen, dass ihr kleines Solo am Klavier ein großer Erfolg war. Sie war es auch, die den Musikunterricht vom Haushaltsgeld abzweigte und bezahlte. Manchmal hatte Magdalena den Eindruck, dass die Liebe zur Musik das einzige war, das sie mit ihrer Mutter verband. Einen kurzen, hoffnungsvollen Augenblick glaubte sie auch Mitleid in ihren Augen zu erkennen, doch kein Wort der Hilfe kam über die zusammengepressten Lippen. Sie zuckte nur mit den Schultern, so als wollte sie damit ausdrücken „ Es tut mir leid, aber ich kann nichts für dich tun.“

Magdalena hatte plötzlich das Gefühl in diesem Raum nicht mehr atmen zu können. Sie wollte nur noch raus, weg von den zwei Menschen, die ihre engsten Vertrauten sein sollten und ihr doch so fremd waren. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Gerade wollte sie aufstehen, als der Vater sie mit Worten zurück hielt die ihr weiteres Leben ganz entscheidend prägen sollten.

„Und merke dir eines, Magdalena,“ sagte er mit stahlharter Stimme, „ du bekommst garantiert keine Extrawurst gebraten, von uns deinen Eltern nicht, und vom Leben schon gar nicht, denn falls du glaubst, du bist etwas Besonderes, dann lass dir eines sagen, du bist es nicht und wirst es auch niemals werden! Du wirst natürlich genau wie deine beiden jüngeren Schwestern es einmal tun werden, in eine anständige Lehre gehen, und falls du Glück hast und dich jemand heiratet, was auch schon ein kleines Wunder wäre, denn eine Schönheit bist du ja gerade nicht,“ schob er hinterher, „ bekommst du einen Stall voll Kinder und gut ist. So, und nun wollen wir Schluss machen mit diesem Unsinn!“

Magdalena war nicht fähig etwas zu sagen. Wortlos stand sie auf, ging auf ihr Zimmer, legte den Kopf auf die Arme und weinte. Sie hatte das Gefühl gar nicht mehr aufhören zu können!

Von diesem Tag an glaubte sie nicht mehr an ihr Talent. Der Vater hatte mit seinen Worten auch diesen winzig kleinen Krümel Selbstbewußsein, der in ihr schlummerte, zerstört. Sie gab die Klavierstunden auf und lebte im Schattendasein ihres Traumes.

Später dann arbeitet sie als Buchhalterin, heiratet nie, lebt zurück gezogen und unauffällig in einer kleinen Wohnung.

Doch da gab es noch die andere Magdalena. Eine die nicht brav, sittsam und bescheiden war, die sich nicht fügen wollte in Regeln und Traditionen, die sich nach Abenteuer und Liebe sehnte.

Diese Magdalena traf eines Tages auf einen Mann, der ihr Herz, das sie in einen Käfig gesperrt hatte, in Aufruhr versetzte. Er begegnet ihr, wie sie glaubte rein zufällig, in einem kleinen Park den sie sehr mochte. In fast jeder Mittagspause ging sie dort spazieren. Vorbei an den dicklichen Steinputten, die sie immer ein wenig an Sanssouci erinnerten, kitschig aber auch wieder schön

und der uralten Eiche, die schon seit Urzeiten dort stand, groß knorrig und verlässlich wie der Fels in der Brandung.

Frank Lobinger setzte sich neben sie auf die Bank und verstand es geschickt, die flirtunerfahrene Magdalena für sich einzunehmen. Er schummelte sich in ihr Leben und gab Magdalena das Gefühl

etwas ganz Besonderes zu sein. Es war, als hätte sich für sie durch diesen Mann, die Tür zu einem anderen Leben geöffnet.

Plötzlich war da jemand der sich für sie interessierte, sie liebte. Das zumindest glaubte sie zu diesem Zeitpunkt noch. Sie überhörte ihre innere Stimme, die flüsterte „ Du kennst diesem Mann noch nicht richtig, sei vorsichtig!“ Nein, sie wollte nichts hören, weder von Bauchgefühl noch Verstand. Es war keine sexuelle Abhängigkeit die sie alles glauben ließ. Die Liebesbeteuerungen, die ihr das Gefühl gaben keine altmodische Jungfer, sondern eine hübsche, begehrenswerte Frau zu sein und die vielen Versprechungen. Wie ein Schwamm sog sie jede Zärtlichkeit, die er ihr wohldosiert gönnte, in sich auf. Dabei verdrängte sie, dass er sie zunehmend auch mit einer Arroganz und Nachlässigkeit behandelte, die entwürdigend war und gab sich die Schuld für jeden seiner cholerischen Ausbrüche.

Selbst als er sie eines Tages überredete bei ihrem Arbeitgeber die Buchhaltung zu fälschen und damit hohe Geldbeträge zu unterschlagen, stimmt sie nach anfänglichem Zögern zu.

Sie war wie hypnotisiert! Für sie zählte nur eines, sie wollte diesen Mann glücklich machen damit er sie niemals mehr verließ. Sie wusste nicht mehr was falsch und richtig war, wollte es nicht wissen, nur glücklich sein, das war es was sie wollte. Sich endlich diese Scheibe von der Extrawurst des Lebens abschneiden, von der ihr Vater gesagt hatte dass sie sie nie bekommen würde, wollte ihn Lügen strafen.

Doch es sollte anders kommen, ganz anders. Frank Lobinger würde sie verlassen, endgültig und für immer!

Eines Tages wachte Magdalena auf und sah alles wieder klar, es gab nicht einmal einen besonderen Anlass, es war eher so, als hätte jemand mit dem Finger geschnipst und sie wäre aus einer Hypnose erwacht. Sie erkannte, dass sie für diesen Mann nur Mittel zum Zweck war. Alles hatte er bis ins kleinste Detail geplant, selbst das Zusammentreffen im Park war kein Zufall gewesen, wie ihr bewusst wurde.

Sie weigerte sich weitere Unterschlagungen zu begehen, war nicht mehr bereit sein luxuriöses Leben zu finanzieren.

Von da ab zeigte Frank Lobinger ihr sein wahres Gesicht. Es war das Gesicht eines Menschen, der weder vor Erpressung, noch körperlicher Gewalt zurückschreckte, um sie weiter für seine Zwecke gefügig zu machen. Der Schleier lichtete sich immer mehr und Magdalena erkannte dahinter einen Mann, der ihr alles genommen hatte. Dabei ging es nicht nur um die materiellen Dinge, mit diesem Verlust hätte sie leben können, was so unsäglich schmerzte, war der Verlust ihrer Selbstachtung und Würde. Nichts hatte dieser Mann ihr gelassen, sie war nur noch eine Hülle ohne Inhalt.

An dieser Stelle reißt der Film unvermittelt. Ihr Unterbewusstsein wehrt sich gegen die aufkommenden Bilder, drückt den Ausschaltknopf und zwingt die Gedanken in die Gegenwart.

Magdalena nimmt die Welt um sich herum wieder wahr. Die Geräusche der Räder, das Stimmengewirr der anderen Fahrgäste. Irgendwie erscheint es ihr fast seltsam, dass sie hier inmitten anderer Menschen sitzt, die fröhlich lachen, oder einfach nur entspannt aus dem Fenster schauen. Sie fühlte sich wie ein Fremdkörper zwischen ihnen, so, als gehöre sie schon jetzt nicht mehr dazu.

Einige Minuten später kündigt die monotone Stimme der Durchsage die nächste Haltestelle an. Magdalena steht auf, rückte den braunen Filzhut zurecht, der auf den ergrauten Dauerwelllocken sitzt, streicht noch einmal glättend über ihren Mantel, hängte die schwarze Handtasche über den Arm und geht Richtung Ausgang.

Auf dem Bürgersteig bleibt sie noch einen Augenblick stehen und schaut Richtung Himmel. Die unentschlossene Oktobersonne hat sich nun doch noch vor die grauen Wolken gedrängt und schickt ein paar aufmunternde Strahlen Richtung Erde. Doch sie erreichen Magdalena nicht. Wieder einmal fragte sie sich, warum der Vater damals nicht gesagt hatte „ Magdalena du bist etwas ganz besonderes! Glaube an dich, geh hin und greife nach den Sternen, schneide Dir Deine Scheibe von der Extrawurst des Lebens ab!“ Sie ist sich ganz sicher, ihr leiblicher Vater hätte ganz genau das gesagt und ihre Mutter hätte daneben gesessen und gelächelt.

Vielleicht wäre ihr Leben dann ganz anderes verlaufen, vielleicht wäre dann das, was geschehen war, nicht passiert, vielleicht, vielleicht, vielleicht!? Sie wirft einen Blick auf die Kirchturmuhr gegenüber und stellt fest, dass es bis zu ihrem Termin nur noch vierzig Minuten sind. Plötzlich verspürt sie den intensiven Wunsch wegzulaufen, ganz weit weg.

Auch der junge Mann ist ausgestiegen und eilt an Magdalena vorbei. Sie werden sich nie mehr über den Weg laufen, keine Rolle im Leben des anderen spielen. Doch nur wenige Tage später wird der junge Mann in der Tageszeitung einen Artikel lesen. Nicht wissend, dass er darin dieser Frau noch einmal begegnet.

Zu gleicher Zeit, liegt Mark Berger mehr als er sitzt, in seinem schwarzen Bürosessel. Die Lehne weit nach hinten geklappt, die langen Beine von sich gestreckt, den Blick zur Decke gerichtet. Der Raum ist kühl und nüchtern, so als wollte man unterstreichen, das es in diesem Zimmer nur um eine Sache geht, um die Wahrheitsfindung nichts sonst. Keine Bilder an den Wänden, nur der Monats-

Kalender und eine große Landkarte auf der mit bunten Stickern Orte gekennzeichnet sind. An der Wand ein Aktenschrank, an dem sich die Tür nicht mehr schließen lässt, und in der Mitte ein großer Schreibtisch vollgepackt mit Akten, Telefon, Schreibutensilien und einem leeren Joghurtbecher. Eine geordnete Unordnung, nennt es Mark. Seit 18 Jahren arbeitet er bei der Kripo, Privatleben existiert für ihn nur am Rande, auch wohl ein Grund, weshalb er abgesehen von kurzen Beziehungen, mit seinen 43 Jahren noch immer unverheiratet war. Beliebt war Mark bei den Frauen, obwohl eher dünn als schlank, eher geradeheraus und schnörkellos als charmant. Aber vielleicht war es auch gerade das, was Frauen anziehend fanden. Für Menschen die etwas zu verbergen hatten war er jedoch der reinste Alptraum. Er hatte ein Gespür für scheinbar Unwichtiges, das sich dann als genau das fehlende Puzzelteilchen, zur Aufklärung eines Falles, herausstellen sollte. Er löst den Blick von der Zimmerdecke, richtet sich wieder auf und konzentriert sich auf ein Foto, das vor ihm auf dem Schreibtisch liegt. Das Bild zeigt einen Mann mittleren Alters, der aus nächster Nähe erschossen wurde. Kein schöner Anblick, aber Mark war solche Bilder gewohnt, er hatte schon wesentlich schlimmere gesehen. Mittlerweile konnte er sich nur auf die Fakten konzentrieren und alles andere ausblenden, das war am Anfang seiner Arbeit nicht so. Was hatte der elegant gekleidete Mann so früh am Morgen im Park getan. Auch der schockierte Hundebesitzer, der das Opfer entdeckte hatte, konnte keine Hinweise auf den Täter geben. Das Mordopfer lag etwas abseits des Weges, aber gut sichtbar unter einem Baum. Scheinbar hatte der Täter sich nicht einmal die Mühe gemacht ihn zu verbergen. Auch die Tatwaffe fehlte. Da er aber seine Brieftasche noch bei trug, war zumindest seine Identität schnell geklärt. Es handelte sich um einen Frank Lobinger. Die Kartei sagte aus, das der Getötete 43 Jahre alt, deutscher Staatsbürger und für die Polizei kein Unbekannter war. Mehrere Delikte wurden ihm zur Last gelegt. Er saß mehrere Monate wegen Betruges und Körperverletzung und es gab eine Verurteilung wegen Heiratsschwindelei. „ Dieser Herr scheint ja ein nettes Früchtchen gewesen zu sein“, dachte Mark, während er nach einer durchsichtigen Tüte griff, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Sie enthielt persönliche Dinge, die das Opfer bei sich getragen hatte, beziehungsweise in seiner Nähe gefunden wurden. Ihm fiel etwas Glitzerndes auf, interessiert griff er danach. Es war eine zur Schleife geformte Brosche. Mit dem Schmuckstück in der Hand ging er zur Tür „Mia!“ rief er, „ ich brauche dringend weitere Fotos und den Bericht der Spurensicherung zu einem aktuellen Mordfall!“ Mia, Marks langjährige Sekretärin an solche Überfälle gewohnt, reagiert gelassen auf

dieses Sofort. „Klar Chef, kriegst du, ist es wieder für dein Poesiealbum?!“ grinste sie ihn an. „Man sind wir heute Morgen aber wieder witzig was, hattest wohl ein tolles Wochenende?!“

„Tja, es gibt eben noch Menschen die ein Privatleben haben!“ konterte Mia. Seit 9 Jahren arbeitete sie als Sekretärin für Mark und solche Dialoge waren an der Tagesordnung zwischen ihnen. Niemand nahm etwas krumm und jeder hatte seinen Spaß daran.

„ Du wirst immer frecher. Eines Tages lasse ich dich zur Sitte versetzen, dann habe ich meine Ruhe!“ „ Ok, auch nicht schlecht, dann sehe ich eine Menge nackter Tatsachen!“ grinste Mia.

Kurze Zeit später legte sie die Unterlagen auf seinen Schreibtisch. „So Chef, war’s das?“ „ Ja danke dir!“ Doch als Mia gerade gehen wollte, hielt Mark sie am Ärmel fest. „ Nur einen Moment noch, bitte schau dir mal diese Brosche hier an an, vielleicht kannst du mir was dazu sagen, dein Vater ist doch Goldschmied?!“ „Klar, zeig mal her,“ sagte sie und lachte, während sie die Brosche hin und her wendete. „Na ich weiß nicht so recht ob die zu deinem Outfit passt, ist doch eigentlich nicht so ganz dein Stil oder!“ witzelte sie. „Aber nun mal im Ernst, abgesehen davon, dass ich sie kitschig finde, ist die auch garantiert nicht echt. Das hier ist, wenn auch ganz gut gemachter, Modeschmuck. Dieses Ding hat höchstens mal neben etwas Wertvollem gelegen!“ „ Wo hast du sie denn her?“ „ Die Spurensicherung hat sie neben dem Mordopfer im Gras gefunden!“ sagte Mark. Übrigens vielen Dank Süße, du hast mir sehr geholfen!“ „ Jederzeit wieder!“ antwortete Mia und verschwand ins Nebenzimmer. Doch kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, kam sie auch schon wieder zurück. „Mark, da ist eine Frau Magdalena Berger draußen, sie sagt du hättest sie herbestellt?!“ Ach ja, das ist eine Freundin oder Bekannte des Opfers, wie die Kollegen ermittelt haben!“ „Vielleicht kann sie uns Hinweise auf den Täter geben?!“ „ Schick sie bitte herein!“ Mia öffnete die Tür etwas weiter und eine ältere Frau betrat zögerlich den Raum. Mark betrachtete sie, er schätzte sie auf Mitte der 60, aber vielleicht war sie auch jünger und nur die altmodische Kleidung ließ sie älter wirken. Sie trug einen braunen Wollmantel, einen unkleidsamen braunen Filzhut und schwarze Stiefel. Er stand auf und bat sie mit einer Handbewegung ihm gegenüber Platz zu nehmen. Sie setzte sich auf die Stuhlkante, so als wollte sie demonstrieren, dass sie in Eile sei. Sie öffnete die obersten Knöpfe ihres Mantels und wischte sich kurz über die Stirn. „Ich finde es sehr warm in diesem Zimmer, murmelte sie“ „ Bitte darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“ fragte Mark und streckte die Arme aus um ihr behilflich zu sein. Erst zögerte sie etwas, doch dann sagte sie „ Nein, vielen Dank, es wird ja hoffentlich nicht lange dauern?!“ Mark nahm wieder Platz und blickte sie freundlich an. „Frau Berger Sie wissen ja bereits durch meine Kollegen dass wir in einem Mordfall ermitteln, bei dem es um jemanden geht, der Ihnen sehr gut bekannt war. Herrn Frank Lobinger!“ Die Frau nickte nur zustimmend und sah ihn weiterhin mit diesem eigenartig starren Blick an. Mark schob das Foto in ihre Richtung. „ Ich muss Ihnen leider dieses Bild hier zeigen, weil ich sicher gehen möchte, dass es sich um den gleichen Frank Lobinger handelt mit dem sie bekannt waren. Schauen Sie es sich bitte gut an, handelt es sich bei dem Mann um ihren Bekannter Frank Lobinger?“ Die Frau nahm das Bild zur Hand und warf einen kurzen Blick darauf „ Ja!“ sagte sie dann nur knapp und legte es wieder auf den Schreibtisch zurück. Mark verwirrte die Reaktion der Frau, er hatte erwartet das sie schockiert sei, oder zumindest Fragen gestellt hätte, aber sie wirkte völlig gelassen, ja fast schon unbeteiligt. Nur ein leichtes Zittern ihrer Hand ließ ahnen, dass es in ihrem Inneren anders aussah. Gerade wollte er mit seiner Befragung fortfahren, als die Frau das Foto wie ferngesteuert wieder zur Hand nahm. Sie strich zart darüber, „ein schöner Mann finden Sie nicht auch, selbst wie er da so liegt“ murmelte sie mit gesenktem Kopf. Mark wusste nicht so recht was er darauf sagen sollte, aber die Frau erwartete anscheinend gar keine Antwort, denn sie sprach schon weiter. „Doch dieser Mann da“, sagte sie mit bebender Stimme, „ ist von einem guten Menschen so weit entfernt wie die Sonne vom Mond!“ Mark war verblüfft über den Ausdruck von Verzweifelung der in ihrem Gesicht stand. Er musterte sie intensiver, versuchte sich ein Bild von dieser Frau zu machen. Sein Instinkt sagte ihm dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte, sie verhielt sich merkwürdig, wirkte seltsam bedrückt und nachdenklich. „ Aber warum nur?“ fragte er sich. „Frau Berger, ich muss Ihnen leider ein paar persönliche Fragen stellen“, sagte er. Sie nickte nur. Geistesabwesend strich sie dabei mit der Hand über den Kragen ihres Mantels.

Plötzlich stutze sie und fuhr mit nun zitternden Fingern fast panisch immer wieder über den Kragen. Dann, noch bevor Mark reagieren konnte, warf sie sich auf den Boden und kroch suchend im Zimmer herum.

„Frau Berger kann ich Ihnen helfen?“ fragte Mark irritiert „ Ich habe eine Brosche verloren!“ stieß sie schwer atmend hervor. „ Sie hat de Form einer Schleife und soll sehr wertvoll sein, aber darum geht es mir nicht, ein Mensch den ich sehr geliebt habe, hat sie mir erst vor kurzem geschenkt!“

„Frau Berger ist es diese hier?“ fragte Mark und hielt die Brosche in der erhobenen Hand.

Bei seinen Worten hob sie den Kopf. Ihr Gesicht, das sich durch die Anstrengung des Suchens gerötet hatte erblasste und ihr Blick wechselte von dem Schmuckstück zu seinem ernsten Gesicht. Mühsam richtete sie sich auf und setzte sich wieder auf den Stuhl. Aufrecht saß sie da und sah ihn schweigend an. Noch nie hatte Mark solche Augen gesehen. Sie wirkten wie erloschen, so als hätte jemand das Licht hinter ihnen ausgemacht. Und noch etwas glaubte er darin lesen zu können, ein stilles Verstehen ohne Worte zwischen ihnen.

Nach diesem kurzen Moment, der sich für Mark seltsam unwirklich anfühlte, stellte die Frau ihre altmodische schwarze Handtasche auf den Schreibtisch, öffnete sie und entnahm ihr eine kleine handliche schwarze Pistole. Sie legte sie vor Mark hin und sagte: „ Ich möchte ein Geständnis ablegen!“

Wenige Stunden später ist Mark wieder alleine in seinem Büro und versuchte mit einem Gefühl zu recht zu kommen, das er in dieser Situation fürchtete und ihn seinen Beruf manchmal hassen ließ weil er es sich nicht leisten durfte: Er empfindet Mitleid.

Von Ellen Haeger

Leserwettbewerb 2015
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Leserwettbewerb 2015

Gewinnertexte 2015 | Platz 3: Evis Würstelsalon

Evi ist Eigentümerin von Evis Würstel Salon und arbeitet von früh bis spät in ihrem Laden, um sich und ihre drei Kinder Mimi, Leon und Stefan durchzubringen. Morgens um 5:30 Uhr steht sie auf, bereitet das Frühstück vor, weckt Mimi, Leon und Stefan und bringt dann ihre Kinder zur Schule. Der Vater von Mimi, Leon und Stefan verließ die Familie mit der roten Lotte, einer ehemaligen besten Freundin. Evi übernimmt das Geschäft von ihren Eltern, nachdem diese vor einigen Jahren bei einem Autounfall in Italien ums Leben gekommen sind. Evi hat noch zwei Mitarbeiterinnen, Kirsten, die in der Buchhaltung mitarbeitet und Afhra, eine Türkin, die den Laden abends schrubbt und oft mit verweinten roten Augen zur Arbeit kommt. Der Würstel Salon befindet sich in einem Berliner Kiez. Viele kommen zu ihr, um eine Bratwurst zu essen, vor allem Evis hausgemachte Saucen sind über die Grenzen des Kiezes berühmt. Das Saucen-Geheimrezept stammt von Opa Franz und hat den Würstel Salon bereits in den 20er Jahren zur Berühmtheit gemacht. Die Bratwürste sind Familientradition. Zu den Gästen zählen wiederkehrende Bratwurstfans, Touristen, Angestellte, die in ihrer Mittagspause zum Würstel Salon strömen, um sich eine Bratwurst mit Brötchen oder eine fein geschnittene Bratwurst auf einen Pappteller servieren zu lassen. Morgens, wenn Evi den Platz vor dem Laden noch fegt und die sauberen Tischdecken gerade über die runden Tische wirft, kommen manchmal puppenhaft aussehende Frauen vorbei, die wie Superstars aussehen, doch diese Augenringe immer mit sich tragen. Sie lächeln müde, wenn sie sich ein frisches knuspriges Brötchen kaufen kommen und danach weiterziehen, über den noch im Morgenlicht getauchten Platz. Gelegentlich ist ein Flaschenklirren und Papierrascheln aus der Nähe zu vernehmen — das ist der zahme Ole, trockener Alkoholiker, der nach leeren Pfandflaschen in den Papierkörben wühlt. Am frühen Nachmittag kommen die Schulkinder angelaufen, strecken ihr die Euro Stücke entgegen, und kaufen sich Pommes Frites rot und weiß, die liebevoll zubereitet sind. Für Evi ist immer viel zu tun. Ein weißes sauberes Tuch ist um ihr Haar geschwungen, die ihre schönen langen Locken bedeckt. Den ganzen Tag lang geht es heiß her und es duftet und brutzelt — Evi Fröhlichkeit steckt jeden an! Wenn Afhra zum Putzen eintrifft, kann Evi endlich heim zu ihren Kindern fahren. Ihre Kinder sind bereits zu Hause. Evi kümmert sich besonders liebevoll um Mimi, Leon und Stefan, ist bei ihnen, singt und liest ihnen jeden Abend Gute-Nacht-Geschichten vor. Wenn die Kinder schlafen, sinkt sie selbst vor Erschöpfung in den Schlaf. Die große Müdigkeit lässt kaum noch Wünsche zu, — wann war sie das letzte Mal im Kino? Wann traf sie alte Freunde wieder? — Vor allem um die verlorene Zeit mit ihren Kindern tut es ihr weh. Ein Hamsterrad, das sich wahnsinnig schnell dreht. Die Tage und die Wochen vergehen. Evi entdeckt den Frühling in den bunten Tulpen und den blühenden Kastanienbäumen. Am blauen Himmel fliegt kreisend ein Adler. Eines Abends findet Evi einen Brief in ihrem Briefkasten vor. Noch während sie die Treppen zu ihrer Wohnung hochsteigt, öffnet sie den Brief, bleibt vor ihrer geschlossenen Wohnungstür stehen, lässt das Stück Papier zu Boden fallen, ihre Hände zittern. Das Finanzamt schickt ihr einen Bußgeldbescheid in Höhe von 70.000 Euro. Eine Klage steht ihr bevor — weil Steuern hinterzogen wurden. Es muss sich um einen Irrtum handeln – Evi kann die Beschuldigung nicht glauben, ihr Laden lief bisher gut, stets wurden die Rechnungen pünktlich bezahlt. Schließlich stellt sich heraus, dass die Steuern für die Einnahmen über Jahre hinweg nicht vollständig an das Finanzamt abgeführt worden sind. Evi beginnt langsam zu begreifen, dass Kirsten in dieser Sache verwickelt sein muss. Die Polizei fahndet nach Kirsten, jedoch ist Kirsten wie vom Erdboden verschluckt, sie muss sich — so ist die Vermutung — mit dem ganzen Geld ins Ausland abgesetzt haben. Die Suche nach Kirsten bleibt erfolglos, die Spur verläuft im Sande. Man schreibt Kirsten ab. Das Finanzamt macht weiteren Druck auf Evi und kennt kein Erbarmen, auch die Bank will ihr nicht helfen; als Eigentümerin hätte sie auf ihr Geschäft Acht geben müssen und muss volle Verantwortung für die Misere tragen. Diese Reaktionen bedeuten das Aus für Evis Würstel Salon, Evi verliert den Laden und ihre Existenz. Diese Nachricht hat den ganzen Kiez erfasst — Evis Würstel Salon muss schließen! Die Bewohner sind bestürzt und versuchen zu helfen, um das Unglück doch noch abzuwenden, aber es ist zu spät. Die Bank erhebt sich wie ein riesiger Schatten und verschlingt den Laden unter ihren schwarzen Mantel. Die Blumen auf dem Platz lassen diesen Sommer ihre Köpfe traurig hängen. An den Bäumen hingen sonst die Träume. Der Wind bläst die ersten herabfallenden Blätter der Kastanienbäume über den Platz hinweg und eine grau-schwarze Regenwolkenwand erhebt sich im Horizont. Der Platz wirkt leer und verlassen. Evi wird diesen Platz nicht mehr besuchen, keinen Blick zurückwerfen, mit hängendem Kopf, laufen ihr die Tränen über die Wangen wie Bäche herab. — Vor Schmerz kann sie kaum noch Worte fassen. Die Nächte sind eisiger als je zuvor, doch einige Tage später begibt sich Evi zum Sozialamt. Sie tritt durch das Eingangstor, steht vor dem übermächtigen Gebäude, Grasbüschel wollen um ihre Fußgelenke fassen, die Trauerweide legt ihre Äste nieder. Der Wartesaal ist gefüllt mit Menschen, ihre Gesichter sind verschwommen, der Raum vermischt sich zu einer einzigen grauen Masse. Evis Augen suchen den Raum nach dem Automaten ab, an dem sie eine Eingangsnummer ziehen kann. Als Evi tränenerfüllt ihre Hand hob, um sich ein Ticket aus dem Automaten zu ziehen, stößt sie mit einem fremden Mann zusammen. Ihre Köpfe klirren gegeneinander. Evi ist verärgert und faucht den Mann wütend von der Seite an:„Eine schmerzende Beule am Kopf, das fehlt mir noch!“ Der Fremde schaut Evi mit einem Schulterzucken an. Dann zieht dieser Fremde plötzlich eine rote Nase hinter seinem Rücken hervor und steckt sie auf seiner Nase auf. Evi schaut ihn verblüfft an. Beide schauen sich tief in die Augen. Der Fremde heißt Louis und ist Schauspieler, sonst zieht er über Lande, aber diesen Sommer ist sein Vater plötzlich verstorben, er begleitete seinen Vater in den letzten Lebensstunden in einem Pflegeheim. Die Schaustellergruppe ist ohne ihn weitergezogen. Evi und Louis sitzen auf einer Bank zusammen. Louis ist braungebrannt, trägt ein leuchtgelbes T Shirt, dass seine Haut noch mehr zum Leuchten bringt. Evi hat ihre langen Haare zu einem Zopf am Hinterkopf gebunden und trägt ein schwarzes mit weißen Punkten besetztes Kleid, das leicht über ihre Knie fällt. Louis streicht Evi über die Schultern, sanft zieht er sie zu sich heran. Beide schauen auf das weite blaue Meer hinaus. Evi fühlt sich schwerelos an diesem Ort. Das Sonnenlicht tanzt auf den Wellen wie ein Perlenspiel. Am Ufer wachsen runde Sträucher mit lilafarbenen Blüten entlang. Das Wasser ist klar, der Boden weich, dass die Füße darin versinken. Ein kleiner erdfarbener Fisch mit fuchsroten Flossen schwimmt im seichten klaren Wasser, führt spielend ins tiefe Wasser, der dann verschwindet. In der Ferne steht eine ältere Frau mit einem roten Handtuch unter ihrem Arm. Vor ihr spielt bauchlängst ihr kleines Enkelkind. Es versucht emsig ein Erdloch mit seinem Türmchen im Wasser zu graben. Von der anderen Seite weint ein Kind. Ein leuchtend weißes Segelschiff gleitet auf dem Wasser vorbei. Evi streckt ihren Hals weiter zur wärmenden Sonne hinaus und gräbt ihre Füße in den warmen Sand hinein. Plötzlich greift Louis nach Evis Hand und schließt mit seiner anderen Hand sanft ihre Augen. Er zieht sie leicht mit sich mit. Das Meer wiegt die Wellen an den Strand. Vor einer Düne bleibt er mit ihr endlich stehen. Louis küsst Evis geschlossene Augen zärtlich wach, sie öffnet ihre Augen. Langsam verfolgt sie seine Blickrichtung, als sie dann sofort vertraute Gesichter wieder entdeckt. Ganz vorn stehen Mimi, Leon und der kleine Stefan, die lachend zu ihrer Mutter winken. Gleich dahinter stehen die Abgeordneten vom Kiez, Frau Schmidt und Herr Hansen, die Evi sofort auf das herzlichste begrüßen. Sie überreichen Evi im Namen des Kiezes eine goldene Bratwurst auf einem Tablett und dazu einen Umschlag. Die Menschen aus dem Kiez hatten für Evi Geld gesammelt und der Kiezer Bürgermeister hatte sich für Evis Würstel Salon sehr eingesetzt. Evi öffnet ihre Haare und lässt endlich im Wind ihre langen braunen Locken wehen. Es war einer der glücklichsten Tage in ihrem Leben. Am Ende fand man doch noch Kirsten in Malaga in Spanien wieder und das passierte kurz nachdem man ihr Foto in einer Facebook-Kampagne „Evis Würstel Salon findet dich!“ veröffentlicht hatte. Vor Ort wurde sie von Touristen wieder erkannt und der sofort Polizei gemeldet. Kirsten hatte schließlich eine empfindliche Strafe nach ihrer Heimkehr nach Deutschland bekommen und sitzt jetzt ihre Strafe für einige Jahre hinter Gittern ab.

von Ina Samim

wurstwetbewerb_2014
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wurstwetbewerb_2014

Gewinnertexte 2014 | Platz 1: Der Schatz der Felseninsel

Einst lebte auf einer fernen Felseninsel im südlichen Meer ein König. Sein Volk verehrte ihn, denn er regierte klug und gütig. Er hörte aufmerksam zu, wenn seine Untertanen von ihren Sorgen berichteten, und er half mit dem Rat seines scharfen Verstandes und mit der Tat seiner kräftigen Hände. Denn das Arbeiten war ihm nicht fremd. Wenn im Frühling der Baum, den die Königin vor langer Zeit gepflanzt hatte, im Burghofs blühte und die sanfte Seebrise die Blütenblätter auf die Menschen herab regnen ließ, dann lachte der König still und die Linien um seine Augen kräuselten sich. Solcher Art war die Weisheit des Königs, und sein Volk liebte ihn dafür.

Es war ein einfaches Leben, das die Menschen auf der Felseninsel führten. Sie ernährten sich von der Arbeit ihrer Hände und den Gaben der Insel. Ihre Schafe schenkten ihnen Wolle, aus der sie Garn sponnen und ihre Kleidung fertigten. Sie fingen Fische im Meer, bauten Wein an den sonnigen Hängen des großen Felsengebirges an, backten kräftiges Brot aus dem goldenen Getreide, dass auf den Feldern an den Rändern der klaren Gebirgsbäche wuchs, und machten Butter und Käse aus der Milch ihrer Kühe.

Das Beste aber – so sagten die Inselmenschen – war ihre Wurst. Diese Wurst hatte unter dem besonderen Schutz der verstorbenen Königin Marvella gestanden – Gott möge ihrer gütigen Seele gnädig sein. Marvella hatte gesagt, in dieser Wurst finde man die Seele der Insel, und die Inselbewohner gaben ihr Recht: Die Wurst schmeckte nach dem rauen Salz des Meeres, dem würzigen Wind aus den Bergen, der wärmenden Frühlingssonne auf den Berghängen, dem Duft der Fichtennadel und der Blüte des Rosmarins. Vielleicht lag es daran, dass die Schweine frei in den Wäldern der Insel lebten, sich von Kastanien, Eicheln und den vielfältigen Kräutern der Insel ernährten und zudem wild und störrisch waren. All dies verlieh der Inselwurst ihre Kraft und ihr besonderes Aroma. Vielleicht lag es aber auch an jener besonderen Kräutermischung, die Marvella selbst zusammengestellt hatte und ohne die die Herstellung der Wurst nicht mehr denkbar war. Marvella, die in jeder Hinsicht zauberhaft gewesen war, hatte die Zusammensetzung dieser speziellen Mischung nur an wenige besonders kräuterkundige Inselmänner und -frauen weitergegeben. Diese durften das Rezept für die Mischung nur dann, wenn sie das Herannahen ihres eigenen Todes fühlten, an die ihnen jeweils am Nächsten stehenden Nachfahren weitergeben. Diese wiederum waren – in den wenigen Fällen, wo das bereits geschehen war – ebenfalls zu strengstem Stillschweigen verpflichtet und wussten, dass auch sie mit der Weitergabe des Rezepts bis zu ihrem eigenen Tod warten mussten. Die Inselmenschen waren mit dieser Regelung vollkommen zufrieden. Und wenn sie am Abend nach getaner Arbeit zusammensaßen, ihr Brot mit ihrer Wurst aßen und einander von den Erlebnissen des Tages erzählten, waren sie rundherum glücklich und es fehlte ihnen an nichts.

Die Kunde von dem glücklichen Leben des Inselvolkes war auch schon in weit entfernten Ländern vernommen worden. Nirgendwo sonst – so erzählte man sich – gab es ein Volk, das so reich an Zufriedenheit war wie die Inselmenschen.

Dem König – Golo war sein Name – war dies eine stete Quelle der Sorge, wusste er doch aus leidvoller Erfahrung, dass nicht alle Menschen so genügsam und friedliebend waren wie sein Inselvolk. Vor Jahren hatte ein schlimmes Unglück die Insel heimgesucht und dem König das Liebste geraubt, das er hatte: seine Königin, die schöne, gütige und wundertätige Marvella.

In einem finsteren Land hoch oben in der Zone der Kälte nämlich lebten die Männer des Nordens, starke, listige und mutige Krieger, die auf ihren zahlreichen Beutezügen so viel Gold und Gut geraubt hatten, dass es auf der Welt kein reicheres Land gab. Als die Männer des Nordens von der Felseninsel im südlichen Meer und dem zufriedenen Leben der Inselmenschen hörten, glaubten sie, dass dieses Glück nur durch einen verborgenen Schatz entstanden sein konnte, und sie machten sich auf, diesen Schatz zu rauben.

Königin Marvella war damals – es war eine milde Sommernacht gewesen, und sie hatte vom Turm der Felsenburg den Sternenhimmel beobachten wollen – die Erste gewesen, die die schwarzen Schiffe der Männer des Nordens am Horizont gesehen hatte. Sofort alarmierte sie König Golo, der schnell mit den königlichen Wachen aufbrach, um die Inselbewohner in den weiter entfernten Dörfern zu warnen; Königin Marvella selbst machte sich auf zum Küstendorf unterhalb der königlichen Burg, lief von Haus zu Haus und wies jeder Inselfamilie den Weg zum Versteck in den geheimen Felsenhöhlen. Dieser Weg führte vom Küstendorf über einen schmalen Felspfad hoch hinauf in die Berge. Doch die Männer des Nordens waren schon gelandet und folgten ihnen schnell. Die Dorfbewohner mit ihren Kindern dagegen kamen nur langsam voran. Marvella ging als letzte mit ihrem Sohn, dem kleinen Prinzen Lasco, der gerade sieben Jahre alt war. Viel zu schnell kamen die Krieger des Nordens näher und begannen, Pfeile auf die Inselmenschen abzuschießen.

Als Marvella begriff, dass sie dem Pfeilhagel nicht entkommen konnten, blieb sie auf dem schmalen Pfad stehen, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, um für ihre Schutzbefohlenen ein Schild zu bilden, und befahl diesen streng, weiterzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Die Dorfbewohner taten wie ihnen geheißen. Auf Marvellas strikten Befehl nahmen sie auch den kleinen Prinzen mit, obwohl dieser verzweifelt bis zuletzt versuchte, sich am Gewand seiner Mutter festzuklammern. Aber die starken Inselmänner rissen ihn los und trugen ihn fort, und nicht nur der kleine Lasco weinte dabei bittere Tränen der Verzweiflung. Während die Dorfbewohner den Bergpfad hinaufliefen und sich ihrem rettenden Versteck näherten, schirmte Marvella sie ab, so gut es ging, bis sie von Pfeilen durchbohrt war, ihre Kräfte sie verließen und das Leben aus ihr floh. Doch sie fiel nicht nieder, wie die Verfolger erwartet hatten, sondern blieb aufrecht stehen. Sie verwandelte sich vor den Augen der Männer des Nordens in einen harten, steilen Granitfelsen, der das Verfolgen der Dorfbewohner unmöglich machte. Durch Marvellas Verwandlung entkamen die Insulaner ihren Verfolgern und konnten sich in die Höhlen retten. Sie blieben von da an unauffindbar für die Männer des Nordens.

Als man König Golo vom heldenhaften Opfer Marvellas und der wundersamen Rettung der Insulaner berichtete, gefror ein Teil seines Herzens vor Gram. Der andere Teil jedoch war voller Bewunderung und Dankbarkeit für ihre großherzige Tat und gelobte dem Andenken der edlen und gütigen Frau, nicht in Kummer und Untätigkeit zu verharren, sondern sich ihres Opfers würdig zu erweisen, das Leben der Insulaner zu sichern, ihren gemeinsamen Sohn zu trösten und ihn zu einem würdigen Nachfolger seiner Eltern zu erziehen.

Die erzürnten Männer des Nordens aber verwüsteten das ganze Küstendorf, plünderten und brandschatzten die Felsenburg, suchten alle Inseldörfer und jeden ihnen sichtbaren Winkel der Insel nach den Bewohnern und ihrem Schatz ab. Doch sie konnten nichts finden. Nach Tagen vergeblicher Suche bestiegen sie übel gelaunt ihre schwarzen Schiffe und verließen die Felseninsel, nicht ohne Rache für ihre vergebliche Fahrt zu schwören.

Lange dauerte es, bis die Inselbewohner die Spuren der Verwüstung durch die Männer des Nordens getilgt hatten. Aber Königin Marvella hatte ihnen Mut und Hoffnung hinterlassen, dies gab ihnen die Kraft für den Neuaufbau, so dass ihre Dörfer und ihre Behausungen noch heller, wohnlicher und gemütlicher wurden als vorher. Und sie hatten ja die Wurst, in der sie bis ans Ende ihrer Tage nicht nur ihre Insel schmecken, sondern auch der Seele ihrer verehrten Königin Marvella begegnen konnten. Auch die Felsenburg wurde in luftiger Höhe auf dem Felsenberg, der das Meer überblickte und den Küsteneinschnitt zum fruchtbaren Tal überwachte, neu errichtet. Der Brand hatte den Baum in der Mitte des Burghofs nicht zerstören können. Und als im Frühjahr nach dem Überfall die Blütenpracht erneut auf den König herabregnete, rollten Tränen seine Wangen hinunter.

Doch irgendwann fand der König sein Lachen wieder. Er besuchte oft das Felsengrab der Königin, ihr Vorbild und die Erinnerungen an die schönen gemeinsamen Jahre lehrten ihn, sich an den Frühlingsblüten, am seidigen Wind und am Wunder des Lebens erneut zu erfreuen. Wenn er sich des Nachts auf seinem einsamen Lager ruhelos hin und her wälzte, dachte er an die Spur, die Marvella in den Herzen der Insulaner hinterlassen hatte, und die vielen Kinder, die Marvella vor den Männern des Nordens bewahrt hatte. Er erzählte Marvella im Herzen vom Heranwachsen dieser Kinder, berichtete von ihren Streichen, vom Alltagsleben, von Menschen, Tieren und Pflanzen auf der Insel. Dann wusste er, dass alles gut war. Marvella hatte ihren Frieden.

So vergingen die Jahre. Das Haar des Königs wurde silbern und aus dem kleinen Prinzen Lasco ein großer junger Mann. Prinz Lasco war seines Vaters Freude und Kummer zugleich. Er war klug und hatte seinen Verstand und seinen Körper mit der Hilfe weiser Lehrmeister gebildet, er half seinem Vater umsichtig bei tagtäglichen Verwaltungsarbeiten, und die Schönheit seiner Mutter spiegelte sich in seinen goldenen Locken und im tiefen Blau seiner Augen. Aber während Königin Marvellas Augen wie das Meer bei Sonnenuntergang geleuchtet hatten und die Wärme der untergehenden Sonne in Marvellas Freundlichkeit spürbar geworden war, vermochte nicht ein einziger Sonnenstrahl der Lebensfreude das umwölkte Antlitz des jungen Prinzen zu durchdringen. Es gab nur wenige Menschen, die sich noch daran erinnern konnten, dass der junge Prinz als Kind übersprudelte von Kichern und Lachen. Damals hatte niemand in seiner Nähe ernst bleiben können. Aber seit dem Tod seiner Mutter hatte der Prinz das Lachen verlernt. Darüber war der König sehr traurig.

Eines Abends saß der König gedankenverloren auf seinem Lieblingsplatz am Kaminfeuer und lauschte den knisternden Flammen, die flackernde Schatten an die felsige Hinterwand seines Gemachs warfen. Er atmete das scharf-würzige Aroma des Holzfeuers ein und fühlte eine tiefe innere Ruhe.

Plötzlich vernahm er unten im Burghof Tumult. Unter den vielen aufgeregten Rufen erkannte er die Stimmen seiner Leibgardisten. Es schien sich um eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit für die Wächter zu handeln. „Sire – Sire!“ Der Capitano konnte nicht abwarten, seinen Herrn zu alarmieren, und rief schon auf der Treppe nach ihm. Mit einem Krachen wurde die Tür zum Gemach des Königs aufgestoßen, die Wächter mit dem Capitano als Anführer stürmten herein, zerrten zwei Bündel hinter sich her und stellten diese vor dem König ab. Golo sah, dass es sich um zwei mit dicken Stricken umwickelte Personen handelte. Seine Wächter hatten ihm Gefangene gebracht. „Sire, diese beiden Fremden haben wir unten in der Cala Calamita gestellt.“ Die Cala Calamita war eine kleine Felseneinbuchtung mit einem natürlichen Felsvorsprung als Anleger. Sie wurde von den Inselbewohnern als Nothafen benutzt, weil man dort selbst bei starken Stürmen noch sicher an Land gelangen konnte. „Und?“ fragte Golo. „Sie haben dort mit einem schwarzen Schiff angelegt!“ Die Stimme des Capitano wurde heiser vor Aufregung. „Sie sind mit einem Schiff der Männer des Nordens hier! Sie sind Spione! Sie sind unsere Feinde!“ „Sind noch mehr Männer des Nordens auf dem Schiff?“ fragte Golo. „Nein“, sagte der Capitano mit immer noch nervös belegter Stimme. „Wir haben das ganze Boot abgesucht. Die beiden hier sind allein gekommen. Sie wollten sich wohl heimlich an Land stehlen“.

Golo betrachtete sich die beiden gefesselten Bündel genauer. Sie waren groß, aber nicht so groß wie seine Wächter. Sie wirkten kräftig, aber sie besaßen nicht die Stärke seiner Leibgardisten. Sie konnten sich wegen der Fesseln nicht bewegen, hielten aber seinem forschenden Blick finster und trotzig stand. Doch er entdeckte darin nicht die Aggressivität und Kampfbereitschaft seiner Männer. Golo lächelte. „Capitano, beruhige dich. Es sind doch nur Frauen.“ Die Stimme des Capitano zitterte. „Sire, seht Ihr denn nicht? Es sind HEXEN!“ Nun wurde Golo ungehalten und – auch wenn er sich das nicht eingestehen mochte – etwas unruhig. „Capitano, die beiden Frauen wurden von dir und deinen Männern gefangen genommen. Sie sind gefesselt. Es besteht keine Gefahr mehr. Und wir sollten jetzt herausfinden, was sie hier wollen.“

„Ich dachte schon, Ihr würdet nie darauf kommen, uns das zu fragen“, sagte die ältere der beiden Frauen. Sie sprach mit einer dunklen, etwas rauchig klingenden Stimme, in der Belustigung mitschwang. Ihr spöttisches Lächeln schien von ihrem vorwitzigen, nach allen Seiten wirr und kraus abstehenden fuchsroten Haar geradezu reflektiert zu werden. Zugleich schaute sie Golo offen, sehr aufmerksam und forschend an. Ihre Augen hatten die Farbe und Leuchtkraft von Bernstein, und es war ihm plötzlich, als blickte sie direkt auf den Grund seiner einsamen Seele. Auf einmal lösten sich vor seinen Augen die Fesseln auf, die Frau breitete ihre Arme aus und streckte ihm ihre Hände entgegen. Für einen flüchtigen Moment umschlossen ihre Finger die seinen und drückten sie zart. Im nächsten Moment war die Frau wieder fest in Fesseln eingeschnürt. Hatte er nur geträumt? … Hatte sie gezaubert? … Ihre Bernsteinaugen hatten sich tief in seine Seele eingebrannt.

„Wer seid Ihr?“ fragte er. Und seltsam – noch bevor die Frau zu sprechen begann, wusste er bereits Teile der Antwort: „Onda, die Schwester von Rotbart, dem König des Nordens.“ „Warum seid Ihr hier?“, fragte er. Auch diesmal war ihm, als ahnte er bereits die Antwort. „Sagt Ihr es mir“, sagte Onda und wandte den Blick nicht von ihm ab. Golo richtete seine Aufmerksamkeit auf die andere Gestalt, um nicht in Ondas Bernsteinaugen zu versinken. „Wer ist das Mädchen an Eurer Seite?“ fragte er. „Meine Nichte“, antwortete Onda. „Rotbarts Tochter?“ fragte Golo ungläubig. „So ist es“, sagte das junge Mädchen mit trotzigem Stolz. Ihre funkelnden dunklen Augen bildeten einen eigenartigen Kontrast zu ihrer hellen zarten Haut und dem weichen langen honigblonden Haar. „Ich bin Merle, König Rotbarts einzige Tochter.“ „Hat Rotbart euch geschickt?“ fragte Golo. Erneut ahnte er Ondas Antworten voraus. „König Golo, könnt Ihr Euch vorstellen, dass Ihr Prinz Lasco zu Rotbart schicken würdet?“ Wieder lag dieser spöttische Unterton in Ondas Stimme. „Nein“, sagte Golo leise. „Und Marvella? Könnt Ihr Euch vorstellen, dass sie sich heimlich zu Rotbart auf den Weg gemacht hätte?“ Diese Frage traf Golo wie ein Schlag, doch er schreckte nicht zurück, sondern antwortete ehrlich: „Ja“. „Und was hätte sie dort gewollt?“ Ondas Frage war anzuhören, dass sie auch diese Antwort schon kannte. Daher sagte Golo nichts.

„Merle und ich haben dasselbe Ziel“, sagte Onda. „Rotbart versteht das nicht und darum haben wir uns ohne seine Erlaubnis auf den Weg gemacht. So werden wir nun hüben wie drüben als Verräter angesehen.“ Die ruhige Sicherheit, mit der sie das sagte, klang nicht, als fühlte sie sich wie ein Opfer, sondern als habe sie genau das einkalkuliert. „Woher wisst Ihr, was Marvella wollte? Seid Ihr Marvella je begegnet? Und ich weiß nichts davon?“ Golo fühlte sich seltsam erschüttert. Onda schaute einen Moment verlegen zu Boden, erhob dann den Blick wieder und sah Golo erneut offen in die Augen. „Lasst es mich so ausdrücken: Frauen wie Marvella und ich kennen sich eben.“ Golo hatte für einen Moment das Gefühl, als würde ihm schwindelig. Oder war nur der Boden unter seinen Füßen in eine wellenartige Bewegung geraten? Dass Marvella über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt hatte, war ihm nicht verborgen geblieben, aber stets hatte sie es verstanden, ihm Erklärungen dafür zu geben, ohne dass er sich hätte fragen müssen, ob da das Maß des menschlich Machbaren überschritten wurde. Was Marvella in ihrer Güte ihm und den Insulanern ersparen wollte, wurde nun von Onda schonungslos offengelegt. Sogar sein Capitano hatte es erkannt. Onda war eine Hexe – und Marvella, so die einzig mögliche Schlussfolgerung, war ebenfalls eine gewesen.

Erschüttert setzte Golo sich wieder auf seinen Lieblingsplatz am Kaminfeuer und schaute den Flammen beim Flackern zu. „Braucht Ihr noch Zeit, Eure Erkenntnisse zu verarbeiten, oder können wir schon an Lösungen unseres gemeinsamen Problems arbeiten? Vielleicht bei einem Nachtmahl?“ fragte Onda belustigt. „Merle und ich sind nämlich sehr hungrig.“ Golo hätte jetzt gern seine Gedanken seine Gedanken in Ruhe geordnet, aber er sah ein, dass er sich der augenblicklichen Situation und ihren Erfordernissen stellen musste. Die Zeit des Nachdenkens würde später noch kommen.

„Bindet sie los“, ordnete er an. „Aber -“, begann der Capitano, führte seinen Satz jedoch nicht zu Ende, denn Golos abwehrende Handbewegung erlaubte keinen Widerspruch. Er tat wie ihm geheißen, und kurze Zeit später rieben die beiden Frauen sich Handgelenke und Arme, streckten und dehnten sich ein wenig und nahmen dann auf den Sitzkissen am Kaminfeuer Platz. Der Capitano beruhigte sich, als er sah, dass tatsächlich nichts Gefährliches geschah. Golo wies die Dienstboten an, ein abendliches Mahl in seinem Gemach anzurichten. Darüber hinaus schickte er aber auch einen Diener mit einer Kurzbotschaft über die Ereignisse zu Prinz Lasco. Diesen unheimlichen Frauen wollte er sich nicht mehr länger allein gegenüberstehen.

„Aus Eurer Bereitschaft, uns Gastfreundschaft zu gewähren, schließe ich, dass Ihr zu Beratungen über den Frieden bereit seid.“ Onda wärmte sich ihre Finger am Kaminfeuer. „Wie kann ich über Frieden berate, wenn ich nicht die Absicht habe, einen Krieg zu beginnen?“ konterte Golo. „Der Krieg wird kommen“, sagte Onda, und diesmal ohne rauen Spott, sondern mit heiserer Besorgnis. „Mein Bruder pflegt nicht danach zu fragen, ob die anderen Völker mit ihm Krieg führen wollen. Er hat eher die Angewohnheiten, sie mit seinen Männern einfach zu überfallen.“ „Was gibt es dann zwischen uns zu beraten? Wir können es wohl nicht verhindern, oder habt Ihr einen Plan?“ Golo hatte entdeckt, dass er zu Ruhe und Sicherheit zurückfand, wenn er in die Flammen schaute. „Einen Plan würde ich das nicht nennen“, sagte Onda, „es ist eher eine Idee, aus der sich mit Eurer Hilfe vielleicht ein Plan entwickeln könnte.“ Jetzt wurde Golo so neugierig, dass er Onda unwillkürlich ansah. Und wiederum fesselten ihre eigenartigen Augen seinen Blick. Auf einmal spürte er, dass es keinen Unterschied machte, ob er Onda oder das Kaminfeuer ansah – beides erfüllte ihn mit einer tiefen Wärme.

Inzwischen hatten die Diener Teller mit Brot, Butter und Wurst gebracht und Wein eingeschenkt. „Greift zu, stillt euren Hunger und lasst Euch das einfache Essen unserer Insel schmecken“, sagte Golo. Mit stiller Freude sah er zu, wie die beiden Frauen mit dem Essen begannen, Brot mit Butter bestrichen, dazu große Scheiben von der Wurst nahmen, Stücke abbissen und kauten. So entging ihm auch nicht, dass Merle mit großem Appetit aß, ihre Wangen sich röteten und sie sich wohler und wohler zu fühlen schien, während Onda nach den ersten Bissen von der Wurst ganz still und in sich gekehrt, geradezu nachdenklich wurde und die Wurst eher meditativ betrachtete, als dass sie von ihr aß. „Schmeckt Euch unsere einfache Kost nicht?“ fragte Golo. „Einfach? Ihr nennt das einfach?“ Aus Ondas Ausruf klang etwas heraus, das Golo bis dahin noch nicht bei ihr gehört hatte: Erstaunen. Onda fuhr fort: „Ich nenne das Magie in höchster Vollendung!“ Jetzt war es an Golo, erstaunt zu sein. „Das ist doch nur unsere Insel. So schmeckt eben die Wurst auf unserer Felseninsel, sie ist gewürzt mit den speziellen Kräutern der Insel“, sagte er.

„Und das Rezept für die Mischung dieser Kräuter stammt von Marvella“, sagte Onda. Golo begriff. Was für ihn und alle anderen Inselbewohner selbstverständlich war, war für Menschen von außerhalb etwas Besonderes: ihre Wurst, die so einfach, so köstlich, so typisch für die Insel war, hatte zugleich wegen all dieser Eigenschaften auch magische Kräfte.

„Das könnte uns helfen, den Frieden zu bewahren“, sagte Onda. Jetzt musste Golo herzhaft lachen. „Unsere Wurst als Friedensretter? Das müsst Ihr mir erklären.“ Onda antwortete mit einer Gegenfrage: „Habt Ihr Euch je gefragt, warum Rotbart mit seinen Männern eure Insel damals überfallen hat? Warum er schon so viele Raubzüge unternommen hat, warum er so reich ist und dennoch immer neue Beute machen will?“ „Nein, das habe ich mich nie gefragt“, sagte Golo. „Er wird Gründe haben, aber ich bin sicher, dass ich sie nicht verstehe.“ Onda legte den Kopf schräg und sah nachdenklich in die Flammen. „Ihr seid sehr weise, König Golo“, sagte sie. „Ich werde versuchen, Euch meines Bruders Not zu erklären. Mein Bruder ist getrieben von einer tiefen Sehnsucht, einem Wunsch, einer Vision. Er glaubt, er finde die Erfüllung seiner Sehnsucht, wenn er reicher und mächtiger wird als jeder andere König in unserer Hemnisphäre und wenn er schließlich Eure Insel des Schatzes beraubt hat, der die Menschen hier so glücklich und zufrieden macht. Deshalb wird er nicht aufgeben, bis er diesen Schatz gefunden hat“.

„Es gibt keinen Schatz auf dieser Insel!“ rief Golo ärgerlich aus, „er hat umsonst gemordet!“ „Ja, ich weiß“, sagte Onda, „Und ich habe versucht, meinem Bruder das zu erklären. Aber er will davon nichts hören. Er kann sich nicht vorstellen, dass Menschen ohne Macht und Gold glücklich sein können. Er WILL sich das nicht vorstellen“, fuhr sie fort, „denn dann müsste er zugeben, dass er die Erfüllung und den Sinn seines Lebens nicht zusammenstehlen, sondern nur als Geschenk empfangen kann“. Ihre Bernsteinaugen schienen sich auf Golos Anblick auszuruhen. „Was also schlagt Ihr vor?“ fragte er. „Mein Bruder muss Eure Insel kennen lernen“, antwortete Onda, „er muss erleben, was Eurer Leben ausmacht, warum Ihr so zufrieden und glücklich leben könnt. Anders wird er es nie verstehen“. „Oh, ich will ihn gern auf meine Felsenburg einladen“. Jetzt war es an Golo, zu spotten. „Aber ich bezweifele, dass er diese Einladung annehmen wird“. „Nein, freiwillig sicherlich nicht“, sagte Onda. Golo wurde misstrauisch. „Was wollt Ihr damit sagen? Erwartet Ihr, dass wir Euren König aus Eurem eigenen Land rauben? Diesem Risiko setzte ich meine Männer nicht aus“. „Das ist auch nicht nötig“, sagte Onda, „er ist bereits hier“. „WAS?“ Golo war aufgesprungen. Er konnte nicht glauben, richtig gehört zu haben.

„Ihr habt mich rufen lassen, Vater?“ Der junge Prinz hatte in diesem Moment den Raum betreten. Golo fasste sich wieder. „Dies ist mein Sohn Lasco“, stellte er seinen Sohn den beiden Frauen vor und fuhr fort, „Lasco, wir haben königlichen Besuch aus dem Reich des Nordens. Onda und Merle, Schwester und Tochter von König Rotbart, geben uns die Ehre“. „Seid gegrüßt, Prinz Lasco“, sagte Onda und schenkte dem Prinzen ein warmes freundliches Lächeln, „ich freue mich, Euch kennen zu lernen und in Euch dem Angesicht Eurer verehrten Mutter zu begegnen“. „Ihr kanntet meine Mutter?“ Lasco klang erstaunt – und auch sehr jung und verletzlich. „Wir sind uns nicht oft begegnet“, sagte Onda, „aber sie war eine der bemerkenswertesten Frauen, die ich je kennen lernen durfte“. „Warum seid Ihr hier?“ fragte Lasco, und er hörte sich plötzlich zornig an. „Wer hat Euch erlaubt, von meiner Mutter zu sprechen? Wollt Ihr uns verhöhnen? Es waren schließlich Eure Männer, die meine Mutter in den Tod geschickt haben“. „Wir kommen in friedlicher Absicht“, schaltete Merle sich in das Gespräch ein, „wir möchten verhindern, dass noch mehr Menschen sterben müssen“. „Ach, auf einmal entdecken die Menschen des Nordens ihre Friedensliebe? Seid beruhigt: Wir haben nicht vor, in einen Krieg gegen Euch zu ziehen. Lasst uns einfach in Ruhe und Frieden und verschwindet, dann ist alles in Ordnung“. Der junge Prinz war wirklich aufgebracht und betrachtete die fremde Prinzessin mit wütendem Blick.

„So einfach ist das leider nicht“, sagte Onda. „Ich fürchte, schon bald werden die Männer des Nordens schwer bewaffnet mit ihren Schiffen hier eintreffen. Sie wollen nämlich ihren König befreien. Sie glauben, Ihr hättet ihn entführt und würdet ihn hier auf der Insel gefangen halten“. „Ihr wisst so gut wie ich, dass das nicht stimmt“, stellte Golo fest. Er wurde ungehalten. „Hättet Ihr die Güte, mir endlich zu erklären, was passiert ist und wo Rotbart jetzt ist?“ „Wir haben ihm einen Trunk gereicht, der ihn für die Dauer unserer Fahrt hierher in einen tiefen Schlaf versetzt hat. Freiwillig wäre er wohl kaum mitgekommen, wie Ihr selbst vorhin so trefflich bemerktet“, sagte Onda, gewohnt spöttisch. „Und Ihr seid sicher, dass es den Frieden fördert, wenn seine Männer ihm folgen, um ihn mit Waffengewalt zu befreien?“ Auch Golo vermochte durchaus zu spotten. „Ja, es wird den Frieden fördern, wenn Rotbart seinen Kriegern erklärt, dass er hier auf der Insel euer Gastfreundschaft genossen und zu schätzen gelernt hat und dass er zu Eurem Freund geworden ist“. „Das wird wunderbar funktionieren“, sagte Golo und übertrieb ein bisschen mit seiner ironischen Heiterkeit, „vor allem, weil Ihr ihn vorher nicht um seine Meinung gefragt habt“.

„Ihr habt Euren Bruder gegen seinen Willen hierher zu uns gebracht?“ Lasco sah Onda fassungslos an. Dann wandte er sich zu Merle. „Ihr habt Euren Vater verraten? Pfui! Selten habe ich etwas so Abscheuliches gehört! Wie konntet Ihr nur?“ Ihm war die Entrüstung deutlich anzumerken. Für einen Moment senkte Merle beschämt und kleinlaut den Blick, schaute dann aber wieder hoch und blickte dem Prinzen trotzig in die Augen. „Ich wünsche mir nichts mehr, als dass mein Vater Frieden findet“, sagte sie, und ihre Stimme klang dabei leise, zitternd und sehr aufrichtig. „Doch er scheint getrieben und gehetzt, er glaubt, wenn er nur alle Schätze der Welt zusammen raubt, dann wird sich seine Sehnsucht erfüllen. Ich weiß nicht, ob der Weg, den Onda und ich gewählt haben, der richtige ist. Aber ich weiß, dass ich nicht mehr mitansehen kann, dass er andere Länder überfällt und ausraubt, denn mit jedem weiteren Land wird der dunkle Schatten auf seiner Seele größer. Meine Mutter starb schon kurz nach meiner Geburt, weil sie die Hartherzigkeit meines Vaters nicht mehr ertrug. Ich möchte doch nur, dass die Seele meines Vaters wieder rein und hell und leicht wird, dass er endlich glücklich sein kann, ohne anderen Menschen Leid zuzufügen. Findet Ihr das so falsch?“ Die Tränen, die in Merles großen dunklen Augen standen, lösten sich nacheinander und rollten ihre Wangen hinunter. Lasco stand regungslos da und sah eine Weile wie gefesselt zu, wie Merles Tränen herabfielen. Dann plötzlich zog er ein blütenweißes Tuch aus der Tasche seines Wamses und hielt es Merle entgegen. Merle nahm das Tuch aus seinen Händen, tupfte die Tränen damit ab und schnäuzte sich geräuschvoll.

„Ich glaube Euch, dass Ihr in bester Absicht gehandelt habt“, sagte Golo, „aber ich bin nicht glücklich über die Situation, in die Ihr uns alle gebracht habt. Rotbart ist gegen seinen Willen auf unsere Felseninsel entführt worden. Seine Männer sind unterwegs, um ihn zu befreien. Sie werden die Felseninsel zerstören, wenn wir nicht so schnell wie möglich seine Freundschaft gewinnen. Und die Chance, dass uns das gelingt, ist gering, da Rotbart keine Freunde, sondern nur Opfer kennt. Entspricht diese Zusammenfassung ungefähr dem Ernst der Lage, Onda?“ „Vollkommen“, erwiderte Onda, „daher sollten wir keine Zeit verlieren und Rotbart endlich hierher holen“. „Aber wo ist er denn?“ fragte Golo. „In unserem Schiff“, sagte Onda. „Unmöglich“, sagte Golo, „das haben meine Männer komplett abgesucht“. „Ach, sie haben auch den doppelten Boden gefunden?“ fragte Onda mit gespielter Überraschung, „das hätte ich Eurem Capitano gar nicht zugetraut. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, König Golo: der Capitano erschien mir etwas einfältig“. Golo stimmte ihr zwar zu, aber war entschlossen, dies nicht zuzugeben. „Ich werde mich mit meinen Männern auf den Weg zu Eurem Boot in der Cala Calamita machen“, sagte er, „und mein Sohn wird Euch derweil ein guter Gastgeber sein“. „Mit Verlaub, König Golo: ich halte es für keine gute Idee, wenn Ihr uns hier zurücklasst. Ihr solltet uns mitnehmen“, sagte Onda. „Und warum sollte ich das tun?“ fragte er gereizt. Onda dagegen ließ sich entspannt in ihr Sitzkissen zurückfallen, nahm sich noch ein großes Stück Wurst, und sagte gelassen: „Ach, geht nur. Ihr werdet es schon noch merken“.

Golo drehte sich um und verließ wortlos den Raum. Ihm war unbehaglich zumute, denn sein Respekt vor Onda und ihren Fähigkeiten war im Laufe ihres Gesprächs mehr und mehr gewachsen. Aber er hatte das Gefühl, dass seit der Ankunft der beiden Frauen aus dem Norden das Gefüge seiner Felseninselwelt aus den Fugen geraten war und dass er nun deutlich machen wollte, wer das Sagen auf diese Insel hatte. Zusammen mit dem Capitano und einem Trupp seiner Männer machte er sich dann auf den Abstieg über den Klippensteig hinab zur Cala Calamita, wo das schwarze Schiff mit starken Seilen fest mit dem Ufer verbunden war und von Inselmännern bewacht wurde.

Das Deck des Schiffes bestand aus festgefügten Planken. Über eine Luke und eine kleine Leiter gelangte man in das Innere des Schiffes, das aus einem einzigen, leeren Raum bestand, dessen Boden ebenfalls von festgefügten Planken gebildet wurde. Da sie nun wussten, dass sich irgendwo ein Zustieg zu einem weiteren Deck befinden musste, suchten sie den Boden sorgfältig ab. Aber so sehr sie sich auch bemühten, sie konnten nichts finden. „Wir hacken den Boden auf“, sagte der Capitano. Golo nickte zustimmend. Die Männer nahmen Äxte und versuchten mit aller Kraft, den Boden aufzuhacken. Aber ihre Anstrengungen waren vergeblich. Das Holz, das unter ihren Tritten weich und nachgiebig erschien, widerstand selbst den stärksten Hieben von Golos Männern. „Bringt Onda hierher“, entschied Golo missmutig.

Als seine Männer nach einiger Zeit mit der rothaarigen Frau zurückkehrten, vermied Golo es, sie anzusehen. „Wenn Ihr die Güte hättet, uns die Öffnung zu zeigen?“ Golo versuchte, neutral zu klingen. „Ach, Ihr findet sie nicht?“ fragte Onda mit gespielter Überraschung. Aber die Frau tat, worum Golo sie gebeten hatte: Leichtfüßig schritt sie auf das Boot, tänzelte ein wenig hin und her und sagte dann: „Schaut doch – hier könnt Ihr eine Falltür sehen“. Wo Golo vorher nur durchgehende Holzbohlen wahrgenommen hatte, zeichneten sich nun deutliche Linien einer Falltür ab, und auch ein Ring zum Hochziehen war plötzlich sichtbar. „Wie konntet Ihr das nur übersehen?“ Onda stellte die Frage mit einem breiten Lächeln. Golo lächelte säuerlich zurück. „Ja, wie konnten wir nur?“ Dann zog er mit einem Ruck die Falltür auf und leuchtete mit seiner Fackel in den darunter liegenden Raum. In einer Ecke lag eine zusammengekrümmte, reglose, aber nicht gefesselte Gestalt. „König Rotbart“, rief Golo laut. Aber die Gestalt rührte sich nicht. „Er schläft“, sagte Onda. „Das sehe ich“, sagte Golo gereizt. „Was muss ich tun, um ihn zu wecken?“ „Ihr könntet ihm ein Stückchen Wurst unter die Nase halten“, schlug Onda lächelnd vor. Wortlos gab Golo dem Capitano die Fackel in die Hand, befahl ihm zu leuchten und kletterte die steile Treppe hinunter in den Bauch des Schiffes. Er begab sich zu der zusammengekrümmten, leblose Gestalt und betrachtete sie: Ein Mann, sehr hochgewachsen, sofern man dies angesichts seiner liegenden Position beurteilen konnte, wirre rote Haare, die von vielen grauen Fäden durchzogen wurden, ein Bart, der seinem Träger den Namen gegeben hatte, aber inzwischen mehr grau als rot war, Beine wie Baumstämme, Arme wie knorrige Äste. Einzig die Haut um seine geschlossenen Augen wirkte auf seltsame Art zart und weich, wie die seiner Tochter. Er schien sich in einem todesähnlichen Schlaft zu befinden. „König Rotbart“, rief Golo erneut. Aber es erfolgte abermals keine Reaktion. Golo fasste Rotbarts Schulter und schüttelte ihn, erst sanft, dann fest. Aber nichts geschah. Golo richtete sich auf. Er war plötzlich zornig. „Onda, kommt sofort her!“ befahl er streng. „Macht diesem Spuk ein Ende!“

Nur ein kleines Zusammenzucken deutete an, dass Onda erschrocken war über Golos Ausbruch. Langsam und mit gleichmütiger Miene kletterte sie die Leiter hinunter und trat neben ihren Bruder. Sie bückte sich und hauchte ihm einen Kuss auf die Schläfe. Sofort schlug Rotbart die Augen auf. Er drehte sich um, richtete sich auf und warf einen Blick auf Golo und Onda. Die Verwunderung in seinem Blick wich einem jäh aufflammenden Zorn. „Was zum Teufel –“ „Es gibt keinen Grund zu fluchen“, unterbrach ihn seine Schwester, „ich habe dich auf die Felseninsel gebracht, damit du die Menschen hier kennen lernst und von ihnen erfährst, wie man glücklich lebt“. Golo fügte hinzu: „Seid mir willkommen, König Rotbart!“ Daraufhin stieß Rotbart einen weiteren wilden Fluch aus und rief: „Euer Volk wird mich in der Tat kennen lernen. Meine Krieger werden mir folgen und mich befreien, und wir werden Eure Männer, Frauen und Kinder niedermachen und Euren Schatz rauben. Euer Inselvolk wird von der Welt vergessen sein, sobald der Regen die Insel von Eurem Blut rein gewaschen hat!“

„Dich hierher zu bringen war allein meine Idee, König Golo hat nichts damit zu tun“, sagte Onda, in ihrer Sicherheit merklich erschüttert. „Wenn Ihr Euch nicht als mein Gast betrachten wollt, steht es Euch frei, mit Eurem Schiff wieder nach Hause zu fahren“, sagte Golo, „ich habe nicht die Absicht, Euch gefangen zu halten, daher brauchen Euch Eure Krieger nicht zu befreien. Und wenn Ihr fahrt, vergesst bitte nicht, Eure Schwester und Eure Tochter mitzunehmen – ich hatte genug Ärger mit den beiden“. „Merle ist auch hier?“ Rotbart war außer sich vor Zorn. „Bringt mich zu ihr – sofort!“ „Wenn Ihr mir auf meine Burg folgen wollt“. Golo bewahrte äußerlich Ruhe, aber er machte sich große Sorgen darüber, wie die Situation und sein Volk zu retten wären. Zudem war er wütend auf Onda.

Langsam bewegte sich der Fackelzug den Felsstieg und schließlich den Burgberg hinauf. Oben angekommen, geleitete Golo Rotbart und Onda in den großen Saal, dessen bis auf den Boden reichende Fenster Richtung Osten zeigten. Diese ließen den Blick frei auf die Andeutung der ersten Morgenröte über dem Meer. Im großen Saal warteten auch Lasco und Merle. „Vater“, rief Merle und lief Rotbart mit ausgebreiteten Armen entgegen. Aber dieser hob abwehrend die Hände. „Auch du!“ rief er. „Auch du hast mit verraten. Ich habe keine Tochter mehr“. „Aber ich wollte doch nur, dass du Frieden findest“. Merle schluchzte. Lasco legte beschützend den Arm um ihre Schultern, drückte sie an sich und strich ihr tröstend über den Kopf. In seinem früher so finsteren und trüben Gesicht leuchteten nun Wärme und tiefstes Mitgefühl, was Golo trotz der misslichen Lage, in der sie sich befanden, mit großer Freude erfüllte. Von ähnlichen Empfindungen war Rotbart weit entfernt. „Weibische Dummheit!“ Rotbarts Gebrüll hallte von dem Deckengewölbe des großen Saals wider. „Frieden finde ich erst wieder, wenn die Inselmenschen – und du und deine Tante mit ihnen – erschlagen sind und ich mich des Schatzes bemächtigt habe“. „Dann werdet Ihr nimmer Frieden finden, auch wenn Ihr uns alle tötet, denn es gibt keinen Schatz auf dieser Insel“, sagte Golo ruhig. „Ich könnte Euch aber Frühstück anbieten – Ihr seid doch sicher hungrig nach der langen Reise“. „Ich werde erst einen Bissen zu mir nehmen, wenn ich diese Insel und ihre Bewohner in meiner Gewalt habe, das schwöre ich bei den Göttern des dunklen Land im Norden“. In Rotbarts Aussage lag eine feierliche Entschlossenheit, und die darin enthaltene Drohung wurde dadurch noch furchteinflößender.

In diesem Augenblick ertönte der Klang eines Horns – er zerschnitt die graue Morgendämmerung, schallte über die gesamte Felseninsel und durchdrang die Wände eines jeden Hauses auf der Insel. Golo, sein Sohn und seine Männer wurden blass. Sie alle wussten, was das bedeutete. „Die Wachposten haben die Schwarze Flotte am Horizont gesichtet. Die Männer des Nordens werden bald hier sein. Was sind Eure Befehle, Sire?“ fragte der Capitano. Golo sah ihn an und rang nach einer Antwort. Doch er wusste keine. Rotbart dagegen triumphierte. „Mein Wunsch geht schneller in Erfüllung als ich dachte. Auf meine Krieger ist Verlass. Sie werden mich noch heute befreien“. „Ihr seid mein Gast, König Rotbart, nicht mein Gefangener“, sagte Golo und nahm eine gefasste Haltung ein. „Ihr könnt meine Burg verlassen und Euch begeben, wohin ihr wollt. Wenn Ihr Eure Flotte am Hafen erwarten wollt, zeigen meine Männer Euch den Weg. Capitano, geleitet König Rotbart hinunter zum Hafen“, ordnete Golo an. Rotbart war vor Staunen erstummt. „Majestät, wenn Ihr mir bitte folgen wollt“, sagte der Capitano zu Rotbart, ohne auch nur einen Anflug von Unsicherheit oder Verwirrung zu zeigen. Golo war zum ersten Mal von ihm beeindruckt. Er hatte den Mann vielleicht doch unterschätzt.

Nachdem Rotbart mit dem Capitano und der Garde mit schweren, lauten Schritten abgezogen war, war es auf einmal sehr still im Großen Saal, der langsam von der orangeroten Morgensonne mit goldenem Schein erleuchtet wurde. Golo blickte hinaus auf das Meer, das im frühen Sonnenglanz türkisblau schimmerte. Am Rand des lichten Meeres war nun auch für Golos inzwischen nicht mehr ganz so starkes Augenlicht erkennbar, dass eine Flotte aus schwarzen Segeln sich sehr schnell der Insel näherte. „Darf ich einen Vorschlag machen?“ fragte Onda leise. Der Klang ihrer Stimme ließ Golo aufatmen. Wortlos signalisierte er Zustimmung und neigte sein Ohr der rothaarigen Frau zu. Sie flüsterte ihm einige Sätze ins Ohr, die ihn offensichtlich erstaunten. „Seid Ihr sicher?“ fragte er ungläubig. Onda nickte stumm. „Warum sollte ich Euch erneut trauen?“ Golo hatte seinen Zorn noch nicht völlig überwunden. „Welche Alternativen stehen Euch offen?“ fragte Onda, und sie klang diesmal sehr demütig und besorgt.

Golo nahm sich die Zeit, nahe an eines der Fenster zu treten und das Herannahen des schwarzen Geschwaders zu beobachten. Die Schiffe hatten sich der Insel mit hoher Geschwindigkeit genähert – bis zum jetzt sonnenübergossenen Horizont war das Meer mit schwarzen Segeln bedeckt. Tiefe Beunruhigung erfüllte Golos Herz. Und doch hatten Ondas Worte verhindert, dass er mutlos war – ja, er fühlte sogar, wie eine aberwitzige Hoffnung in ihm hochstieg. Taugte Ondas Idee wirklich als Plan? Konnte das funktionieren?

„Lasco“, wendete er sich an seinen Sohn, „ich brauche deinen Rat“. Lasco, der immer noch den Arm um Merle gelegt hatte, wechselte ein paar Worte mit dem jungen Mädchen, die Golo nicht verstand. Er sah, dass Lascos Bemerkungen Merle zum Lächeln brachten, und er fühlte, dass zwischen den beiden jungen Menschen ein tiefes Einvernehmen entstanden war. Das machte ihn froh. Lasco ließ Merles Hand los und begab sich zu seinem Vater. Dieser schilderte dem jungen Mann Ondas Plan sowie die Vorgeschichte des Plans, die auch Lascos Mutter betraf, und er ließ dabei seine eigenen Befürchtungen und Sorgen nicht aus. Lasco blickte seinen Vater ernst und aufmerksam an; in seine klugen Augen war erkennbar, dass er den Schilderungen mit hoher Konzentration folgte und sich seine eigenen Gedanken dazu machte. Er stellte einige Zwischenfragen, ließ Golo aber ansonsten die ganze Geschichte in seinem eigenen Tempo erzählen. „Was denkst du dazu?“ fragte Golo seinen Sohn am Ende der langen Rede.

Der junge Mann antwortete nicht sofort, sondern dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „Meine Mutter hat sich geopfert, um die Menschen auf unserer Felseninsel zu retten. Mit ihren Fähigkeiten hätte sie sich selbst vielleicht auch auf andere Weise retten können, doch sie hatte den Mut, das zu tun, was sie für die Menschen auf dieser Insel am besten hielt. Was also können wir tun, wenn wir es ihr gleich tun wollen? Und was sollten wir nicht tun? Erstens: Wir sollten nicht kämpfen, denn ein Kampf mit den Kriegern des Nordens ist nicht zu gewinnen; es würden lediglich viele unserer Männer sinnlos sterben. Zweitens: Wir können uns verstecken. Vielleicht finden sie uns nicht sofort, vielleicht könnten wir noch einmal ein paar Jahre unbehelligt leben. Aber wir würden in ständiger Angst leben. Drittens: Wir können uns auf das besinnen, was meine Mutter uns hinterlassen hat, und wir können unseren Verstand nutzen, um vielleicht eine dauerhaft gute Lösung zu finden. Und wenn wir das tun wollen, ist Ondas Plan eine gute Wahl. Wir haben Freunde und Verbündete aus dem Lager unserer Widersacher, die beide Seiten kennen und verstehen. Ich finde, wir sollten so vorgehen, wie sie vorschlagen, in der Hoffnung auf künftigen Frieden und Freundschaft zwischen unseren Völkern. Im Angesicht dieser Hoffnung fürchte ich den Tod nicht“. Die Augen des jungen Mannes leuchteten voller Energie und Lebensmut. Tiefer Stolz erfüllte Golo. Er legte die Hände auf die Schultern seines Sohnes. „Wir machen es so, wie du sagst, mein Sohn, künftiger König der Felseninsel“, sagte er.

Dann rief Golo eilig alle Diener zusammen. „Geht hinaus und alarmiert alle Menschen auf der Insel“, befahl er. „Geht in jedes Dorf und sagt allen Bescheid, dass die Entscheidung unseres Schicksals bevorsteht. Entweder wir machen Frieden mit den Männern des Nordens oder wir werden von ihnen vernichtet. Lasco und ich werden alles versuchen, den Frieden mit ihnen zu verhandeln, und wir werden ihnen wehrlos, ohne Waffen, mit allen, die bereit sind, uns zu unterstützen, entgegentreten und ihnen schutzlos begegnen, damit sie unseren Friedenswillen begreifen. Aber alle Menschen auf unserer Insel – jeder Mann, jede Frau, jeder Greis – sollen und müssen selbst entscheiden, ob sie lieber unsere sicheren geheimen Höhlen aufsuchen wollen oder ob sie mit Lasco und mir gemeinsam unseren Wunsch nach Frieden bekunden wollen. Ich wünsche mir von Herzen, dass dieser Tag ein Tag der Freude wird und wir zusammen mit den Menschen des Nordens Wein und Wurst und Frieden und Freundschaft teilen können. Aber es ist ebenso möglich, dass dies unser letzter Tag auf unserer geliebten Felseninsel sein wird, dass wir alle unserem Ende entgegen gehen und die Männer des Nordens, blind zu sehen, was das Glück unserer Inselwelt ausmacht, unser Paradies auf ewig zerstören. Egal, wie ihr euch entscheidet – für das Überleben in den Höhlen und die Möglichkeit, einen Teil unserer Welt nach der Zerstörung in aller Heimlichkeit wieder aufzubauen, oder dafür, mit mir der Entscheidung in der Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Angst entgegenzutreten – ich liebe euch alle, Menschen der Felseninsel. Möge Gott uns allen gnädig sein! Sagt das den Menschen“, beschwor Golo seine Diener. Sie nickten ernsthaft und machten sich auf den Weg.

„Ich habe das so nicht gewollt“, sagte Onda leise. Ihre Stimme war brüchig und zitterte. „Macht Euch keine Vorwürfe“, sagte Golo. Er fühlte eine große innere Ruhe. „Wir wussten immer, dass die Nordleute irgendwann zurückkehren würden. Ihr wolltet Frieden stiften, und Ihr habt Euch dafür in große Gefahr gebracht. Das rechne ich Euch hoch an“. Lasco nickte zustimmend, sagte aber nichts. Er war wieder an Merles Seite getreten, hatte den Arm um sie gelegt und sah glücklicher aus, als er es je nach dem Tod seiner Mutter getan hatte.

Golo warf einen erneuten Blick aus dem Fenster. „Die ersten Schiffe der Schwarzen Flotte werden bald im Hafen vor Anker gehen“, sagte er. „Lasco, wir sollten jetzt hinunter gehen, um König Rotbart und seinen Männern zu begegnen. Wollt Ihr mich begleiten, Onda?“ „Ich werde an Eurer Seite sein – egal, was geschieht“, sagte Onda mit tiefem Ernst. Golo kam es seltsam vor, dass er sich angesichts der gefährlichen Lage auf einmal so geborgen fühlte. Bevor sie aufbrachen, packte Onda rasch ein Bündel mit Brot, Butter, Wurst und Wein zusammen. Dann eilten sie den breiten, mit Steinen gepflasterten Weg von der Burg den Berg hinunter zum Hafen hinab – Golo vorab, neben ihm Onda mit dem Bündel, gefolgt von Lasco und Merle, Hand in Hand.

Auf der Hälfte des Weges hielt Golo überrascht inne. Von allen Seiten, aus allen Dörfern strömten die Menschen zusammen. Sie warteten, liefen ihm entgegen, verbeugten sich, ließen eine breite Gasse für Golo frei, so dass er durch die Menge hindurch gehen und sich an ihre Spitze setzen konnte, und riefen: „Gott schütze unseren König Golo“. Golo durchschritt die Menge und Tränen der Rührung sammelten sich in seinen Augen. Alle Inselbewohner hatten sich hinter ihm versammelt. Niemand war in die sicheren Höhlen geflüchtet. Alle fühlten, dass dies die Entscheidung des Schicksals der Felseninsel war, die sie alle betraf. Golo war voller Freude und Liebe. Solche Menschen würden nicht vergessen werden, egal, welchen Schaden die Männer des Nordens anrichten würden.

Vor ihnen, am Hafen, bot sich ein bedrohliches Bild. Rotbart hatte dort bereits schwer bewaffnete Soldaten versammelt, die ihm alle in Körpergröße und –kraft ebenbürtig waren, golden blendende Rüstungen trugen und in der Morgensonne rötlich schimmernde Schwerter emporhielten. Golo fühlte auf einmal, dass sich Ondas Hand in seine schob; er drückte sie sanft und spürte, dass ein bisschen Zuversicht – von ihm auf sie? Von ihr auf ihn? – überging. Sie nickte ihm zu.

„König Rotbart“, rief Golo, „Mein Volk und ich treten vor Euch – ohne Waffen und mit friedlicher Gesinnung. Wir ergeben uns und unterwerfen uns Eurer Gnade“. Ein Aufheulen lief durch Rotbarts Krieger, die ihre Schwerter erhoben und sie mit Staccato-Rhythmus gegen ihre Brustpanzer schlugen. Das dumpfe „Tung-Tung-Tung-Tung“ ließ die Insulaner erzittern, aber niemand wich zurück, niemand senkte den Blick. Rotbart ließ ein lautes, freudloses Lachen ertönen. „Ihr glaubt, wir verschonen euch, weil ihr euch ergebt und keine Waffen tragt? Ihr Narren! Wir werden in eurem Blut waten und uns nicht darum scheren, ob ihr euch wehrt. Je weniger ihr euch zur Wehr setzt, umso eher können wir unsere Freudenfeuer entzünden“. Sein erneutes Gelächter ähnelte dem Gekreisch einer Hyäne.

Merle war totenblass geworden. „Vater, das darfst du nicht tun“, rief sie flehentlich. „Diese Menschen tragen keine Schuld an dem, was Onda und ich getan haben. Töte uns, aber verschone die Insulaner“. Rotbart ließ erneut ein höhnisch-kreischendes Lachen vernehmen. „Dich töten? Ha! Ich habe eine viel bessere Idee. Wir werden diesen blondgelockten Schwächling, der sich Prinz nennt, bei lebendigem Leib rösten, und du wirst den Braten anschneiden und mir servieren“. Merle schrie entsetzt auf und klammerte sich an Lasco. „Nie werde ich das tun, du Scheusal!“ brüllte sie ihren Vater an.

„Bruder Rotbart, es ist an der Zeit, dass du deinen Schwur einlöst“. Onda sprach zwar nicht laut, aber entschieden. „Was mischst du dich ein!“ herrschte Rotbart sie an. „Bruder Rotbart, du hast bei den Göttern des dunklen Landes im Norden geschworen, Golos Essenseinladung anzunehmen, wenn du die Insel und ihre Bewohner in deiner Gewalt hast“, half Onda seinem Gedächtnis nach. „Nun, die Inselbewohner haben sich in deine Gewalt begeben, die Insel gehört dir. Du musst deinen Schwur halten und jetzt frühstücken. Du willst doch nicht etwa deinen Schwur brechen?“

Diener hatten inzwischen ein kleines Tischchen herbeigeschafft, auf dem Onda die mitgebrachte Wurst, das Brot, die Butter und den Wein arrangiert hatte. Rotbart gab erneut ein freudloses Gelächter von sich. „Nichts lieber als das, meine geschätzte todgeweihte Schwester. Gern stärke ich mich noch, um mich dann mit ganzer Kraft an eurem gemeinschaftlichen Tod zu erfreuen“. Diener schoben ein kleines Stühlchen an den Tisch, auf dem Rotbart sich niederließ. Er erhob den Weinkrug an die Lippen und trank in tiefen Zügen. „Ich gebe zu, der Wein ist köstlich“, sagte er mit widerwilliger Ankerkennung. „Wie schön, dass das alles nun mir gehört“. Er schlug seine Zähne gierig in ein Stück Brot mit Butter und verschlang es. Schließlich nahm er ein Stück Wurst und betrachtete es nachdenklich. Er schien auf einmal seine Umgebung nicht mehr wahrzunehmen. Dann hob er das Stück Wurst an seinen Mund und biss hinein. Er kaute und schluckte. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Er nahm einen erneuten Bissen. Und einen weiteren. Mit jedem Bissen, den er von der Wurst nahm, wurde sein Blick weicher. Die Krieger des Nordens wurden unruhig und ließen ihre Schwerter durch die Luft tanzen. „Majestät, wir wollen beginnen. Unsere Schwerter sind hungrig, sie möchten Insulanerblut schmecken“. Aber Rotbart schien sie nicht zu hören, sondern durch sie hindurch zu blicken. Verwirrt sahen die Männer ihn an und ließen ihre Schwerter sinken.

Mit der Wurst in erhobener Hand schien Rotbart plötzlich erstarrt zu sein. Es war, als könne er den Blick nicht von der Wurst abwenden und sich auch nicht mehr bewegen. Nur die Veränderung in seinen Augen ließ erkennen, dass er überhaupt noch am Leben war. Seine Augen spiegelten das Durchlaufen einer Vielzahl widersprüchlicher Gefühle – Wut, Gleichgültigkeit, Einsamkeit, Angst, tiefe Trauer. Plötzlich liefen zwei Tränen seine Wangen hinunter und tropften auf den Boden. Er schloss seine Augen. Ein Sturm widersprüchlicher Gefühle zog nun über seine plötzlich sehr lebendigen Gesichtszüge. Ein krampfhaftes Gurgeln entfloh seinen Lippen und veränderte sich zu einem aus tiefster Seele kommenden Klagelaut. Immer lauter entwickelte sich dieser Ton, wandelte sich und wurde zu einem melancholisch-melodischen Gesang, so abgrundtief traurig und so überirdisch schön, dass alle Menschen ringsum – ob Krieger des Nordens oder friedliche Insulaner – davon vollkommen ergriffen waren und wie gebannt zuhörten. Dann brach Rotbart zusammen, krümmte sich auf dem Boden, und sein Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. „Vater“, rief Merle, rannte zu ihm und warf sich weinend über ihn. Inzwischen weinten alle mit, alle lagen sich in den Armen, niemand nahm mehr wahr, ob der Mensch, in dessen Armen er Trost, Geborgenheit und Wärme fand, ein Insulaner oder ein Nordmensch war.

Onda lehnte ihren Kopf erleichtert an Golos Schulter. Golo flüsterte ihr ins Ohr: „Ihr hattet Recht und ich bin froh, dass ich auf Euch gehört habe. Ich danke Euch!“ „Ich war mir der magischen Kraft Eurer Wurst sicher“, flüsterte Onda zurück, „die Magie der Wurst ist so stark – sie hätte meinen Bruder auch aus dem Schlaf geweckt. Wenn Ihr meinem Rat schon eher gefolgt wäret und ihm die Wurst unter die Nase gehalten hättet, hätten wir uns vielleicht die hässlichen Szenen mit ihm sparen können“. Golo wusste nicht so recht, ob ihm nach Lachen, Weinen oder Streiten zumute war. „Wie schafft Ihr das nur, dass ich mich – kaum, dass ich glaube, wir seien Freunde geworden – immer wieder neu über Euch ärgere?“ „Was kann ich dafür, dass Euch keine andere Reaktion zur Verfügung steht?“ erwiderte Onda. Da entschied Golo sich für das Lachen und fühlte sich unendlich erleichtert und befreit.

Nach einer langen Weile, in der Rotbart immer wieder von Trauer und Tränen überwältigt wurde, beruhigte er sich langsam und richtete sich mit Hilfe seiner Tochter auf. „Merle, was habe ich nur getan“, sagte Rotbart leise, „wie konnte ich dir das antun. Ich war dir ein furchtbar schlechter Vater. Verzeih, was ich gesagt und getan habe. Ich war nicht bei Sinnen“. Er drückte seine Tochter fest an sich. Dann ließ er sie los und wendete sich an seine Krieger. „Ich war nicht nur ein schlechter Vater, ich war auch ein schlechter König. Ich habe euch in zahllose Kriege geführt und dazu gezwungen, eure Hände mit dem Blut unschuldiger Menschen zu besudeln. Ich glaubte, es sei das Recht des Stärkeren, sich zu nehmen, was man sich nehmen kann. Aber jetzt habe ich verstanden, dass das falsch ist und dass das wahre Glück nicht im Habenwollen liegt. Das Recht und zugleich die Pflicht des Stärkeren ist es, das Recht des Schwächeren zu respektieren und zu schützen. Daher: Legt die Waffen nieder!“, sagte er mit entschiedener Stimme, „wir haben kein Recht, unsere Waffen in einem Land zu erheben, das nicht das unsere ist“. Alle gehorchten ihm sofort. Die Krieger hatten nach der erstaunlichen und heilsamen Veränderung, die Rotbart und sie selbst durchlaufen hatten, kein Verlangen mehr, einem anderen Menschen Leid anzutun.

„König Rotbart“, sagte Golo sanft, „wollt Ihr nun meine Einladung annehmen und mein Gast auf dieser Insel sein?“ „Es ist mir eine Ehre, wenn Ihr mich nach allem, was geschehen ist, überhaupt noch empfangen mögt“, antwortete Rotbart und neigte das Haupt. Golo lächelte. „Mir ist es eine Freude, dass nach all den Jahren endlich die Feindschaft zwischen dem Land des Nordens und der Felseninsel beendet ist. Als Zeichen der Freundschaft werden wir Euch von nun an jedes Jahr viele Kisten mit all den guten Gaben unserer Insel schicken, vor allem natürlich mit unserer Wurst, damit Ihr Euch daran freuen könnt“. In seinen Gedanken ging der Satz noch weiter: „… und damit Euch die Wurst auch weiterhin von dem Gedanken abhält, uns überfallen zu wollen“. Das sagte er aber nicht laut.

„Ich habe einen weiteren Vorschlag zur Festigung der Freundschaft zwischen dem Volk der Felseninsel und den Menschen des Nordens“, sagte Lasco. „Prinzessin Merle und ich –“, er stockte, „also – ich und die Prinzessin, wir würden gern – wenn auch mein Vater einverstanden ist“, er hielt inne und sah Merle mit einem hingebungsvoll verliebten Blick an, den sie ebenso liebevoll erwiderte. Er nahm Merles Hand, blickte Golo an, der lächelte und mit dem Kopf nickte, räusperte sich und sagte dann laut: „König Rotbart, ich bitte Euch um die Hand Eurer Tochter Merle“. „Da Merle überaus einverstanden erscheint, gebe ich sie Euch zur Frau. So sei der Bund zwischen unseren Völkern durch Eure Hochzeit besiegelt“, sagte Rotbart. Er reichte eine Hand Lasco, die andere Golo, dieser nahm Merles noch freie Hand, und so standen die beiden Könige mit Prinz und Prinzessin zusammen, nun auch durch familiäre Bande vereint.

Lauter Jubel brach auf beiden Seiten, bei den Insulanern wie auch bei den Männern des Nordens aus. Hände streckten sich dem jungen Paar entgegen, die Menschen ließen es hochleben, Glück- und Segensrufe erschallten.

Bei all der Freude und dem Lärm merkte Golo plötzlich, dass jemand fehlte. Er blickte sich um. Wo war Onda? Während das junge Paar Glückwünsche entgegennahm, zog Golo sich unbemerkt in den Hintergrund zurück. Er wusste, wo er sie suchen musste. Der Weg vom Hafen zur Cala Calamita war nicht weit. So schnell er konnte, begab er sich zu der Stelle, wo das Schiff, mit dem Onda und Merle gekommen waren, angelegt hatte. Das Schiff hatte bereits abgelegt und war schon einige hundert Meter entfernt. „Onda, kehr zurück“, dachte Golo, und er wusste, dass Onda ihn verstehen konnte. „Warum sollte ich das tun?“, hörte er Onda in seinen Gedanken. „Weil du mir gern widersprichst und ich nicht mehr einsam sein möchte, seit ich dir begegnet bin“, dachte Golo. „Ich kann dir widersprechen, wo auch immer ich bin“. Ondas Stimme konnte war auch in seinen Gedanken sehr spöttisch sein. „Das weiß ich. Aber ich möchte dich lieber ganz nah bei mir haben“, dachte Golo. „Außerdem“, fügte er in Gedanken hinzu, „gibt es hier auf dieser Insel eine köstliche Wurst. Wenn du sie weiterhin genießen möchtest, musst du hier bleiben, denn die jährliche Wurstlieferung geht nur an König Rotbart, und ich glaube nicht, dass er sie mit dir teilt“.

Diesmal hörte er keine Antwort von Onda, aber Golo sah, dass das Schiff eine Kehrtwende machte und der Felseninsel langsam wieder näher kam. „Ich freue mich, dass du wiederkommst“, dachte er. „Jetzt, wo ich meinen Schatz der Felseninsel gefunden habe, sollte ich wohl besser bei ihm bleiben und ihn hüten“, hörte er Onda sagen. „Meinst du mit dem Schatz mich oder die Wurst?“ fragte er sie in Gedanken. Er hatte auf einmal ihr Bild klar vor Augen – die wirren roten Haare, die Bernsteinaugen. Aber sie antwortete nicht. Sie lächelte nur.

Von Doro Roth

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Gewinnertexte 2014 | Platz 2: Die Magie der Wurst

Es war einmal ein Königreich von mächtiger Größe und Weite. Felder reihten sich an Wälder, Wälder an Täler und Täler an Berge. Durch all diese Landschaft floss ein klarer, breiter Strom, dessen Strömung so stark war, dass er selbst im Winter bei eiskalter Witterung nie gefror. Im Sommer war der Fluss so klar, dass man die Schuppen einer Regenbogenforelle selbst im tiefen Wasser schillern sehen konnte. Das Königreich von dem ich erzähle, lebt seit vielen glücklichen Jahren im Frieden miteinander und König Ludwig, der über diese Weiten herrscht, ist gerecht und zufrieden. Doch nicht nur dem König, sondern auch seinem Gefolge, den Bauern, Arbeitern und Lehnherren geht es ausgesprochen gut.

Da alle Menschen in diesem Königreich, sehr zufrieden mit ihrem Dasein waren und die Ernten in den letzten Jahren ertragreich ausfielen, da kein Krieg zu führen und auch keiner zu erwarten war, hatten die Bewohner dieses wunderbaren Landes etliche einfallsreiche und geistreiche Dinge für sich entdeckt, mit denen sie sich ihre Zeit vertrieben. Sie liebten es zu tanzen und zu feiern, sie betrieben Theater und Gesang, die Kunst und die Zauberei, doch am Allerheiligsten war Ihnen Speis und Trank. Es wurde täglich gebacken und gebraten, Rezepte und Kräuter untereinander ausgetauscht und regelmäßig wurde das beste Gericht, verköstigt durch König Ludwig und Prinzessin Agatha, prämiert.

Oft stand König Ludwig mit seiner Tochter Agatha nach einem ausgiebigen Frühstück auf der sonnigen Veranda, die geschützt durch riesige Oleanderbüsche und Flieder, Weinreben und Edelpalmen auf einer stattlichen Anhöhe lag, und blickte über sein Land.
„Ach, wenn deine Mutter noch leben würde“, sagte Ludwig nachdenklich und legte seinen Arm um Agathas Schulter und zog sie fest an sich. „Sag mir mein Kind, willst du nicht auch irgendwann einmal dein Herz an jemanden verschenken und mir ein paar drollige Enkelkinder bescheren?“ Ludwig lachte jetzt breit und schaute seine Tochter erwartungsvoll an.

Agatha löste sich behutsam aus der Umarmung ihres Vaters und schaute in die Weite. Es roch nach blauem Flieder und aus der Ferne zog der Geruch von frisch gebratenen Wachteln zu ihr hinüber. Ein paar Wolken hatten sich an den Bergspitzen gesammelt und türmten sich dort zu einer Mauer auf. Bestimmt würde es bald Regen geben. Agatha war noch nie verliebt gewesen, obwohl es etliche Bewerber gegeben hatte, die nichts ausließen, um ihr Herz für sich zu gewinnen. Doch nie konnte sie wirkliche Zuneigung für einen dieser jungen Männer spüren. Immer wieder kamen ihr die Worte ihrer Mutter in den Sinn, oft genug hatte sie Agatha darauf aufmerksam gemacht: „Du musst jemanden gut riechen“ können! Dann weißt du, dass der Richtige vor Dir steht. Deine Nase wird dich zum Mann deines Herzens führen. Darauf kannst du vertrauen, mein Kind.“

Agatha atmete tief ein und schloss beim Ausatmen die Augen. Doch wann würde es endlich soweit sein? Ihr Geruchssinn war schon als kleines Kind extrem ausgeprägt. Sie unterschied mühelos mit verbundenen Augen Blumen und Gewürze und auch Menschen, die ihr bekannt waren, konnte sie in den langen Gängen des Schlosses riechen, auch wenn diese schon lange verschwunden waren. Jeder hatte seinen speziellen Geruch. Vater roch nach Moschus und Salz, Mutter nach Fenchel und Zimt und Miss Lisa, ihre Anziehdame, nach Rose und Milch. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.
„Ich werde etwas spazieren gehen, bevor es anfängt zu regnen!“, sagte sie zu Vater und küsste ihn auf die Wange. „Wir treffen uns beim Abendbrot.“ Dann lief sie geschwind und trotz ihrer molligen Statur, leichtfüßig die Wendeltreppe hinab, die sie direkt in den Garten brachte.
Am nächsten Morgen war die Schlechtwetterfront abgezogen und es gab nichts als tiefblauen Himmel zu sehen, als Agatha sich zu ihrem Vater an den Frühstückstisch gesellte. Sie gab dem König einen Kuss, während Pavlos, ihr Leibdiener, Agatha das traditionelle Rührei auftat. Schon der köstliche Duft ließ Agatha das Wasser im Mund zusammen laufen und als sie den ersten Bissen nahm, musste sie genüsslich stöhnen, so herrlich war dieses Geschmackserlebnis. Sie nahm einen weiteren Happen und beschloss, dass es das köstlichste Ei war, welches sie jemals in Ihrem Leben gegessen hatte.
Welche neuen Zutaten stecken in diesem grandiosen Rührei?“, fragte sie Pavlos und schaute ihn neugierig und begeistert an.

„Eine Wurst, meine Prinzessin!“, sagte Pavlos stolz.
„Eine Wurst?“, fragte Agatha nach und wusste, dass er die kleinen, pikanten, würzigen, geräucherten Würfelchen meinte, von welchem sie jetzt einen in zwei Fingern hielt, ihn drehte und wendete und dann genüsslich zwischen ihren Lippen verschwinden ließ.
„Genauer gesagt, eine Salami aus Ungarn!“
„Ich möchte jetzt jeden Morgen solch ein grandioses Rührei mit Salamiwürfeln zu mir nehmen, sag das dem Koch!“, befahl Agatha und Pavlos nickte. So geschah es, dass Agatha jeden Morgen das köstlichste Ei ihres Lebens zu sich nahm. Es war eine Art Magie, die sie jeden Morgen völlig vereinnahmte und die sie sehr glücklich stimmte. Sie schloss die Augen beim Essen und konnte mit jedem Bissen die weiten Steppen Ungarns fühlen, den Rauch riechen, der den kleinen Räucherhütten entwich und sie sah regelrecht zu, wie ein junger Mann, die frisch geräucherte Wurst geschickt zum Trocknen aufhängte.

Doch eines Tages war das Rührei plötzlich wieder gewöhnlich und Agatha fragte empört: “Pavlos, was ist mit meinem köstlichen Frühstück geschehen?!“
„Es tut mir sehr Leid, meine Prinzessin, doch ich muss Euch verkünden, dass die Wurst aus ist!“
„Wieso gibt es keine Wurst mehr?“, fragte Agatha ungläubig und runzelte die Stirn.
„Ja, Madame, wir erwarben zwölf dieser Würste von einem fliegenden Händler, doch nun ist unser Vorrat, so Leid es mir tut, aufgebraucht.“ Pavlos sah schuldbewusst aus der Wäsche.
„Dann werdet ihr einen neuen Vorrat ordern“, erklärte Agatha energisch.
„Das wird nicht möglich sein meine Verehrteste, denn niemand kennt die genaue Herkunft dieser außerordentlich guten Wurst!“ Pavlos machte einen Diener und Agatha zeigte durch eine Handbewegung, dass er sich entfernen konnte.

Sie dachte lange nach und kam schließlich zu dem Entschluss, dass sie solange nicht mehr frühstücken wollte, bis ihr jemand ihre geliebte Salami wiederbringen würde. So verging Tag um Tag und Woche um Woche. Die Prinzessin frühstückte nicht mehr und mit jedem Gramm, das sie verlor, wurde sie immer trauriger und stiller. Es war ihr bald, als hätte sie niemals etwas anderes gehabt in ihrem Leben, als den Geschmack von Salz und Rauch auf ihren Lippen und ihre Träume von den weiten Steppen Ungarns und diesem jungen Mann, der die Salami räucherte und zum Trocknen aufhing.

Da es so nicht mehr weitergehen konnte und sich König Ludwig große Sorgen um den Zustand seiner Tochter machte, ließ er eine seiner besten Kutschen reisetauglich machen, um sich auf die Suche zu machen nach diesem jungen Mann, der diese wunderbare ungarische Salami herstellte. Zwölf seiner besten Männer, etliche Pferde und Esel begleiteten den Tross, der sich bei den ersten Sonnenstrahlen ostwärts in Bewegung setzte.

„Halt, wartet, vielleicht hilft Euch das!“ Pavlos rannte hinter der königlichen Kutsche her und reichte Agatha ein Halstuch zum Fenster hinein. Außer Atem fügte er hinzu: “Das hat der Bursche nach unserem Handel im Speisekeller vergessen!“

„Danke, Pavlos!“, sagte Agatha und lächelte.

„Dann kann es ja losgehen!“, bemerkte Ludwig und gab seinem engsten Vertrauten ein Zeichen, worauf die Karawane sich wieder in Bewegung setzte. Viele Tage reisten sie über karge Steppen, die sich am Horizont zu grünen Anhöhen erstreckten, überquerten Flüsse und Berge, nächtigten bei gutem Wetter unter freiem Himmel und Lagerfeuer und schlugen bei Regen mächtige Zelte auf. Ludwig freute sich, Agatha wieder lächeln zu sehen und beobachtete sie heimlich, wie sie das Tuch des Unbekannten nie aus den Augen ließ und es in geheimen Momenten an ihre Nase führte und seinen einzigartigen Geruch aufsog, wobei sich ihr Blick seltsam verklärte und ihre Augen strahlten. Es lag etwas Magisches in Ihrem Blick.
„Agatha, meine Liebe, nur noch wenige Stunden trennen uns vom Königreich Ungarns!“, begann Ludwig und ergriff Agathas Hand. „Ich habe bei unserer Abreise einen unserer Kuriere zu König

Barnabas entsendet und ihn über unser Kommen und unser Anliegen informiert. Er wird alle in Frage kommenden Burschen und Jünglinge im heiratsfähigem Alter auf dem Festplatz samt ihrer ungarischen Salamis versammeln!“ Ludwig lachte schallend und schaute seine Tochter erwartungsvoll an.
„Im heiratsfähigem Alter?“ Agatha runzelte die Stirn. „Ich soll einen Ungarn unbekannter Herkunft heiraten?“

„Ja, warum nicht mein Kind! Alle Prinzen und Edelmänner von nah und fern hast du bereits abgelehnt, doch die Zeit eilt, ich bin nicht mehr der Jüngste!“ Wieder lachte Ludwig. Agatha griff nach dem Tuch neben sich und roch daran. Wenn er soooo riecht, schwärmte sie, dann soll es geschehen!
König Barnabas Empfang war herzlich und er glänzte als hervorragender Gastgeber. Auf eine geruhsame Nacht und einem guten Frühstück, bei welchem Agatha vor Aufregung jedoch keinen Bissen hinunter bekam, folgte eine feierliche Ansprache König Barnabas. Anschließend brachte eine geschmückte Eskorte, die von Pauken und Trompeten begleitet wurde, Agatha und Ludwig zum Festplatz, auf welchem sie schon erwartet wurden. Hunderte von Menschen hatten sich eingefunden, um dieser ungewöhnlichen Suche beizuwohnen. Es wurde geklatscht und gejubelt, Fahnen wurden geschwenkt und Blumen geworfen. Agatha stieg hoch erröteten Hauptes die Empore hinauf und lächelte und winkte schüchtern. Sie sah wunderschön aus. Ehe sie sich versah, erklang ein Trommelwirbel und die Menge teilte sich. Eine Reihe Männer in weißen Hemden kam auf sie zu. Es waren an die zwei Dutzend Burschen und jeder trug einen Korb vor sich her, in welchem auf weißem Leinen gebettet, eine mächtige ungarische Salami thronte. Agatha konnte die Gesichter der jungen Männer nicht sehen, da sie nach ungarischer Tradition verhüllt waren, was Agatha für bedauerlich hielt, aber nicht zu ändern war. So würde es nur auf den Geschmack der Wurst ankommen und das Äußere der Jünglinge würde Agatha nicht ablenken oder beeinflussen.

Nachdem Barbadas den jungen Männern und dem ganzen Volk noch einmal verkündete, dass dem Glücklichen, mit der besten Salami, die Hand der Prinzessin gehöre, jubelte die Menge erneut laut auf.

Schließlich wurde der erste Jüngling zu ihr hinaufgeführt. Er kniete nieder und küsste Agathas Hand. Auf einem silbernen Teller nahm Agatha feierlich das erste Stückchen Wurst entgegen und steckte es sich in den Mund. Sie schloss die Augen. Die Menge schien die Luft anzuhalten und als Agatha lächelte und nickte, jubelten alle und klatschten begeistert. Agatha trank einen Schluck Wein und tupfte sich den Mund ab. Dann stieg der nächste Jüngling zu ihr hinauf. So ging das vierundzwanzig Mal. Agatha ließ sich nicht anmerken, dass jedes Stück Salami gleich gut schmeckte. Panik stieg in Ihr auf. Doch dann kamen ihr die Worte ihrer Mutter in den Sinn: Deine Nase wird dich zum Mann Deines Herzens führen! Darauf kannst du vertrauen!

Agatha flüsterte ihrem Vater etwas ins Ohr, dieser seinem engsten Vertrauten, dieser Barbadas, welcher nickte und einen seiner Männer anwies, dass sich alle verhüllten Jünglinge in einer Reihe aufstellen sollten. Agatha ging klopfenden Herzens die Empore hinunter. In der Hand hielt sie ein blaues Tuch. Sie roch ein letztes Mal daran und ging dann sacht zu allen Jünglingen, schloss die Augen und roch an jedem Einzelnen. Ein „Ahhh“ und „Ohhh“ raunte durch die Menge.
Agatha blieb schließlich bei einem der Jünglinge stehen, lächelte, nachdem sie an seinem Hals gerochen hatte und bekam diesen magischen Blick, den Ludwig schon kannte. Sie schaute zu Barbadas, dieser nickte wieder, worauf Agatha mit zittrigen Händen das weiße Leinentuch entfernte, welches das Gesicht ihres Auserwählten verbarg und dazu ausrief: Er solle es sein!!!

Das Volk tobte. Der junge Mann hatte braunes Haar und grüne Augen, welche strahlten, als er Agatha erblickte und die der Farbe ihrer zum Verwechseln ähnlich waren. Er war von prächtiger Statur und hatte von der Sonne Ungarns und der harten Arbeit auf dem Feld gebräunte Haut. Er lächelte herrlich und hob Agatha feierlich in die Höhe und drehte sich mit ihr im Kreis. “Ich bin Andras!“ Agatha lachte und war noch nie so glücklich in ihrem Leben gewesen.


Noch am selben Tage fand eine prunkvolle Hochzeit statt und Agatha und Andras und Ludwig und Barbadas und das ganze Volk feierten drei Tage und drei Nächte lang. Agatha und Andras führten ein wunderbares Leben miteinander und sie und ihre drei herrlichen Söhne aßen jeden Morgen Rührei mit magischer, ungarischer Salami, die nie ausging.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ende

von Rebecca Böde






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Gewinntexte 2014 | Platz 3: Ein himmlisches Würstchen!

Ein ziemlich modernes Märchen…

(Figur von Otmar Alt)

Ina saß an ihrem Büroschreibtisch und starrte in den Monitor ihres Rechners. Genau genommen starrte sie auf die Uhrzeit, die unten rechts am Bildschirmrand ihres Monitors eingeblendet war. In wenigen Minuten konnte sie endlich in ihre wohl verdiente Mittagspause gehen.

Ina schüttelte den Kopf, was für die anderen Kollegen, die um sie herum saßen, kaum sichtbar war. Was für ein Vormittag war das nur wieder einmal gewesen?, fragte sie sich im Stillen. Zuerst hatte sie am Morgen versehentlich den Wecker ausgestellt, dabei hatte sie eigentlich nur die Schlummertaste drücken wollen. Als Ina dann eine halbe Stunde später die Augen aufschlug, war sie natürlich viel zu spät dran. Wieder einmal. Wieder einmal würde sie deswegen mit ihrem Chef aneinander geraten. Fluchend sprang sie aus dem Bett, dabei sah sie noch einmal wehmütig auf die andere, die leere Betthälfte neben der ihrigen. Früher hatte ihr Freund Michael auf dieser Seite des Bettes gelegen. Damals war er immer gleich sofort aufgesprungen, wenn der Wecker klingelte. Ein gemütliches Umdrehen im warmen Bett und danach vielleicht noch einen Moment mit Kuscheleinheiten zu verbringen, war für ihn schlicht undenkbar gewesen. Für Inas Geschmack konnte der Tag allerdings nicht entspannt genug angehen, aber so war das nun einmal. Während Michael anschließend gleich im Bad verschwand erntete Ina meist unsanft die erste Aufgabe des Tages, die in Michaels Augen keinen Aufschub duldete: »Schatz, setzt du den Kaffee auf!?«.

Allein das Wort »Schatz« war nicht etwa liebevoll ausgesprochen, vielmehr war der ganze Satz eine Aufforderung an sich. Nachdem Michael dann strahlend aus dem Bad kam und er sich seine Bestätigung in jedem Spiegel, an dem er vorbei kam abholte, zog er sich an. All das dauerte natürlich eine Weile, denn wenn Michael eines war, dann war er eitel wie ein Pfau! Er sah aber auch lecker aus, das musste Ina ihm wirklich lassen. Michael trank dann entspannt seine erste Tasse Kaffee des Tages, selbstverständlich mit aufgeschäumter laktosefreier Milch und blätterte in der Zeitung, die Ina längst schon herein getragen hatte. Im Bademantel und ungekämmt war sie dazu auf den Flur gegangen. Das Bad war schließlich besetzt und sie hatte keine Sorge, dass jemand sie in diesem Aufzug am frühen Morgen zu Gesicht bekam. Während Michael seinen Kaffee genoss, schlich Ina ins Bad. Wenn sie dann mit ihrer Morgenpflege fertig war, war Michael meistens schon aus dem Haus und zur Arbeit gegangen. Wie oft hatte sie sich darüber beklagt, dass Michael sich morgens nicht einmal ordentlich von ihr verabschiedet hatte…

Michael lag nun jedenfalls nicht mehr auf dieser Seite des Bettes, denn vor einigen Monaten hatte er sich dazu entschlossen mit Sabine durchzubrennen! Sabine war ebenfalls sehr eitel. Und groß. Und hübsch. Und verdammt schlank! Sabine verzichtete nahezu auf alle Nahrungsmittel in denen sich Zucker, Fleisch oder Kohlehydrate befanden. Wenn sie eine Einladung zu einer Party angenommen hatte, stellte Sabine gleich von vorne herein klar, dass sie Vegetarierin war. Mit dieser Erklärung war alles gesagt und niemand fragte weiter nach, wenn sie gelegentlich an einer Möhre knabberte oder sich ein Salatblatt vom Buffet angelte. Woher Ina das alles so genau wusste? Sabine war einmal Inas Arbeitskollegin gewesen und saß früher im Büro nebenan. Michael wollte Ina eines Tages einmal von der Arbeit abholen, was ehrlich gesagt ziemlich selten geschah. Ina hatte gerade noch ein Telefonat zu führen, als Sabine und Michael ins Gespräch kamen. Beide verstanden sich auf Anhieb. Ina erfuhr einige Zeit später fast beiläufig, dass Michael sie nicht mehr liebte und so wurden er und Sabine kurzer Hand ein Paar. Ina wusste gar nicht so recht wie ihr geschah. Sabine hatte kurz darauf ihre Stelle bei Partner & Partner gekündigt, was wohl auch besser für alle Beteiligten war.

Ina war die Verliererin in dieser Beziehung. Sie war alleine zurück geblieben. Das heißt, nicht ganz alleine. Ab und an ging sie schließlich mit dem Mops ihrer Nachbarin Gassi.

»Mit einem Hund lernst du immer Leute kennen, oder du kommst wenigstens in Gespräch mit ihnen!«, sagte ihre Nachbarin eines Tages, als Ina wieder einmal einen schlechten Tag hatte und in einem Berg von gebrauchten Taschentüchern zu ersticken drohte. Die Nachbarin drückte Ina sogleich die Hundeleine samt Mops in die Hand und seither drehte Ina nach Dienstschluss eine ausgiebige Hunderunde mit Frido. Gespräche mit anderen Hundebesitzern waren bisher allerdings sehr übersichtlich geblieben. Wohin sie auch sah, überall schienen nur Pärchen unterwegs zu sein. Es war schrecklich!

Ina sah wieder auf die Uhr, auf ihrem Bildschirmrand. Noch fünf Minuten. Ihr Magen knurrte laut und deutlich. Sie dachte an den Naturjoghurt zurück, den sie zum Frühstück gehabt hatte. Danach hatte sie einen Apfel. Gesund und vegetarisch wollte sie sich fortan ernähren. Nachdem Michael sie nämlich wegen Sabine verlassen hatte, hatte sich Ina an einem Berg von Kartoffelchips und Schokolade vergangen. Das Resultat war natürlich niederschmetternd, was Inas Waage ihr auch bewiesen hatte. Ina beschloss daher eines Tages alles in ihrem Leben ändern zu wollen: Kein Fleisch, keine Süßigkeiten, keine bösen Fette mehr! Mit rein gesunder Nahrung wollte sie den Weg zu einem vermeintlich besseren Ich beschreiten. Gesund, schlank und rank!

Versunken in ihren Gedanken, griff sie sich wie automatisch in ihre Bauchfalte und zog augenblicklich eine Grimasse. Wann hatte sich das ganze Zeug eigentlich auf ihre Hüften gelegt? Ob Michael zurückkehren würde, wenn Ina ein paar Kilo verlieren würde? Vielleicht dann, wenn sie so schlank werden würde, wie es die dürre Sabine bereits war? Ina erschrak plötzlich, denn sie erkannte, dass sie ihren Michael als Lebensgefährten scheinbar auch nach all der Zeit der Trennung noch immer sehr vermisste. Und zwar mehr als es ihr lieb war. Viel zu sehr, für ihren Geschmack!

Ina konnte nicht einmal genau sagen was es war, was sie an ihm so vermisste. Sicher waren es nicht seine Kleidungsstücke, die er überall dort herum liegen ließ, wo er sich gerade ausgezogen hatte. Er hatte ohnehin keinen Handschlag in dem gemeinsamen Haushalt gemacht. Ina seufzte laut. Vermutlich war es schlicht und ergreifend die Anwesenheit ihres Ex, die sie vermisste. Es war niemand da, wenn sie heim kam. Verflixt! Sie hasste ihre Einsamkeit. Das war genau der springende Punkt. Vielleicht sollte sie sich ein Meerschweinchen anschaffen und gut.

Ina sah aus ihrem Bürofenster. Der Himmel war herrlich blau, es war ein so freundlicher Tag und die Sonne strahlte. Sehnsüchtig versank sie in diesem blauen Himmel und schickte einen stummen Wunsch hinauf. Ina wünschte sich einen Partner, dem sie ihr Vertrauen schenken konnte. Ganz und gar. Sie wollte mit ihm lachen und weinen können. Sie wollte ihm eine Stütze sein, ganz so, wie er es für sie sein sollte. Sie wollte mit ihm gemütliche Abende bei Kerzenschein verbringen und sich nachts an ihn kuscheln, um seine Wärme zu genießen. Und sie wollte jemanden, der morgens einmal für sie den Kaffee kochte!

Ina seufzte wieder und ärgerte sich augenblicklich darüber, dass sie sich solchen Gedanken und ihrem Selbstmitleid hingegeben hatte. Sie ärgerte sich darüber, dass sie Michael gedanklich noch immer nachhing. Jeder einzelne dieser Gedanken traf sie mitten ins Herz. Es war an der Zeit, dass das aufhörte. Michael musste endlich raus aus ihrem Kopf und aus ihrem Leben!

Ina schnappte sich ihren Mantel, stellte gewissenhaft ihren Rechner ab und verschloss die Bürotür hinter sich. Dann eilte sie auf das Treppenhaus des Bürogebäudes zu, um zur Mittagspause an die frische Luft zu gelangen. Um den Aufzug machte Ina seit Beginn ihrer Diät einen großen Bogen. Das Treppensteigen gehörte nun seit einigen Monaten ebenfalls zu ihrem alltäglichen Programm, wie auch eine vegetarische und kaloriensparende Lebensweise. Treppenabsatz für Treppenabsatz überlegte Ina, was sie sich zum Mittagessen gönnen sollte. Wobei »sich etwas zu gönnen« für sie während der Diät ein eher dehnbarer Begriff war! Sollte es ein Salat sein?, fragte sie sich und erinnerte sich augenblicklich daran, dass sie erst am Tag zuvor einen Salat hatte und an dem Tag davor ebenfalls und hatte sie den nicht sowieso mindestens einmal am Tag? Ina verzog ihr Gesicht, da sie sich langsam wie ein Karnickel vorkam, weil sie ständig Grünzeug aß! Zu Beginn ihrer Ernährungsumstellung gab ihr Körper extrem seltsame Geräusche von sich, weil er ständig mit Bergen von frischem und rohem Obst und Gemüse konfrontiert war. Inas Gedärm war mit der Menge an Rohkost völlig überfordert gewesen. Dabei hatte sie bisher an ihrem Gewicht noch nicht einmal wirklich viel verloren, was Ina natürlich nicht glücklich stimmte.

Wieder knurrte ihr Magen. Laut und fordernd. Ein Stück Hühnchen wäre jetzt ein Traum, dachte Ina. Doch sofort verscheuchte sie den Gedanken an ein duftendes Stück Fleisch. Ina spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammen lief. Wie hatte Sabine früher nur so hart gegen sich selber sein können? Dabei war sie mit Sicherheit nicht die Sorte Frau, die Vegetarierin aus Überzeugung war. Nein, es hatte eher damit zu tun, dass an dem Stück Fleisch auch nur ein Quadratmillimeter Fett hätte haften können, dass ihr wiederum in null Komma nichts die Figur ruiniert hätte. Nach außen hin machte es sich natürlich besonders gut, wenn sich Sabine gesellschaftlich als gewissenhaft präsentieren konnte. So konnte sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Dieses raffinierte Biest! Ina fühlte sich ertappt. Schon wieder hatten es einer der beiden geschafft sich Platz in Inas Hirn zu verschaffen. Das sollte nun aber wirklich das letzte Mal gewesen sein. So!

Ina zwang sich zu einem Lächeln und kehrte zu ihrem Ursprungsgedanken zurück, dem Mittagessen. Vielleicht sollte es ein Gemüseauflauf werden, der bestimmt gut für die Seele war, obwohl er nicht vollständig mit einer dicken Käsekruste überbacken war! Ina verließ mit das Bürogebäude, trat hinaus ins Freie und blieb für einen Moment lang vor der Tür stehen. Das Wetter war einfach herrlich! Der Himmel war noch immer strahlend blau und nahezu wolkenlos. Ina reckte ihre Nase in die Höhe und schloss für einen Moment lang die Augen. Sie fühlte sich mit einem Mal unglaublich entspannt. Ina lächelte und genoss den Augenblick der inneren Ruhe.

Ihre Entspannung hielt genau so lange an, bis ihre Nase einen ganz besonderen, wunderbaren Duft erschnupperte. Ina riss die Augen auf und sah sich hektisch nach der Quelle um, von der dieser Geruch ausgehen konnte. Dieser Duft war einfach einmalig. Er suchte sich seinen Weg über die Nase und schoss ohne Umwege mitten in ihr Bewusstsein! Ein Geruch wie dieser schaffte es nahezu jeden aus seiner Fassung zu bringen. Vegetarier hin oder her, denn für sie waren sie extra ohne Fleisch gefertigt worden. Sie waren das Must-have bei jeder Gartenparty. Sie wurde zum Genuss für Fleischesser und Veganer: Die Bratwurst!

Gegen eine richtig gut gegrillte Rostbratwurst war ein Diätführer schlichtweg machtlos. Wenn man kleine Kätzchen sieht, erlebt man einen ähnlichen Effekt. Man will sie haben! Im Hirn legt sich dann ein Schalter um, der das normale logische Denken blitzschnell aushebelt. Als Folge daraus hatte man später entweder eine abgekratzte Tapete oder nahm, wie in diesem Fall, die Kalorien in Kauf. So einfach war das! Ina war jedoch völlig verwundert. Nun arbeitete sie schon seit einigen Jahren bei dieser Firma, doch hatte es auf diesem Vorplatz doch noch nie einen Bratwurststand gegeben!?

Ehe sich Ina versah, stand sie mit einem Mal auch schon unmittelbar vor dem Bratwurststand. Wie war das möglich gewesen? Ina blinzelte. Sie konnte sich gar nicht daran erinnern dorthin gegangen zu sein…

Es war nur ein ganz kleiner Stand. Einer von denen, die eine einzige Person vor sich her schieben konnte. Ina blickte wie ferngesteuert auf die Rostbratwürste, die vor ihr auf dem Grill lagen und munter vor sich hin grillten. Einige Würste waren schon ganz knusprig, andere noch relativ blass. Der Duft vernebelte ihr glatt das Hirn und sie konnte irriger Weise schmecken wie es war, wenn sie in eine dieser köstlichen Würste beißen würde. Nur noch ein einziges Mal, bevor sie bestimmt wieder ganz eisern war und ihre Diät durchhalten würde und …

»Was wünschen Sie sich?«, hörte Ina die Worte, die wie durch einen Nebel zu ihr durchdrangen.

»Äh? Oh, Entschuldigung. Was sagten Sie?«

Ina sah irritiert auf und blickte augenblicklich in zwei hellblaue Augen, die sie stumm und lächelnd ansahen. Dieser Blick war herzlich und gütig und gehörte zu einer alten Frau, die hinter dem Grill gestanden hatte und eine Zange in ihrer rechten Hand hielt. Offensichtlich gehörte der Grillstand der Alten! Ina staunte mit offenem Mund.

»Also, wenn Sie sich nicht entscheiden können, würde ich es gerne an Ihrer Stelle tun. Eine Bratwurst bitte!«

Hinter Ina hatte sich einer der Anzugträger aufgebaut, der vermutlich aus einem der angrenzenden Geschäftsgebäude kam. Diese Typen waren immer furchtbar hektisch und der hier hatte es scheinbar ganz besonders eilig. Ohne Ina weiter zu beachten, bestellte er seinen Mittagssnack. Ina schloss den Mund.

Was für ein arroganter Schnösel, dachte sie stumm und sah den Anzugträger zornig an.

Die Alte drehte die vor ihr liegenden Bratwürste nahezu mit aller nötigen Ruhe, ja fast sogar mit Bedacht um. Dann wählte sie eine Wurst aus, als sei es eine ganz besondere und legte sie sorgsam auf einen Pappstreifen, den sie dem Mann mit einem Lächeln überreichte. Die Frau ließ sich von der Hektik dieses Typen keineswegs anstecken, das musste Ina anerkennend feststellen.

Ina war von der Ausstrahlung der alten Frau derartig fasziniert, dass sie ihren Blick einfach nicht abwenden konnte. Die Alte hatte etwas Einmaliges. Da war etwas, das Ina nicht erklären konnte. Sie wirkte so weise. Die Alte hatte fast etwas von einer Hexe. Ina musste über ihre eigenen Gedanken schmunzeln, aber diese Frau wirkte nun einmal nicht wie eine, die einfach so an einem Straßenstand Würstchen grillte! Eine Hexe, dachte Ina immer noch schmunzelnd. Vermutlich war sie längst völlig unterzuckert, wenn ihr solche Ideen in den Kopf kamen.

Aber wie diese Frau diese eine Bratwurst gerade ausgewählt und fast andächtig überreicht hatte? dazu diese kleine Warze auf der Nasenwurzel. Ina hatte nie verstanden, wieso sich die Leute so was nicht gleich weg machen ließen. Das ging heutzutage doch ganz schnell und nahezu schmerzfrei! Etwas von ihrem weißen Haar guckte unter dem Kopftuch der Frau hervor, als wolle es draußen nach dem Rechten sehen.

Die Alte kassierte den Schlipsträger ab. Dann sah sie Ina wieder an. Neugierig. Offen. Es war, als konnte sie direkt in Inas Herz sehen. Ina war seltsam zu Mute. Wieso stand sie überhaupt noch hier? Warum war Ina nicht längst weiter ihres Weges gegangen?

In genau diesem Augenblick durchfuhr Ina ein Ruck, der sie aus dieser Starre befreite. Sie brauchte einen Moment bis sie realisieren konnte, dass gerade eben ein Junge auf einem Motorroller an ihr vorbei gebraust war und bei der Gelegenheit Ina die Handtasche von der Schulter riss und mit sich nahm. Mit offenem Mund starrte sie dem Jungen hinterher. Ina war schockiert und fassungslos zugleich. Erst als sie realisiert hatte, was da gerade mit ihr geschehen war, schaffte sie es um Hilfe zu rufen.

»Das kann doch??! Das ist doch?? HiHILFE!!!«

Dann nahm sie die Beine in die Hand und lief los. Sie rannte dem Typen samt Motorroller nach, was ein völlig sinnloses Unterfangen war, aber etwas musste sie doch tun! Ina lief, so lange ihre Beine sie tragen wollten. Doch leider war das nicht allzu weit. Bald konnte sie nur noch zusehen, wie der Rollerfahrer hinter einem der großen Bürogebäude verschwand. Das war’s. Wie sollte sie den denn jemals einholen? Niemand half ihr. Sie war allein auf sich gestellt. Ina blieb unvermittelt stehen und schnappte nach Luft. Sie spürte ein Stechen in der Leiste und der linke Fuß tat ihr weh. Vor Anstrengung war ihr übel.

»So ein Mist!«, fluchte sie so laut sie konnte und stampfte vor Wut mit dem linken Fuß auf. Dann fluchte sie noch lauter, denn der linke Fuß hatte ihr doch schon Schmerzen bereitet!

Mit gesenktem Kopf ging sie langsam zurück in Richtung Bratwurststand. Ihre Augen brannten und sie füllten sich mit heißen Tränen der Enttäuschung. Ausgerechnet sie. Ausgerechnet diese Handtasche. Ausgerechnet heute! Diese Handtasche war nicht nur sündhaft teuer gewesen. Ina hatte sich damals regelrecht in sie verliebt, als sie sie kurz nach ihrer Trennung von Michael im Schaufenster gesehen hatte. Diese eine Handtasche hatte sie sich damals regelrecht gegönnt, um sich etwas Gutes zu tun. Und jetzt war sie weg. Gestohlen. Inklusive Handy, Geldbörse und Lippenstift. Dabei hatte sie nicht mehr als zehn Euro in ihrer Börse. Ihre Papiere waren natürlich auch in der Handtasche.

Mist! Mist! MIST!

Dem Ganzen folgten nun teure Gänge zu diversen Ämtern. Das alles dafür, das der Dieb vermutlich nur die zehn Euro nahm und vielleicht auch noch ihr altes Handy. Alles andere würde er vermutlich wegschmeißen. Die Tasche würde in einem Gebüsch landen. Oder in einem der Stadtseen. Vermutlich war es nur ein Rötzlöffel gewesen, der etwas Aufregendes erleben oder sein Taschengeld aufbessern wollte. Es war zum Heulen!

Eine heiße Träne kullerte über Inas Wange, aber das interessierte sie nicht mehr. Das war einer der Momente, in denen es ihr ganz egal war, wie sie aussah, oder was andere Leute denken mochten. Ina stampfte sie noch einmal auf. Dieses Mal mit dem gesunden Fuß. Sie fragte sich, was sie eigentlich verbrochen haben konnte, dass sich scheinbar alles gegen sie verschworen zu haben schien. Ina blieb stehen und hielt sich beide Hände vor das Gesicht. Der Damm war gebrochen und sie konnte nicht mehr anders, als ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

»Heee! Kommen Sie, Kindchen. Ist doch alles gar nicht so schlimm, mmh?«, hörte Ina eine Stimme neben sich. Diese Stimme klang so warm und weich, dass die Worte allein sie schon trösten wollten. Ina atmete tief, rieb sich mit ihrem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und sah in die blauen Augen der alten Frau, die noch immer hinter ihrem Bratwurststand war. Ina wunderte sich über nichts mehr. Die Augen der Alten sahen so gütig zu Ina, dass es sie tief in ihrem Herzen berührte. Ina suchte instinktiv nach einem Taschentuch, doch die waren ja auch in der geklauten Tasche. Na toll!

»Darf ich?«, Ina sah schniefend auf den Stapel mit den Servietten, der auf dem Grillstand lag.

»Aber sicher Kindchen!«, sagte die alte Frau und Ina nahm sich eine der Servietten von dem Stapel, um sich die Nase zu putzen. Sicherheitshalber nahm sie sich noch eine zweite, um sich die Augen trocken zu tupfen und von ihrem Augen-Make-up zu retten, was noch zu retten war.

»Nehmen Sie eine!«, sagte die alte Frau und hielt Ina eine Bratwurst auf einem Pappschildchen hin. Ina zögerte. Dann schüttelte sie entschuldigend den Kopf. Sie wollte sich dem Fleischgenuss nicht hingeben und mit diesen Kalorien war selbst der kleine Diäterfolg, den sie hatte, gleich wieder in Gefahr. Und bezahlen konnte sie auch nichts!

»Nehmen Sie. Nehmen Sie, genießen Sie und Sie werden sehen, dass alles wieder gut wird!«, sagte die Alte, als ahnte sie, welchen Kampf Ina gerade mit sich ausmachte. Ina sah wie hypnotisiert in die Augen der Frau. Dann sah sie auf die Wurst, die sie bereits in ihrer Hand hielt. Die Rostbratwurst duftete und sie war genau so gegrillt, wie Ina sie am liebsten aß. Es lag sogar ein kleiner Klecks Senf daneben. Ina lief das Wasser im Mund zusammen. Sie schniefte. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Und wozu? Ina war doch eine lebenslustige Frau in den besten Jahren! Sie hatte ihr leben immer gern genossen. Und hatte nicht Michael schon versucht ihr ein Korsett anzulegen? Musste sie es ihm auch noch nachmachen? »Tue dies nicht, tue das nicht und koche bloß den Kaffee!«, hallten seine Worte in ihren Ohren. Was für ein Blödsinn! Ina wollte ihr Leben wieder in die Hand nehmen und sie wollte es auch endlich wieder genießen! Ja, sie wollte endlich wieder leben!

Ina spürte, wie gerade ihr Rücken mit einem Mal wurde. Ihr Blick wurde klarer. So klar, wie er schon seit Monaten, ja vielleicht seit Jahren, nicht mehr war. Ina lächelte und nahm dankend die duftende Bratwurst an. Dann biss sie hinein. Der Geschmack war einfach göttlich! Für einen Augenblick schloss Ina ihre Augen und genoss ihren ersten Bissen mit allen Sinnen. Dann öffnete sie die Augen wieder und sah der alten Frau in ihre himmelblauen Augen. Die Alte verstand. Sie nickte und lächelte Ina wissend zu. Auch Ina lächelte und flüsterte ein leises »Danke«.

Jemand in Inas Rücken räusperte sich.

»Entschuldigen Sie, aber ist das vielleicht Ihre Tasche?«

Nina wandte sich abrupt um und sah den Anzugträger vor ihr stehen, der sich vorhin an diesem Stand noch vorgedrängelt hatte und der ihr so arrogant vorgekommen war. Er atmete schwer und hielt Inas geliebte rote Handtasche in seiner rechten Hand. Ina konnte nicht glauben was sie sah.

»Ja? aber ja! Wie haben Sie?? Woher??«, stotterte sie halb fragend, halb lachend.

Dabei hielt sie ihre Bratwurst noch immer noch fest in der einen Hand, während sie zögerlich mit der anderen Hand zur Tasche griff. Der Anzugträger sah Ina an und lächelte freundlich. Er sah gar nicht so schlecht aus, fand Ina und spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.

»Sie haben Senf am Kinn!«, sagte der Taschenheld. Ina gab dem Mann kurz die Tasche zurück, um sich mit dem Handrücken über das Kinn zu wischen. Sie sah ihm lächelnd und dankbar in die Augen. Die Röte in ihrem Gesicht nahm zu. Ina hatte das Gefühl in seinen Augen versinken zu können.

»Woher wissen Sie denn, dass das meine Tasche ist und wie haben das angestellt?«, wollte Ina unbedingt wissen.

»Das ist eine längere Geschichte!«, antwortete der Anzugträger lachend.

»Haben Sie Lust und Zeit einen Kaffee trinken zu gehen? Dann erzähle ich sie Ihnen!«, fragte er vorsichtig. Ina nickte. »Aber zuerst will ich die hier noch genießen. Das ist meine erste gegrillte Rostbratwurst seit langem!«, antwortete Ina. »Woran liegt das?«, wollte der Fremde wissen.

»Das ist eine längere Geschichte. Aber wenn Sie noch Zeit haben, erzähle ich sie Ihnen gerne später!«

Ina lachte. Der Fremde lachte. Und die alte Frau lächelte auch, doch das nahmen die Beiden nicht wahr. Die Alte nickte, löste die Bremse von ihrem Grillwagen und begann damit ihn langsam weiter zu schieben, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Am nächsten Tag lief Ina in der Mittagspause gleich beschwingt aus ihrem Büro. Ihr Weg führte sofort auf den Vorplatz vor dem Gebäude, um die alte Frau mit ihrem Grillwagen zu suchen. Ina hatte einen kleinen Strauß Blumen besorgt, um sich bei der Alten noch einmal dafür zu bedanken, dass sie sie zum glücklichsten Menschen der Welt gemacht und sie mit Heiner, dem wahnsinnig netten Schlipsträger, zusammen geführt hat. Doch die Alte kam nicht. Da sie auch an den folgenden Tagen nicht mit ihrem Grillwagen erschien, hatte Ina versucht etwas über die Ämter in Erfahrung zu bringen. Irgendjemand musste die alte Frau mit ihrem kleinen Grillwagen kennen. Doch die alte Dame, Inas und Heiners Glücksbringerin, war unauffindbar.

Niemand kannte sie.

Das Grillen auf diesem Vorplatz war schlichtweg verboten, sagte Ina die Dame vom Ordnungsamt. Ina legte den Hörer auf die Gabel und sah lächelnd aus dem Fenster ihres Bürogebäudes.

Dann sah sie in den blauen Himmel und schickte ihrem Blick ein »Danke!« hinterher.

»Danke, von ganzem Herzen!«

© Nicole Markfort (November 2014)

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