20. Mai 2014
Das kleine Glück

Das kleine Glück

... heißt Zufriedenheit. „Nicht verwechseln“, rät Buchautorin Sonia Laszlo im vital-Interview. Wer kleine Freuden im Alltag wertschätzt, muss das große Glück nicht mehr jagen. Sondern kann darauf vertrauen, dass es irgendwann von selbst kommt.

Frau lacht
© Thinkstock
Frau lacht
vital: Frau Laszlo, Sie sind die Tochter des 2009 verstorbenen Glücksforschers Herbert Laszlo. Ihr Buch heißt „Fuck Happiness – Von der Tyrannei des Glücks“. Was hätte Ihr Vater zu diesem Titel gesagt?
Sonia Laszlo: Er hätte lauthals gelacht und gesagt: Das ist meine Tochter.
Ihre Leser könnten den Titel als einen Befreiungsschlag verstehen.
Ach nein. Da spürte ich keinerlei Druck. Der Titel ergab sich bei einem Termin im Verlag, als ich das momentane Unglückskind, nämlich unsere vom Glück besessene Gesellschaft, beim Namen nannte. Trotzdem möchte ich mein Buch nicht als Botschaft gegen das Glück verstanden wissen. Es geht darum, sich weder vom Positiven noch vom Negativen leiten zu lassen, sondern zu sehen, was ist. Und vor allem zu handeln, egal ob es glücklich macht oder nicht. Es kommt sowieso oft anders.
Heißt das, wer das ganz große Glück sucht, will in Wahrheit Dinge beeinflussen, auf die er überhaupt keinen Einfluss hat?
Ja. Wer dem großen Glück hinterherrennt, glaubt, etwas ändern zu können. Gerade uns Frauen wird ja ständig geraten: Tue dies und mach das, dann bist du glücklich. Zuerst sollten wir uns aber fragen: Was kann ich überhaupt beeinflussen und was nicht? Wir alle sind fest der Meinung, dass unsere Handlungen einen Unterschied machen. Aber manchmal müssen wir die Dinge so annehmen, wie sie sind, und akzeptieren, dass wir daran nichts ändern können. Das ist oft hart, aber dort liegt in jeder Hinsicht der Schlüssel.
Sonia Laszlo, 35, arbeitet als Referentin am Institut für europäische Glücksforschung in Wien. Sie ist außerdem ausgebildete Schauspielerin.
Der Schlüssel zum Glück?
Nicht ganz. Darauf lege ich auch im Buch viel Wert: Wir verwechseln Glück und Zufriedenheit, auch wenn wir darüber reden. Wir sollten darauf achten, welche Worte wir verwenden. Viele Menschen wünschen sich eigentlich Zufriedenheit, sagen aber, dass sie glücklich sein wollen – und werden dann unglücklich, weil „zufrieden sein“ und „glücklich sein“ zwei völlig verschiedene Zustände sind.

Gibt es ein Glücksrezept?

Dann erklären Sie uns doch jetzt mal genau den Unterschied.
Das große Glück müssen wir zulassen. Es kommt nicht auf Druck und hält immer nur kurz an. Es ist eine Art „Hoch-Zeit“. Das Wort Hochzeit beinhaltet ja schon, dass es irgendwann wieder runtergeht. Insofern bringt es wenig, sich zu fragen: Bin ich glücklich? Wenn ich glücklich bin, dann spüre ich das unmittelbar. Aber soll zum Beispiel meine Partnerschaft viele Jahre halten, muss ich auf Zufriedenheit setzen. Dauerglück gelingt nicht. Dann müsste ich ständig den Partner wechseln.
Aber handeln viele heute nicht genau so?
Ja, das sehe ich auch so. Klappt aber nicht. Es gibt da einen Versuch mit Affen: Die Forscher gaben ihnen Äpfel, und die Tiere waren glücklich. Dann bekamen sie Rosinen, was ihre Glücksgefühle abermals steigert. Anschließend haben die Wissen-
schaftler den Affen die Rosinen wieder weggenommen. Daraufhin wurden sie noch unglücklicher, als sie waren, bevor sie die Äpfel essen durften. Ganz ähnlich gewöhnt sich auch der Mensch ans Glück. Nur dass wir keine Rosinen bekommen, sondern uns teure Dinge kaufen. Es ist in zu sagen: Konsum macht glücklich. Und offensichtlich stimmt das tatsächlich. Sonst würde jeder nur das absolut Notwendige kaufen. Wer sich etwas gönnt, sollte sich jedoch darüber klar sein: Jeder Kauf bedeutet nur ein kurzes Glück. Es ist kein Dauerzustand.
Und Zufriedenheit?
Zufriedenheit kann genau das sein, ein Dauerzustand. Sie wirkt beruhigend, längerfristig. Sie sorgt dafür, dass wir das Leben ruhiger angehen, gemütlicher, entspannter. Sie ist gewissermaßen das kleine Glück im Alltag.

Dankbarkeit schulen

Danke! Für das Lächeln eines Fremden, den Busfahrer, der gewartet hat, die Sonne, die auf den Tisch scheint. Wer vermeintliche Kleinigkeiten so wertschätzt, spürt, wie die Zufriedenheit wächst.
 
• Führen Sie einen speziellen Kalender, in den Sie täglich fünf Dinge eintragen, für die Sie – an diesem Tag! – dankbar sind.
• Merken Sie sich jeden Tag etwas, das Ihnen passiert ist und das sich für Sie gut angefühlt hat. Erzählen Sie einem anderen Menschen davon (z.B. dem Partner, einer Freundin) und machen Sie daraus ein kleines Ritual
Klingt, ehrlich gesagt, ein bisschen langweilig ...
Was bedeutet denn langweilig? Etwas bleibt bei uns für längere Zeit. Ich bekomme die Chance, alles, was bereits da ist, zu hinterfragen, umzudeuten und wertzuschätzen. Ob ich Zufriedenheit spüre, habe ich selbst in der Hand. Ob ich zulasse, dass mich etwas oder jemand zufrieden macht, hängt davon ab, wie ich die Dinge bewerte. Zufriedenheit hat viel mit der persönlichen Lebenseinstellung zu tun.
Auch mit Erwartungen?
Das ist einer der Hauptaspekte: eigene Erwartungen überprüfen. Wir haben alle diese Wunschlisten – für den Job, den Partner. Ich sollte sie als Rahmen sehen, aber nicht als Anspruch mit dem Gefühl, dass ich das verdient hätte. Überzogene Erwartungen, gekoppelt mit dem vermeintlichen Recht auf Glück, sind der beste Weg ins Unglück. Wir dürfen träumen. Uns sollte aber bewusst sein, dass das Risiko, enttäuscht zu werden, umso höher ist, je größer wir träumen. Manchmal macht eine realistische oder pragmatische Sichtweise tatsächlich zufriedener.
Gehören denn Enäuschungen nicht zum Leben dazu?
Völlig richtig. Persönliches Wachstum hängt immer damit zusammen, dass ich durch schwere Zeiten gehen muss. Um zu wachsen, muss ich auch mal enttäuscht werden, weniger gute Dinge annehmen. Das haben wir aber verlernt.
Um zufriedener zu werden, schreiben Sie, hilft es, zunächst andere Menschen glücklich(er) zu machen. Warum?
Weil wir akzeptieren müssen, dass andere Menschen unser Glück beeinflussen. Es liegt zwar definitiv an mir, eine Chance zu nutzen. Aber: Ob ich die Chance bekomme, habe ich kaum in der Hand. Die Wurzeln des Unglücks heißen „Ich erwarte“ und „dass du mir XY gibst“. Stadessen sollten wir überlegen: Wo überschneidet sich das, was mich zufrieden macht, mit dem, was andere zufrieden macht?
Besitzen Sie einen Glücksbringer?
Nein. Ich glaube durchaus daran, dass wir viele Dinge emotional „aufladen“ können. Aber nicht so stark, dass es ohne nicht mehr geht. Dann würden wir wieder etwas beeinflussen wollen, das wir eben gerade nicht in der Hand haben.
Wäre es dann besser loszulassen?
Ja, definitiv. An dem Punkt habe ich sehr viel an mir gearbeitet, als mein Vater 2009 gestorben ist.
Was hat er Ihnen als „Glücksrezept“ mit auf den Weg gegeben?
Mit der Art, wie er sein Leben lebte, gab er mir die absolute Sicherheit, dass das, was von ihm angekündigt war, tatsächlich eintreffen würde. Was gesagt wurde, wurde auch getan. Das erzeugte unendlich viel Vertrauen. Und Vertrauen ist ein Hauptschlüssel des Glücks.
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