24. Juni 2010
Charakter kann verändert werden

Charakter kann verändert werden

Ihr wollt Euren Charakter verändern? Bestimmte Wesenszüge und Stärken lassen sich erfolgreich trainieren. Seht selbst!

Seelen-Inventur
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Seelen-Inventur

Eine Art Psycho-Wunschkonzert – das wär’s doch, denken wir oft, wenn die kleinen und großen Nervereien des Alltags mal wieder überhandnehmen. Dann würden wir uns eine große Portion Disziplin wünschen, weil mal wieder ein Monat rum ist, in dem das Fitness-Abo nicht annähernd ausgenutzt wurde. Oder mehr Mumm und Einfallsreichtum, um schnodderige Bemerkungen einer Kollegin souveräner und wortgewandter zu parieren.

Klingt gut, ist aber illusorisch, denken Sie? Weil man sich als Erwachsener nicht ändern kann? Kann man eben doch, wie neueste psychologische und neurobiologische Erkenntnisse zeigen. Demnach ist der Charakter kein starres Etwas, das uns teils in die Wiege gelegt wurde, teils in der Kindheit entstand. Im Gegenteil: Eigenschaften und Kernelemente des menschlichen Wesens wie Ausdauer, Fairness, Neugier, Humor, Enthusiasmus, Kreativität oder Integrität lassen sich unabhängig vom Alter trainieren.

Charakterlichen Stärken entwickeln

„Ich bin, wie ich bin“ – das bringt niemanden weiter

Und das scheint sich zu lohnen. Denn wer daran arbeitet, seine charakterlichen Anlagen und Stärken zu entwickeln, lebt glücklicher und gesünder als jemand, der stur dem Motto „So bin ich nun mal, und so bleibe ich” folgt.

Das sagen zumindest die Vertreter der Positiven Psychologie, eines jungen Wissenschaftszweigs, der vor gut zehn Jahren von dem renommierten amerikanischen Psychologieprofessor Martin Seligman von der Universität Pennsylvania begründet wurde. Die Forscher um Seligman beschäftigen sich vor allem mit der Frage, was uns Menschen zufrieden macht, wie wir unsere mentalen Ressourcen kennenlernen und im Alltag ausbauen können.

Zu diesem Zweck haben sie unter anderem einen umfangreichen Test entwickelt, mit dem man seine stärksten Wesensmerkmale herausfindet. Experten vom Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik an der Universität Zürich haben dieses wissenschaftliche Instrument für den deutschsprachigen Raum angepasst und zu Studienzwecken ins Internet gestellt, wo jeder Interessierte den Test durcharbeiten kann (siehe Extra-Kasten).

Die Gene formen den Charakter

Die Gene, Erziehung und Erfahrung formen den Charakter

Auch ohne Online-Test können Sie Ihrem Charakter auf die Spur kommen. „Dieser erste Schritt, die Selbsterkenntnis, ist die Voraussetzung, um an seiner Persönlichkeit zu feilen“, sagt auch Dr. Mathias Jung, Gestalttherapeut und Autor aus Lahnstein („Mein Charakter – mein Schicksal?”, Emu-Verlag). Bloß klappt die Nabelschau kaum allein. „Was die eigenen Züge betrifft, haben wir einen blinden Fleck und neigen zur Selbstidealisierung”, so Jung. Meist erkennt man sich gut im Spiegel der anderen, durch Beurteilungen von Freunden und Familienmitgliedern. „Die ideale Charakterschule ist jedoch die Beziehung. Wenn man den Partner fragt, was er an einem mag und was ihn stört, erhält man die besten Informationen über sich.”

Doch in welchem Maß lässt sich der Charakter überhaupt verändern? Fest steht, dass unsere Persönlichkeit zum Teil genetisch festgelegt ist, ein Großteil jedoch wird in den ersten Lebensjahren durch die Erziehung in der Familie und unser soziales Umfeld geformt. Eine lebenslang andauernde Rolle bei der Charakterbildung übernimmt übrigens das Gehirn. Mit „neuronaler Plastizität” bezeichnen Neurowissenschaftler die Fähigkeit unseres Denkapparates, neue Nervenzellen-Schnittstellen und komplette Netzwerke zu konstruieren, wenn wir einschneidende Erfahrungen machen oder etwas lernen. Diese synaptischen Weichenstellungen beeinflussen, wie wir uns zukünftig in ähnlichen Situationen verhalten. Ein ständig wachsender und wechselnder Aufbau, der nach Ansicht von Forschern wie dem Freiburger Neurobiologen Prof. Joachim Bauer zu großen Teilen bestimmt, was wir fühlen und welche Charakterzüge zum Vorschein kommen.

Große Gefühle und Krisen motivieren Menschen, sich zu ändern

Aus psychologischer Sicht bringen uns vor allem die klassischen Gegenpole Liebe und Leid dazu, Inventur zu machen und unser Verhalten zu verändern. „Aufrichtige Liebe und ein liebevoller Umgang befeuern das Einfühlungsvermögen und lassen uns reifen. Genauso wie Krisen und emotionale Zusammenstöße”, so Therapeut Jung. Bei negativen Erlebnissen helfen Fragen weiter: „Warum lief das falsch? Welchen Anteil hatte ich daran?” Das sporne zum Wandel an, sagt Jung, der überzeugt ist, dass jeder seinen Charakter selbst formen kann: „Allerdings verlangt das konsequentes Arbeiten, denn Wesenszüge lassen sich nicht an- und abschalten. Geduld und der Wille zur Veränderung sind unabdingbar.”

Einfache Übungen für Sie zu Hause

Einfache Übungen für Sie zu Hause

Für wichtige Wesensmerkmale hat VITAL gemeinsam mit der Abteilung für Persönlichkeitspsychologie der Universität Zürich Übungen zusammengestellt. Die erscheinen einfach, vermitteln Ihnen aber dennoch die Kompetenz, gezielt Stärken aufzubauen. Vielleicht regen sie Sie sogar an, selbst Übungen zu kreieren. Wie für das Klavierspielen oder Vokabelnlernen gilt auch beim Charaktertraining: Je öfter Sie üben, desto schneller denken Sie um und bauen neue Gewohnheiten auf, das erwünschte Verhalten geht Ihnen schließlich in Fleisch und Blut über.

Für mehr Disziplin: Suchen Sie sich ein Vorbild, jemanden, den Sie um seinen „langen Atem” beneiden, und versuchen Sie, ihm nachzueifern. Allein der Gedanke an Vorbilder wirkt motivierend, wie US-Forscher kürzlich nachwiesen: Testpersonen, die an einen disziplinierten Bekannten dachten, hielten beim Drücken eines Handmuskeltrainers länger durch als die, die jemand Faules im Kopf hatten. Ob Jobpensum, Diät oder Sportprogramm: Nehmen Sie sich etwas real Erreichbares vor! Planen Sie Zwischenschritte ein, um nicht den Überblick oder die Lust zu verlieren. Noch ein Trick: Machen Sie Ihre Ziele sichtbar (z.B. ein Foto von sich aufstellen, als die vier Zusatzkilo noch nicht drauf waren) und lassen Sie sich davon motivieren.

Für mehr Authentizität/innere Stärke: Stoppen Sie die Negativ-Spirale, indem Sie das, was Sie sonst runterzieht, konsequent auf positives Denken umpolen – ohne sich etwas vorzumachen. Statt „Ich habe die Prüfung völlig verbockt” lieber: „Es lief nicht gut, aber beim nächsten Mal bereite ich mich besser vor”.

Für mehr Kreativität: Ob Uhrenwerbung, Politikerkopf oder Schokoriegel – schneiden Sie Bilder, die Ihnen gefallen, aus Magazinen aus, und übertragen Sie Ihre Gedanken dazu auf Ihre Situation. So entstehen wilde Verknüpfungen, man nähert sich einem Problem aus völlig unterschiedlichen Richtungen. Effektiv ist auch, eine Situation wie beim Rollenspiel aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten: Seien Sie die Träumerin und lassen Sie der Fantasie freien Lauf. Seien Sie aber auch die Realistin, die prüft, wie sich gute Ideen umsetzen lassen. Und mutieren Sie schließlich zur Kritikerin, die verwertbare Ergebnisse auf Schwachpunkte hin abklopft.

Gezielt trainieren

Sobald Sie wissen, wie Sie sein möchten, können Sie gezielt trainieren

Für mehr soziale Kompetenz: Zeigen Sie Ihre menschliche Seite mit Kleinigkeiten, indem Sie etwa einer Mutter helfen, den Kinderwagen die Treppe raufzutragen. Gewähren Sie dem Linksabbieger, hinter dem sich schon eine Autokolonne staut, Vorfahrt, etc. Reaktivieren Sie alte Kontakte, verbringen Sie mehr Zeit mit der Familie und mit Freunden. Achten Sie auf Ihr Benehmen: Wer höflich auftritt, bringt anderen Wertschätzung entgegen – und die wird meistens auch erwidert.

Für mehr Mut: Warum habe ich gekniffen? Je klarer ich Zweifel und Bedenken analysiere, desto konkreter kann ich Reaktionen planen und Worst-Case-Szenarien künftig mental vorwegnehmen. Denn zu wissen, was man tun muss, wenn alle Stricke reißen, gibt einem die Gelassenheit, sich der Situation zu stellen.

Wie bin ich?

Sein Charakterprofil kann man kostenlos mit einem wissenschaftlichen Persönlichkeitstest bei der Universität Zürich ermitteln lassen. Unter www.charakterstaerken.org haben die Psychologen einen Fragebogen mit 264 Punkten ins Netz gestellt. Durchklicken – und man erhält eine Liste seiner hervorstechenden Eigenschaften. Derzeit arbeiten die Forscher an einem Folgeprogramm zum Stärkentraining.

Für mehr Optimismus: Konzentrieren Sie sich jeden Abend 15 Minuten lang darauf, was Ihnen tagsüber an Positivem widerfahren ist. Das verändert die Wahrnehmung, Sie werden aufmerksamer für angenehme Dinge, sehen einen anderen Ausschnitt der Realität und gehen dankbarer und freundlicher durchs Leben.

Darauf kommt es an

Darauf kommt es an

Wenn’s um die Psyche geht, stehen oft Ängste oder Depressionen im Mittelpunkt. Der US-Psychologieprofessor Martin Seligman fordert, sich stärker mit den vernachlässigten guten Eigenschaften des Menschen zu beschäftigen. Zusammen mit seinem Kollegen Christopher Peterson wertete er philosophische, religiöse und psychologische Quellen unterschiedlicher Kulturen aus. Dabei identifizierten die Wissenschaftler sechs positive Kerneigenschaften und dazugehörige Charakterstärken, die immer wieder auftauchen und die es lohnt, auszubauen:

Weisheit und Wissen Mit unseren kognitiven Fähigkeiten wie Neugier, kritisches Denken, Kreativität und der Liebe zum Lernen können wir Wissen sammeln und nutzen. Werden diese Stärken gefördert, erhöht das den praktischen Verstand und den Ideenreichtum.

Tapferkeit/Mut Hier wird nach drei Aspekten unterschieden: dem psychologischen Mut (um etwa Krisen zu meistern), dem moralischen (wenn z. B. Prestigeverlust droht) und dem physischen (wenn man die Angst vor Schmerz und Verletzung überwindet). Generell vereint der Begriff emotionale Stärken wie Ausdauer, Fleiß, Integrität und Enthusiasmus, die bewirken, dass wir ein Ziel verfolgen und uns davon weder von äußeren Schwierigkeiten noch inneren Zweifeln oder Widerständen abbringen lassen.

Menschlichkeit Sich für andere einsetzen, Freundschaften knüpfen, offen auf jemanden zugehen – dabei helfen Eigenschaften aus dem zwischenmenschlichen Bereich wie Sympathie, Freundlichkeit, soziale Intelligenz, Bindungsfähigkeit und die Fähigkeit zu lieben.

Transzendenz Darunter fallen sinnstiftende Wesensmerkmale, die auch den Bezug zu einer höheren Macht herstellen. Dazu gehören Dankbarkeit, Optimismus, Humor, Spiritualität und der Sinn für das Schöne.

Gerechtigkeit Unter diesem Begriff werden gesellschaftliche Stärken versammelt, die das Zusammenleben und ein funktionierendes Gemeinwesen fördern – z. B. Teamwork, Fairness und Führungskompetenz.

Mäßigung Zu wissen, wann man das Richtige tun und das Falsche lassen muss – diese Fähigkeit schützt uns vor Ausschweifungen, nicht nur bezüglich des Essens, Trinkens oder Drogenkonsums. Gemeint ist vor allem das Vermögen, seine Gefühle und Motive im Blick zu behalten. Dabei helfen Eigenschaften wie Bescheidenheit, Vergebungsbereitschaft, Vorsicht und Selbsteinschätzung.

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