20. Februar 2012
Burn-Out: Wege aus der Krise

Burn-Out: Wege aus der Krise

Es ist ein schmaler Grat, und ihn zu erkennen verdammt schwer. Denn wir alle schlafen mal schlecht, fühlen uns mal erschöpft, im Stimmungstief oder im Job überfordert. Das ist normal, wir sind eben Menschen, keine Maschinen. Doch viele versuchen, um jeden Preis zu funktionieren. Sie wollen zeigen, dass sie für alle Aufgaben „brennen“ – und merken nicht, dass das innere Feuer sie auffrisst.

Kirsten Müller
© Nele Martensen
Kirsten Müller

Bis ihre Psyche die Notbremse zieht. Ein Infarkt der Seele, vergleichbar mit einem Herzanfall. Die Betroffenen werden apathisch, kraftlos, depressiv, können sich kaum noch konzentrieren, denken an Selbstmord . Bereits 1975 wurde dafür ein Begriff erfunden: Burn-out. Kritiker monieren, er sei zum Mode wort mutiert, zu einer zweifelhaften Auszeichnung in einer leistungsorientierten Jobwelt – und damit selbst Teil des Problems. Viele Fachleute sprechen stattdessen von einer Erschöpfungsdepression. An der dramatisch steigenden Zahl der Betroffenen ändert das natürlich nichts. Einer Analyse der AOK zufolge haben sich Burn-out-bedingte Fehltage in den letzten sechs Jahren um fast das Neunfache erhöht, auf 1,8 Millionen Tage im Jahr 2010.

Chronischer Stress führt bei jedem zu chronischer Überforderung

Burn-out ist längst keine „Manager-Krankheit“ mehr. Es trifft zwar oft Führungskräfte, doch auch immer mehr Arbeiter und Angestellte fühlen sich leer und ausgebrannt. Kaum eine Berufsgruppe bleibt verschont, da in fast allen Branchen immer kleinere Teams immer größere Aufgaben bewältigen müssen. Viele arbeiten wie selbstverständlich abends und am Wochenende. Multitasking ist nicht nur im Job gefragt, sondern gehört längst zu unserem Alltag. „Dieser chronische Stress führt unweigerlich zu chronischer Überforderung“, warnt Dr. Dominique Schwarz vom Burnout-Zentrum, dem Europäischen Fachverband für Stressbewältigung und Burn-out-Prävention in Waldbrunn bei Würzburg. „Einige halten dem zwar länger stand als andere, doch gesundheitlich unbedenklich ist das für niemanden.“ Kurz: Jeder brennt irgendwann aus. Umso wichtiger ist es, früh gegenzusteuern – sobald man merkt, dass sich die Stressspirale dreht. Drei Strategien helfen, das Burn-out- Risiko klein zu halten.

Erstens: Bewusst abschalten! Festnetz, Handy, E-Mail, Facebook – wir sind nicht nur jederzeit erreichbar, all diese Kanäle sind auch immer enger vernetzt. Was ist Arbeit, was Vergnügen? Das lässt sich oft kaum noch trennen. Schluss damit! Läuten Sie den Feierabend und das Wochende mit einem Ritual ein, z. B. indem Sie Ihr Mobiltelefon ausschalten. Gönnen Sie sich eine Mittagspause außerhalb des Büros. Wenn Sie Kinder haben, verbringen Sie trotzdem regelmäßig Zeit allein. Gehen Sie z. B. eine Stunde spazieren oder zu einem Entspannungskurs. Nicht schummeln! Tragen Sie wenigstens einen Relax-Termin pro Woche als verbindlich in den Kalender ein.

Zweitens: Runter vom Gas! Sie müssen nicht immer 120 Prozent geben. 80 Prozent reichen meist völlig aus. Gut ist gut genug, bei der Arbeit genauso wie im Alltag. Sie haben es heute nicht geschafft, Ihr Haar zu waschen? Binden Sie sich einen Zopf. Ihre Wohnung ist unaufgeräumt? Treffen Sie Freunde im Café.

Drittens: Die Seele pflegen. Besonders in stressigen Zeiten braucht der Körper Nervennahrung wie Blattgemüse, Nüsse und Zitrusfrüchte. Die enthaltenen Vitalstoffe wie Folsäure und Vitamin C wirken Stress entgegen. Lavendelöl (z. B. in „Lasea“, Apotheken) kann Ängste lindern und kreisende Gedanken stoppen. Wer außerdem dreimal pro Woche eine halbe Stunde Ausdauersport treibt, baut effektiv Stresshormone ab und verhindert so, dass die Burn-out-Falle zuschnappt.

Kunst statt Burn-out

»Während der Psychotherapie dachte ich zum ersten Mal ausführlich über mich und mein Leben nach« Petra Alzer, 44, studiert heute Kunsttherapie

„Ich war schon als Kind äußerst verantwortungsbewusst. Wie meine Eltern. Kein Wunder, dass aus mir eine pflichtbewusste Frau wurde. In meinem Beruf als Lohn- und Gehaltsbuchhalterin war ich erfolgreich, in der Firma beliebt. Doch als man mir vor fünf Jahren eine Führungsposition übertrug, wurde mir alles zu viel. Auf einmal war ich nur noch traurig und übersensibel. Ich legte mich sogar mit Kollegen an. Ich spürte plötzlich deutlich, was ich mir vorher nie eingestanden hatte: Ich wollte etwas völlig anderes machen – Kunst! Auch ein Urlaub mit meinem Mann änderte nichts. Ich kam einfach nicht runter. Plötzliche, sehr starke Schmerzen im rechten Bein nahm ich nicht ernst.

Petra Alzer
© Nele Martensen
Petra Alzer

Zurück in Deutschland diagnostizierte mein Arzt einen schweren Bandscheibenvorfall. Ich war so wenig bei mir gewesen, dass ich das gar nicht bemerkt hatte! In diesem Moment habe ich wirklich Angst bekommen. Ich spürte, dass das, was ich gerade durchmachte, lebens bedrohlich werden konnte. Ich musste nicht mehr lange überlegen, gab meine Führungsposition zurück und verkürzte meine Arbeitszeit. Doch es war schon zu spät. Ich traute mir nichts mehr zu. Einen Monat später verließ ich die Firma unter Tränen und wusste, dass ich nie wieder zurückkehren würde. Das war nicht mehr meine Welt. Mein Arzt schrieb mich sofort krank, und ich spürte, wie eine zentnerschwere Last von mir fiel. Ich begann eine tiefenpsychologische Therapie, die zwei Jahre dauerte, und dachte zu Hause zum ersten Mal ausführlich über mich und mein Leben nach. Wann und warum hatte ich mich nur so verloren? Durch die Psychotherapie und die tolle Unterstützung meines Mannes fand ich am Ende wieder zu mir selbst. Ich begann zu malen. Zum ersten Mal lebte ich meine künstlerische Seite aus. Es war wie ein Befreiungsschlag. Mittlerweile studiere ich Kunsttherapie und genieße jeden Tag, an dem ich lernen darf.“

Mit Ayurveda aus dem Tief

»Mein Schlüsselerlebnis: Ich merkte, dass mich eine ayuvedische Lebensführung dauerhaft glücklich macht« Maren Maiwald, 46, fand mit Ayurveda aus dem Tief heraus

„Nach meinem Ökotrophologie-Studium arbeitete ich sechs Jahre als Ernährungsberaterin. Dann merkte ich, dass meine Energie mehr und mehr abnahm. Die Arbeit in Seminaren und mit den Patienten fiel mir schwer. Ich fühlte mich erschöpft, vollkommen ausgelaugt.

Maren Maiwald
© Nele Martensen
Maren Maiwald

Außerdem hatte ich eine Darminfektion. Überraschenderweise riet mir meine Ärztin, nach Indien zu gehen, um dort eine Ayurveda-Kur zu machen. Bis dahin hatte ich noch nie etwas mit Ayurveda zu tun gehabt. Aber ich war zu erschöpft, um mich nach Alternativen umzusehen. Ich sehnte mich nur nach Ruhe. In Indien sagt man: „Der Ayurveda kommt zu dir.“ So war es auch bei mir. Drei Wochen Kur haben mich wieder in die Balance gebracht. Mein Partner stand mir die ganze Zeit bei und kam sogar mit nach Indien. Behandelt wurde ich mit einer Ernährungsumstellung. Als Vata-Typ sollte ich hauptsächlich warm und süss essen. Dazu bekam ich Ölmassagen und auch Öl-Einläufe, die man aber gut aushalten kann. Zur Abrundung Yoga.

Wieder zu Hause fühlte ich mich deutlich besser. Ich sah mein Leben mit anderen Augen, meine Arbeit fiel mir leichter als je zuvor. Den eigentlichen Schlüsselmoment erlebte ich aber erst ein halbes Jahr später: Als ich feststellte, dass die Wirkung der Kur nicht nur ein paar Wochen anhielt, sondern mich die ayurvedische Lebensweise dauerhaft widerstandsfähiger machte. Ich konnte gar nicht anders, als sie meinen Patienten zu empfehlen. Außerdem ließ ich mich zur Ayurveda-Therapeutin ausbilden. Auch die Ärzte, mit denen ich arbeite, akzeptieren das. „Ich verstehe zwar nicht genau, was Sie da tun“, sagte kürzlich ein Mediziner zu mir. „Aber solange es diese Resultate bringt, machen Sie bitte unbedingt weiter.“

Mit Naturheilkunde gegen Überforderung

»Ohne diesen Warnschuss hätte ich mir nicht ein herrliches Leben aufgebaut« Kirsten Müller ging in eine Anthroposophische Klinik

„Nach meinem Studienabschluss bekam ich schnell einen Job als Marketing-Managerin. Was ich damals nicht wusste: Dort war es üblich, dass einer für drei arbeitet. Nach ein paar Jahren in diesem Hamsterrad stiegen die Kollegen entweder auf oder aus. Bevor ich ausstieg, musste mir mein Körper aber ziemlich heftige Signale senden. Auf Kopfschmerz, Schlafstörungen und extremen Harndrang – ich ging 40-mal am Tag auf die Toilette – reagierte ich nicht. Erst als ich zum zweiten Mal ohnmächtig vom Bürostuhl glitt, zog ich die Notbremse.

Kirsten Müller
© Nele Martensen
Kirsten Müller

Ich fühlte mich wie eine Versagerin, konnte nur noch heulen. Vorher ging es mir auch mal schlecht, aber aus den Tiefs war ich immer allein rausgekommen. Diesmal nicht. Das spürte ich genau. Ich hatte keinen Boden mehr unter den Füssen. Meine Ärztin gab mir den Tipp, mich naturheilkundlich behandeln zu lassen. Das sagte mir gleich sehr zu, weil ich mich mit dieser Lehre schon während meiner jährlichen Fastenkuren beschäftigt hatte. In den sechs Wochen, die ich in der anthroposophischen Klinik Lahnhöhe bei Koblenz verbrachte, wurden plötzlich wieder Sinne bei mir angesprochen, die ich all die Jahre vernachlässigt hatte. In diesem geschützten Raum haben sich meine Wertvorstellungen sehr verändert. Ich genoss die Aromabäder und machte außerdem Heileurythmie. Ich spürte, dass diese Entspannungsübungen meinen Stoffwechsel direkt beeinflussten. Ohne jede geistige Anstrengung schüttete mein Körper Glückshormone aus. Gespräche mit Therapeuten, mit den anderen Patienten und das vollwertige Essen haben ebenfalls viel zu meiner Heilung beigetragen. Außerdem nahm ich ein pflanzliches Antidepressivum mit Johanniskraut-Extrakt. Ein synthetisches Antidepressivum brauchte ich nicht.

So gestärkt konnte ich mich anschließend einer ambulanten Gesprächstherapie stellen. Ein halbes Jahr später kehrte ich sogar in meine alte Firma zurück, um dort mit einer Wiedereingliederung zu beginnen. Doch die Bedingungen passten einfach nicht zu meiner veränderten Einstellung. Ich bin dann zu meinem Freund ans Steinhuder Meer gezogen, um mich dort selbstständig zu machen. Inzwischen leite ich Fastenwanderkurse – und bin beinahe dankbar dafür, ein Burn-out erlitten zu haben. Ohne diesen Warnschuss hätte ich vermutlich immer so weitergemacht, statt mir dieses herrliche neue Leben aufzubauen.“

Hilfe durch Komplementär-Medizin

»Das Fiepen im Ohr war für mich ein stacheliges Etwas. ,Sorge besser für dich!´, verlangte es. Ich habe gelernt, darauf zu hören« Verena von Harrach, 35, Ex-Werbekauffrau, ging zur Heilerin

„Mit 25 hatte ich es weit gebracht. In der Werbeagentur, in der ich arbeitete, hatte ich Personal- und Budget-Verantwortung. Die Werbewelt war bunt, schnell – wie ich. Überstunden, Partys und Musik bei der Arbeit. Damals fand ich das klasse. Doch die Anforderungen wuchsen Tag für Tag – und ich ließ es zu. Wurde nie krank, funktionierte jahrelang wie eine Maschine. Doch irgendwann wurde das Fiepen in meinem Ohr unüberhörbar laut. Dann ging gar nichts mehr. Eine nie gekannte Müdigkeit riss mich in ein dunkles Loch. Dazu kam eine Sehnenscheidenentzündung. Der Arzt sagte: „Entweder Sie halten den Arm still, oder er wird steif.“

Verena von Harrach
© Nele Martensen
Verena von Harrach

Ruhig gestellt wollte ich über mein Leben nachdenken. Aber alles, was ich spürte, war eine große Leere. Ich war vollkommen antriebslos. An manchen Tagen wusste ich nicht mal, ob ich schon etwas gegessen hatte. Bei einem meiner seltenen Einkäufe im Öko-Supermarkt sah ich dort Flyer von alternativen Heilern liegen.

Komplementär-Medizin hatte mich schon immer fasziniert. Jetzt probierte ich alles aus. Reiki, Geistheilen, Thai- Massage und sogar ein hawaiianisches Vergebungs ritual. Ich begriff: Alle diese Methoden können nur helfen, den Weg nach innen zu ebnen – öffnen muss man seine persönliche ,Schatzkammer‘ mit den eigenen Heilkräften selbst. Diesen Prozess unterstützte Körpertherapie bei mir am nachhaltigsten. Ich lernte, meinen körperlichen Schmerz anzunehmen. Er ist kein Feind. Der Körper schickt ihn als Botschaft. Und ich lernte, mir das Fiepen im Ohr bildlich vorzustellen. Mein Bild dafür war eine graue, stachelige Form. ,Was willst du von mir?‘ fragte ich sie in der Therapie. ,Dass du besser für dich sorgst‘, antwortete das stachelige Etwas. Ja, das würde ich jetzt tun. Heute, einige Jahre später, bin ich Körperdolmetscherin von Beruf und habe meine eigene Praxis (www.vonharrach.de). Viele meiner Patienten kommen aus der Werbe- und Medienbranche, mit einigen habe ich früher sogar zusammengearbeitet.“

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