31. Januar 2010
Beste Freundinnen

Beste Freundinnen

Im Sandkasten lernten sich Ayla und Maggie kennen. Heute, 40 Jahre und zwei pralle Leben später, sind sie immer noch beste Freundinnen.

© Ute Schuckmann

„Sie ist meine engste Freundin“, sagt Maggie über Ayla, sagt Ayla über Maggie. Doch wenn man sich mit den beiden unterhält, ist der erste Eindruck: Das ist nicht deren Ernst. Das soll Freundschaft sein? Die Hochzeit von Ayla vor zehn Jahren? Hat Maggie nicht besucht, weil sie auf Reisen war. Wie Ayla sich denn mit Maggies anderen Freundinnen verstehe? „Weiß nicht“, bekennt Ayla. „Ich kenne die meisten Leute gar nicht, mit denen Maggie sonst noch befreundet ist.“ Umgekehrt ist es genauso. „Komisch, solche Details aus unseren beiden Leben haben uns nie interessiert“, bestätigen die Frauen.

Wer sich mit Eventmanagerin Ayla, 40, und Immobilienmaklerin Maggie, 42, unterhält, ist erst einmal gründlich verwirrt: Da sitzen zwei Frauen, die engste Freundinnen sein wollen – die eine ist aus Bonn, die andere aus Rostock, beide zum Interview nach Hamburg gekommen –, aber so einiges scheinen sie überhaupt nicht voneinander zu wissen. Gleichzeitig sind ihre Gesten, die Blicke, ihr Umgang miteinander aber so vertraut und herzenswarm, dass nicht nur die Raumtemperatur um einige Grade nach oben geht, sondern man auch sehr neugierig wird, wie sie es geschafft haben, einander echte Lebensfreundinnen zu werden. 40 Jahre Ayla und Maggie – eine Zeitspanne, die wenige Ehen und eigentlich auch nur wenige Frauenfreundschaften überstehen. Irgendetwas scheinen die zwei also richtig gemacht zu haben.

Vertraut stecken die beiden im Café ihre Köpfe zusammen, stellen sich draußen am Hafen gemeinsam in den Wind, ein bisschen frische Luft tut gut jetzt. Die Nacht war kurz, bis drei Uhr morgens haben sie ihr Wiedersehen gefeiert, gelacht, geredet und auch ein paar Freudentränen vergossen. 40 Jahre, Wahnsinn! In der gleichen Stadt wohnen die beiden seit fast 30 Jahren nicht mehr, an der Frequenz ihrer Freundschaft hat sich einiges geändert, nicht aber an der Intensität. „Man muss sich nicht jeden Tag sehen oder jeden Tag Kontakt haben, um eng befreundet zu sein“, sagt Maggie. Beobachtet man die beiden, wie sie miteinander sind, ist man sehr gerührt, aber es fährt einem auch ein kleiner Stich ins Herz. Hatte man selbst nicht auch eine Kinderfreundin, die einem früher alles bedeutet hat?

Kindheitsfreundschaft

© Ute Schuckmann
Wie schafft man es, sich über so viele Jahre so nah zu bleiben?

Die beste Kindheitsfreundschaft ins Erwachsenenleben rüberzuretten – den wenigsten von uns ist dieses Kunststück gelungen. Verschiedene Städte, verschiedene Leben – schleichend hat man sich mit derjenigen auseinandergelebt, die einen einst am besten kannte. Die letzten Besuche, die letzten Telefonate – immer häufiger ging man mit dem traurigen Gefühl auseinander: Wir sind nicht mehr wie früher miteinander. „Ich glaube gar nicht, dass man diesen Anspruch an eine Freundschaft überhaupt stellen sollte”, betont Ayla und macht eine Pause. Im Gegenteil: „Es wäre doch traurig, wenn Maggie und ich heute sagen würden: Wir sind noch genau wie früher miteinander. Im Rückblick würde ich sogar behaupten: Gerade das Nichtfesthalten an früher hat unsere Freundschaft so stark gemacht.“

Wenn man Ayla und Maggie über ihre Freundschaftsbiografie befragt, fällt einem auf, dass sie in dieser Disziplin wirklich gut sind ihre Freundschaft dem Leben und den ständigen Neuerungen, die es bringt, immer wieder anzupassen. Ist es das, was wir selbst mit unserer Kindheitsfreundin verpasst haben? Miteinander weiterzugehen? Ayla und Maggie mussten schon früh damit klarkommen, eine Freundschafts- Fernbeziehung zu führen. Maggie ist 14 als ihr die zwei Jahre jüngere Freundin erzählt, dass sie wegzieht aus dem Hochhaus in Bremen, in dessen Hof die Mädchen von klein auf im Sandkasten gespielt haben, Radfahren gelernt, von Kleinkindern zu jungen Mädchen geworden sind. Aylas Eltern, türkische Gastarbeiter, wollen zurück in die Türkei. Um Ayla einen Schulwechsel mitten im Jahr zu ersparen, soll sie nach den Sommerferien direkt in die türkische Schule gehen. „Plötzlich hat ein riesiger Teil von mir gefehlt. Ich habe tagelang geweint“, erinnert sich Maggie. „Der Ab- schied damals war so schlimm, dass ich den Tag, an dem ich weggefahren bin, total verdrängt habe“, erzählt Ayla. Die Mädchen schicken sich Briefe, besuchen sich in den Ferien, doch als Maggie eines Tages mit ihrem neuen Freund anreist, ist auf einmal alles verändert. „Ich war ziemlich schockiert, wie anders Ayla plötzlich geworden war. Viel traditioneller, ich habe sie überhaupt nicht wiedererkannt“, sagt Maggie. Und Ayla? Ayla wiederum kann nichts mit Maggies Freund anfangen: „Auf einmal stand er zwischen uns. Ich hatte das Gefühl, gar nicht mehr an Maggie heranzukommen.“ „Für unsere Freundschaft war dieser Moment eine Katastrophe“, weiß Maggie noch sehr genau. Doch instinktiv tun Maggie und Ayla genau das Richtige: Sie lassen einander eine Weile in Ruhe, zerren nicht aneinander herum, versuchen nicht, mit Hauruck zu klären, was in dem Moment vielleicht auch gar nicht zu klären gewesen wäre.

Zwischen ihnen ist nichts kaputtgegangen

© Ute Schuckmann
„Das Beste, was ich für einen FREUND tun kann, ist einfach: sein FREUND sein“ WILHELM BUSCH (1832–1908), DT. ZEICHNER UND SCHRIFTSTELLER

„Ich glaube, wir beide waren immer gut darin, die andere so sein zu lassen, wie sie ist“, sagt Ayla. Als sie kurze Zeit später zum Studium zurück nach Deutschland kommt und sich die beiden wiedertreffen, stellen sie fest: Zwischen ihnen ist nichts kaputtgegangen. Sie merken, wie dick ihre Freundschaft wirklich ist, wie tief und fest ihre Wurzeln sitzen. „Wir haben nichts groß problematisiert oder aufgearbeitet, wir haben einfach zusammen weitergemacht“, erzählt Ayla. Maggies Freund ist passé, Aylas türkisches Leben weit weg. Ayla verliebt sich in einen Portugiesen, mit dem sie inzwischen einen kleinen Sohn hat, Maggie verliebt sich in einen Kolumbianer. Doch nach der Geburt der gemeinsamen Tochter, geht Maggies Beziehung kaputt. Gibt es nie Neid oder Eifersucht von Maggie, der alleinerziehenden Mutter, auf Aylas heile Familienwelt? „Nein“, versichert Maggie. „Im Gegenteil. Ayla ist mir immer ein großer Halt.” Auch das haben Ayla und Maggie früh miteinander gelernt: Jede führt ihr eigenes Leben, jede geht ihren eigenen Weg. Man fragt die andere um Rat, aber den Rest muss jede selbst erledigen. Auch wenn man sich ganz eng verbunden fühlt, jeder ist ja auch sein eigener Mensch.

Das Wesen einer Freundschaft ist, dass sie auf absoluter Freiwilligkeit beruht.Aber, gibt es auch Pflichten? „Ja, die gibt es“, beteuert Ayla. „Wenn man eng miteinander befreundet sein will, darf man nie aufhören, die andere zu fragen: ,Wie geht es dir?’“ Und damit meint Ayla nicht das schnelle oberflächliche Nachfragen zwischen Tür und Angel, sondern das richtig von Herzen kommende. „Wie geht es dir?“ Ob das die Frage ist, mit der man mal wieder bei seiner Uralt-Freundin anklopfen sollte? Derjenigen, die einst Kindheitsfreundin war – aber eine richtige Lebensfreundin werden könnte?

Lade weitere Inhalte ...