17. Februar 2010
Auswandern nach Alaska

Auswandern nach Alaska

Vorsicht – wer einmal in das Land im hohen Norden Amerikas reist, der kehrt womöglich nie wieder zurück! VITAL-Autorin Brigitte von Imhof traf drei Frauen, die nach einer Reise einfach dageblieben sind.

Hexenhäuschen im Wald
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Hexenhäuschen im Wald

Eines wird man in Alaska garantiert nie erleben: einen Stau auf dem Highway! Stattdessen endlos scheinende Straßen vom Irgendwo ins Nirgendwo, vorbei an 3 Millionen Seen, 100 000 eisblauen Gletschern und 3000 donnernden Flüssen. Die Landschaft Alaskas wirkt wie eine gigantische Kinokulisse, alles ist ein bisschen größer, als man fassen kann – und auch einsamer, als manche aushalten können.

In der unüberschaubaren Weite dieses Landes hat Claudia Werner dennoch einen behaglichen Platz zum Leben gefunden: Wie ein Hexenhaus verbirgt sich ihre Hütte im dichten Tannen- und Birkenwald. Weit und breit keine Menschen. Ihr gelebter Traum von Freiheit, Stille, Naturromantik. Wenn auch mit Einschränkungen, denn in ihrer Hütte gibt’s weder eine Toilette noch fließendes Wasser. Das holt sie in riesigen Kanistern aus dem nächsten Ort, dem 15 Kilometer entfernten Talkeetna. „Ohne Auto wäre ich absolut aufgeschmissen”, weiß die 39-Jährige.

Claudia Werner
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Claudia Werner verliebte sich nach einem Rucksackurlaub in die Natur Alaskas

Ebenso unverzichtbar: Austin, ein Schäferhund- Husky-Mischling, Tag und Nacht an ihrer Seite, denn auch die Stille kann manchmal laut sein: „Wenn es draußen knackt und knarzt, wird mir schon manchmal mulmig.” Doch sie weiß: Meistens ist es nur ein Luchs auf der Suche nach Nahrung. Völlig normal in der Wildnis. Als Claudia vor 13 Jahren mit dem Rucksack sechs Wochen lang durch „das große Land“ reiste, wie Alaska in der Sprache der Eskimos heißt, spürte sie: „Das ist meins!”

In Deutschland wollte sie ohnehin nicht bleiben, zu groß war die Sehnsucht nach einem anderen, einem naturverbundenden Leben. Dass ausgerechnet Alaska ihre neue Heimat werden sollte, wusste sie erst, nachdem sie die raue Schönheit selbst erlebt hatte. Glück bei der Green-Card- Lotterie half der Darmstädterin beim Neustart. Selbst der ungastliche Empfang in Fairbanks an einem Dezembertag bei Finsternis und minus 55 Grad schreckte Claudia nicht ab. Gegen Kost und Logis heuerte sie bei einer Huskyfarm an. „Alleine auf einem Hundeschlitten in die Nacht hinausfahren, die Stille hören und die Polarlichter funkeln sehen, das ist das pure Glück“, sagt sie.

Heute tourt sie in der Sommersaison mit Reisegruppen quer durch das Land: zeigt ihnen die alten Goldgräberdörfer aus dem 19. Jahrhundert, als Tausende Glückssucher zu den Ufern des Yukon und Klondike River aufbrachen. Begleitet Gletscherfahrten durch den Prince William Sound oder in den Denali-Nationalpark mit dem alles überragenden Mount McKinley. Mit seinen 6194 Metern ist er der höchste Berg Nordamerikas. Freut sich, wenn sie das Leuchten in den Augen der Reisenden sieht. Besonders im Denali Nationalpark: Hier streichen Bären, Elche, Karibus, Luchse, Dallschafe, Wölfe, Moschusochsen oder Kojoten durch die Natur. „Wahre Gänsehaut-Gefühle kommen auf, wenn man um eine Ecke biegt und plötzlich eine Elch- oder Bären- Mama mit ihren Jungen beobachten kann“, schwärmt Claudia. „Das sind immer rührende, überwältigende Momente, auch wenn man sie schon oft erlebt hat.”

Wilde Tiere trifft man durchaus auch in den Städten. Mit 280 000 Einwohnern ist Anchorage die Metropole Alaskas, umgeben von majestätischen Gipfeln, tiefblauen Seen und dichten Wäldern. Erst 1915 wurde Anchorage gegründet, vorher weideten hier Rotfüchse, Elche und Bären – und fast scheint es, als würden die Tiere diese Stadt ebenfalls als festen Wohnsitz betrachten. Mehr als 2000 Elche sollen dauerhaft in der Stadt leben, sie grasen in Vorgärten oder plündern Gemüsebeete, während Braunbären gerne mal mit Mülltonnen Fußball spielen – ein Anblick, an den sich die Einwohner längst gewöhnt haben. 670 000 Menschen verteilen sich über Alaska und das auf einer Fläche fünfmal so groß wie Deutschland. Der nördlichste Staat der USA ist auch der einsamste. Alaska kann man nur hassen oder lieben – so heißt es.

Vorurteilen und Wahrheiten über Alaskas Männer

Maria liebt das Land. Seit 30 Jahren lebt sie in Alaska. Damals nahm die Ex-Stewardess an den internationalen Airlines-Skimeisterschaften teil und gewann nicht nur etliche Medaillen, sondern auch das Herz eines Buschpiloten. Nach wenigen Monaten und einem „wilden Hin-und-her-Gefliege“ zog Maria aus Niederösterreich zu Willy nach Anchorage, arbeitete als Lehrerin, gab Klavierunterricht, trainierte Kinder im Skiclub. Sie gewann Ski-, Langlauf- und Radrennen, machte den Pilotenschein: „Keine große Sache, Fliegen ist hier so selbstverständlich wie Autofahren“, winkt die 56-Jährige ab. Der Bedarf an Buschpiloten ist groß, um Fischer und Jäger in die Wildnis auszufliegen oder Ingenieure zu den Ölfeldern im Norden zu bringen. „Außerdem ist es der schönste Beruf der Welt”, findet Maria, „mehr Freiheitsgefühle kann man gar nicht erleben.” Doch diese Freiheit birgt auch Tücken.

»Das Beste an Alaska? Die klare, reine Luft, die man am liebsten trinken möchte.«

Maria Björn-Roli
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Maria Björn-Roli kam als Stewardess und blieb wegen eines Piloten

Als ihre zwei Kinder auf die Welt kamen, entpuppte sich Willy als Fehlgriff für die Rolle des Familienvaters. „Sein Flugzeug und sein Drang nach Freiheit hatten absolute Priorität. Ein typischer Alaskaner halt“, kommentiert sie trocken. Reizvoll und verwegen zu Beginn, doch auf Dauer ziemlich untauglich für langfristige Beziehungen. Das Klischee des unzähmbaren Naturburschen? Mag sein. Manchmal stimmen Klischees eben. Was dagegen nicht stimmt: die Gerüchte über den angeblich so riesigen Männerüberschuss, der schon einige suchende Single-Frauen aus Boston oder New York in den rauen Norden lockte. 51,5 Prozent der Einwohner sind männlich, ein verschwindend geringer Vorsprung.

Maria trauerte Willy nicht lange nach. Selbstständigkeit ist für Alaskas Frauen so wichtig wie das Atmen. Sie gehen fischen, können ein Gewehr bedienen, steuern Pick-ups, Snowmobile und Flugzeuge – da bleibt keine Zeit zum Jammern. Maria fand einen neuen Partner, einen Norweger. „Er passt perfekt zu mir. Wir sind immer draußen, ob bei 30 Grad plus oder 30 Grad minus.“ Eigentlich leben sie in Anchorage, doch den größten Teil des Sommers verbringen sie in ihrer Hütte am Lake Iliamna. „Keine Menschenseele im Umkreis von 100 Kilometern, dafür massenweise Fische, Pilze und Blaubeeren. Doch das Beste ist einfach diese Luft. So rein, dass man sie trinken möchte!”

Minimum an Kultur, dafür Maximum an Natur

Wer hier lebt, wird wohl automatisch zum Outdoor-Fan. „Ja, die gute Luft ist ein echtes Schönheitsmittel”, behauptet auch Stefanie Flynn. Jeden Morgen geht sie mit ihren beiden Hunden mindestens eine Stunde raus. Joggen im Sommer, Skilanglauf im Winter. Die 42-Jährige betreibt mit ihrem Mann Michael eine Bäckerei mit Frühstücksrestaurant in Girdwood am Mount Alyeska, zwischen Anchorage und der Kenai Halbinsel. In Alaskas größtem Skigebiet hat man bei jedem Schwung das Meer vor Augen. Klar, dass der „Bake Shop” von hungrigen Wanderern und Skifahrern überrannt wird, gutes Brot und bayerische Brezeln sind eben selten in den amerikanischen Staaten.

Stefanie Flynn
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Stefanie Flynn nur der Job führte sie her, doch weg will sie trotzdem nicht

Viele Gäste kommen auch zum Gucken: wegen der bunten Blütenpracht, die aus den Töpfen, Körben, Eimern und Kästen im Eingangsbereich quillt. Stefanies Werk: „Auf die Blumen bin ich wahnsinnig stolz.“ Die gelernte Hotelfachfrau aus Bruchsal kam 1992 mit einem Zwischenstopp in San Francisco, wo sie den Kalifornier Michael kennenlernte, nach Alaska. Zunächst nur wegen eines Hoteljobs, doch es dauerte nicht lange, bis sich beide in das Land verliebten. Und in die Menschen. Als sie hörten, dass die Bäckerei neue Inhaber sucht, überlegten sie nicht lange. Am besten gefiel ihr der Gedanke, Tochter Annika hier aufwachsen zu sehen. „Das Klima ist offen, ehrlich und extrem entspannt.” Nur eine Sache plagt sie: „Das Kulturangebot ist dürftig.“ Für Kino oder Museumsbesuche muss man nach Anchorage fahren, dort befindet sich auch das einzige Opernhaus Alaskas – allerdings ist das seit 1976 geschlossen.

Dafür hat sie die satte Natur genau vor der Tür. Und lässt sich gerne als Reiseführerin einspannen, wenn Freunde sie besuchen. Sie staunt immer wieder mit, wenn bei einer Wildlife- Bootstour vor der Kenai-Halbinsel plötzlich Orca-Wale auftauchen oder sich auf einem Felsen Hunderte Seelöwen in der Sonne räkeln. „In Alaska gibt es eine ganz spezielle Empfindung: sich winzig klein und gleichzeitig großartig zu fühlen.“

Alaska Reiseplanter VITAL
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Alaska Reiseplanter VITAL
Ankommen: Bis Oktober fliegt Condor ab Frankfurt /Main nach Anchorage und Fairbanks. Ab ca. 469 Euro: www.condor.de. Weitere Angebote über Delta Airlines: www.delta.com oder Continental: www.continental.com

Unterkommen: „Talkeetna Alaskan Lodge” am Denali National Park. Übernachtung mit ganztägiger Tour ca. 430 Euro pro DZ. www.talkeetnalodge.com. „Windsong Lodge”, urige Unterkunft im Blockhütten- Stil bei Seward. Übernachtung mit 2-tägiger Tour ab 210 Euro p. P. www.sewardwindsong.com

Einlesen: „Alaska – Pionierland am Polarkreis“ heißt dieses Coffeetable-Book, das richtig Appetit macht. C. J. Bucher Verlag, 288 Seiten, 29,90 Euro.

Informationen: www.alaska-travel.de www.anchorage.net www.explorefairbanks.com

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