17. Februar 2010
Aktuelle Trends der Philosophie

Aktuelle Trends der Philosophie

Die Philosophie hat ihre ureigene Funktion wiederentdeckt – Menschen die Kunst des Lebens zu lehren.

© jalag-syndication.de

Denken wir an Lebenshilfe, dann fallen uns Ratgeber, Therapeuten, Coachs ein. Die Philosophie vermuten wir dagegen vor allem an Universitäten. Doch seit einiger Zeit scheinen die Grenzen zu verwischen, und die Philosophie hält wieder Einzug in die Alltagswelt. Bestseller erklären in verständlicher Sprache Søren Kierkegaards Vorstellungen vom Begriff der Angst oder Hannah Arendts Auseinandersetzung mit dem Bösen. Manager diskutieren in Seminaren Aristoteles’ Vorstellungen von der Tugend, und die ausgebrannte Lehrerin geht zur Bewältigung ihrer Probleme in eine philosophische Beratung.

Doch woher kommt auf einmal diese neue Lust an der Philosophie? „Meist taucht sie immer dann auf, wenn sich Selbstverständlichkeiten und Traditionen auflösen“, sagt Thomas Gutknecht, Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis. Das war zum Beispiel in der Antike so, und das ist auch im Augenblick der Fall. Unsere Freiheit ist inzwischen nahezu unbegrenzt. Egal ob Beruf, Handytarif oder Altersvorsorge, wir haben überall die Wahl. Es gibt keine festen Werte mehr, keine Autoritäten, die uns sagen, was wir zu tun haben, und auch keine Sicherheiten. Mit einer guten Ausbildung können wir heute Manager oder Hartz-IV-Empfänger werden oder bei des in beliebiger Reihenfolge. Die Konsequenz: Wir müssen uns unseren Weg alleine suchen – was alles andere als einfach ist.

Philosophie im Alltag

Die Psychotherapeuten verzeichnen nicht umsonst einen deutlichen Zuwachs an Patienten mit Ängsten und Depressionen, denn vielen fehlt das Ziel. Wer dagegen weiß, wofür er Dinge tut, entwickelt große Kräfte, kann Schwierigkeiten meistern und kreativ werden. „Wer ein Warum hat im Leben, der erträgt auch fast jedes Wie“, wusste schon Friedrich Nietzsche.

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Je unklarer Sinn und Ziel des Lebens sind, desto stärker wächst deshalb die Frage danach. Das beobachtet auch der Hamburger Psychotherapeut Michael Cöllen in seinen Sitzungen. „Inzwischen stellen sich die meisten Menschen, die zu mir kommen, irgendwann die Frage nach dem Sinn ihres Tuns“, sagt Cöllen. „Das kann der Manager sein, der kurz vor dem Herzinfarkt steht, oder das Ehepaar, das sich vor lauter Arbeit kaum noch sieht.“ Da die moderne Psychologie eher funktional ausgerichtet ist und auf solch spirituelle Fragen keine Antwort weiß, beschäftigt sich Cöllen inzwischen auch mit der Philosophie, liest Texte von Nietzsche oder Kant, um seinen Klienten etwas an die Hand zu geben.

"Wer meint, alles zu durchschauen, philosophiert nicht mehr" (Karl Jaspers, deutscher Psychiater und Philosoph, 1883–1969)

Schließlich bedeutet Philosophie übersetzt „Liebe zur Weisheit“ und kann sich auf eine 2000 Jahre alte Tradition im Umgang mit Sinnfragen berufen, auch wenn sie sich irgendwann überwiegend in den Elfenbeinturm der Wissenschaft zurückgezogen hat. Für die Denker der Antike wie Platon oder Epikur ließ sie sich aber noch mit Lebenskunst gleichsetzen. Um sie zu verbreiten und den Menschen Orientierung zu bieten, ging Platons Lehrer Sokrates zu den Menschen auf die Straße und diskutierte über den Sinn des Lebens, Moral und Glück.

Geht es nach Professorin Petra von Morstein sollten Philosophen das heute wieder tun. Von Morstein hatte jahrelang an der University of Calgary in Kanada gelehrt, bis sie sich selbst die Sinnfrage stellte und beschloss, Philosophie und Menschen wieder zusammenzubringen. Seitdem diskutiert sie in ihrer philosophischen Praxis mit ihren Klienten über philosophische Alltagsfragen.

Was aber kann man sich erhoffen von der Beschäftigung mit den zum Teil sehr alten Texten? „Einfache Antworten oder Rezepte sicherlich nicht“, betont sie. An den meisten Fragen beißen sich die Dichter und Denker schließlich nicht umsonst seit 2000 Jahren die Zähne aus. Und den für alle allgemeingültigen Sinn des Lebens haben sie immer noch nicht gefunden. „Ich glaube schon, dass es ein Voranschreiten im Wissensprozess gibt“, bestätigt Philosoph Gutknecht. „Aber mit allem, was wir wissen, spüren wir gleichzeitig immer deutlicher, was wir nicht wissen.“

Ziele der Philosophie

Was wir von der Philosophie also lernen können, ist zum Beispiel Skepsis und Kritikfähigkeit, auch uns selbst gegenüber. Wenn wir den römischen Staatsmann Seneca lesen, können wir etwa unseren eigenen verschwenderischen Umgang mit Zeit hinterfragen. An chronischem Zeitmangel zu leiden, ist heute ja fast ein Statussymbol. Die wirklich wichtigen Dinge werden allerdings ständig auf später verschoben. Wenn wir mal in Rente sind, dann möchten wir das Leben genießen, jeden Tag angeln, lesen oder endlich einen Kurs in Fotografie machen. Aber wer garantiert uns, dass wir dann noch leben?

Diese Frage stellt Seneca bereits 65 nach Christus in seinem Essay „Von der Kürze des Lebens” und empfiehlt, nicht zu leichtsinnig mit der Zeit, die man hat, umzugehen. Er fordert, innezuhalten, sich zu überlegen, was von dem, was wir täglich tun, uns wirklich etwas bedeutet und was letztendlich nebensächlich ist. Seneca hatte diese Erkenntnis erst am Ende seines Lebens. Kurz darauf musste er sich auf Befehl Neros selbst töten. Während die neueren philosophischen Texte ohne Vorwissen oft schwer zu verstehen sind, eignen sich die der Antike meist sehr gut zum Einstieg – vor allem, weil sie sich mit eher praktischen Fragen beschäftigen. Seneca zum Beispiel, aber auch Aristoteles oder Epikur. Im Zentrum ihrer Schriften steht meist die Frage nach dem richtigen Leben. Epikur kritisiert zum Beispiel das ewige Streben der Menschen nach Macht, Reichtum oder Anerkennung. Seiner Meinung nach alles Bemühungen, die uns nicht wirklich glücklich machen. Seine Devise: „Wem wenig nicht genügt, dem genügt nichts.“

Thematisierung von Ängsten

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Beschäftigung mit der Philosophie kann aber nicht nur den eigenen Horizont öffnen und zum Nachdenken anregen. Das Gefühl, mit seinen Sorgen in die großen menschlichen Zusammenhänge eingebunden zu sein, kann auch sehr tröstlich sein. Vieles, von dem wir denken, dass es nur uns beschäftigt und sorgt, bewegt die Menschen seit Jahrhunderten. Denn Tod, Liebe, Freundschaft sind die großen allgemeinmenschlichen Themen.

Im Gegensatz zur gängigen Ratgeberliteratur, die oftmals ein Recht auf Glück verspricht, das es nicht gibt, grenzt die Philosophie Leid, Angst und Tod nicht aus. Stattdessen erkennt sie sie als Teil des Lebens an. „Angst ist nur ein anderes Wort für Freiheit“, schreibt beispielsweise 1844 der dänische Philosoph Søren Kierkegaard. Schließlich entsteht Angst nur, weil der Mensch einen freien Geist besitzt. Mit seiner Hilfe können wir unseren Lebensentwurf planen und Entscheidungen treffen, die wir anschließend aber auch wieder infrage stellen. Die Angst gehört also zum Menschen.

Indem uns die Philosophie tröstet und uns gleichzeitig Anregungen gibt, macht sie uns stark. Sie zeigt uns, wozu Menschen fähig sind, trotz ihrer Zweifel und Schwierigkeiten. „Statt Rezepte zu geben, kann die Philosophie den Menschen erklären, dass sie gar keine Rezepte nötig haben“, erklärt Philosoph Gutknecht. Wir müssen uns also nicht mehr unsicher am Beckenrand festhalten, sondern können frei schwimmen. Oder um es mit Nietzsche zu sagen: „Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“

Interview

INTERVIEW

„Wir müssen uns in innerer Sicherheit üben“ Dr. Rebekka Reinhard, Philosophin und Autorin von „Die Sinn-Diät”, Ludwig Buchverlag, 17,95 Euro

VITAL: Wie unterscheidet sich ein Besuch in Ihrer philosophischen Praxis von dem bei einem Psychotherapeuten?

REBEKKA REINHARD: Die meisten Menschen, die zu mir kommen, brauchen Orientierungshilfe. Sie suchen einen neutralen Gesprächspartner, der ihnen hilft, ihr Leben zu reflektieren. Ich achte in meinen Sitzungen sehr darauf, dass ich mit dem Klienten auf Augenhöhe spreche. Wir beide haben unsere Biografien, unsere Lebensphilosophien. Ich habe auch keine Patentrezepte wie ein Coach, sondern versuche, mithilfe philosophischer Texte den Klienten dazu zu bringen, selbst die Antworten zu finden.

VITAL: Sie haben Ihr Buch „Die Sinn- Diät“ genannt, weil die Menschen verlernt haben, Maß zu halten. Warum sollten wir aber nicht alle Möglichkeiten nutzen, die sich uns bieten?

REBEKKA REINHARD: Wir haben so viele Möglichkeiten, dass wir das Gefühl für unsere Grenzen verloren haben. Wir streben permanent nach Perfektionismus und vergessen dabei, dass wir keine Maschinen sind. Stattdessen sind wir immer noch Wesen, die geboren werden und irgendwann sterben. Wir sind letztlich sehr zerbrechlich und verletzlich.

VITAL: Eines Ihrer Rezepte ist, angesichts unserer Endlichkeit mit dem Zweifeln aufzuhören und einfach an Gott zu glauben. Ist das ernst gemeint?

REBEKKA REINHARD: Das ist sicherlich augenzwinkernd gemeint. Aber wir können nie wissen, was danach kommt, und daher ist es wichtig, gewappnet zu sein. Ich spreche in der Klinik regelmäßig mit Krebspatienten. Meist sind es die Menschen, die keine Angst haben und gut und gelassen mit dem Thema Sterben umgehen, die an eine Macht glauben, zu der sie nach dem Tod gehen.

VITAL: Glauben ist also effizienter?

REBEKKA REINHARD: Es ist zumindest wichtig, sich einmal damit zu befassen, was es eigentlich heißt, zu glauben. Und je früher ich damit beginne, desto besser. Denn wir können den Halt nicht mehr in äußerer Sicherheit suchen, sondern müssen selbst für innere Sicherheit und Standfestigkeit sorgen.

VITAL: Da fordern Sie ganz schön viel von Ihren Lesern. Sie schlagen ja auch vor, sich alleine in einen Raum zu setzen und Ängste zuzulassen oder sich den eigenen Tod auszumalen.

REBEKKA REINHARD: Ich finde es unumgänglich, Menschen zu fordern. Ich will sie ja nicht quälen, sondern zur Selbstverantwortlichkeit bringen. Denn dieses Unbehagen, das sie zum Beispiel aufgrund der Krise spüren, wirkt wie eine Betäubung. Deshalb möchte ich ein bisschen unbequem sein und jeden Einzelnen raus aus seinem Gewohnten locken. Sinn ist immer nur aktiv zu finden.

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