15. April 2013
2. Teil Achtsamkeit: Den Moment lieben

2. Teil Achtsamkeit: Den Moment lieben

Wie bleiben wir gesund? In unserer neuen Serie geht es diesmal um eine unerschöpfliche Kraft der Selbstheilung: Durch Achtsamkeit können wir Körper und Geist leichter in Balance halten.

Kraft der Selbstheilung
© thinkstockphoto
Kraft der Selbstheilung

Sanft schaukelt das Boot, das Wasser unter mir ist tiefblau und trägt mich, ich fühle mich offen und frei wie der weite Himmel über mir. Einssein mit allem – solche Augenblicke sind kleine Schätze in der Erinnerung. Viele Hypnotherapien beginnen mit ähnlichen Bildern, um ein tiefes Entspannen zu ermöglichen. Und jeder kann diese inneren Szenen nutzen, um sogar in der größten Hektik kurz zur Ruhe zu kommen, Abstand zu gewinnen. Je häufiger wir sie uns vergegenwärtigen, desto einfacher können wir solch intensive Momente, in denen wir achtsam waren, abrufen. Das Ziel ist, immer so aufmerksam zu sein, auch wenn sich eine Situation gerade nicht so schön anfühlt.

Bei steigendem Stress brauchen wir mehr inneren Abstand im Alltag

Achtsamkeit, eine ursprünglich aus dem Buddhismus stammende Meditationstechnik, ermöglicht es uns, alle Körper - nempfindungen, Gefühle und Gedanken bewusst wahrzunehmen – ohne sie zu beurteilen. Mit etwas Übung gelingt es so, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Im Alltag sieht’s dagegen meist anders aus: Wir erledigen immer mehr wie nebenbei, telefonieren beim Einkaufen, verschicken Mails, während wir mit einer Kollegin sprechen, essen einen Happen und lesen dabei die neuesten Infos. Wir gewöhnen uns daran, vieles gleichzeitig zu erledigen – und nie mehr ganz bei der Sache zu sein. Doch das bedeutet Stress. Besonders wenn Multitasking zur Pflicht wird.

Buchtipps

Dr. Kurt Mosetter, Anna Cavelius, Dr. Detlef Pape: „Die 4 Kräfte der Selbstheilung“, GU, 192 Seiten, 19,99 Euro

Doris Iding: „Der kleine Achtsamkeitscoach“, GU, 128 Seiten, 12,99 Euro

Jan Thorsten Eßwein: „Achtsamkeitstraining“, inklusive CD, GU, 80 Seiten, 16,99 Euro

Stress durch Mehrfachbelastung

Der Stressreport der Bundesregierung 2012 besagt, dass jeder zweite Berufstätige darunter leidet, verschiedene Aufgaben gleichzeitig erledigen zu müssen. Noch schwieriger wird es, wenn problematische Lebenssituationen dazukommen. Heilpraktiker und Arzt Dr. Kurt Mosetter: „Sehr kritisch sind Mehrfachbelastungen wie im Job stark gefordert sein, Überstunden im Büro und dann noch ein Haus bauen. Oder: Alltagsarbeit und einen nahen Angehörigen pflegen. Viele werden dadurch krank.“

Achtsamkeit hilft, Schmerzen nicht mehr so stark zu empfinden, zeigt eine neue Studie

Dann kann Achtsamkeit helfen. Gegen chronische Schmerzen wird die Technik schon lange erfolgreich eingesetzt. Dabei lenken die Meditierenden die Auf merksamkeit auf den Schmerz, ohne ihn zu bewerten. Stattdessen betrachten sie ihn neugierig und aufmerksam. Eine Untersuchung des Bender Institute of Neuroimaging in Gießen belegte, dass sich so das Leiden tatsächlich reduzieren lässt. Die Forscher verglichen im Kernspin Test personen, die Schmerz empfanden. Ein Teil meditierte, der andere versuchte, sich abzulenken. Das Resultat: Im Gehirn der Meditierenden waren andere Regionen aktiv; das Eingangssignal für Schmerz

Ruhe finden
© Thinkstock
Ruhe finden

reagierte, aber die Weiterleitung in Richtung der Areale, die für Angst und Einprägung verantwortlich sind, war deutlich schwächer als bei der Vergleichsgruppe. Und die Achtsamkeit kann noch mehr: den Blutdruck senken, die Atmung beruhigen und Verspannungen lösen.

Zum ersten Teil unserer Selbstheilungs-Serie - Dehnung: die Quelle der Entspannung - gelangen Sie hier.

Zum dritten Teil unserer Selbstheilungs-Serie - Die Heilkraft des Laufens - gelangen Sie hier.

Selbstheilungskraft Achtsamkeit
© thinkstockphoto
Selbstheilungskraft Achtsamkeit

Individuelle Achtsamkeits-Strategien

"Sei auch anderen gegenüber achtsam"

VITAL-Grafikerin Wallapa Richter ist von Kindheit an gewohnt zu meditieren
In Thailand bin ich mit dem Buddhismus aufgewachsen und übe fast jeden Tag Achtsamkeitsmeditation, manchmal auch nur ein paar Minuten im Bus. Vieles hängt mit dem Denken zusammen. Wenn ich mich über jemanden ärgere, versuche ich, nicht lange böse zu sein. Ich sage mir: Bestimmt tut es demjenigen leid, oder er hat gerade Probleme. Wenn dein Herz rein ist, hast du Vertrauen. Ich bin noch nie richtig enttäuscht worden. Sehr wichtig ist, anderen Gutes zu wünschen: Man beginnt bei sich selbst, dann schickt man die Liebe zu Verwandten und Freunden. Schließlich wünscht man allen Menschen und Tieren auf der Welt Glück. Mein Mönch sagt, dieses Wünschen ist wie ein helles Licht, das überallhin strahlt.

Stephan Hillig
© privat
Stephan Hillig

VITAL-Ressortleiter Stephan Hillig hat beim Thema Achtsamkeit ein Vorbild: seinen Sohn, 3.
Kleine Kinder wissen nichts über Buddhismus. Trotzdem sind sie Großmeister der Achtsamkeit. Ich staune jedes Mal – insgeheim ein bisschen neidisch –, wenn ich sehe, wie leicht es meinem Sohn fällt, total im Spielen zu versinken.Er tut nicht nur so, er ist der Baggerfahrer. Geselle ich mich dazu, zeigt er mir, wo der unsichtbare Sand abgeladen und das Buntstift-Rohr eingebuddelt werden muss. Dann bleibt auch meine Zeit für einen Moment stehen. Mit dem Bagger in der Hand begreife ich, was es heißt, den Moment zu lieben. Ein tolles Gefühl! Der Alltag bleibt draußen – bis mein Sohn den Bagger lieber zurückhaben will oder ein neues Spiel vorschlägt.

Christina Schmidt
© privat
Christina Schmidt

VITAL-Ressortleiterin Christina Schmidt braucht 1 PS, um den achtsamen Weg zu sich zu finden.
Als „Grübel-Tante“ fällt es mir echt schwer, loszulassen und ganz bei mir zu sein. Autogenes Training, Atemmeditation – das funktioniert im Kurs, aber nicht zu Hause. Beim Reiten dagegen „schalte ich die Welt ab“. Im Hier und Jetzt gibt es nur noch loslassen, schwingen und fühlen, getragen und mitgenommen werden. Alle Antennen richten sich nach innen und auf das wunderbare Tier unter mir, das – wenn’s gut läuft – auch mir seine volle Achtsamkeit schenkt. Indem es z. B. auf kleinste Gewichtsverlagerungen reagiert. Klingt schräg, aber es fühlt sich tatsächlich so an, als säße ich „im Pferd“. Aus zwei wird eins.

Zum ersten Teil unserer Selbstheilungs-Serie - Dehnung: die Quelle der Entspannung - gelangen Sie hier.

Lade weitere Inhalte ...