Psyche: Wohnungseinbrüche und die seelischen Folgen für die Betroffenen

120.000 Einbrüche wurden im Jahr 2017 gemeldet. Diese Zahlen veröffentlicht der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, kurz GDV, und hält online auch eine Karte vor, die zeigt, wo die Einbruchs-Hotspots in Deutschland sind: Das Bundesland Nordrhein-Westfalen ist trauriger Spitzenreiter im Ranking: 39.057 Mal wurde dort im Jahr 2017 eingebrochen. Umgerechnet auf die Anzahl der Haushalte liegt die Quote bei 4,5 Einbrüchen pro 1.000 Haushalten. Am anderen Ende der Statistik liegt Bayern mit gerade einmal einem Einbruch pro 1.000 Haushalten. Während die Versicherung, wie etwa die Hausratversicherung bei der Gothaer, für die finanzielle Entschädigung der Betroffenen aufkommt, bleiben die seelischen Folgen häufig eher unbeachtet. Womit Betroffene zu kämpfen haben, verrät dieser Beitrag.
Raus aus der Angst

Die Verwüstung geht, die Angst bleibt. So äußert sie sich

Es ist ein Ausnahmezustand, der nur an den wenigsten Menschen spurlos vorbeigeht: Aufgebrochene Türen und Fenster, Verwüstung, durchwühlte Schubladen und Schränke sind vielen Deutschen nur aus dem Fernseher bekannt. Einige jedoch mussten selbst erfahren, welche Folgen ein Wohnungseinbruch auf die Psyche haben kann. Die Hälfte der Betroffenen fühlt sich – laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen – zuhause nicht mehr wohl. 7,4 Prozent gaben an, dass dieses Unwohlsein auch langfristig angehalten hat. Häufig äußert sich dieses Unwohlsein in Schlaf- oder Angststörungen, die nicht selten in langen Krankschreibungen enden können. Der Hintergrund dieses Gefühl fußt darauf, dass das Gefühl der Sicherheit erheblich ins Wanken geraten ist.
Das Eindringen in die Privatsphäre kann mitunter diese weitreichenden seelischen Folgen haben:
  • Die Auseinandersetzung mit dem Erlebten führt dazu, dass Hassgefühle den Täter treffen, aber auch ein Misstrauen Dritten gegenüber aufgebaut wird.
  • Die Betroffenen fühlen sich unsicher in einer ehemals gewohnten und auch sicheren Umgebung.
  • Die Gedanken kreisen darum, ob es denkbar ist, dass schon der nächste Einbruch geplant sein könnte.
  • Die körperlichen Folgen hindern die Betroffenen daran, uneingeschränkt am bisher gewohnten Leben teilzunehmen.
  • Gedankengänge oder Albträume, die Fremde in der Privatsphäre zeigen, führen zum Gefühl der Erniedrigung. Auch das Gefühl des Ekels ist denkbar.
  • Hilflosigkeit und Machtlosigkeit machen sich breit, die sich rein körperlich auch in Schlaflosigkeit äußern.

Das Verhalten vieler Betroffener ändert sich. So sieht ihr Leben nach dem Einbruch aus

Wie sich das Leben der Betroffenen ändert, kann nicht für alle gelten. Wohl aber lassen sich Verhaltensweisen ausmachen, die sich bei vielen Einbruchsopfern beobachten lassen.
  • Ein Kontrollwahn kann sich ausbilden, der sich darin äußert, dass beinahe zwanghaftes Verhalten beim Verschließen von Türen und Fenstern erfolgt. Auch lassen sich Wasch- und Reinigungszwänge bei Betroffenen beobachten, die so versuchen, die Spuren des fremden Eindringlings nachhaltig zu entfernen, obgleich die unmittelbaren Spuren – in Form von Verwüstung und Zerstörung – längst behoben sind.
  • Eine Rückkehr zum Einbruchsort – egal ob in den eigenen vier Wänden oder am Arbeitsplatz – ist nur schwerlich möglich. Auch der Aufenthalt zuhause oder bei der Arbeitsstelle erfolgt nur ungern. Häufig werden Ausreden gesucht, um nicht am Ort des Geschehens verweilen zu müssen. Auch körperliche Beschwerden wie etwa Schmerzattacken und Übelkeit können auftreten. Nicht selten führen diese zu längerfristigen Krankschreibungen bei der Arbeit, aber auch in der Schule.
  • Es lassen sich Folgen in der Freizeitgestaltung beobachten, die auf den ersten Blick in gar keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Tat stehen: Ausflüge und Urlaube werden abgesagt oder umgangen, um nicht etwa durch eine längere Abwesenheit den Tätern neue Optionen zu offerieren. Wer dennoch reist, zeigt auch hier ein ausgeprägtes Kontroll-Verhalten – beispielsweise durch Smart-Home-Technologie oder aber durch permanente Kontrollanrufe beim Housesitter.
Nicht undenkbar ist darüber hinaus die Option, dem Tatort langfristig den Rücken zu kehren. Der Wechsel der Arbeitsstelle oder ein Umzug können dabei helfen, die traumatischen Erlebnisse hinter sich zu lassen. Nur so lässt sich langfristig das Gefühl unterbinden, dass die Täter sich noch am Tatort und damit auch in unmittelbarer Nähe befinden. Von einem Gefühl des Ekels, das sich zur Lähmung auswachsen kann, berichten Betroffene, die anschließend dem Tatort durch einen Wohnungs- oder Arbeitsplatzwechsel den Rücken gekehrt haben.
Wer nicht zur Konsequenz kommt, den Wohnort oder den Arbeitsplatz zu verlassen, setzt häufig auf moderne Sicherheitstechnik oder alternativ auf Möglichkeiten, um den eigenen Wohnraum durch Licht, Radio oder Fernseher belebt wirken zu lassen – selbst dann, wenn keiner zuhause ist.

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist denkbar

Auch wenn Unwohlsein und Ekel nicht in eine psychische Erkrankung münden müssen, so lässt sich durchaus häufig beobachten, dass eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung die Folge eines Einbruchs sein kann. Kontrollverlust, Schutzlosigkeit und lähmende Angstgefühle können dazu führen, dass das Erlebte immer wieder präsent wird – in Albträumen, Tagträumen, Erinnerungen oder Rückblenden, die sich ins Leben schleichen. Aber auch wenn Teilnahmslosigkeit und Gleichgültigkeit auftreten, kann das ein Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung sein. Rein körperlich lässt sich diese Erkrankung an einem hohen Grad an Wachsamkeit, an Schreckhaftigkeit und sogar Schlafstörungen erkennen. Der Besuch bei einem Therapeuten ist nun unumgänglich.