Familienmodelle Interviewmit Familientherapeut Dr. Matthias Ochs

Wir erträumen uns unsere Zukunft, doch oft läuft es nicht wie geplant. Dann müssen – und wollen! – wir andere Familienmodelle leben. So kann ungewöhnliches Glück aussehen und lange halten.

Die Adoptiveltern

„Das Zauberwort heißt Zeit“

Dr. Matthias Ochs, Dipl.- Psychologe, systemischer Familientherapeut und Buchautor

VITAL: Kinder brauchen starke Eltern. Aber welches Familienmodell brauchen Eltern, damit sie stark sein können?
Dr. Matthias Ochs: Ein Modell, das es ihnen ermöglicht, ihre Kinder und sich selbst zu finanzieren. Eltern brauchen Stabilität und Selbstmanagement. Sie sollten wissen, welche familiären Regeln und Rituale sie selbst zufrieden machen. Es geht Kindern immer nur so gut wie ihren Eltern. Für Frauen hieß Familiengründung lange Abhängigkeit. Bis 1977 durften Männer ihren Ehefrauen verbieten, arbeiten zu gehen.

Was hat sich geändert?
Der Mann verdient das Geld, die Frau erzieht die Kinder – dieses Familienmodell wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts idealisiert. Heute leben Frauen freier als ihre Großmütter. Andererseits werden sie beruflich noch immer ausgebremst. Schuld daran ist die in Deutschland verbreitete Überzeugung, dass Mütter die ersten drei Jahre nach der Geburt beim Kind bleiben sollten. Nach wie vor belegt aber keine Studie, dass Kinder irgendeinen Schaden nehmen, wenn die Mütter zügig wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren.  

Patchwork-Familien sieht man in Hollywood- Filmen und im Schloss Bellevue. Dadurch scheint dieses Modell fast ein bisschen glamourös.
In der Realität finden es wohl alle eher anstrengend, weil oft verschiedene Familienkulturen aufeinanderprallen. Viele Paare lassen den Kindern und sich selbst nicht genug Zeit, um sich an die großen Veränderungen zu gewöhnen.Familienforscher sagen, eine Patchwork-Konstellation ist erst nach fünf bis sieben Jahren stabil.


Wie können Patchwork-Eltern die Familie zusammenhalten?
Sie sollten vor allem auf ihre Zufriedenheit als Paar achten. Wenn es in der Beziehung kriselt, können Trennungskinder die Konflikte noch weniger auffangen als leibliche Kinder. Der Familienbetrieb muss gut organisiert sein, weil die meisten Kinder im Wechsel bei Mama und Papa wohnen und sich alle Stiefkinder ab und an gemeinsam um einen Tisch versammeln sollten.

Ist das klassische Familienmodell doch das Beste?
Für Kinder ist es am einfachsten, wenn sich Mama und Papa lieben. Aber eine Scheidung ist besser als eine chronisch konfliktbeladene Paarbeziehung. Studien zeigen, dass sich Scheidungskinder in ihrer psychischen Entwicklung langfristig nicht von Kindern aus intakten Beziehungen unterscheiden. Problematisch für die kindliche Psyche sind vor allem die ersten drei Jahre nach dem Zerfall der Familie.

Familie bedeutet Heimat, Sicherheit und Intimität. Mit neuen Ehepartnern oder Adoptivgeschwistern zieht aber etwas Fremdes zu Hause ein. Wie kann Familie trotzdem gelingen?
Auch hier ist der Schlüssel die Zeit, die sich die Familie nehmen sollte, um zusammenzuwachsen. Hilfreich sind auch Rituale wie ein gemeinsames Sonntagsfrühstück und viele Unternehmungen, also gemeinsame positive Erlebnisse.

Spaß hat man auch mit Freunden.
Ja, aber Freunde können die Familie nicht ersetzen. Die Verbundenheit zwischen Geschwistern, Eltern und Kindern sieht in der Regel qualitativ anders aus – vielleicht auch in gewisser Hinsicht intensiver. Gerade die Liebe der Großeltern ist doch durch nichts zu ersetzen.

Viele Großeltern haben keine Zeit, um ihre Enkel zu bespaßen.
Dass die sogenannten jungen Alten wegen ihrer vielen Hobbys und Freunde keine Zeit für ihre Enkel haben, ist sehr schade. Das Verantwortungsgefühl der Generationen füreinander nimmt offensichtlich ab. Es wohnen ja auch nicht mehr viele Generationen unter einem Dach.

Was sagen Sie zu den neuen Vätern?
Ich erlebe in meiner Paarberatung häufig, dass Frauen von ihren Partnern eher etwas Konservatives fordern, nämlich, dass sie die Familie finanzieren. Die heutigen Väter stehen unter massivem Leistungsdruck. Sie sollen vormittags gut verdienen, nachmittags Legotürmchen bauen und abends ein offenes Ohr für familiäre Probleme haben. Viele Männer wollen keine Familie gründen aus Angst zu versagen. Erst wenn sie sich beruflich etabliert haben, trauen sie sich die Rolle des Familienvaters zu. Manchmal ist es dann schon zu spät.

Welches Familienmodell macht denn nun glücklich?
Das muss jedes Paar für sich herausfinden. Ich möchte alle zu Familie und Partnerschaft ermutigen. Egal in welcher Form.

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