Kolumne Verena Carl Weniger senden, mehr empfangen

VITAL-Kolumnistin Verena Carl verrät, was verpatzte Führerscheinprüfungen und Beziehungskiller gemeinsam haben – und was wichtiger ist als Dogmen.

Illustration Silke Werzinger

Ein anderes Beispiel für diese Art Tunnelblick stammt aus Marilyn Frenchs Roman-Klassiker „Frauen“: Ein Mädchen sehnt sich danach, dass seine Mutter ihm einmal fürsorglich-gründlich das lange Haar bürstet. Was macht sie später bei ihrer eigenen Tochter? Klar: striegeln, striegeln, striegeln – ohne zu merken, dass die Kleine das Geziepe und Gefummel hasst. Was lernen wir daraus? Weniger senden, mehr empfangen. Für ein zufriedenes Miteinander brauchen wir die Fähigkeit, hinzuschauen, was wirklich gefragt ist. Vielleicht stört es den Liebsten viel mehr, wenn wir montags schon das nächste Wochenende verplanen, als wenn wir im Schlabbershirt ins Bett kriechen (hat ja auch einen gewissen verlotterten Sex-Appeal). Und vielleicht liest die Tochter lieber Pferdebücher, als zu reiten – auch wenn wir den Kontakt zur Kreatur für noch so wichtig halten.

Klar, es ist schwer, immer alle Bedürfnisse im Auge zu behalten. Die schmerzliche Erkenntnis aus meiner zweiten Fahrprüfung: Kein Fahrschul-Golf passt auf einer winzigen Brücke an einem Reisebus vorbei. Erst beim dritten Anlauf bestand ich, morgens im Halbschlaf, damit ich keine Zeit hatte, nervös zu werden. 23 Jahre später kann ich übrigens linksherum einparken und gleichzeitig meine beiden kleinen Beifahrer auf der Rückbank erziehen. Auch das ist eine ermutigende Erkenntnis: Wir alle machen Fehler. Aber im Leben hat man meistens mehr als einen Versuch.

Autor: Verena Carl

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