Psychologie Nächtliche Visionen der Psyche

Lange waren Hirnforscher überzeugt, dass es in unseren schlafenden Köpfen nur zu sinnbefreiten Entladungen kommt. Aktuelle Studien zeigen jetzt: Träume sind kein Zufall. Und jeder kann sie für sich nutzen.

Schlafende Frau

Träumen Frauen anders als Männer?

Wissenschaftler konnten nur wenige Unterschiede dingfest machen. Frauen träumen öfter von zwischenmenschlichen Konflikten, ihrer häuslichen Umgebung und Kleidung. Männer begegnen öfter unbekannten Personen, träumen von Aggressionen, Waffen und häufiger von Sex. Etwa jeder 10. Männertraum ist erotisch, bei Frauen jeder 30. Bei beiden Geschlechtern überwiegen die schlechten Träume. Als Hauptperson tritt immer der Träumer selbst auf. Nur Kinder unter drei Jahren träumen eher von Tieren als von sich. Häuser, Autos, andere Fahrzeuge und die Bewegung – Fliegen, Fliehen, Fallen – gehören weltweit bei Frauen und Männern zu den universellen Traumthemen.

Warum entwickeln Träume sich oft bizarr?

„Der Regisseur des Traums kennt keine Zensur, keine Grenzen und keine Scham“, sagt der amerikanische Traumforscher Prof. Ernest Hartmann von der Tufts University in Massachusetts. Im Wachzustand funken ständig unser Gewissen, verinnerlichte gesellschaftliche Regeln und unser Physikwissen – „Menschen können nicht von Haus zu Haus springen“ – zwischen unsere Gedanken. Im Traum können wir fliegen oder Szenen aus unserer Kindheit mit Erlebnissen von gestern mischen. Eine Person verwandelt sich im Lauf der Nacht in eine andere oder taucht an einem unmöglichen Ort auf.
Manchmal begegnen wir Menschen, die bereits tot sind. „Ein Traum stellt im Gehirn Verbindungen her, die ausgedehnter sind als im Wachbewusstsein“, erklärt Hartmann. Dennoch – oder gerade deshalb? – kommen wir nachts nur äußerst selten auf die Idee, dass wir träumen, täuschen uns also dauernd über unseren Zustand.

Warum haben wir so viele schlechte Träume?

Weil im schlafenden Gehirn alle emotionalen Systeme ungehemmt aktiv sind – auch die, in denen Angst und Furcht ihren Ursprung haben. Thetawellen branden durch die grauen Zellen. Das passiert üblicherweise, wenn uns tatsächlich jemand oder etwas bedroht – oder wir im REM-Schlaf träumen. Prof. Antti Revonsuo von der Universität Turku in Finnland vermutet deswegen, dass Träume auch als eine Art Training fungieren. Viele Erfahrungen, die unsere Vorfahren mit Säbelzahntigern und anderen Urzeit-Monstern machten, wurden in unserem Erbgut abgespeichert. Träumen wir schlecht, so Revonsuo, werden solche Überlebenstricks ins Gedächtnis übertragen. Vielleicht verbringen Embryos deshalb bereits die Hälfte des Tages im REM-Schlaf.
Bei Erwachsenen sind es dagegen durchschnittlich nur noch zwei Stunden pro Nacht. Schlechte Träume haben außerdem eine therapeutische Funktion. Klingt paradox, wird aber von immer mehr Studien bestätigt. „Sie helfen uns, negativ besetzte Erlebnisse in einem anderen Hirnzustand nochmals durch zumachen“, sagt Dr. Matthew Walker von der University of California. „Das nimmt ihnen die emotionale Schärfe.“ Gerade bei wiederkehrenden Albträumen verändert sich der Inhalt mit der Zeit. '
Redressing“ (etwa: neu kleiden) nennt Walker diesen Prozess: Am Anfang ähnelt das Geschehen noch sehr dem echten Erlebnis. Dann werden immer mehr Erinnerungen aus anderen Lebens episoden, fantasierte Elemente oder Erinnerungsfetzen aus Büchern und Filmen in den Traum eingewebt. „Die Spuren der Angst verlieren sich nach einigen Wochen im Dickicht des Biografischen. Der Traum und mit ihm das Erlebte wird zu einem Teil unseres Selbst“, erklärt Prof. Hartmann. Das gelingt nicht immer.

Wann brauchen Menschen mit Albträumen Hilfe?

Traumatische Erlebnisse oder extremer Stress können dazu führen, dass die therapeutische Wirkung des Träumens versagt. Die Albträume werden dann so belastend, dass sie die Betroffenen bis in den Tag hinein verfolgen. Sie verursachen Ein- und Durchschlafstörungen oder lösen Depressionen aus. Faustregel: Wer über ein halbes Jahr mindestens einen Albtraum in der Woche hat, sollte eine schlafmedizinische oder verhaltenstherapeutische Ambulanz aufsuchen. Denn Therapeuten kennen Wege, um die belastenden Schreckensbilder loszuwerden, zum Beispiel mit der „Imagery Rehearsal Therapy“, kurz IRT. Bei dieser Methode aus den USA lernen die Betroffenen, wie sie das „Drehbuch“ ihrer Träume tagsüber selbst umschreiben können.
„Die wenigsten Betroffenen wissen, dass Albträume psychotherapeutisch schnell und effektiv behandelt werden können“, sagt Prof. Ulrich Stangier, Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Universität Frankfurt, wo gerade eine IRT-Wirksamkeitsstudie läuft. Erste Ergebnisse klingen vielversprechend: „Wir haben innerhalb von nur einer Therapiestunde Menschen geholfen, die seit Jahrzehnten unter Albträumen litten“, erklärt Stangiers Kollegin Kathrin Hansen. Ihre Patienten mussten wieder lernen, Träume vor allem als eine besonders lebendige Form von Bewusstsein zu sehen, die wir verändern können – und genießen.

Schlagworte: