Reise „Lavatanssi“ - finnischer Tanz

Wer die finnische Seele ergründen will, muss Tango verstehen. Ob in Turku, Europas Kulturhauptstadt 2011, auf einer windumtosten Ostseeinsel oder im Wald: Sobald die ersten Takte erklingen, taut auch der schweigsamste Finne auf, stellte unsere Autorin fest.

Café Pinella Tanzendes Paar

Der Turkuer Künstler Jan-Erik Andersson baut sich sein eigenes Phantasialand. Er selbst sei „der wohl einzige Finne, der gut ohne Tango auskommt“. Er wohnt in seinem „Life on a Leaf“-Haus – auf dem Grundriss eines Blattes. Außen sieht es aus wie ein gelbes Spielzeugschiff, das aus Versehen auf die Wiese gekracht ist, innen noch wilder: wellige Wände, knallgrüne Böden, zackige Fensterrahmen. „Erinnerungen, Gefühle und Märchen, alle diese Prägungen stecken hier drin“, sagt Andersson und fügt ernst hinzu: „Nicht wir Menschen gestalten ein Haus, sondern das Haus gestaltet uns. Es wirkt zurück auf die Seele.“ Für das Kulturhauptstadtjahr baute der 56-Jährige mit den kinnlangen Haaren im Kupittaa Park die „Sounding Dome Sauna“, optisch ein knallgelber Mix aus Knoblauch und Kürbis. Sie macht Geräusche während des Aufheizens und Abkühlens: Regenprasseln, Windfauchen, Knistern. Skurril? Kein bisschen, in Turku stehen noch mehr Kunst- Saunen, darunter eine komplett transparente im Zentrum oder die „Sauna Obscura“, die das Schärenmeer vor Turku auf die nackten Körper projiziert, sodass die Unterschiede zwischen Mensch und Landschaft verschwimmen. Ich muss mal raus aus der Stadt, denke ich, raus aufs Land.

Also sitze ich abends in Minnas VW-Bus. Minna leitet ein Taxiunternehmen, doch heute hat sie sich freigenommen und zurechtgemacht. Weiße Bluse und rote Lippen für den „Lavatanssi“, den Tanz auf dem Bretterboden. „Ohne Lavatanssi kennst du Finnland nicht“, hatte sie gesagt. Das klang so überzeugend, dass ich bei ihr einstieg. Hunderte solcher Tanzplätze gebe es in Finnland, doch der schönste sei eindeutig in Somero, erzählt Minna. Klar sagt sie das, schließlich stammt sie aus dieser Kleinstadt, 75 Kilometer vor Turku. „So viele Erinnerungen hängen am Lavatanssi. Alles Wichtige passierte dabei, der erste Kuss, Streit, Versöhnung, einfach alles.“ In der Abendsonne fahren wir Richtung Osten, durch Kiefernwälder, vorbei an Flussläufen und Seen. Je näher wir kommen, desto klarer wird, dass Seltsames passiert.



Die Straße füllt sich, aus allen Richtungen strömen die Autos, Radler und Fußgänger, alle pilgern einen Hügel hoch. Oben steht der „Esakallio Pavilion“ mit großen Fenstern und einem astreinen Bretterboden. Hier wird heute Reijo Taipale auftreten, einer der berühmtesten finnischen Tangosänger. 1962 hatte er seinen ersten Hit: „Satuuma“ – „Märchenland“. Das liegt jenseits des Ozeans, wo alles schöner ist, wo eine Geliebte wartet. Aber, typisch finnisch, das alles bleibt unerreichbar. Das Lied wurde 2006 zum zweitschönsten Tango aller Zeiten gewählt. Ich werde wider Erwarten nervös, denn der legendäre Reijo Taipale hat einem Interview zugestimmt. Dafür steige ich in den Keller. Lande in einem kahlen Raum mit zerschlissenen Postern verblichener Tangosänger und einem Gewusel an Leuten. Einer davon ist Harry, ein kleiner Mann mit schwarzem Halstuch. Er würde übersetzen, sagt er wichtig und führt mich in einen kleinen Raum. Da sitzt er, der große Reijo Taipale. 71 Jahre alt, scharf geschnittenes Gesicht. Ich ahne, dass er früher so gut ausgesehen hat, dass in jedem finnischen Teenagerzimmer mindestens ein Poster von ihm hing.

Jetzt guckt er grimmig. Das folgende Gespräch geht ungefähr so: Ich frage etwas Kurzes und nicht zu Kompliziertes. Dann spricht Harry fünf Minuten lang in ratterndem Finnisch zu Reijo, der rattert zehn Minuten zurück, rudert mit den Armen, lacht, schimpft. Bestimmt spannend, was er erzählt, trotzdem bekomme ich von Harry jedes Mal nur drei dürre Worte als Antwort. Ja, Reijo Taipale mag „Satuuma“ immer noch. 7000-mal hat er das Lied gesungen. 50 Sommer lang. Vorher war er Holzfäller. Brachte den Leuten die Sonne. Immer wenn ein Baum fiel, wurde es ein Stück heller. Auch „Satuuma“ bringe Sonne, nur eben ins Herz.

Alle jungen Leute sollten Tango tanzen. Sei doch viel einfacher als das moderne Rumgezappel. Und viel intimer. Gerade als es spannend wird, springt Taipale auf, umarmt mich, rattert dreimal „kiitos“, danke. Interview vorbei.

Er schnäuzt in Toilettenpapier und steigt die Holztreppe rauf zur Bühne. Applaus brandet auf. Ich haste hoch in den Saal und komme kaum durch. Massen an Menschen. Junge, Alte, Dicke, Kleine und Große. Schwarz-weiße Pünktchenkleider, rote Satinblusen, glitzernde Haarspangen. Alle kreiseln, schreiten, schweben in eine Richtung. Ich sehe Minna, die Augen geschlossen, eng an einen Mann gedrückt. In Reijo Taipales Stimme bebt noch immer dieser sehnsüchtige Schmelz, leicht zittrig an den richtigen Stellen, sodass alle selig in ihr Märchenland abheben. Nur Harry sieht bedrückt aus. „Eigentlich bin ich auch Sänger. Aber kein berühmter. Soll ich dir trotzdem etwas vorsingen?“ Wenn das ein trauriger Finne an einem Tangoabend fragt, darf man auf keinen Fall ablehnen. Ich folge ihm in den Nebenraum an die Karaoke-Maschine.

Harry kippt noch einen Wodka und schmettert dann Frank Sinatras „New York, New York“. Er singt, als würde er untergehen. Singt gegen den Meister und die Tangoklänge an, die hereinwehen. Als er verstummt, klatscht eine Barfrau. Nebenan jubeln Hunderte Reijo Taipale zu. Harry lächelt wehmütig. Er kennt New York, auch Namibia und Ägypten, 20 Jahre war er weg, glückliche Jahre. Dennoch kehrte er zurück in die Wälder Finnlands. „Was war der Sinndes Ganzen?", fragt er. Langes Schweigen.  „Vielleicht der Tango", antwortet er sich selbst. dann verbeugt er sich altmodisch, zieht mich auf die Tanzfläche in den großen Saal. Dabei kann ich das gar nicht. Oder doch? Tatsächlich, wir schweben über den Bretterboden mitten in einem riesigen Karussell aus fliegenden Kleidern, Röcken und Zöpfen. Wie sich das anfühlt? Wie in einem Märchenland, gar nicht weit weg von hier.