Suchtgefahr Totale Internet-Abstinenz ist unmöglich

Das Internet eröffnet eine Welt, die vielen besser scheint als die Realität. Das hat enormes Suchtpotenzial. Die Fakten, der Fall eines Netz-Junkies – und wie Sie sich schützen können.

Frau, Computer

 

 

Onlinesüchtige leiden unter Entzug wie Alkoholiker. Erfinden Ausreden wie Glücksspielsüchtige, wenn sie kritisiert werden. Müssen ihre tägliche Dosis wie Heroinabhängige fortwährend erhöhen, um noch den gleichen Effekt zu erzielen. „Wir sehen bei Internetabhängigen außerdem oft eine Abspaltung des Körpers“, ergänzt Dr. Thomas Fischer, Chefarzt der AHG Klinik für Psychotherapie in Lübstorf, einer weiteren Anlaufstelle. „Er wird im Netz nicht benötigt und vernachlässigt.“
Die Betroffenen waschen sich nicht mehr, ignorieren Hunger und Durst. Florian Brand (Name von der Redaktion geändert), etwa 1,80 Meter groß, wog am Ende noch 62 Kilo. „Ich aß nicht mehr, redete mit niemandem, bezahlte die Miete nicht mehr. Ich habe nur noch gespielt und geschlafen“, erzählt der 27-Jährige. „Sehen Sie sich das an.“ Er streckt die linke Hand aus. Der kleine Finger ist nach außen gewölbt – von den immer gleichen Bewegungen auf der Tastatur. Mit elf fängt Brand an, „Ego-Shooter“ zu spielen, bei denen es schlicht darum geht, mit allen möglichen Waffen Mitspieler und Monster zu bekämpfen. 

Mit 14 hat er einen eigenen Internetanschluss. „Mein Vater verkaufte damals Computer. Wir hatten immer die neueste Technik zu Hause“, erzählt Brand. In der Schule fühlt er sich als Vorreiter.
Zwei Jahre in Folge tritt er bei einem Wettkampf gegen 350 andere „Ego-Shooter“ an. Beide Male gewinnt er. „Das erste Erfolgserlebnis, das ich mir selbst erarbeitet habe“, sagt Brand. So beginnt sein Weg in die Sucht. „Ich hatte Alternativen, hab z. B. Comics gezeichnet. Prompt überschüttete mich meine Mutter mit Stiften und Büchern, und ich hatte das Gefühl, dass sie mir etwas wegnimmt“, sagt er rückblickend. „Aber den Computer hatte ich für mich allein.“
Immer länger sitzt Florian Brand davor, immer seltener kommen seine Eltern an ihn heran. Riesenkrach, als er das Abitur nicht schafft. Während seiner Ausbildung zum Hotelfachmann hat er keinen Internetanschluss. Claudia und Klaus Brand, die Eltern, hoffen, dass es besser wird. „Danach kam er zwei Jahre zur Luftwaffe. Da dachte ich: Jetzt findet er seine Richtung“, erinnert sich Florians Vater. Was er nicht ahnt: Sein Sohn hat auf der Stube einen internetfähigen Computer. Sogenannte LAN-Partys, bei denen die Soldaten über ein Netzwerk gegeneinander antreten, sind an der Tagesordnung. „Wir haben ,World of Warcraft’ gespielt“, erzählt Florian Brand, „die Vorgesetzten fanden das okay.“ „World of Warcraft“ (WoW) ist ein Online-Rollenspiel, das weltweit mehr als zehn Millionen zahlende Abonnenten spielen. Das beschert der Firma Blizzard Entertainment jährlich über eine Milliarde Dollar Umsatz. Sie ermutigt ihre Kunden, in der Fantasiewelt „Azeroth“ so zu sein, wie sie im wahren Leben vermeintlich nicht sein können. Je länger sich ein Nutzer online bewegt, desto erfolgreicher wird er.
WoW endet nie. Es wartet immer eine neue Aufgabe, die es noch zu bewältigen gilt. „Ich kann es nicht beweisen. Aber ich bin mir sicher, dass die Entwickler des Spiels von gewieften Psychologen unterstützt werden“, sagt Gabriele Farke.

Fantasiewelten – ein Teufelskreis 

Florian Brand verfällt den subtilen Mechanismen. Am Ende spielt er 20 Stunden täglich. Zwei Freundinnen verlassen ihn deshalb, er bricht seine Ausbildung ab, wird arbeitslos. Doch je mehr Probleme durch das Online-Spielen entstehen, desto öfter flüchtet Florian Brand in die Fantasiewelten – ein Teufelskreis. „Das war wie nach Hause kommen“, sagt der Mecklenburger. „Da konnte ich mich fallen lassen.“
In seiner Wohnung stapelt sich Müll. Er geht nicht mehr ans Telefon. Den Tiefpunkt wird seine Mutter wohl nie vergessen. Mit Tränen in den Augen erzählt sie: „Wir ließen Florians Tür aufbrechen, die Amtsärztin war dabei. Florian war ganz, ganz dünn. Wir saßen nebeneinander und er sagte: ,Ich sehe keinen Lebenssinn mehr.‘“ Die Eltern beantragen eine gesetzliche Betreuung. Florian Brand stimmt zu. Er weiß, dass er Hilfe braucht. Sechs Monate später beginnt er seine zwölfwöchige Therapie in der Klinik von Dr. Thomas Fischer.
Er hat alle Spiele auf seinem PC gelöscht, will in einen Volleyballverein eintreten und im Sommer an die Fachhochschule. Er will es schaffen. Es wäre weltfremd zu fordern, das Internet abzuschalten, um solche Fälle zu verhindern. Anders als bei Alkohol ist bei Online-Sucht totale Abstinenz unmöglich.
„Medien sind in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken“, sagt Prof. Croissant. „Aber der angemessene Umgang mit ihnen muss erlernt werden. Die Medienkompetenz muss bereits im Elternhaus ein Thema sein.“ Als Florian Brand während der Therapie übers Wochenende in seine Wohnung zurückkehrt, droht der Rückfall. Der Druck ist einfach zu groß. Doch er flüchtet nicht in seine Fantasiewelt, sondern ruft seinen Vater an. „Das hast du gut gemacht“, bricht es aus Klaus Brand heraus. Er gibt seinem Sohn einen freundschaftlichen Klaps auf den Oberschenkel. Es ist vorbei.

 

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