Familie Unpassender Kinderwunsch

Jede vierte Frau in Deutschland ist 35 oder älter, wenn sie ihr erstes Kind bekommt. Das hat durchaus Vorteile. VITAL sprach mit Fachleuten und drei Mamis über ihr ganz großes Glück.

Schwangere Frau

Dass es am Geld allein nicht liegt, belegt jedoch die Tatsache, dass seit Einführung von Elternzeit und Elterngeld 2007 die Geburtenrate kaum anstieg. Woran liegt es dann? Da sind zum einen die „üblichen Verdächtigen“: Die Ausbildungszeiten werden länger. Die Etablierung im Beruf beginnt später. Und: Je aussichtsreicher und lukrativer ein Job ist, umso schwerer fällt es, ihn aufzugeben und umso größere Steine legen Firmen Müttern beim Wiedereinstieg meistens in den Weg.
Bundesweit 260 000 fehlende Kita-Plätze und familienunfreundliche Arbeitszeiten tun ein Übriges. Führende US-Forscher haben indes eine weitere Gefahr ausgemacht: endokrine Disruptoren, also Umweltgifte, die das weibliche (und männliche) Hormonsystem dauerhaft schädigen können. Dazu gehören Zigarettenrauch, Pflanzenschutzmittel, Insektizide, Kunststoffbestandteile (z. B. Bisphenol A) oder Weichmacher (Phthalate). Sie lösen eine frühzeitige Pubertät, Brustkrebs und – Unfruchtbarkeit aus. Die Experten sprechen von einer „gestörten Weiblichkeit“.

Die Angst vor dem Mama werden

Aber auch das ist nicht alles. Ines Imdahl und ihr Team vom Forschungsinstitut Rheingold in Köln befragten 1000 Frauen zwischen 20 und 40 – mit traurigem Ergebnis: Kinderkriegen war meistens mit Angst verknüpft. „Muttersein geht mit einer Art Identitätsverlust einher“, sagt Imdahl. Frauen würden hin- und hergerissen zwischen Supermama und Erfolgsfrau.
Ein überzogenes Mutter ideal setze sie unter Perfektionsdruck.
„Alles soll schön leicht aussehen“, erklärt Imdahl. „Frauen strengen sich so sehr an, gelassen zu sein, dass sie es nicht mehr sind.“ Umso ausgeprägter sei ihr Wunsch nach einem Trend weg von der perfekten Mutter hin zu einer individuellen, selbstbestimmten Frau, die ihren eigenen Weg geht und auf ihr Bauchgefühl hören darf. Dorothea Meyer, 46, hat genau das getan.
Trotz hohem Downsyndrom-Risiko entschied sie sich vor drei Jahren, ihr Baby zu behalten – und gehört damit zu den zehn Prozent der Frauen, die in so einem Fall nicht abtreiben. „Ich würde zu keiner Frau sagen: Behalte dein Kind!“, betont die Hamburgerin. „Neulich las ich jedoch ein Interview mit einer Mutter, die sagte, sie habe zum Wohle der Familie abgetrieben. Das finde ich schwierig.“

Autor: Stephan Hillig