Ehrlichkeit Im Job punkten durch Lügen

Ganz ehrlich: Wir alle lügen. Und zwar oft. Das macht es uns so schwer, damit auf zu hören. Doch wer die Gründe versteht, kann es schaffen – raus aus der Lügen-Falle.

Mut zur Wahrheit

So entsteht die Lüge

Sonjas Brieffach quillt wie jeden Morgen über. Die nächsten acht Stunden könnte sie nur damit verbringen. Aber sie hat ja noch andere Aufgaben. Sie sieht die Post schnell durch. Wieder Rechnungen, die sie für die Firma überweisen soll. Aber dafür müsste sie mit diversen Kollegen sprechen. Keine Zeit! Also ab damit in die unterste Schublade, obwohl schon erste Mahnungen dabei sind. Doch als der Chef Sonja fragt, wie die Arbeit so läuft, lügt sie: „Alles prima.“

Sinn der Lüge

Schermall: „Sonja ist überfordert. Aber das will sie sich nicht eingestehen. Hinter solchen Lügen stecken oft kindliche Verhaltensmuster. Spüren Kinder, dass sie nur geliebt oder getröstet werden, wenn sie gute Leistungen bringen, fangen sie an, zu schummeln und sich zu verstellen.“
Das Risiko: „Mit der Lüge riskiert Sonja, dass ihr immer mehr Arbeit aufgebürdet wird, die sie noch weniger schafft. Ein Teufelskreis, der mit einer Kündigung oder in einer längeren Krankheit enden könnte.“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Es ist noch nicht zu spät. Mit einigen Überstunden könnte Sonja die liegen gebliebene Arbeit erledigen, ohne aufzufallen. Das ist durchaus vertretbar, da bislang noch keine größeren Kosten angefallen sind. Zudem sollte sich Sonja an eine Vertrauensperson in ihrer Firma wenden.
Ist ihr Verantwortungsbereich vielleicht zu groß für eine Person? Oder fühlt sich Sonja eher durch persönliche Probleme überfordert? Dann könnte eine längere psychologische Beratung oder ein Coaching helfen.“

So entsteht die Lüge

„Weihnachten kommt ihr wieder zu uns, oder?“ – „Was denn sonst, Mama“, lügt die Tochter – Lüge Nummer eins. Dabei ist sie schon fast 40, hat selbst einen vierjährigen Sohn und überhaupt keine Lust, ihrem streit- und alkoholsüchtigen Vater gegenüberzusitzen. Doch sie weiß, dass ihre Mutter ihn nie allein lassen würde. Im November will die Tochter der Mutter absagen. Nur wie? Vier Tage vor Heiligabend ruft sie schließlich an und gibt vor, dass ihr Sohn beim Krippenspiel in der Kirche einspringen muss, weil ein anderes Kind erkrankt ist – Lüge Nummer zwei.

Sinn der Lüge

Schermall: „Die Tochter möchte Weihnachten endlich so feiern, wie sie es will und sich für ihren Sohn wünscht. Das ist ihr Recht. Aber ihre Mutter versucht, sie zu vereinnahmen, und tut als Co-Abhängige – ihr Mann ist Alkoholiker – nichts, um sich selbst aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Gut, dass sich zumindest die Tochter davon lösen will.“
Das Risiko: „Die Lügen könnten die Mutter sehr verletzen. Außerdem beziehen sie den Sohn bzw. Enkel mit ein. Was soll der antworten, wenn Oma ihn nach dem Krippenspiel fragt?“

Raus aus der Lüge

Schermall: „Würde die Tochter bei der Wahrheit bleiben und offenbaren, dass sie wegen der Sucht des Vaters nicht mehr kommen mag, würde die Mutter seine Abhängigkeit höchstwahrscheinlich leugnen. Als Co-Abhängige belügt sie auch sich selbst. Eine gute Lösung besteht darin, früher (spätestens Ende November) abzusagen und dies anders zu begründen. Beispielsweise damit, dass die Familie im gewohnten Umfeld des Sohnes feiern will. Den Vierjährigen vom alkoholabhängigen Großvater fernzuhalten ist aber auf jeden Fall richtig. Erlebt er wieder, wie sich die Mutter Heiligabend alten Familienregeln beugt und sich plötzlich ganz anders benimmt als gewohnt, kann das zu einer tiefen Verunsicherung führen.“

 

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