Lebensfreude Vorsicht Grübelfalle

Über sich selbst nachzudenken ist normal. Doch wenn wir uns zu oft in Gedankenknoten verheddern, wird es Zeit, dass wir mutig die Schere ansetzen. So befreien Sie sich.

Frau ist in Bändern gefangen und befreit sich mit einer Schere
Aber wo verläuft die Grenze? Die wievielte Denkschleife verwandelt die Selbst-Reflexion in Selbst-Demontage? Das beantwortet die „Zwei-Minuten-Regel“: Wenn Sie unsicher sind, ob Sie grübeln, fahren Sie für zwei Minuten mit dem fort, was Sie tun. Stellen Sie sich dann drei Fragen: Bin ich mit dem Lösen des Problems vorangekommen? Habe ich etwas verstanden, was mir vorher noch nicht klar war? Bin ich in der Zeit weniger selbstkritisch, weniger niedergeschlagen? Können Sie keine der drei Fragen mit Ja beantworten, bewegen Sie sich Richtung Grübelfalle. Wie hoch Ihr Risiko liegt hineinzutappen, verrät Ihnen außerdem unser Test links. Beobachten Sie auch, welche Art Fragen Sie sich stellen: Beim nützlichen Problemlösen dominieren sachliche, zielorientierte Wie-Fragen, z. B. „Wie gehe ich vor?“, mit denen Sie über die Gegenwart nachdenken. Wenn Sie sich berechtigte Sorgen machen, lenken „Was wäre, wenn?“- Fragen Ihren inneren Monolog: „Was ist, wenn das alte Auto kapugeht?“ Mit deren Hilfe versuchen Sie, sich auf die Zukunft vorzubereiten. 
 
Im Gegensatz dazu bohrt sich Grübeln in die Vergangenheit. Warum-Fragen – „Warum ru er nicht an?“ – springen von einem Thema zum nächsten, und keines wird abgeschlossen. Warum tun wir uns das an? „Die eine Erklärung für anhaltendes Grübeln gibt es bislang nicht“, fasst Psychologe Tobias Teismann den momentanen Forschungsstand zusammen. Fest steht: Menschen, die den Erziehungsstil ihrer Eltern als überkontrollierend beschreiben, neigen eher zum Grübeln. Das Risiko steigt weiter, wenn Grübeln positiv bewertet wird, im Sinne von „Ich grüble, um mich besser zu verstehen und mich dadurch zu ändern“. Oder wenn es negativ wahrgenommen wird: „Dieses Grübeln wird mich noch krank machen.“ Eine entscheidende Rolle spielt obendrein die Frage: Wie nah lasse ich Gedanken an mich heran? Klingt paradox. Näher als im eigenen Kopf geht ja kaum. Stimmt. „Was wir uns im Alltag aber nur selten vor Augen führen, ist, dass unsere Gedanken nicht eins zu eins die Realität abbilden, sondern nur eine mögliche Interpretation unserer Umwelt darstellen“, erklärt Tobias Teismann. Wer aufblitzende Selbstkritik – „Ich bin so ein Versager!“ – immer für bare Münze nimmt, tappt eher in die Grübelfalle.
 
Um sie zu umgehen, sind drei Punkte entscheidend: 
 
1. Typische Grübelsituationen schriftlich (!) unter die Lupe nehmen: Was löst das Grübeln aus? Worum geht es? Wie fühle ich mich dabei? Wie bewerte ich mein Grübeln und mich selbst, während ich grüble? Versuche ich durch das Grübeln vielleicht, andere Dinge aufzuschieben?
2. Die eigene Aufmerksamkeit bewusster steuern. Dabei hilft z. B. die Übung „Ohren auf“
3. Den emotionalen Abstand zum eigenen Denken vergrößern, z. B. mit der Übung „Blätter im Fluss“. 
 
Lassen Sie sich Zeit. „Um das Grübeln zu überwinden, ist es wichtig, ihm in dieser Weise über mehrere Wochen auf den Grund zu gehen“, empfiehlt Tobias Teismann. Peu à peu spüren Sie so Ihr persönliches Grübelmodell auf, erkennen Zusammenhänge und bringen Ordnung ins Gedankenchaos. „Beides hil Ihnen, schneller aus Grübelprozessen auszusteigen.“ Kein Telefon, kein Handy, keine E-Mails, keine Termine? Wunderbar! Genießen Sie den Moment, und lassen Sie Ihren Geist mal ganz entspannt schweifen.
 

 

Autor: Stephan Hillig

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