Charakter Vorsätze realisieren

Mal ehrlich, so ein kleines bisschen kennt jede von uns dieses Phänomen von sich selbst: „Aufschieberitis“. Eine sympathische menschliche Schwäche – die erhebliche Nachteile haben kann.

Couch, Füße

Was haben wir uns nicht alles schon vorgenommen und dann doch wieder aufgeschoben: mehr Sport treiben, sich gesünder ernähren oder weniger Alkohol trinken. Weil der die Gesundheit nicht gerade fördert. Wir wissen das. Aber ändern wir deshalb unser Verhalten? Eher nicht. Echte Veränderungsbereitschaft entsteht oft erst durch Leidensdruck. Wenn ich z. B. nachts wach werde, weil Alkohol zwar das Einschlafen fördert, aber die Schlafqualität an sich beeinträchtigt. Wer deutlich spürt, „Jetzt geht’s mir schlechter“, gibt sogar alte Gewohnheiten auf. Aber meist geht es uns damit – zumindest auf den ersten Blick – ganz gut: Das Gläschen Rotwein zum Feierabend entlastet. Ein schönes Gefühl und damit eine positive Verstärkung unseres Verhaltens. Warum etwas ändern? Dass Weintrinken zum Stressabbau inzwischen ein Ritual ist, schieben wir beiseite und denken, wir könnten es auch weglassen. Tatsächlich? Am ehesten gelingt das, wenn wir ein neues Feierabendritual etablieren, das genauso entspannt. Vielleicht Yoga, eine kleine Meditation. Hauptsache, sie verschafft uns ein gutes Gefühl. Denn wir müssen Vorsätze mit positiven Emotionen koppeln, damit sie Wirklichkeit werden.

Konflikte klären, statt sie zum Lebensthema zu machen

„Manch einer ist ins gemütliche Elend verliebt. Als ob er nicht glücklich sein dürfe“, sagt der Gestalttherapeut und Philosoph Dr. Mathias Jung. Und so verharrt er in einer kaputten Ehe oder einem nervenaufreibenden Job. Das Bedürfnis nach Sicherheit konkurriert häufig mit dem der Selbstverwirklichung. Will man mehr von dem einen, muss man von dem anderen etwas abgeben. Dann stellt sich die Frage: los segeln und sich unterwegs auf stürmischer See selbst neu entdecken – oder bleiben? Um die Antwort zu finden, brauchen wir Entscheidungshilfen: einen Berater zum Beispiel oder eine Probefahrt hinaus aufs Meer. Allein. Wichtig ist ein klar definiertes Zeitfenster, in dem wir neue Erfahrungen machen wollen. Nach Ablauf der Frist ist dann die Entscheidung fällig.

Kann aufschieben auf Dauer krank machen?

Ja, denn chronisches Aufschieben erzeugt Stress, weil die Probleme unterschwellig immer präsent bleiben. Über längere Zeit werden Stresshormone ausgeschüttet, die das Immunsystem schwächen und auf die Stimmung schlagen. Die Folge sind psychosomatische Symptome wie Kopf- oder Rückenschmerzen. Nimmt die Lebensqualität zunehmend ab, muss das Aufschiebeverhalten handelt werden. Z. B. in der „Prokrastinationsambulanz“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Auch ein Coaching kann helfen, neue Handlungsmuster zu erlernen. Steckt hinter der Prokrastination jedoch eine klinische Diagnose, muss zunächst diese therapiert werden. Aufschiebeverhalten tritt z. B. häufig im Zusammenhang mit Angst- oder Konzentrationsstörungen (wie ADHS) auf, aber auch bei Depressionen. Dass gerade depressive Menschen so häufig etwas aufschieben, liegt an der zunehmenden Antriebsschwäche, die es ihnen erschwert, Vorhaben in die Tat umzusetzen. In diesen Fällen hilft am besten eine Psychotherapie weiter.

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