Nostalgie braucht Sicherheitsabstand

Fortschreitende Verklärung: Je älter wir werden, desto milder betrachten wir vergangene Jahrzehnte. VITAL-Kolumnistin Verena Carl denkt mit nostalgischen Gefühlen an Techno, „Titanic“ und Tretroller für ausgewachsene Männer.

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Nostalgie braucht Sicherheitsabstand. Distanz, um das Skurrile, das Außergewöhnliche aus der Masse der Alltagsphänomene herauszufiltern. Koteletten-Frisuren für Frauen und Stringtangas zum Step-Aerobic – das ist der Fundus, aus dem gerade ein Saal in unserem geistigen Museum bestückt wird. Dort laufen wir dann herum, lesen hier mal ein Schildchen, greifen da mal nach einem Kopfhörer (Massive Attack! Die Fantastischen Vier!) und verdrücken ein Tränchen beim Anblick idyllischer Urlaubsparadiese.

Wie war das aufregend, als dem Überlandbus auf La Gomera der Keilriemen riss – damals, 1991. Nicht, dass wir die Zeit zurückdrehen wollten: Ohne Zehn-Zentimeter-Plateauabsätze, Beziehungskomödien mit Katja Riemann und Madonnas Sex-Buch auf der Jungs-WGToilette lebt es sich schließlich auch ganz gut. Vielleicht fällt mir ja in zehn Jahren diese VITAL-Kolumne in die Hände. Und jede Wette: Auch dieses Düster- Jahrzehnt (Terrorismus! Armutsschere! Klimakatastrophe!) wird sich bis dahin romantisch verklärt haben.

Mein Tipp für die Top Drei der nostalgischen Erinnerungen von morgen: Klingeltonwerbung, Hippie-Rüschentunikas, Auto- Fahnenstangen. Oder es kommt noch etwas ganz Neues dazu. Ist ja noch ein Jahr Zeit.

Autor: Verena Carl

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