Beziehungen Neues Selbst durch Neuro-Imaginatives Gestalten

Es ist dieses Gefühl von Langeweile, von Stillstand, das uns manchmal beschleicht. Das Leben fühlt sich an wie „auf Autopilot“. Doch wie kann man die Regie wieder übernehmen?

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„Übermutter-Rolle? Die will ich nicht mehr haben!“

Birgit Laß, 45, Angestellte aus Hamburg, ist ihrem Selbst beim Neuro-Imaginativen Gestalten nähergekommen

„Meine Söhne verdrehen schon die Augen, wenn ich ihnen die Jacken nachtrage, damit sie sich nicht erkälten. Dabei sind sie 13 und 17, und natürlich weiß ich, dass sie groß genug sind, um für sich selbst zu sorgen. Genau wie mein Mann, dem ich auch gerne mal meine Meinung aufdrücken will. Meine Familie rebelliert also gegen mein Übermutter-Ding – und ich selbst habe mittlerweile auch genug davon. Es ist einfach zu anstrengend. Und meine Energien würde ich viel lieber in sinnvolle Aufgaben investieren. Mein berufliches Fortkommen zum Beispiel.

Da passte es gut, dass mich eine Bekannte zu einer Sitzung in Neuro-Imaginativem Gestalten mitnahm. Dort fragte man mich, ob mir ein Name für mein Verhalten einfiele. Ja: ,Gerda‘ – fürsorglich, akkurat, ein bisschen streng, bieder und familienorientiert. Ich sollte ,Gerda’ mit meiner linken Hand malen. Aber das Resultat war nicht krakelig, sondern gestochen scharf: eine brünette, schmale Frau mit Doris-Day-Frisur. Und wie ich die Frau betiteln würde, die ich statt der Übermutter lieber sein wollte? ,Vivi‘ – die Lockere, die nichts darauf gibt, was andere denken. Sie malte ich mit rundem Gesicht und wuscheligen Locken. Nun sollte ich ,Gerda‘, ,Vivi‘ und ein leeres Blatt als neutralen Part im Raum auslegen. Und, komisch, ich spürte genau, wie alles sein musste: ,Gerda‘ links, ,Vivi‘ rechts, dazwischen die neutrale Instanz – wie eine Art Trennungslinie zwischen beiden. Als ich mich auf ,Gerda‘ stellte, fühlten sich meine Füße wabbelig an, instabil. Auf ,Vivi‘ hatte ich eine angenehme Spannung im Rücken – aber etwas fehlte. Also wanderte ich hin und her auf ,Neutral‘, ,Gerda‘ und ,Vivi‘. Auf dem Bild der Übermutter wurde ich plötzlich wütend. Und schämte mich dafür, nichts anderes zu tun, als Kindern Jacken nachzutragen.

,Vivi‘, auf der ich danach meinen Platz einnahm, hatte keine Lust, sich mit ,Gerda‘ zu unterhalten. ,Die erinnert mich an Zeiten, mit denen ich längst abgeschlossen habe‘, war ihr hochnäsiger Kommentar. Hört sich verrückt an, so über Teile von sich selbst zu sprechen – aber genau das lief bei mir ab. Beim Versuch, die Aufstellung günstiger zu legen, merkte ich, wie ich mit ,Vivi‘ an ,Gerda‘ heranrückte, bis sie genau auf ,Gerda‘ lag. Endlich war mein Stand gut und richtig. Dieser Prozess hatte eine sehr aufrüttelnde Wirkung auf mich. Denn auf einmal wusste ich: ,Vivi‘ kann nicht ohne ,Gerda‘ sein – und umgekehrt. Und selbst wenn ,Vivi‘ für mich die attraktivere und zukunftweisende Vision darstellt, gibt ihr ,Gerda‘ ein sicheres Fundament. Nun existieren beide in friedlicher Koexistenz. Das ist das, was ich heute noch immer fühle, wenn ich die Bilder aus meiner Nachttischschublade hole. Was mein Übermutter-Verhalten angeht: Meine Tretmühle, aus der ich herauswollte, hat sich tatsächlich etwas verändert. Wenn ich die Kinder jetzt bevormunden will, merke ich es eher und kann schneller davon ablassen. Aber ich bin in diesen Momenten auch gnädiger mit mir und meiner ,Gerda‘ geworden.“

Dazu erklärt Expertin Dr. Eva Madelung, Therapeutin in München: „Das Neuro-Imaginative Gestalten verbindet Elemente der Kunsttherapie, Körperarbeit, des NLP, des Familien-Stellens, der Kurztherapie und der systemischen Familientherapie. Bei festgefahrenen Situationen kann NIG helfen, indem die ratsuchende Frau formuliert: ,Was will ich im Leben?‘ Danach skizziert sie ihren gegenwärtigen problematischen Zustand sowie den Moment, in dem das Problem überwunden ist. Und zwar mit der nichtdominanten Hand. Durch diesen Prozess bekommt sie Kontakt zu ihrem Unbewussten. Wenn im nächsten Schritt die Papiere als Bodenanker ausliegen, betritt sie ihre inneren Bilder, die oft starke Gefühle auslösen.

Nun soll sie sagen: Was habe ich geschafft? Worin bin ich gut? Was habe ich gelernt? Welche Personen haben mich bestärkt, unterstützt und motiviert? Von all diesen Ressourcen und Ressource-Personen sollen die hilfesuchenden Frauen eine Zeichnung malen und diese in einer Art Lebenslinie auf dem Boden auslegen. Danach stellen sie sich auf jedes dieser inneren Bilder, um in sie einzutauchen. Am Ende werden alle Ressourcen-Bilder aufgesammelt und unter einen sogenannten ,Gegenwartszettel‘ gelegt, um zu fühlen, wie es jetzt ist. Womöglich kann man auf diese Weise schon sein Ziel erreichen. Die Skizzen haben später einen hohen Symbolcharakter, aus dem Kraft geschöpft werden kann.”

Buch-Tipp: „Im Bilde sein”, von Eva Madelung, Barbara Innecken: Carl-Auer-Systeme Verlag, 215 Seiten, 21,95 Euro

Autor: Gitta Schroeder