Beziehungen Neue Motivation nach Auszeit

Es ist dieses Gefühl von Langeweile, von Stillstand, das uns manchmal beschleicht. Das Leben fühlt sich an wie „auf Autopilot“. Doch wie kann man die Regie wieder übernehmen?

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„Die Reise hat mir gezeigt, was wirklich wichtig ist“

Britta Liedigk, 44, MTA aus Hamburg, ist für ein Jahr ausgestiegen

„Ich musste raus. War einfach durch. Seit 14 Jahren arbeitete ich nun schon am Tropeninstitut. Machte die immer gleichen Untersuchungen.
Es war langweilig. Da schien ein Sabbatjahr die Lösung zu sein. Ich arbeitete ein Jahr voll zum halben Gehalt, und in meinem freien Jahr würde ich ebenfalls das halbe Gehalt beziehen. Auch Sozial- und Krankenversicherung liefen weiter. Aber was sollte ich in dem freien Jahr tun? Eine Ausbildung zur Reittherapeutin? Ein Studium? Eine Radtour durch Europa? Ja – das war’s! So ein Sabbatjahr würde mein Leben sicher komplett ändern. Start war der 29. Februar 2008. Per Flieger allein nach Andalusien. Radeln durch Spanien, dann Portugal, Frankreich, Irland, Nordirland, Schottland. Dort blieb ich eine Woche, hatte einen Gärtner-Job. Am Hang stehen, in der Erde herumzupfen, die Sonne schien und ich hatte alle Zeit der Welt – das gefiel mir. Dann trieb es mich weiter. Färöer Inseln, Norwegen, Schweden, Lappland, Finnland bis an die Grenze Russlands und wieder Finnland. Im September kam dann der Anruf meiner Schwester: Meiner Mutter ging es schlecht – ich sollte schnell kommen.

Zwei Wochen später starb meine Mutter. Und ich war froh, dass ich diese intensive Zeit mit ihr noch hatte. Wichtige Stunden zum Abschiednehmen. Nach der Beerdigung ging’s zurück nach Portugal. Ich lebte dort in den Tag hinein. Bekümmert. Das war meine Art der Trauerbewältigung. Danach stieg ich wieder aufs Rad, fuhr noch ein paar Tage herum, aber es fiel mir schwer. Ich fühlte mich oft einsam, sehnte mich nach meinem Zuhause, nach meinen Freunden. Ich wollte nur noch zurück in meine Wohnung, in meine vertrauten vier Wände.

Mein Jahr war jetzt fast vorbei. Und meine Erwartungen? So eine Auszeit bringt nicht immer sofort die Riesenwende im Leben. Trotzdem, mir verschaffte sie Klarheit darüber, was wichtig ist und was nicht. Zeit, habe ich erkannt, ist ein kostbares Gut. Ja, und ich bin offener auf Menschen zugegangen. Seit dieser Reise weiß ich auch: Es geht immer weiter, selbst wenn man völlig erschöpft ist, es regnet und man nicht weiß, wo man übernachtet. Dieses Vertrauen hat auch bewirkt, dass ich insgesamt gelassener geworden bin. Heute arbeite ich wieder im Tropeninstitut, bin neu motiviert. Aber vielleicht nehme ich irgendwann noch einmal ein Sabbatjahr.“

Dazu erklärt Expertin Barbara Hess, Unternehmensberaterin aus Stuttgart: „Laut Studien wünschen sich rund zwei Drittel der Arbeitnehmer eine längere Auszeit vom Job, aber nur unter 1 Prozent ziehen es auch durch. Klar: Es ist Luxus, so eine Auszeit zu nehmen. Nicht jeder kann von der Hälfte seines Gehalts leben. Und: Viele haben Angst vor Jobverlust oder Karriereknick. Aber man kann es ja auch mal mit einer vierwöchigen Abenteuerreise versuchen, bei der vorher nichts geplant, nichts gebucht ist, man sich nur treiben lässt. Schon so eine Abwechslung zum durchgeplanten Alltag hat einen Aussteiger-Effekt. Doch man muss bedenken: Ob nun vier Wochen Aussteigen oder ein Jahr – es erfordert Mut, Selbstbewusstsein und Eigeninitiative. Denn man muss sein Sicherheitsdenken zur Seite schieben…”

Weitere Infos: Im Internet-Netzwerk Xing gibt es unter www.xing.com/net/sabbat eine Extra-Gruppe mit 137 Mitgliedern, die sich regelmäßig über Sabbaticals austauschen.

Autor: Gitta Schroeder