Beziehungen Schwanger durch Naikan

Es ist dieses Gefühl von Langeweile, von Stillstand, das uns manchmal beschleicht. Das Leben fühlt sich an wie „auf Autopilot“. Doch wie kann man die Regie wieder übernehmen?

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„Privat und beruflich steckte ich total fest“

Sabine Schildgen, 41, Angestellte aus Bonn, ging in Schweigeklausur, um ihr Leben neu zu betrachten

„Bekannte hatten mir von der Naikan-Methode erzählt. Aber zu Anfang hat mich das eher abgeschreckt: sieben Tage von 6 bis 21 Uhr hinter einem Wandschirm zu verbringen, zu schweigen und über drei Fragen zu meditieren: Was haben andere für mich getan? Was habe ich für sie getan? Welche Schwierigkeiten habe ich anderen bereitet? Das war nichts für mich.

Aber dann wurde meine Freundin schwanger – und ich war total verzweifelt. Beruflich unzufrieden, weil ich schon lange von einer Ausbildung als Buchhändlerin träumte. Aber vor allem war ich traurig, weil ich nicht schwanger wurde. Fünf Jahre lang – alle Versuche vergeblich. Da erinnerte ich mich wieder an Naikan und meldete mich kurz entschlossen im Naikan-Zentrum in Tarmstedt bei Bremen an.

Der Anfang war hart: kein Radio, kein Fernsehen, kein Small Talk mit den anderen Teilnehmern. Nur von morgens bis abends mit mir selbst beschäftigt. Ich habe sehr viel geweint. Wollte zwischendurch sogar nach Hause fahren. Aber dann kam ich langsam rein in die Gedanken. Was haben meine Mutter, mein Vater und mein Partner für mich getan? Was habe ich für sie getan? Und: Welche Schwierigkeiten habe ich ihnen bereitet?

Am ersten Tag sollte ich mich an mein Leben zwischen Geburt und sechs Jahren erinnern. Da fiel mir fast gar nichts ein. Doch mit ein paar gezielten Fragen des Naikan-Lehrers ging es besser. Und plötzlich kamen die Bilder zurück. Von meiner Mutter, die mir Frühstück machte, und meinem Vater, der mit mir spielte. Trotzdem: Ich wollte mich nicht auf diese Gedanken einlassen. Flüchtete zum Rauchen immer wieder raus. Suchte Ablenkung.

Am nächsten Tag stieg eine andere Frage in mir auf: Bin ich Opfer oder Täterin? So bekam ich ganz langsam einen anderen Blick auf mein Leben. Ich konzentrierte mich nicht länger auf das, was ich nicht, sondern auf das, was ich bekommen hatte. Betrachtete mein Leben auch aus dem Blickwinkel meiner Eltern. Und dem meines Mannes. Es war immer noch mein eigenes Leben. Aber es sah plötzlich so ganz anders aus.

Am sechsten Tag hatte ich dann einen Moment der vollkommenen Gelassenheit. Der war sehr kurz, aber tiefgehend. Ich konnte dafür dankbar sein, wie viel Liebe ich bekommen habe. Dieses Gefühl hat mich auch in den Tagen danach getragen. Ich fühlte mich bereit, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Es ist verrückt – aber zweieinhalb Monate später stellte ich fest, dass ich schwanger war.

Heute kann ich sagen: Ich bin dankbar für alles. Zufriedener. Gelassener. Ich bin nicht mehr ständig auf der Suche nach irgendwas, nicht mehr so gehetzt, sondern ich bin bei mir angelangt. Ja, ich fühle mich glücklich.“ Dazu erklärt Experte Gerald Steinke, Naikan-Leiter in Tarmstedt: „Naikan kommt aus Japan und ist eine Selbsterkenntnis-Methode, die weder religiös noch therapeutisch ist. Sie will nicht analysieren oder bewerten, sondern den Teilnehmer dazu bringen, auf sich selbst zu blicken. Das Wort ,Naikan’ setzt sich zusammen aus dem japanischen ,Nai’ wie ,Inneres’ und ,Kan’ wie ,Beobachten’ – also innere Betrachtung.

Die klassische Form dauert sieben Tage, während derer sich der Teilnehmer mit drei Fragen beschäftigt: Was haben Mutter, Vater, Partner für mich getan? Was habe ich für diese Personen getan? Welche Schwierigkeiten habe ich ihnen bereitet? Das Ganze wird still und ohne äußere Ablenkung praktiziert, um Zeit und Raum zu haben, die eigene Lebensgeschichte von der Geburt an zu betrachten. Kontakt besteht nur zum Naikan-Leiter, der während der täglichen Übungen von 6 bis 21 Uhr in regelmäßigen Abständen vorbeikommt, sich die Erinnerungen ohne Wertung anhört und den Teilnehmer mit Mahlzeiten versorgt.

Naikan eignet sich für Menschen, denen bewusst ist, dass Probleme im Leben, in der Partnerschaft oder im Job auch mit ihren eigenen Verhaltensmustern zusammenhängen. Diesen Musterabläufen möchten sie auf die Spur kommen und Frieden schließen. Denn hier geht es vor allem um Versöhnung, Akzeptieren und Loslassen.“

Weitere Infos: Naikan-Zentrum, Bremer Landstr. 34, 27412 Tarmstedt oder unter www.naikan.de

Autor: Gitta Schroeder