Beziehung Kritik äußern kann man lernen

Wir tun es ungern. Doch wenn keiner vom anderen weiß, was stört, ändert sich nichts. Eine offene Aussprache hingegen stärkt unsere Beziehungen – und uns selbst.

Kritik annehmen und austeilen lernen
Stopp! Egal ob wir Kritik üben oder einstecken (müssen), wir können die Lunte abschneiden, bevor es zum großen Knall kommt. Schon Vor- und Grundschüler schaffen das, belegt z. B. eine Studie der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Forscher brachten den Kindern bei, eine „innere Ampel“ zu nutzen, sobald ein Gefühle-Chaos droht. Rot bedeutet: Halt! Atme tief durch und erkläre dir selbst, worin das Problem besteht und wie du dich fühlst. Gelb heißt: Überleg dir mehrere Lösungen für das Problem und such dir die beste aus. Grün signalisiert: Führe deinen Plan aus und beobachte, was daraus wird. „So lernten die Kinder, Gefühle bei sich und anderen genauer wahrzunehmen und auszudrücken“, erklärt Annette Schlipphak. Sie ist überzeugt, dass dadurch auch die Kritikfähigkeit zunimmt. „Diese Kinder sagen nicht mehr: ‚Du bist böse‘, sondern: ‚Das, was du gerade gemacht hast, macht mich böse.‘ Sie trennen zwischen Person und Verhalten, ein wichtiger Schritt.“
 
Schön und gut. Aber was ist mit uns, die wir leider nicht an dieser Studie teilnehmen durften und folglich die "innere Ampel" nicht kennen? Uns rät die Psychologin zu einem ähnlichen Vorgehen (siehe Tipps links). „Dazu gehört zunächst einmal eine wertschätzende Haltung“, sagt Annette Schlipphak. „Grundlage dafür ist Blickkontakt. Kritik sollte in jeder Hinsicht auf Augenhöhe und unter vier Augen stattfinden.“ Fühlt sich der Kritisierte dagegen herabgesetzt, bloßgestellt, reagiert er mit Rückzug oder Gegenangriff. Seine Emotionen übernehmen die Regie. Die Krux: Noch bevor das erste Wort seine Lippen verlässt, droht dem Kritiker die gleiche Gefahr. Je nachdem, worum es geht und wie nah uns die Person steht, die wir kritisieren wollen, wühlt uns eine Aussprache stark oder sehr stark auf, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Die innere Ampel

Genau davor bewahrt uns die „innere Ampel“. „Das funktioniert am besten, in­ dem Sie einmal tief durchatmen und sich Fragen stellen“, rät Annette Schlipphak. Was genau stört mich hier und jetzt am Verhalten des anderen? Welche Gefühle löst das bei mir aus? Was soll sich ändern? Welche Eigenschaften schätze ich trotz­ dem am anderen? Ist er überhaupt in der Lage zu korrigieren, was mich nervt? „Je­ manden für etwas zu kritisieren, das er beim besten Willen nicht ändern kann, ist unfair“, sagt Annette Schlipphak. Das gilt auch für Reizwörter wie „nie“ oder „immer“ (z. B.: „Du hörst mir nie zu!“). „Sie lassen die Situation eskalieren, weil sie Abwehr und Trotz hervorrufen“, erklärt die Psychologin. Ist es da nicht nachvollzieh­bar, dass wir angesichts so vieler Stolper­fallen lieber nicht sagen, was uns stört? „Natürlich sollte ich mich auch fragen, ob mir die Sache wichtig genug ist“, rät Annet­ te Schlipphak. „Aber entscheide ich mich, einen Kritikpunkt runterzuschlucken, muss er auch wirklich weg sein. Gelingt Ihnen das nicht, sollten Sie ihn äußern.“
 
Und damit sind wir wieder beim Kritisierten. Die Botschaft an ihn kann noch so konstruktiv verpackt sein, je nach Vorerfahrung wird er sie trotz­ dem als Angriff auf sein Selbstwertgefühl empfinden. Wut oder Scham kommt auf. Wir spüren den starken Drang, uns wahl­weise verteidigen, rechtfertigen oder ent­ schuldigen zu müssen. „Reagieren Sie nicht sofort“, erinnert Annette Schlipphak noch einmal an die „innere Ampel“. „Lassen Sie sich von Ihren Emotionen nicht über­ rollen. Auch wer kritisiert wird, sollte möglichst viele Fragen stellen, etwa: Was genau meinst du damit? Was heißt das für dich? So nehmen Sie das Explosive aus der Situation.“
Schwieriger, aber sehr wirksam, wenn es darum geht, einen kühlen Kopf zu be­ wahren, ist ein anderer Blickwinkel: „Ver­suchen Sie, die Kritik als Geschenk zu betrachten“, erklärt Annette Schlipphak. „Sie gibt Ihnen die Chance zu wachsen.“ So edle Motive hat aber nicht jeder Kritiker im Sinn. „Wenn Sie spüren, dass es dem Kritiker nur darum geht, Sie kleinzuma­chen, sollten Sie einen Schlusspunkt set­ zen, indem Sie zum Beispiel sagen: ‚Das geht mir sehr nah. Darüber muss ich nach­ denken‘, und danach den Raum verlassen.“
 
Viele gute Tipps, die aber natürlich nicht immer verhindern, dass wir uns beim Kritisieren emotional ineinander ver­haken. „Beziehungen funktionieren nicht nur sachlich­nüchtern“, sagt Annette Schlipphak. „Dann müssen am besten beide Seiten den Mut haben, raus aus der emotionalen Verstrickung auf eine sach­ liche Ebene zu gehen. Dafür braucht es manchmal mehrere Anläufe. Aber dann steckt in jeder Kritik die Chance, die Beziehung weiterzuentwickeln.“

Autor: Stephan Hillig

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