Männerklinik Der erste Schritt

Natürlich erkranken nicht nur Frauen an Depression. Doch Männer leiden anders – und brauchen deshalb eine andere Therapie. VITAL besuchte eine Spezialklinik.

Mann, Depression

Als ihr Mann schließlich mit dem Auto nach Sehnde ins Klinikum Wahrendorff fährt – er hat darüber einen Zeitungsartikel gelesen – ahnt seine Frau nicht, wie groß die Gefahr ist, ihn zu verlieren. „Von seinen Selbstmordgedanken wusste ich damals nichts“, sagt die Betriebswirtschaftlerin leise. Tatsächlich weiß Jens Büsing schon genau, gegen welche Mauer er rasen will. Er behält seine Pläne für sich. Erst mit den Ärzten in Sehnde spricht er darüber. Sie verlegen ihn auf eine „geschützte“ Station. Als seine Frau ihm noch einige Sachen bringen will, muss sie sich anmelden und warten, bis ihr die Türen geöffnet werden. Es wirkt wie ein Gefängnis.

„Was mache ich hier?“ – das ist Jens Büsings erster Gedanke, als er seine Mitpatienten kennenlernt. „Ich hatte das Gefühl, dass es denen viel, viel schlechter geht als mir.“ Er bekommt ein Antidepressivum verordnet, das die Konzentration bestimmter Botenstoffe in seinem Gehirn verändert. „Das war schon ein Problem für mich“, gibt er zu. „Ich wusste ja nicht, was das mit mir macht.“ Es hilft. Schließlich fängt sich Jens Büsings Seele so weit, dass er seine Behandlung an der Tagesklinik für Männer fortsetzen kann. Abends und am Wochenende ist er nun wieder zu Hause bei seiner Frau und seiner Tochter, für ihn ein sicherer Hafen im Strudel des Lebens.

Die Klinik

Über einen Trampelpfad verlässt Jens Büsing den Garten und betritt durch eine breite Tür den großzügigen Eingangs- und Gemeinschaftsbereich der Tagesklinik. Angenehm kühl ist es hier. Die dicken Mauern des Amtshauses aus dem 19. Jahrhundert halten die sommerliche Hitze ab. Sechs Männer warten in schwarzen Ledersesseln auf die Visite, die immer montags gegen 14 Uhr beginnt. Zwei Neuzugänge sind darunter.

Sie stehen am Anfang des Weges, den Jens Büsing fast hinter sich hat. Ihre Gesichter wirken noch abwesend, müssen das Lächeln erst wieder lernen. Jens Büsing wählt einen Sessel mit einem bunten Kissen, der etwas abseits steht. „Die Idee, nur Männer zu behandeln, fand ich am Anfang gewöhnungsbedürftig“, sagt er. Das ist vorbei. „Die Leute hier verstehen dich sofort. Da muss niemand viel erklären.“

Auch Psychologe Markus Wagner fand das Konzept „Männer-Klinik“ erst seltsam. „Ich dachte, da entsteht so eine Art Stammtisch-Atmosphäre“, erklärt er seine Bedenken. Mittlerweile ist er längst überzeugt. „Die anderen Patienten sind der vierte Therapeut hier“ – neben Psychologen, Ergotherapeuten und Pflegern. Vier Frauen gehören zum siebenköpfigen Team. „Aber das Geschlecht spielt da keine Rolle“, so Markus Wagner. „Wir werden sozusagen als ,therapeutisches Neutrum‘ gesehen.“ Dass es anders läuft, wenn Frauen und Männer gemeinsam behandelt werden, hat Markus Wagner bei seinem vorherigen Ar- beitgeber erlebt: „Sitzen in den Gruppentherapien auch Frauen, ziehen sich die Männer zurück und sprechen nie die Themen an, die sie wirklich beschäftigen.“

Muss ich mich jeden Tag rasieren? Soll ich die Wäsche aufhängen? Wie lerne ich eine Frau kennen? Wie ergeht es anderen Vätern, die sich viel um ihre Kinder kümmern? Solche Fragen wirken nur auf den ersten Blick banal. „Dahinter steckt der Konflikt zwischen altem und neuem Männerbild“, das weiß Markus Wag- ner aus zahlreichen Gesprächen. Macho oder Softie? „Viele Männer fragen sich: Wo stehe ich? Vor Patientinnen wird darüber nicht gesprochen.“ Eine zentrale Rolle im Konzept der Tagesklinik spielen die damit zusammenhängenden Werte und Bewertungen. Schritt für Schritt gehen die Therapeuten sie mit den Patienten durch. Dabei wachsen am Tafelschreibblock Schaubilder aus Kästen und Pfeilen: Am unteren Rand des langen Papiers steht das Verhalten, am oberen stehen die verborgenen Bedürfnisse, die dahinterste- cken. Gedanken, die Gefühle auslösen – und umgekehrt. So wird der Kreislauf der Seele für die Männer sichtbar.

Autor: Stephan Hillig