Männerklinik Der Alltag mit Depression

Natürlich erkranken nicht nur Frauen an Depression. Doch Männer leiden anders – und brauchen deshalb eine andere Therapie. VITAL besuchte eine Spezialklinik.

Mann, Depression

Das hat fatale Folgen: Etwa 75 von 100 Selbstmordopfern in Deutschland sind Männer. „Gleichzeitig müssen etwa 80 Prozent aller Suizide auf eine Depression zurückgeführt werden“, so Prof. Anne Maria Möller-Leimkühler, leitende Sozialwissenschaftlerin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität München.
„Eine hohe Suizidrate bei niedriger Depressionsrate lässt eine hohe Dunkelziffer bei Männern vermuten.“ Umso alarmierender sind solche Statistiken: Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen stieg bei Männern zwischen 1994 und 2003 um 82 Prozent. So steht es im 2010 erstmals erschienenen Männergesundheitsbericht (herausgegeben von der Stiftung Männergesundheit). Und laut AOK erhöhte sich diese Fehlzeit von 2004 bis 2010 noch mal um knapp 40 Prozent.

Der Alltag

Dabei fühlte sich Jens Büsing bestens für das Leben gewappnet. „Ich hatte ein tolles Elternhaus“, erzählt er strahlend. Dort lernte er, offen auf Menschen zuzugehen, unterschiedliche Meinungen zu akzeptieren, Probleme anzusprechen. Bei seinen Chefs kommt so ein Verhalten gut an, sie unterstützen ihn. „Mit einigen hatte ich sehr guten Kontakt.“ So motiviert übernimmt der Anlagensteuerer in einer Fabrik zusätzliche Aufgaben, ist immer mit vollem Einsatz dabei.

Seine Kollegen reagieren mit Mobbing. „Nacktschnecke“ taufen sie ihn, weil er angeblich bei Vorgesetzten „schleimt“. Zu Festen wird er nicht eingeladen.

Will er sich neue Arbeitsschritte erklären lassen, fängt das Team bewusst ohne ihn an. Sogar sein Familienleben wird infrage gestellt. „,Wer hier arbeitet, braucht keine Familie‘, bekam ich zu hören“, erinnert sich Jens Büsing. Jeden Tag lassen ihn seine Kollegen erneut spüren: Du passt nicht zu uns. Dich hier zurechtzufinden, das schaffst du eh nicht. „Stellen Sie sich mal vor, man würde Ihnen ständig sagen:Ihre Arbeit ist der letzte Dreck!‘“, schnaubt der Niedersachse. Doch sich krankschreiben zu lassen kommt für Jens Büsing nicht in Betracht. Nicht mal, als seine Selbstzweifel und Versagensängste immer größer werden. Er stellt alles infrage. Sich selbst. Sein Leben. Frau Büsing versucht, ihren Mann aufzumuntern. „Lass die doch labern. Zieh dir den Schuh nicht an“, sagt die 40-Jährige zu ihm. Aber sie erreicht ihren Mann kaum noch. „Er wirkte total abwesend und flüchtete ständig zum Sport.“ Heute weiß sie, dass dieses Verhalten typisch ist für depressive Männer. Manche trainieren bis zur totalen Erschöpfung, um den inneren Druck loszuwerden. Jens Büsing macht Taekwondo, koreanischen Kampfsport. „Da bekam ich noch ein bisschen Anerkennung“, sagt er. Irgendwann reicht auch die nicht mehr aus. Jens Büsing bricht zu Hause weinend zusammen. „Ich hatte das Gefühl, dass alles vorbei ist. Mein Leben hatte keinen Sinn mehr“, erzählt er offen und sucht nach einem passenden Bild für seine Gefühle. „Es erdrückt dich – wie ein Auto auf der Brust. In mir war nur noch dieses weinende Wesen, das am ganzen Körper bibbert und überhaupt nichts mehr entscheiden kann.“

Männer leiden andersn

Typische Symptome einer Depression:
  • gedrückte Stimmung 
  • fehlendes Interesse
  • keine Freude im Alltag 
  • Appetitlosigkeit 
  • Schlafstörungen 
  • quälende Unruhe
  • Neigung zum Rückzug 
  • gehemmtes Denken
  • Energielosigkeit
  • geringes Selbst bewusstsein 
  • Hoffnungslosigkeit, Angst
  • Gedanken über den Tod
  • Suizidgedanken

Symptome einer Depression bei Männern:

  • geringe Stresstoleranz
  • erhöhte Risiko bereitschaft
  • Ausagieren von Gefühlen 
  • geringe Impulskontrolle
  • Wut- oder Gewaltausbrüche
  • Irritiertheit, Unzufriedenheit
  • depressive Denk inhalte
  • Suchtverhalten (Alkohol, Tabletten)

Autor: Stephan Hillig