Gedanken und Gefühle Interview mit Psychologe Benno Lewe

Psychologen aus den USA haben jetzt einen völlig neuen Ansatz entwickelt.

Psychologie


INTERVIEW

„Manchmal verrennen wir uns“ 

Benno Lewe, Psychologe aus Bottrop, hat die neue Formel „Mind over Mood“ studiert und Weiterentwickelt.

 
VITAL: „Mind over Mood“ – bedeutet das, dass der Verstand alle negativen Gefühle in die Flucht schlagen soll?  

BENNO LEWE: Auf gar keinen Fall. Es geht weder um die Unterdrückung von authentischen Gefühlen noch um ein unkontrolliertes Herauslassen. Es ist wichtig, seinen Missmut oder Ärger bewusst wahrzunehmen. Dabei lernen wir eine Menge über uns selbst. Aber blindlings dem ersten Gefühl zu folgen, ist kein guter Rat. Menschen haben leider die Neigung, sofort einen Angriff zu starten, wenn sie etwas Unangenehmes empfinden. Da wird vor allem in Partnerschaften viel Porzellan zerbrochen.

VITAL: Warum passieren gerade hier solche Überreaktionen?

BENNO LEWE: Grundsätzlich hat die Evolution deutlich mehr negative Gefühle als positive hervorgebracht. Am schnellsten spüren Menschen das Gefühl Wut und zeigen dies auch. Interessanterweise stecken aber oft andere Emotionen dahinter, wie etwa Angst, Trauer oder Scham. Es ist schwer, sich seiner echten Gefühle bewusst zu werden und sie sich einzugestehen. Zum Glück haben wir mittlerweile alle gelernt, unsere Gefühle empathisch in Ich-Sätzen auszudrücken… Auch da ist Vorsicht geboten. Nicht in jedem Gefühlsausdruck ist echtes Gefühl drin. Manchmal verrennen wir uns auch da in versteckten Vorwürfen. Ein Satz wie „Ich bin verärgert, weil ich mich mit der Hausarbeit allein gelassen fühle“ spricht zwar von Gefühlen, ist in Wirklichkeit aber eine unterschwellige Schuldzuweisung. Die Aufmerksamkeit ist mehr beim angeblichen Fehlverhalten des anderen als bei uns selbst. Und da macht er dicht …

VITAL: Wie können wir das verhindern?

BENNO LEWE: Besser ist es, sein Gefühl neutral weiterzugeben – zum Beispiel „Ich fühle mich überlastet“ –, und eine konstruktive Bitte anzuknüpfen: „Können wir einen Haushaltsplan machen?“ Oft ist es schwierig, hinter seinen negativen Gefühlen sein eigentliches Bedürfnis zu erkennen und dieses auch zu formulieren. Aber nur so hat man Chancen, vom anderen gehört zu werden. Meine Faustregel dabei: Wenn ein Gefühlsausdruck mehr Nähe in die Beziehung gebracht hat, dann war er angemessen. Wenn aber mehr Distanz entstanden ist, sollte sich der Betroffene Gedanken darüber machen.

VITAL: Aber kann der andere nicht auch mal merken, dass ich sauer bin?

BENNO LEWE: Das schon. Aber in so einer Situation sollte man sich unbedingt einen Augenblick Zeit nehmen. Schalten Sie den Kopf ein und analysieren Sie Ihre Gedanken hinter den Emotionen. Danach können Sie möglichst in Kurzbotschaften erklären, was Sie fühlen. Wenn Sie dies in lebendiger, starker Sprache tun, wird der andere verstehen, wie emotional betroffen Sie sind – auch ohne Wutausbruch. Das Schöne ist, wer mit seinen Gefühlen so intelligent umgeht, führt nicht nur bessere Beziehungen. Er ist auch psychisch gesünder und widerstandsfähiger.

VITAL: Weil er seinen Gefühlen nicht ohnmächtig ausgeliefert ist?

BENNO LEWE: Das zum einen. Und weil wir uns so besser kennenlernen. Negative Gefühle sind eine wichtige Informationsquelle über uns selbst. Ich sehe das so: Alles, was ich wahrnehme, macht mich reicher. Wer seinen Gefühlen Achtsamkeit schenkt, erfasst sich in seiner ganzen Persönlichkeit, und das führt zu einem starken positiven Grundgefühl. 

Autor: Sibylle Hettich

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