balance: Beziehung Konkurrenz unter Geschwistern

Mit unseren Geschwistern bilden wir eine lebenslange Schicksalsgemeinschaft. Das heißt nicht, dass wir uns immer gut verstehen. Aber: In entscheidenden Momenten tun wir es – und spüren eine besondere Kraft.

Geschwister nehmen sich in Arm
Studien zeigen: Je mehr Mama und Papa dem älteren Kind vermitteln, dass es eben nicht die Nummer zwei ist, und ihm altersgerechte Betreuungsaufgaben übertragen, desto reibungsloser verläuft die erste Zeit mit dem neuen Familienmitglied. Schon Einjährige haben dann mit ihren Geschwistern etwa gleich viel Umgang wie mit der Mutter. Drei- bis Fünfjährige verbringen sogar nur noch halb so viel Zeit mit Mama wie mit ihren Brüdern und Schwestern. Also alles eitel Sonnenschein? Keineswegs. Beobachtungen an der Universität von Illinois in den USA zeigten: Zwischen Zwei- bis Vierjährigen kracht es durchschnilich alle zehn Minuten. Drei- bis Siebenjährige geraten drei- bis viermal pro Stunde aneinander.
 

Jeder Mensch ist einzigartig

Wer hat das schönere Bild gemalt? Wer bekommt das größere Stück Kuchen? Wer darf länger aufbleiben? Wer ist schneller auf dem Klettergerüst? Wer kriegt mehr Taschengeld? Wer muss abends wann zu Hause sein? Es vergeht kein Tag, an dem Geschwister nicht solche „Revierkämpfe“ ausfechten. Im Kern geht es dabei immer um das Gleiche: Nähe und Abstand. Einerseits wollen und sollen sich Geschwisterkinder ähneln, aufeinander aufpassen, miteinander spielen, möglichst gleich gut in der Schule sein und einander Hosen, Pullover oder Gummistiefel vererben. Andererseits wollen und sollen sie sich unterscheiden, individuelle Interessen entwickeln, eigene Ziele verfolgen. „Das ist eine riesige Herausforderung“, sagt Sandrine Mrosek. „Die Eltern nehmen erheblichen Einfluss: Sie erwarten einerseits Nähe, andererseits machen sie Unterschiede, indem sie Geschwistern bestimmte Rollen zuweisen. Den einen zum Beispiel eher als ‚den Ruhigen‘ bezeichnen, den anderen als ‚Draufgänger‘.“ Haben Geschwisterkinder das gleiche Geschlecht und liegen ihre Geburtstage nur zwei bis vier Jahre auseinander, rivalisieren sie am stärksten. Das leuchtet ein: Fast gleich alte Schwestern oder Brüder haben natürlich mehr Berührungspunkte, mehr gemeinsame Lebenswelten als eine 13-jährige Tochter und ein 21-jähriger Sohn. „Besitzt dann ein Geschwisterkind im Vergleich zum anderen überragende Fähigkeiten, ist es besonders attraktiv oder tut es sich in der Schule besonders hervor, kann eine von starker Eifersucht geprägte Nähe entstehen“, erläutert Prof. Frick. Geschwisterkinder sind eben nicht gleich, sondern stimmen allein schon genetisch „nur“ zu 50 Prozent überein. „Für Eltern ist es noch dazu angenehmer, ein ‚erfolgreiches‘ Kind zu haben“, ergänzt Sandrine Mrosek. Schnell komme es dann zu einer Bevorzugung.
 
Doch von wem? Entweder fördern die stolzen Eltern das „starke“ Kind, das vielleicht die besseren Noten oder ein gesellschalich akzeptierteres Hobby hat. Oder die besorgten Eltern kümmern sich intensiver um das „schwache“ Kind, das in ihren Augen zunehmend auf die schiefe Bahn gerät. Zurück bleibt in beiden Fällen ein neidischer Verlierer im Wettkampf um Aufmerksamkeit. Statt sich voneinander zu lösen, sich zu „de-identifizieren“, wie es in der psychologischen Fachsprache heißt, bleiben die Geschwister im Groll miteinander verbunden. „So eine unvollständige De-Identifikation kann sich auch auf die spätere Geschwisterbeziehung auswirken“, sagt Entwicklungspsychologin Sandrine Mrosek.
 
 
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