balance: Beziehung Muss ich dich lieb haben?

Mit unseren Geschwistern bilden wir eine lebenslange Schicksalsgemeinschaft. Das heißt nicht, dass wir uns immer gut verstehen. Aber: In entscheidenden Momenten tun wir es – und spüren eine besondere Kraft.

Geschwister nehmen sich in Arm
Bittere Erfahrungen, die jedoch alle eines gemeinsam haben: Solche Beziehungen suchen wir uns aus. Und wir können sie jederzeit – wenn auch mit einigem Aufwand – beenden. Brüder und Schwestern hingegen setzt uns das Schicksal und die Familienplanung unserer Eltern (die wir auch nicht frei wählen können) vor die Nase. Egal, wie selten wir sie treffen oder wie viele Kilometer uns trennen, sie bleiben unsere Geschwister. „Eine unkündbare Beziehung. Sie bleibt Teil der Identität“, sagt Sandrine Mrosek, Entwicklungspsychologin an der TU Braunschweig. „Auch wenn kein Kontakt besteht, beeinflusst uns das.“ Dass Liebesbeziehungen und Freundschaften enden, fänden heute alle normal. „Erlebe ich aber, dass meine Mitmenschen intakte Geschwisterbeziehungen führen, frage ich mich: Wie steht es bei mir? Warum ist es bei mir anders?“, so die Expertin. „Der gesellschaftliche Druck, dass Geschwister sich nah sein sollten, besteht nach wie vor. Keinen Kontakt zu ihnen zu haben ist etwas Besonderes, nicht der Regelfall, und wird deshalb immer thematisiert. Damit umzugehen fällt nicht leicht.“
 

Zwischen Eifersucht und Liebe

Insgesamt scheint das Thema Geschwisterbeziehungen in vielen Köpfen noch immer mit großen unbewussten Erwartungen und Klischees verknüpft. Der biblische Kain, der seinen Bruder Abel tötet, spielt darin genauso eine Rolle wie „Hänsel und Gretel“. Kaum eine Vorabendserie kommt ohne das verliebte Paar aus, dass in Folge 352 entsetzt feststellt: In Wahrheit sind wir Geschwister, die nach der Geburt getrennt wurden. Obendrein wird der Erziehungsstil der Eltern von Erfahrungen beeinflusst, die sie mit ihren Brüdern oder Schwestern machen mussten.
 
Wird in diese Welt nun ein zweites Kind geboren – mehr werden es pro Familie hierzulande laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden immer seltener –, beginnt für das erstgeborene ein Westreit um ein kostbares Gut: Aufmerksamkeit. „Für einen Dreijährigen ist das nicht so leicht zu verstehen“, sagt Prof. Frick. „Plötzlich kommt da ein Neuer, der macht in die Hosen, es stinkt fürchterlich, und die Eltern finden das toll, süß und wunderbar.“ Auf einmal haben Mama und Papa nur noch Zeit für dieses kleine schreiende Bündel. Kein Wunder, dass Psychoanalytiker in diesem Zusammenhang lange Zeit von einem „Entthronungstrauma“ sprachen. Der Begriff ist milerweile überholt. „Aber es bleibt eine Entwicklungsaufgabe“, erklärt Prof. Frick. „Für das erstgeborene Kind. Und für die Eltern.“
 
 
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