Lebensgeschichten in Büchern „Das sollten Sie aufschreiben!“

Immer mehr normale Menschen schreiben ihr Leben auf. Woher kommt diese Lust, seine Biografie zwischen zwei Buchdeckel zu packen und anderen zu zeigen?

Mein Leben als Buch

Vor allem die Begegnung mit ihrem Mann – sie war 18, er 52 und Jude – prägt ihr Leben. Sie lieben sich – und dürfen in Nazi-Deutschland nicht heiraten. Sie verbrennt seine Papiere: „Ich dachte, es ist besser, wenn man nichts mehr nachweisen kann.“ Und tatsächlich: Die ungeklärte Herkunft schützt ihren Mann vor Deportation. Auch als er sich zum Volkssturm meldet, fragt niemand mehr nach Papieren. Und dann ist der Krieg aus. Sie heiraten. Bekommen ein Kind. Das stirbt. Sie bekommen noch ein Kind. Das lebt. Viele Verwandte erfuhren erst durch die Biografie von der wechselhaften Geschichte ihrer Liebe, von Ängsten und Mutproben. Viele Verwandte fanden das Buch „sehr schön“. Nur ihr Sohn und die Tochter ihres Mannes aus erster Ehe haben „noch nicht so richtig Stellung bezogen“, stellt Erika Bickel fest. Woran das liegt? Sie weiß es nicht.

Aber sie wird auch nicht nachfragen. Im Erzählen wurde ihr klar: Es ist egal, was die anderen über ihre Lebensgeschichte denken. Wirklich wertvoll ist, was sie im Rückblick auf ihr Leben findet: „Ich habe mein eigenes Verhältnis zu all den Sachen geklärt. Warum ich so handelte und nicht anders.“ Warum sie zu dem jüdischen Mann hielt, auf ihn wartete, als er in Kriegsgefangenschaft war, statt ihn einfach zu vergessen. Sie war ja erst 18. Jetzt weiß sie: „Ich würde es immer wieder genauso tun.“

Autor: Carola Kleinschmidt