Kindheitsfreundschaft

Im Sandkasten lernten sich Ayla und Maggie kennen. Heute, 40 Jahre und zwei pralle Leben später, sind sie immer noch beste Freundinnen.

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Die beste Kindheitsfreundschaft ins Erwachsenenleben rüberzuretten – den wenigsten von uns ist dieses Kunststück gelungen. Verschiedene Städte, verschiedene Leben – schleichend hat man sich mit derjenigen auseinandergelebt, die einen einst am besten kannte. Die letzten Besuche, die letzten Telefonate – immer häufiger ging man mit dem traurigen Gefühl auseinander: Wir sind nicht mehr wie früher miteinander. „Ich glaube gar nicht, dass man diesen Anspruch an eine Freundschaft überhaupt stellen sollte”, betont Ayla und macht eine Pause. Im Gegenteil: „Es wäre doch traurig, wenn Maggie und ich heute sagen würden: Wir sind noch genau wie früher miteinander. Im Rückblick würde ich sogar behaupten: Gerade das Nichtfesthalten an früher hat unsere Freundschaft so stark gemacht.“

Wenn man Ayla und Maggie über ihre Freundschaftsbiografie befragt, fällt einem auf, dass sie in dieser Disziplin wirklich gut sind ihre Freundschaft dem Leben und den ständigen Neuerungen, die es bringt, immer wieder anzupassen. Ist es das, was wir selbst mit unserer Kindheitsfreundin verpasst haben? Miteinander weiterzugehen? Ayla und Maggie mussten schon früh damit klarkommen, eine Freundschafts- Fernbeziehung zu führen. Maggie ist 14 als ihr die zwei Jahre jüngere Freundin erzählt, dass sie wegzieht aus dem Hochhaus in Bremen, in dessen Hof die Mädchen von klein auf im Sandkasten gespielt haben, Radfahren gelernt, von Kleinkindern zu jungen Mädchen geworden sind. Aylas Eltern, türkische Gastarbeiter, wollen zurück in die Türkei. Um Ayla einen Schulwechsel mitten im Jahr zu ersparen, soll sie nach den Sommerferien direkt in die türkische Schule gehen. „Plötzlich hat ein riesiger Teil von mir gefehlt. Ich habe tagelang geweint“, erinnert sich Maggie. „Der Ab- schied damals war so schlimm, dass ich den Tag, an dem ich weggefahren bin, total verdrängt habe“, erzählt Ayla. Die Mädchen schicken sich Briefe, besuchen sich in den Ferien, doch als Maggie eines Tages mit ihrem neuen Freund anreist, ist auf einmal alles verändert. „Ich war ziemlich schockiert, wie anders Ayla plötzlich geworden war. Viel traditioneller, ich habe sie überhaupt nicht wiedererkannt“, sagt Maggie. Und Ayla? Ayla wiederum kann nichts mit Maggies Freund anfangen: „Auf einmal stand er zwischen uns. Ich hatte das Gefühl, gar nicht mehr an Maggie heranzukommen.“ „Für unsere Freundschaft war dieser Moment eine Katastrophe“, weiß Maggie noch sehr genau. Doch instinktiv tun Maggie und Ayla genau das Richtige: Sie lassen einander eine Weile in Ruhe, zerren nicht aneinander herum, versuchen nicht, mit Hauruck zu klären, was in dem Moment vielleicht auch gar nicht zu klären gewesen wäre.

Autor: Eva Lehnen

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