2. Juni 2020
Meditation macht glücklich

Meditation macht glücklich

Nichtstun macht glücklich. Stimmt, zumindest was Meditation angeht. Und mehr: Wer regelmäßig meditiert, kann sich besser konzentrieren, hat ein stärkeres Immunsystem und viel weniger Stress.

Frau meditiert
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Frau meditiert

Durch Nichtstun wird alles besser? Nur durch Sitzen und Den-eigenen-Atem-Beobachten? Kann das so einfach sein? Kann es, das wissen buddhistische Mönche und Yogis schon lange. Seit das Meditieren, losgelöst von aller Religion, auch im Westen Trend ist, haben sich Wissenschaftler darangemacht, herauszufinden, was da eigentlich passiert. Wieso der Blutdruck sinkt. Warum es einfacher wird, seine Gedanken zusammenzuhalten. Weshalb Sorgen und Ängste abnehmen.

Wie der Stress sich auflöst. Um dem auf die Spur zu kommen, untersuchten sie mit Hilfe von Elektroden oder Magnetresonanztomografen die Gehirne von Meditationsprofis und Anfängern, während sie meditierten. Ganz erstaunlich, was sich da zeigt: Menschen mit Meditationserfahrung hemmen bestimmte Nervennetzwerke, Gedanken-Autobahnen, und kommen zur inneren Ruhe. Anders die Anfänger, weiß Ulrich Ott, Neurowissenschaftler am Bender Institute of Neuroimaging, Universität Gießen: „Beim Versuch, an nichts zu denken, wird ihr Gehirn erst recht aktiv. Genauer gesagt, die Regionen, die sich mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigen.“ Es ist, als nutze das Gehirn unkontrolliert den Freiraum. Zudem nimmt die Gehirntätigkeit dort zu, wo der bewusste Wille entsteht. Wo der Meditierende angestrengt bemüht ist, die Gedanken zu zügeln und sich zum Beispiel auf den Atem zu konzentrieren. Ein Phänomen, das einen als Meditationsanfänger verzweifeln lässt.

Die Kraft der Gedanken

Genauso wie alle, die nachts wach liegen und – unfreiwillig – grübeln. Die gute Nachricht: „Das Gehirn kann durch die Meditation lernen, zur Ruhe und Konzentration zu kommen“, so Ulrich Ott, der einer der führenden Meditationsforscher in Deutschland ist. „Nach einiger Übung tauchen zwar immer noch Gedanken auf, aber man kann sie angucken und wieder ziehen lassen.“ Ohne zu urteilen, ohne sich emotional in die Gedanken zu verwickeln. Ohne dass die Gedanken auf den Körper wirken, indem zum Beispiel Stresshormone ausgeschüttet werden. Und schließlich erkennt jeder seine Muster und erfährt, dass alles, der ängstliche Gedanke, das Selbsturteil, die Zweifel, eben nur Gedanken sind. Mehr nicht. Das macht gelassen und wirkt positiv auf den Körper. Er entspannt sich bis hin zu den winzigen Muskeln, die die Blutgefäße umschließen. Der Blutdruck sinkt. Und gleichzeitig hat dieser Friede im Körper Einfluss auf das Immunsystem, wie eine aktuelle Untersuchung des Fox-Chase-Krankenhauses in Cheltenham/Pennsylvania bestätigt.

Danach steigt parallel zum Wohlbefinden die Zahl der Immunabwehrzellen im Körper an. Die Auswirkungen der Meditation lassen sich sogar im Gehirn ablesen: „Eine Studie zeigt“, so Ulrich Ott, „dass bereits nach einigen Wochen regelmäßiger Meditation Veränderungen in der grauen Substanz auftreten können. In dem Bereich, der mit Stresserleben und Angst zusammenhängt, nimmt die Dichte der grauen Zellen ab. In den Strukturen, die uns helfen, mit unseren Emotionen umzugehen und wohlüberlegt zu handeln, wächst dagegen das Gehirn.“ Mit anderen Worten: Wir übernehmen immer mehr die Kontrolle über unsere eigenen Gedanken, verlieren alte Muster und sind Grübeleien nicht mehr so ausgeliefert.

Die Kunst der Meditation

Meditation macht fit für den Alltag – und allein aus diesem Grund schon glücklich. Wunderbares Nichtstun! Gelassener durch das Leben gehen mit Meditation. Klingt verlockend, findet VITAL-Autorin Stefanie Theile und hat’s probiert. Eine Selbsterfahrung Die Gedanken ziehen lassen, den Kopf leeren – ehrlich, ich habe damit Probleme. Meditieren fällt mir unglaublich schwer. Irgendwie schummelt sich immer wieder etwas in mein Hirn. Dass ich mal meine Cousine anrufen müsste oder wie ich diese Geschichte aufbauen soll. Schon bin ich raus aus der Ruhe. Dabei weiß ich um all die positiven Auswirkungen von Meditation und möchte sie wirklich gerne beherrschen. Ganz bei mir sein – das klingt doch verlockend. Also werde ich das jetzt systematisch angehen. Mit einem Buch und Kursen. Zu dem Buch gehört eine CD, auf der mir eine freundliche Stimme mitteilt, was zu tun ist. Ich setze mich laut Anweisung bequem im Schneidersitz auf mein Meditationskissen.

Schritte in die Meditation

Es ist Abend und still um mich. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. „Ein – aus, ein – aus“, wie es die Sprecherin vorsagt. Das geht glatt. Leider überlege ich zwischendurch, wie angenehm diese Stimme ist: „Ein – aus.“ Aber ich bin schon recht konzentriert. Davon befeuert, geht’s am nächsten Morgen weiter. Ohne CD, dafür mit Eieruhr, damit ich nicht vor Ablauf der Anfänger-10-Minuten schlappmache. Aber meine Katze tigert mit scharfen Krallen übers Parkett. „Ein – aus“, der Bauch weitet sich, der Bauch zieht sich zusammen. Als ich endlich ruhig werde, klingelt der Wecker. Das ist ausbaufähig. Vielleicht hilft die Volkshochschule.

Frau, Meditation
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Frau, Meditation

Das Ambiente ist nüchtern: ein großer Raum in einer ehemaligen Schule, Kleiderständer in der Ecke, drumherum ein wirrer Haufen Schuhe. Zwölf Frauen und ein Quotenmann sitzen auf roten Gummimatten und Meditationskissen. Das bequeme aufrechte Sitzen ist auch hier Thema. Große Erleichterung, als die Seminarleiterin sagt: „Hauptsache entspannt, keiner muss zehn Minuten im Schneidersitz oder kniend bewegungslos verharren, wenn es wehtut.“ Entwarnung Nummer zwei: „Unser Geist ist zum Denken angelegt, ohne kann er nicht.“ Wichtig sei nur, die Gedanken wie Wolken kommen und wieder ziehen zu lassen. „Nicht festhaken. Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Weder in die Zukunft noch die Vergangenheit schauen“, erläutert die dunkelhaarige 52-Jährige.

Meditieren lernen

Sie hat an den beiden Seminarnachmittagen ein paar Tricks parat, mit denen wir die wie Kolibris flatternden Gedanken in den Stand-by-Modus bringen können. Die Atemzüge zu zählen ist einer. Mir gefällt es, auf die kurze Pause nach dem Ausatmen zu achten und gewiss sein zu können, dass der Impuls für den nächsten Atemzug von alleine kommt. Ohne mein aktives Zutun. Inge, Anfängerin wie ich, ist vom „Etikettieren“ angetan. Sie soll alle Gedanken, die ihr durch den Kopf schwirren, benennen. Eine Meise zwitschert – Geräusch, „ich muss den Steuerberater anrufen“ – Zukunft, „mein Ohr juckt“ – Gefühl. Leider meditieren wir nur maximal zehn Minuten. Schade, mit dieser Hilfe hätte ich glatt doppelt so lange abschalten können.

Meditieren im Kloster

Mutig geworden, buche ich ein Workshop-Wochenende im Kloster. Allinclusive in Sachen Meditation: vom Mantra-Singen bis zur Geh- und Baummeditation ist im Kloster Nütschau bei Bad Segeberg alles dabei. Zwölf Teilnehmer finden sich in Jogginghosen und dicken Woll - socken im hellen Seminarraum mit Blick ins Grüne ein. Decken und Kissen liegen rund um ein schlankes Glas mit einer Orchidee. Workshop-Leiterin Marita strahlt Gelassenheit und mütterliche Wärme aus. Zwischen Qigong-Übungen auf der Holzterrasse leitet sie uns zu diversen Meditationsmöglichkeiten an. Bei der Gehmeditation schreitet die Gruppe schweigend und bewusst auf jede Fußbewegung achtend durch den Klosterpark. Auch bei der Baummeditation kommt es auf die Konzentration an. Wie fühle ich mich, angelehnt an diese schwindelerregend hohe Linde? Habe ich schon jemals bewusst zwischen Wurzeln gesessen, Baumrinde befühlt? Die 30 Minuten vergehen bei diesen Wahrnehmungen ganz fix. Ebenso wie der Schweigemarsch zurück. 45 Minuten lang ohne ein Wort zusammen mit relativ unbekannten Menschen zu gehen – für etliche eine Herausforderung: Sie eilen voraus.

Ich mag gar nicht wieder reden, als die Klostermauern erreicht sind. Mal nicht zu Konversation gezwungen sein – ein gutes Gefühl. Ebenso wie die Erfahrung, ein Mantra (Sanskrit: Spruch, Lied) zu singen: „Dhanyavad, Dhanyavad, Dhanyavad Ananada“, was so viel bedeutet wie „Freudiger Dank über und über, Glückseligkeit“. Einige Frauen kennen das Mantra und singen kräftig mit. Jost neben mir brummt vor sich hin. Nach einer Weile brumme auch ich, werde Satz für Satz lauter. Wie ein Sog nehmen mich Text und Melodie mit. Außer mir, meinem Singsang und Atem existiert nichts weiter. Ich fühle mich vollkommen entspannt. Jetzt weiß ich, Meditieren ist nicht so schwierig, und mit all den Anregungen werde ich es von jetzt an in meinen Tag einbauen.

Meditationsklassiker

Atemmeditation – lässt Ihre Aufmerksamkeit auf dem Atem ruhen, ohne ihn zu beeinflussen. Versuchen Sie nicht, möglichst tief oder in einem bestimmten Rhythmus zu atmen. Ziel ist es, so fokussiert zu sein, dass Sie nichts anderes mehr wahrnehmen als den Atem und nichts mehr denken. Sowie Sie merken, dass Gedanken aufsteigen, kehren Sie zu Ihrem Atem zurück. Spüren Sie ihn in der Nase? Wohin fließt er? Kleine Hilfe: Beim Einatmen „einatmen“ denken, beim Ausatmen „ausatmen“. Oder zählen: „Eins“ beim Einatmen, „zwei“ beim Ausatmen. „Eins“ beim Einatmen ...

Gehmeditation – kein Gehen von A nach B, sondern bewusstes Erleben jeden Schrittes. Wie berühren die Füße den Boden? Wie hält der Körper Balance? Wichtig: So langsam wie möglich schreiten, das kann auch zu Hause im Kreis oder den Flur entlang sein. Durch Konzentration selbst auf die kleinste Bewegung werden die Gedanken gebunden.

Lichtmeditation – vor einem Teelicht oder einer Kerze mit geöffneten Augen sitzen. Beobachten Sie das Licht, das Flackern, die Helligkeit. Dann schließen Sie die Augen und behalten das Licht vor dem inneren Auge. Konzentrieren Sie sich auf das Bild. Wenn es verblasst, Augen öffnen und das Licht erneut so lange betrachten, bis Sie wieder den Impuls fühlen, die Augen zu schließen.

Mantras singen – das anfänglich bewusste Singen von immer gleichen Silben kann sich verselbstständigen. Dabei ist es egal, ob Sie ein klassisches Sanskrit-Mantra singen, wie es vielfach im Yoga-Unterricht gemacht wird, oder einfach ein Wort wie „Freude“ oder „lieben“. Irgendwann konzentriert sich das Bewusstsein nur noch auf den Gesang.

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