21. Februar 2014
Was wir von Asien lernen

Was wir von Asien lernen

Ebenmäßig, fein, glatt und rein, und das so lange wie möglich – nicht nur für Asiatinnen der Inbegriff schöner vitaler Haut. Lustvoll und bewusst genießen sie dafür die Pflege täglicher Rituale voll edler Energie.

Asiatin lacht
© Thinkstock
Asiatin lacht
Kosmetik und Körperpflege sind in keinem Land der Erde so selbstverständlich wie in Japan. Bereits achtjährige Mädchen lernen in der Schule, wie man sich pflegt, werden in den unterschiedlichsten Reinigungs- und Baderitualen unterrichtet. Die Pflege der Haut gehört untrennbar zur Kultur und erfährt eine enorme Wertschätzung. Während in der westlichen Hemisphäre Wissen- schaftler immer wieder mit aufwendigen Studien nachweisen müssen, dass lustvolles Schwelgen in sahnigen Cremes und duftenden Ölen u.a. einen Anstieg der körperlichen Abwehrkräfte bewirkt, vertrauen Japanerinnen und Koreanerinnen darauf ganz intuitiv: Beauty ist Gesundheit und umgekehrt. Eine unumstößliche Wahrheit, die in Asien so selbstverständlich ist wie Atmen. Mit Achtsamkeit und bewusster Konzentration auf die alltäglichen Rituale – eine der fernöstlichen Grundhaltungen, die dem Buddhismus entstammen – wird auch aus jedem Pflegeschritt eine kleine Zeremonie.

ZEIT NEHMEN

Trotz Zeitnot, Termindruck, extremer Anforderungen in Schule, Studium und Berufbeziehungsweise gerade deswegen– begegnen Koreanerinnen, Japanerinnen und zunehmend wieder die Chinesinnen der ständigen Reizüberflutung und daraus entstehendem Stress mit bewussten Auszeiten. Sie drücken die Stopptaste, nehmen sich Zeit. Täglich. Für sich, ihre Haut, ihren Körper, ihr Haar.

Gesichtsmassage

Eine Creme „einfach so” auftragen? Das würde Asiatinnen nie einfallen! Sie verbinden damit gleich eine kleine Massage, um die Energiepunkte im Gesicht zu aktivieren. Falls auch Sie Ihre Pflege wohl- tuend erweitern möchten: mit Zeige- und Mittelfingern in kleinen Kreisen unter leichtem Druck erst von der Stirnmitte zu den Schläfen streichen; dann von der Nasenspitze zur -wurzel, dort leicht drücken, von den Nasenflügeln die Wangenknochen entlang bis zu den Schläfen, um den Mund herum in Richtung Wangenknochen. Entlang der Augenbrauenbögen von innen nach außen leicht pulsierend drücken. Zum Abschluss mit der Außenseite der Hände vom Kinn bis zu den Ohren streichen.
Wie klug und wichtig das ist, haben Wissenschaftler der Kosmetikfirma Shiseido mit konkreten Zahlen nachgewiesen: Unser Gehirn sendet unter Stress derart negative Signale, dass die Barrierefunktion der Haut um 20 Prozent nachlässt. Dabei reichen ein paar Minuten täglich, um dem Hamsterrad zu entwischen. Sie müssen ja nicht gleich wie die Japanerinnen Ihre Wimpern mit 100 Bürstchenstrichen pflegen.

RITUAL DER KLARHEIT

Asiatinnen gönnen sich täglich ein intensives Reinigungsritual – durchschnittlich vier Produkte mehr als bei uns stehen bei ihnen allein dafür im Bad. Sie wissen, die Reinigung ist Voraussetzung für die Wirksamkeit jeder folgenden Pflege. Die Doppelstrategie aus Vor- und Tiefenreinigung sehen sie als selbstverständlich an, um sowohl fett- als auch wasserlöslichen Schmutz zu entfernen. Aber auch, um Hautfette, -talg und -schüppchen zu regulieren und den pH-Wert der Haut zu erhalten. Dafür wird zuerst Balm oder eine Milch sanft mit den Fingerspitzen aufgetragen, in kreisenden Bewegungen einmassiert und mit einem Schwamm oder Tuch, das in lauwarmem Wasser getränkt wurde, sanft abgenommen. Danach folgt das gleiche Spiel mit Schaum oder Gel. Besonders vorsichtig sind dabei die Koreanerinnen: niemals den empfindlichen Teint zerren und ziehen. Sie schwören aufs „Splashing“ zum Abspülen! Bedeutet: viel lauwarmes Wasser mit den Handflächen ins Gesicht schaufeln. Danach wird Gesichtswasser – je nach Hautbedürfnis – zum Beruhigen, Klären oder Ausgleichen aufgetupft.
Von exzessivem Peeling übrigens, wie es vor allem Amerikanerinnen betreiben, hält man weder in Seoul noch Tokio etwas. Asiatinnen glauben fest daran, dass die Barrierefunktion der empfindlichen Haut darunter leidet und die Haut zu viel Feuchtigkeit verliert. In Shanghai, Peking und Xi’an allerdings kommt wöchentlich ein traditionelles Peeling aus feinstem Granulat von Muschelschalen zum Einsatz. Vermischt mit Sesamöl, wird dieses Perlenpulver seit der Kaiserzeit zur Glättung und Straffung angewandt.

Bleiben Sie flexibel

HAUTTRAINING

Das Auftragen der Pflege wird gleichzeitig zu einem Workout. Zuerst wird die Haut mit einer Lotion befeuchtet: Dieser Softener wird intensiv eingeklopft und wirkt wie eine Schleuse für die anschließende Pflege. Ca. 95 Prozent der japanischen Frauen verwenden laut Kanebo-Untersuchung einen Softener. Serum, Emulsion und/oder Creme legen sich dann wie eine zarte Schutzschicht darüber und schließen die Feuchtigkeit in der Haut ein. Alle Produkte werden grundsätzlich mit verschiedenen Massagegriffen– mal streichend, mal knetend – eingearbeitet. Immer vertikal nach oben, entlang der Muskeln.

Lifting-Akupunktur

In den klassischen Texten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) steht geschrieben, dass es möglich ist, die Ressourcen von innen so zu mobilisieren, dass man den Alterungsprozess verschieben kann. Für ein „Facial Acupunc- ture“ werden erst am Körper ein paar Nadeln gesetzt, um das Qi wieder ungehindert fließen zu lassen. Beim eigentlichen Facelifting kommen bis zu 60 extrem feine Nadeln (0,12 mm) zum Einsatz. Durch die Regulierung energetischer Blockaden entsteht der Push für den Stoffwechsel und den Hormonhaushalt. Nach 6 Sitzungen stellen sich bereits deutliche Veränderungen ein. Nach 12 Sitzungen gelten die Effekte als dauerhaft.

Durch die Massage verbessert sich die Durchblutung der Haut, Nährstoffe werden besser, schneller und zahlreicher in die Haut- und Muskelzellen transportiert. Koreanerinnen setzen zusätzlich gern kleine Jadesteine ein, die sie sanft über die Haut führen. Der traditionelle Heilstein, der in der Medizin zur Entlastung von Leber, Niere, Milz und Magen eingesetzt wird, strahlt ausgleichende Energien aus, schenkt inneres Gleichgewicht, Gelassenheit und soll abschwellend wirken. Bei einer japanischen Gesichtsmassage werden bestimmte Energiepunkte, die „Tsubos“, aktiviert. Sie wird vor allem nach der abendlichen Reinigung durchgeführt, am besten mit der Nachtcreme. Für asiatische Kosmetikfirmen ist es eine Selbstverständlichkeit, zu ihren Pflegeprodukten immer auch eine Massageanleitung mitzuliefern, die das Qi oder Ch’i (chinesisch), Ki (japa-nisch) und Gi (koreanisch), also die Energie, wieder fließen lässt.

FLEXIBEL BLEIBEN

Das Grundkonzept der asiatischen Kultur, das sich überall entdecken lässt – ob in Ar- chitektur, Design oder Mode –, gilt auch in der Kosmetik. Während wir Europäer, vor allem in Deutschland, es gern praktisch, pragmatisch und patent angehen, setzen Asiaten auf Veränderungen, Transparenz und Beweglichkeit. Quasi das Modell Eiche versus Bambus. Für die Beauty-Regeln heißt das Prinzip „layering“ (schichten). Allein für Pflege benutzen Südkoreanerinnen min- destens sechs bis sieben Produkte, darunter nicht selten zwei Seren – eins z.B. gegen Pigmentflecken, eins für Feuchtigkeit –, die nacheinander aufgetragen werden. Als letz- ter Schritt unverzichtbar: Lichtschutz – er ist für ihre helle, feinporige Haut Pflicht. Keine Japanerin geht ohne aus dem Haus. Dabei übertreiben es Koreanerinnen inzwi- schen: Sie tragen auch im Haus UV-Schutz.

SÜDKOREA

Beauty-Insider setzen vor allem auf südkoreanische Kosmetik: „Hallyu“, die koreanische Welle, die ursprünglich nur K-Pop-Musik meinte und uns den Gangnam-Style brachte, schwemmt unaufhörlich auch Kosmetik an
die Ufer der westlichen Welt. Produkte des Labels Sulwha-soo, bekannt für ihr Verpackungsdesign, das an traditionelle Keramik erinnert, enthalten Pflanzenextrakte und Heilkräuter wie Ginseng und die Wurzel der weißen Pfingstrose, die in Korea beheimatet ist. Bei Bergdorf Goodman in New York hat Sulwha-soo bereits eine sehr erfolgreiche eigene Boutique. Experten der Kosmetikszene drücken es so aus: Südkorea ist das neue Frankreich und ist den USA in Sachen Kosmetiktechnologie rund zwölf Jahre voraus. Vielleicht tragen Sie ja Resultate dieses Booms bei sich: die BB bzw. CC Creams. 1967 von der deutschen Dermatologin Dr. Christine Schrammek als Heilsalbe nach Operationen entwickelt, schnappten Koreaner sich die Idee und veredelten sie zum derzeit global wohl erfolgreichsten Beauty-Produkt.

Die Haut richtig schützen

LICHTSCHUTZ IMMER EXTRA

Warum in Asien kaum Pflegecremes verwendet werden, die bereits einen Lichtschutzfaktor enthalten? Kosmetische Pflegerituale sollen die Haut entspannen, nähren und verwöhnen, und zwar mit gezielten Inhaltsstoffen und der luxuriösesten Textur. Darin haben UV-Filter nichts verloren. Denn physikalische Lichtschutzfilter verändern die Konsistenz einer Creme selten zum Positiven, synthetische belasten ihre Haut unnötig. Daher kommt immer ein Extraprodukt zum Einsatz, meist ein leichtes transparentes Fluid, das lediglich den hohen Schutzfaktor enthält. Darüber noch ein leichter (oft transparenter) Puder, der mit Hyaluronsäure oder Seide angereichert ist und mittels Pigmenten zusätzlich vor UV-Strahlen schützt. Außerdem mattiert er die Haut und kaschiert Unreinheiten. Damit haben vor allem ganz junge Asiatinnen neuerdings zu kämpfen. Neben Stress und Smog spielt die sich verändernde Esskultur eine wesentliche Rolle: mehr westliches Fast Food mit Milchprodukten und Zucker.

Infos & Adressen

Durch das Setzen haarfeiner Nadeln sollen Schlupflider geliftet, Hängewangen gestrafft, grobe Poren minimiert und sogar ein Doppelkinn deutlich reduziert werden können. Mit 300 Euro pro Sitzung müssen Sie bei erfahrenen und gut ausgebildeten Therapeuten rechnen. Drei ausgewählte Adressen:
 
Centrum für Traditionelle Chinesische Medizin, Dr. Ralph-Peter Schink/Dr. May Sian Oei, Hochallee 11, 20149 Hamburg, Tel. 040/4502517; www.praxis-dr-schink.de
 
Aiyasha Medical Skin Care & Spa, Perusastraße 5, 80333 München, Tel. 089/21024550; www.aiyasha-spa.de
 
Ida-Therapiezentrum Fellbach, Dr. Brigitte Klett, Aldinger Straße 6, 70736 Fellbach, Tel. 0711/34244697; www.ida-therapiezentrum.de
 
Zum Abschluss des Tages gilt die Aufmerksamkeit nach der intensiven Reinigung auch dem Körper: Hat es beispielsweise auf dem Weg vom Job nach Hause geregnet (Schadstoffe!), steigen vor allem Koreanerin- nen sofort unter die Dusche, lassen klares Wasser über die Haut laufen. Sinnbildlich perlt der Stress von ihnen ab. Danach schwören sie auf die Massage mit einem trockenen Leinentuch, die als Ritual aus den Palästen der Joseon-Dynastie überliefert ist. Heute werden die Tücher meist mit ätherischen Ölen oder Teezubereitungen benetzt, die je nach Stimmungslage ausgesucht werden. Dreimal in der Woche, zumindest aber am Wochenende, taucht man in China, Japan und Korea unter „Sheet Masks“ ab. Diese Vlies-Masken aus Seide, Leinen oder auch aus speziellem Papier sind reich getränkt mit wohltuenden Essenzen und Pflegestoffen, z.B. aus Reis, Ginseng oder weißem Tee.

BEWAHREN STATT KORRIGIEREN

Die Balance wiederherstellen, das Positive erhalten statt späterer Korrekturen sind dabei die Säulen, auf denen bewährte asiatische Rituale basieren. Eine jahrtausendealte Heilmethode aus der Traditionellen Chinesi- schen Medizin steht dafür wie keine andere – Akupunktur. Heute wird sie zudem gezielt gegen Falten eingesetzt und auch bei uns immer populärer: Stimulanz statt Facelift oder ganzheitliches Verjüngen statt Botox. Gesundheit ist eben Beauty. Vielleicht auch ein Grund, warum Asiatinnen bis etwa 50 kaum Falten haben. Oberlippenfältchen kennen sie gar nicht! Der traditionell hohe Stellenwert der Schönheitspflege beschert dem Fernen Osten aber noch andere Vorteile: Nirgendwo sonst sind die Forschung so innovativ und die Kombi aus bewährten Natur- mit Hightech-Wirkstoffen so hoch entwickelt. Noch ken- nen wir vor allem die japanischen Luxushäuser wie Shiseido, Kanebo und Kosé. Doch auch China holt auf. Bereits vor Jahren hat sich L’Oréal das bekannteste chinesische Beauty-Label Yue Sai ins Haus geholt. Wei Brian, Expertin östlicher Kräutermedizin, erobert mit ihren Labels Wei East and Wei Beauty die Teleshopping-Welt – bei uns kommt sie mit Ginkgo und Grüntee via HSE 24 ins Haus.
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