12. Juni 2012
Was Beauty-Rituale verraten

Was Beauty-Rituale verraten

Das Bad voller Tuben und Tiegel – da fühlen wir uns schöner, selbstsicherer und sogar ein bisschen beschützt. Vital fragte eine Psychologin und eine Dermatologin, was Beauty-Rituale über uns verraten.

Lippenstift
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Lippenstift

„Heute braun, morgen blond. Oder tagsüber glattes Haar und abends lockig – ich habe dauernd Lust, meine Frisur zu verwandeln“

Glückwunsch zu so viel Kreativität! „Die Haare sind ein spannendes Experimentierfeld, um sich zu verändern. Mit ihnen kann man auch rauer umgehen als mit der Haut, bei der wir uns eher vor irreparablen Schäden fürchten“, sagt die Psychologin Kirsten Juchem vom Kölner Marktforschungsinstitut rheingold salon. Trotzdem: Es muss ja nicht immer gleich der radikale Farbwechsel oder ständiges Umstylen mit Lockenstab oder Glätteisen sein.
„Chemische Substanzen und Hitze greifen die Haarstruktur nun mal an. Haar kann sich nicht selbst regenerieren“, gibt Dr. Claudia Pettke-Rank zu bedenken, Dermatologin am Cutaris-Zentrum für Haut- und Lasermedizin in München. Sie empfiehlt sanftere Colorationen ohne Ammoniak.
Ebenfalls schonender sind Strähnchen oder auswaschbare Tönungen. Superwichtig bei häufigen Färbe- und Hitzeattacken: aufbauende Repair-Pflege, die das Haar geschmeidig hält, und Stylingprodukte mit Hitzeschutz. Aber auch bereits kleine Varianten, z. B. Pony tragen, den Scheitel wechseln und verschiedene Hochsteckfrisuren, können schnelle Verwandlungen bewirken, damit wir morgens am Konferenztisch nicht genauso aussehen wie abends in der Bar

„Ich will gut riechen und parfümiere mich ausgiebig. Mein Mann hat aber langsam die Nase voll“

Ein häufiges Phänomen: Die Nase blendet den eigenen Geruch nach wenigen Minuten aus. „Menschen gewöhnen sich rasch an ihr Parfüm, andere nehmen es viel intensiver wahr“, bestätigt die Dermatologin Dr. Pettke-Rank. Deshalb nebeln manche unabsichtlich die gesamte Büroetage mit der eigenen Duftmarke ein.
Wird das Einsprühen zwanghaft, ist das ein Fall von „Neutralisierungswut“: Jemand versucht alles, um den eigenen Körpergeruch zu kaschieren. „Wir eifern dem Ideal eines Körpers nach, der möglichst keine Spuren von Anstrengung oder Alter zeigen und auf keinen Fall nach Schweiß riechen darf“, sagt die Psychologin Kirsten Juchem.
Die Dermatologin empfiehlt: Regelmäßig den Duft wechseln – das schult den eigenen Geruchssinn. Auf dezenter dosierte Body-Sprays oder die Lotion des Lieblingsparfüms zurückgreifen.

Wimpern tuschen
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Wimpern tuschen

„Ohne Lippenstift gehe ich nie aus dem Haus – auch wenn ich nur zum Mülleimer oder zum Bäcker um die Ecke will“

Filmstars machen das genauso. Doch der große Unterschied zu den Hollywood-Beautys: Uns „Normalos“ wird sicher kein Paparazzo auflauern, um uns ungeschminkt abzulichten. Den Lippenstift-„Süchtigen“ kann es also nicht allein um die Außenwirkung gehen – schon gar nicht jenen, die sogar Lippenstift tragen, wenn sie allein zu Hause sind.
Die Psychologin Kirsten Juchem vermutet als Hintergrund eine Sehnsucht nach Authentizität. Das Ich-Gefühl stellt sich eben nicht in dem Moment ein, in dem wir morgens ungeschminkt in den Spiegel schauen, sondern erst, „sobald wir Blässe und Augenringe kaschiert haben und ein dezentes Make-up tragen“. Tricksen wir uns auf diese Art unser Selbstbild zurecht? „Absolut. Nichts ist schwieriger, als natürlich auszusehen, denn Natürlichkeit heißt nicht Ungeschminktsein.“ Erst mit unserer Weichzeichner-Version fühlen wir uns wohl. Und Farbe auf den Lippen verschönert am schnellsten. Also ein harmloser Tick.
Das sieht auch die Dermatologin Dr. Pettke-Rank so: „Gegen einen schön geschminkten Mund ist nichts einzuwenden. Zumal deckende Lippenstifte auch vor UV-Strahlen schützen.“

Lippenherpes? Wir zeigen was dagegen hilft! >>

Regelmäßiges Peeling

„Sehe ich durch meine Anti-Aging-Creme nach zwei Wochen keinen Effekt, kaufe ich mir sofort eine andere“

Etwas Geduld erfordern auch hochwertige Cremes: „Ein Anti-Aging-Effekt, der nicht nur an der Oberfläche, sondern in tieferen Hautschichten wirkt, ist frühestens nach drei bis sechs Monaten zu erwarten“, erklärt die Dermatologin Dr. Pettke-Rank. Das Durchhalten bis zum Ende des Tiegels lohnt sich also. Zu gern wollen wir aber an die sofortige Wunderwirkung einer Zaubercreme glauben. Warum eigentlich?
Zum geflügelten Satz wurde die Aussage der Psychoanalytikerin und Medizinerin Margarete Mitscherlich (heute 94): „Ich liebe teure Cremes und kaufe teure Kosmetik. Das ist die Magie der aufgeklärten Frau.“ Schon der Besitz einer Anti-Aging-Creme kann eine Form der Selbstaufwertung darstellen, frei nach dem Motto: Ich verwöhne mich, also bin ich. Psychologin Kirsten Juchem sagt: „Frauen schwanken ständig zwischen der Akzeptanz des Alters und Schöpfungswahn, um ihr Aussehen zu optimieren.
Natürlich stößt jede irgendwann an die Grenzen der Machbarkeit.“ Keine Creme zaubert uns wirklich jünger. Doch manchmal hilft schon das geschmeidige Gefühl auf der Haut, dass wir uns zumindest jünger fühlen. Und tatsächlich hat gepflegte und geschützte Haut beste Chancen, langsamer zu altern. Wer einen Soforteffekt will, findet in unserem Thema des Monats viele Tricks, um die Uhr „optisch“ ein wenig zurückzudrehen.

„Ich kann keine Parfümerie verlassen, ohne mindestens drei Produkte gekauft zu haben. Entweder verführt mich der günstige Set-Preis oder das Aussehen der Tiegel, die dann mein Badezimmer verschönern“

Ein vollgestelltes Bad sieht nicht automatisch schöner aus als ein pures. Bei der Anschaffung von Beauty-Produkten zu reinen Deko-Zwecken stellt sich natürlich die Sinnfrage. Psychologin Kirsten Juchem sieht es so: „Das Badezimmer ist ein Cocooning-Raum. Hier können Frauen sich zurückziehen, verwöhnen und ihr Selbstbewusstsein aufbauen – da stellen schöne Tiegel durchaus eine Bereicherung dar. Wenn sie noch farblich abgestimmt sind, befriedigen sie auch das Harmoniebedürfnis.“
Falls es wirklich nur um optische Effekte geht: Edle Kerzen und Duftsteine können ebenfalls ästhetische Akzente im Badezimmer setzen, halten länger und kosten weniger. Bei Beauty-Sets lohnt sich das Zugreifen – bei erprobten Lieblingsprodukten. Generell liegt die Hemmschwelle beim Kosmetika-Kauf niedrig: „Lippenstift, Cremes oder Make-up passen im Gegensatz zur Kleidung (fast) immer und sind günstiger als neue Pumps“, erklärt Kirsten Juchem. Das wirkt verlockend. Umso sinnvoller wäre es, uns vor dem Betreten der Parfümerie selbst zu fragen, was wir wirklich brauchen, statt spontanen Kaufimpulsen zu folgen.

„Naturkosmetik oder Hightech: Ich kann mich nicht ent scheiden. Darum mixe ich alles durcheinander – egal ob Reinigung, Haut- und Haarpflege oder Make-up“

Da scheint Hautstress programmiert – schließlich predigt jede Kosmetikerin, Systempflege sei das A und O. Dermatologin Dr. Claudia Pettke-Rank sieht das anders: „Es spielt keine Rolle, ob die Produkte aus einer Serie stammen, solange sich die Benutzerin wohlfühlt. Verträgt sie alles gut, ist gegen einen Mix nichts einzuwenden.“ Nur das Gefühl beim Auftragen unterscheidet sich: Naturkosmetik zieht zwar ebenso schnell ein wie eine Hightech-Creme, doch da sie keine Silikone enthält, fühlt sich die Haut nicht sofort, sondern erst nach längerer Anwendung weich an.
„Generell wollen Frauen beides: mit ausgewählten Hightech-Stoffen schöner werden und mithilfe von Bio-Kosmetik natürlich und authentisch wirken. Das Ergebnis soll keinem Stereotyp entsprechen, sondern die eigene Individualität unterstreichen. Daher ist es kein Widerspruch, wenn man eine Hightech-Creme für das Gesicht benutzt und den Körper mit Naturkosmetik verwöhnt“, sagt die Psychologin Kirsten Juchem.

„Ich liebe mein Gesichtspeeling zweimal pro Woche. Die Haut fühlt sich danach so schön glatt an“

Für fast jede Haut reicht eine Peeling-Anwendung pro Woche völlig aus. Allerdings: „Krankhafte Verhornungsstörungen können ein häufigeres Peelen notwendig machen“, erläutert Dermatologin Dr. Claudia Pettke-Rank. Solange die gesunde Haut es toleriert, kein Problem – wenn man zwei Dinge dabei bedenkt: „Wird die hauteigene Hornschwiele als natürlicher Lichtschutz ständig ausgedünnt, wird der Teint empfindlicher.“
Als Gegenmaßnahme empfiehlt Dr. Pettke-Rank: „Konsequent hohen Sonnenschutz auftragen, um UVbedingten Fältchen vorzubeugen.“ Aus psychologischer Sicht erklärt sich die Sehnsucht nach einer feinporigen Haut mit dem Bedürfnis, den Schmutz des Alltags zu beseitigen. Psychologin Kirsten Juchem führt auch in diesem Fall die „Neutralisierungswut“ an: „Wir wünschen uns eine klare und unschuldige Haut, die möglichst keine Spuren des Alterns zeigen soll.“ Statt mechanischer Strapazen verschönern auch simple Dinge: Frische Luft und Sauerstoff regen die Durchblutung an. Und der einfachste Trick der Welt geht so: 30 Sekunden lang mit beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht schaufeln. In der Kälte ziehen sich die Poren zusammen, Schwellungen verschwinden, der Teint leuchtet rosig – völlig ohne Zauberei!

„Meine Lippen fühlen sich ständig trocken an. Darum fahre ich mir sehr oft mit der Zunge oder einem Pflegestift über den Mund. Dadurch werden sie noch spröder“

Typischer Fall einer Angewohnheit, die irgendwann nur noch schwer abzulegen ist, und außerdem ein unbewusstes Schutzritual. Die verblüffende Erklärung der Psychologin Kirsten Juchem: „Ähnlich wie bei Handcreme bietet das häufige Nachfetten einen Schutz vor dem Fremden, vor zu vielen Einflüssen von außen. Bei Stress zieht man damit unbewusst eine Grenze.“ Die vertraute Angewohnheit schenkt Sicherheit: „Bei Zugfahrten mit viel Lärm im Abteil kann ein Pflegestift enorm beruhigen. Ich benutze ihn und habe das Gefühl: Ich bin immer noch ich, egal was geschieht.“ Gar nicht wenige Frauen behaupten sogar hartnäckig, sie seien „süchtig“ nach einem bestimmten Pflegestift – ganz klar ein Mythos! Richtig ist: Wer ständig eine Lippenpflege benutzt, stellt nach einiger Zeit höhere Ansprüche an die Geschmeidigkeit.
Sobald die Lippen sich wieder normal anfühlen, wird das als spröde empfunden. In jedem Fall gilt es, folgenden Effekt zu vermeiden, sagt Dermatologin Dr. Pettke-Rank: „Wer cremt und danach ständig mit der Zunge drüberfährt, löst die letzte Fettschicht, sodass sich die Lippen immer spröder anfühlen.“ Sie empfiehlt, Honig oder Vaseline als Alternative auszuprobieren.

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