28. Februar 2011
Vegane Kosmetik

Vegane Kosmetik

Nicht nur Vegetarier stellen ihre Tierliebe obenan: Vegane Kosmetik boomt. Machen die Hersteller damit nur Mäuse? Ein Blick in die Tiegel 

Naturkosmetik
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Naturkosmetik

Spatz“, „Mäuschen“, „Hase“, „Bär“ – tierische Kosenamen sind nach „Schatz“ die beliebtesten Deutschlands, fand man an der Universität Augsburg heraus. Auch unsere reale Tierliebe kennt kaum Grenzen. Darum wünschen sich immer mehr Frauen Kosmetik ohne tierische Inhaltsstoffe.

Veganherz
Das Veganherz kommt aus Amerika und prangt auch auf Nahrung oder Schuhen. Kosmetik mit diesem Siegel ist vegan und tierversuchsfrei. Erlaubt: synthetische Wirkstoffe, die früher getestet wurden.

„Wir konsumieren heutzutage viel bewusster“, sagt Christine Esch, Kampagnenleiterin bei der Tierrechtsorganisation PETA. Wer etwas kauft, will gleichzeitig auch etwas Gutes tun und z. B. soziale Projekte, fairen Handel oder den Umweltschutz unterstützen. Aber bitte sexy, stylish und mit Genuss. Logisch, dass auch tierfreundliche Wohlfühlprodukte hoch im Kurs stehen. „Be Veggie!“, lautet das Motto, egal, ob man Appetit auf die gelatinefreien „Yoghurt Gums“ von Katjes oder einen Veggieburger bei McDonald’s hat oder im Badezimmer nur noch vegane Cremes und Bodylotions stehen haben möchte. „Damit können wir etwas Tierfreundliches tun, ohne verzichten zu müssen“, erklärt Christine Esch.

Wann ist Beauty vegan?

Vegane Kosmetik
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KOSMETIK FÜR TIERFREUNDE:„Green Equinox Edition“ von Alva*, Turm aus vier Dosen mit mineralischenFarben zum Schminken ca. 25 Euro; „Gesichtsreinigungsschaum mit Cranberries“ von 100 % Pure*, 177 ml ca. 19 Euro

Ab und zu ein Schnitzel oder Steak zu essen – darin sehen die meisten Konsumenten allerdings keinen Widerspruch. Der Anteil der Vegetarier in Deutschland ist mit 11 Prozent zwar gestiegen, aber dennoch gering. Dagegen schnellte die Zahl derer, die bewusst wenig Fleisch essen, nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts Emnid auf 51 Prozent hoch.

Pflege, die ohne tierische Substanzen auskommt, trifft also den Zeitgeist. Wer allerdings glaubt, dass es sich dann automatisch um Naturkosmetik handelt, täuscht sich: Vegan bedeutet zunächst nur, dass keine Wirkstoffe tierischen Ursprungs darin stecken. Bio-Hersteller setzen aber oft Milch, Honig oder Bienenwachs ein – mit dem Argument, dass diese Wirkstoffe ja von lebenden Tieren stammen.

Die Veganblume
Die Veganblume wird von der britischen Vegan Society vergeben und zertifiziert Produkte, die weder an Tieren getestet wurden noch tierische Substanzen enthalten. Synthetische Zutaten werden akzeptiert.

Trotzdem ist die Schnittmenge zwischen Naturkosmetik und veganer Beauty sehr groß. „Bei uns enthalten 179 von 250 Produkten keine tierischen Inhaltsstoffe“, sagt Sabine Kästner, Pressesprecherin bei Lavera. Aber auch viele konventionelle Kosmetikhersteller bieten vegane Pflege an – und versuchen darüber hinaus, den Tieren zu helfen: Lush z. B. veranstaltete im Juni 2010 eine Aktionswoche, während der die Kunden an ihren Bürgermeister schreiben konnten, um die Stadt zu einem „fleischlosen Freitag“ zu bewegen.


Tierisches Versteckspiel

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SCHÖN VEGAN: 1. „100 % Pure Natural Whipped Shea Butter“ von Brownearth*, 220 ml ca. 35 Euro; 2. „Facial Cream Malagasy Ylang-Ylang & Linden Flower“ von Pangea Organics*, 60 ml ca. 49 Euro; 3. „Clean Skin For the Face“ von This Works*, 150 ml ca. 52 Euro; 4. „Madam Country Garden Luxury Lotion“ von Butter London*, 200 ml ca. 21 Euro; 5. „Vegan Lip Treatment“ von The Balm*, 7 g ca. 15 Euro

Was viele Kunden überrascht: Kosmetik ohne tierische Zutaten zu finden, erweist sich oft als unerwartet schwierig. Klar, prominent ausgelobten Luxuswirkstoffen wie Lachs, Kaviar oder Gelée royale kann man leicht aus dem Weg gehen. Nicht so den Hilfsstoffen, deren tierischen Ursprung viele gar nicht kennen. Oder wussten Sie, dass Keratin für Shampoos und Haarkuren aus zermahlenen Hufen, Federn und Hörnern hergestellt wird? „Natürliches Erdbeeraroma“ stammt oft aus Hühnerfüßen, und Seifenstücke haben in der Regel eine Basis aus Rindertalg.

Der Haut schaden diese Wirkstoffe nicht. Aber eben unserem neuen ethischen Bewusstsein. Zwar muss in der Regel kein Tier extra sterben, um diese Substanzen zu gewinnen, weil es sich um Schlachtabfälle handelt – das ist aber auch kein schöner Gedanke. Und unbedingt nötig sind diese Substanzen in den Produkten auch nicht, weil den Herstellern genug Ersatzstoffe zur Verfügung stehen.

Tausch durch Pflanzen

Obst, Gemüse und Algen unterstützen den Stoffwechsel des Körpers – und den „Stoff-Wechsel“ in der Produktion, wenn es darum geht, tierische Substanzen zu ersetzen. Zum Beispiel sind Alginat aus Algen und Apfelpektin (braucht man zum Marmeladekochen) tolle Gelbildner, die Cremes eine ähnliche Konsistenz verleihen wie Gelatine aus Knochen. Olivenöl bietet sich alternativ zu Rindertalg an, da es mit Natron - lauge zu Seife reagiert. Rote Bete ersetzt in Make-up den roten Farbstoff Karmin aus Schildläusen. Statt Milchsäure, die den Säureschutzmantel beim Duschen erhalten soll, kommt Zitronensäure infrage. Auch für Kollagen und Elastin, die aus Sehnen gewonnen werden, steht pflanzlicher Ersatz bereit: Sojabohnenextrakt mit seinen 39 Prozent Eiweißanteil.

Synthetik für die Ethik

Hüpfender Hase
Hüpfender Hase Siegel mehrerer Tierschutzorganisationen für Produkte und Zutaten, die ab einer selbst festgelegten Frist nicht mehr an Tieren getestet wurden. Nicht immer vegan!

Außerdem besteht noch eine zweite Möglichkeit, ohne tierische Beautyzutaten auszukommen: „Einige konventionelle Hersteller weichen auf synthetische Inhaltsstoffe aus“, sagt Christine Esch von der Tierrechtsorganisation PETA. Das erklärt z. B., warum relativ oft veganer Nagellack angeboten wird, aber kaum Bio-Nagellack. Er besteht zu einem großen Teil aus Chemiekalien – ist dadurch aber tatsächlich vegan.

Synthetik für die Ethik

Tierfreundliche Parfums erhalten das gewisse erotische Etwas oft durch synthetische Ambra-, Moschus- oder Zibetnoten – damit man keine Sekrete von Pottwalen, dem Moschushirsch oder Zibetkatzen verwenden muss. Bei Wirkstoffen bringt das mitunter sogar Pluspunkte: Synthetische Peptide wirken z. B. effektiver als die aus Milch, weil natürliche Peptide oft zu groß sind, um in die Haut einzudringen. Außerdem lassen sich Kunstpeptide im Labor so kombinieren, dass sie sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken.

„Trotzdem muss man sich im Klaren darüber sein, dass viele synthetische Zutaten vor ihrer Markteinführung an Tieren getestet wurden“, sagt PETA-Expertin Christine Esch. Wer das ausschließen möchte, sollte nur Kosmetik mit einem entsprechenden Siegel kaufen.

Tierversuche - der aktuelle Stand

Tierversuche – der aktuelle Stand
Wunsch und Wirklichkeit: 70 Prozent der Frauen wollen Kosmetik ohne Tierquälerei

OBST- UND GEMÜSECOCKTAIL STATT TIERISCHER ZUTATEN: 1. „Natural Care Brush on Powder“ von Esprit, ca. 10 Euro; 2. „Karottencreme“ von Lavera*, 50 ml ca. 7 Euro; 3. Duft „Mandarine Tea“ von Love & Toast*, 100 ml EdP ca. 36 Euro; 4. Everyday Tula Cleansing Body Mousse“ von Jo Wood Organics*, 200 ml ca. 16 Euro; 5. „Priti Polish Nagellack“ von Priti NYC*, 12,6 ml ca. 15 Euro

Tierversuche mit Kosmetika sind doch längst verboten, denken viele. Doch das gilt nur für fertige Cremes, Lippenstifte und Shampoos. Mit neuen Rohstoffen werden immer noch drei Tests durchgeführt. Diese Praxis soll bis 2013 erlaubt sein. Eine Fristverlängerung hält sich die EU allerdings jetzt schon offen, weil für die Verfahren noch keine Alternativen genehmigt wurden. Was nicht heißt, dass sie nicht existieren! Das Problem: Um gesetzlich anerkannt zu werden, müssen die Ersatzmethoden zum selben Ergebnis führen wie der Tierversuch. Und genau das Problem. „Tests an Zellkulturen sind z. B. wesentlich objektiver, weil Kaninchen oder Mäuse keine Maschinen sind, sondern oft individuell reagieren. Dadurch führen Tests ohne Tiere manchmal zu anderen Ergebnissen“, erklärt Dr. Corina Gericke vom Verein Ärzte gegen Tierversuche. „Viele dieser modernen Systeme werden also absurderweise nur deswegen nicht anerkannt, weil sie besser sind.“ Doch selbst wenn das Verbot von Tierversuchen für Beautyzutaten 2013 tatsächlich in Kraft treten sollte, bedeutet das nicht automatisch das Ende des Leids. „Fast 90 Prozent der für Kosmetik verwendeten Inhaltsstoffe werden auch in anderen Bereichen wie z. B. Waschmitteln eingesetzt“, sagt Dr. Corina Gericke. „Neu entwickelte Substanzen gegen Falten oder Cellulite können über diese Begründung weiter an Tieren getestet werden.“ Dabei gäbe es eine ein fache Lösung, um sofort alle Tier versuche für Kosmetik einzustellen: Wenn neue Produkte nur noch aus den 8000 bereits geprüften Zutaten hergestellt würden. Aber Sie können schon heute auf Pflege, die an Tieren getestet wurde, verzichten.


Ist vegetarische Ernährung besser für die Haut?

Ist vegetarische Ernährung besser für die Haut?
Mit etwas Know-how können Sie die Faltenbildung bremsen

Hase mit Hand
Hase mit Hand Logo des internationalen Herstellerverbands gegen Tierversuche in der Kosmetik (IHTK) für Produkte und Rohstoffe, die seit 1979 nicht an Tieren gestestet wurden. Mlich und Honig sind erlaubt.

Möhren statt Mortadella! So lautet das Anti-Age-Rezept des Vegetarierbundes Deutschland (Vebu). Eine Untersuchung an der Berliner Charité hat ergeben, dass Menschen, die überwiegend Obst und Gemüse essen, deutlich später Falten bekommen. Diesen verjüngenden Effekt verdanken sie vor allem dem höheren Gehalt an Antioxidantien in der Haut. „Gerade Vegetarier versorgen sich optimal mit Vitaminen, die vor alt machenden freien Radikalen schützen – und zwar genau in der richtigen Dosierung“, erklärt Dr. Markus Keller, Ernährungswissenschaftler bei Vebu. Wichtig ist allerdings, genug Eisenquellen wie z. B. Hirse in den Speiseplan einzubauen. Und auch mal Milch und Eier zu essen, da beide das „Nerven“- Vitamin B12 liefern, das in Pflanzen nicht vorkommt. Wer sich streng vegan ernährt, kann auf mit Vitamin B12 angereicherte Sojamilch ausweichen.


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