14. Februar 2010
Öko-Hairstyling vom Naturfriseur

Öko-Hairstyling vom Naturfriseur

Energetisch aufgeladene Scheren, Öko-Shampoos und Wildschwein-Bürsten: Bio-Friseure liegen voll im Trend! 

© jalag-syndication.de

Zwei Schritte vor, dabei mit dem Fuß genau die Mitte treffen und nicht den Rand berühren. Die rotbraunen Steinplatten, die wie große Scherben zu einem Gehwegmosaik zusammengefügt sind, erinnern mich an das Hüpfspiel „Himmel und Hölle“. Was von beidem erwartet mich wohl im Salon „Naturfriseur.in“ in der Bremer Feldstraße 113? Ums Haareschneiden habe ich mich bis jetzt immer gedrückt, solange es irgendwie ging. Fremde Leute, die mir im Haar herumwühlen, und Scheren im Nacken sind mir schon früher unheimlich gewesen. Als Bio-Fan und wissbegieriger Mensch lockt mich aber gleichzeitig auch das Abenteuer!

Alle Zeichen stehen auf Grün: Naturfriseure liegen voll im Trend

Der Salon von Jana Mühlbach ist außen grün gestrichen. Eigentlich logisch, denke ich insgeheim und freue mich über diesen unverhofften Farbtupfer im fahlen Wintergrau. Zwischen typisch Altbremer Häusern, die ihre stuckverzierten Glasveranden stolz zur gepflasterten Straße hin präsentieren, wirkt das moderne Eckhaus mit den beiden Holzbänken und deren schmiedeeisernen Lehnen davor wie ein kleiner Garten Eden.

Voll im Trend: Bio-Friseure

Geschätzte 800 Bio-Friseure gibt es zurzeit in Deutschland. Vorreiter waren die Salons des amerikanischen Herstellers Aveda, der 1991 seinen ersten Laden in München eröffnet hat. Inzwischen sind es 285 bundesweit. Doch auch ohne die Anbindung an eine Kette wird aus dem kleinen „Salon Meyer“ um die Ecke immer öfter ein „Naturfriseur Rapunzel“. Jana Mühlbach arbeitet mit der österreichischen Firma CulumNatura zusammen, die nicht nur Seminare über ökologische Haarpflege anbietet, sondern auch Zubehör wie Shampoos, Pflanzenhaarfarben und Holzbürsten vertreibt. Allein im Jahr 2008 ist die Zahl der neu eröffneten CulumNatura-Friseure um 20 Prozent auf 250 in Deutschland gestiegen.

Minze
© jalag-syndication.de
Das frisch-würzige Aroma der Minze wird (z. B. bei Aveda) als Duft in Haarpflegeprodukten eingesetzt. Gut bei Kopfweh!

Schon beim Hineinkommen in den 50 Quadratmeter großen Salon fühle ich mich wohl. Überall helles Holz, dschungelhafte Grünpflanzen, kleine Feenfiguren neben Rosenquarzen. Ein runder Bergkristall lässt im Kerzenschein seine Lichtreflexe zu leiser Pling-plang-Musik tanzen. Etwas esoterisch, aber schön. So ähnlich habe ich es mir bei einem Bio-Friseur vorgestellt.

Doch dann kommt so einiges, was ich nicht erwartet habe! Mit einem Schritt auf das Holzpodest direkt am Fenster betrete ich eine andere Welt. „Wenn Sie möchten, hänge ich den Spiegel jetzt zu“, sagt Friseurin Jana Mühlbach und deutet auf ein elfenbeinfarbenes Seidentuch, das wie ein Theatervorhang über der Ecke des Rahmens hängt. Volltreffer! Ob in Cafés oder Einkaufszentren: Ich habe es einfach schon immer komisch gefunden, mich selbst wie in einem Film beim Kaffeetrinken oder Shoppen zu beobachten. Ganz aus den Augen lassen will ich Jana Mühlbach bei ihrer Arbeit aber auch nicht. Wir einigen uns darauf, den Frisierstuhl einfach zur Seite zu drehen.

Bürstenmassagen mit Wildschweinborsten

Bürstenmassagen mit Wildschweinborsten? Saugut!

„Wie oft waschen Sie Ihre Haare?“, will die zierliche Frau mit den blitzenden braunen Augen wissen, und ich antworte wahrheitsgemäß: „Alle zwei bis drei Tage.“ Gar nicht so oft, dachte ich bisher. Doch Jana Mühlbach greift entschlossen zu einer Buchenholzbürste, die zwar nur einen streichholzschachtelgroßen Griff, aber dafür jede Menge Wildschweinborsten besitzt. „Wer täglich so eine Bürste benutzt, braucht seine Haare viel sel- tener zu waschen“, erklärt sie. „Das liegt daran, dass Naturborsten überschüssigen Talg aufsaugen, ohne das Haar zu entfetten. Der Säureschutzmantel der Kopfhaut bleibt intakt.“ Sie selbst kommt, seitdem das Bürstenritual zu ihrem Alltag gehört, mit einmal Waschen alle acht Tage aus. Das schont nicht nur Haare und Kopfhaut, sondern auch die Umwelt.

Nüsse
© jalag-syndication.de
Super gegen spröde Strähnen: Eine Haarkur mit Paranussöl vor dem Shampoonieren gibt tollen Glanz

Kopf leicht nach vorn beugen, und los geht’s! Schraaap, schraaap, streichen die Borsten langsam durch meine Haare. Aber nicht nur von oben nach unten, sondern auch kreuz und quer. Und das soll gut sein? Doch schon nach wenigen Minuten breitet sich ein tiefer Frieden in mir aus. Ich fühle mich wie ein Mini-Shetty, das in einem warmen Stall zur Belohnung nach einem Ausritt gestriegelt wird. Kindheitserinnerungen werden wach. Heuduft, Ferien in Büsum auf dem Bauernhof, Ponyreiten in einer Bude auf dem Jahrmarkt. Ich gebe alle Verantwortung ab und lasse mich gedanklich tragen. Als ich mich wieder aufrichte und durch meine Mähne gucke, linse ich erst mal neugierig in den Spiegel. Hilfe, meine Haare stehen ja ab wie bei Fürstin Gloria von Thurn und Taxis’ Punk-Frisur, mit der sie in den 80er Jahren für Wirbel gesorgt hat. Aber erstaunlicherweise grinse ich dabei zufrieden wie ein Honigkuchenpferd…

Alles im Fluss

Alles im Fluss: Meine Haare werden bequem im Liegen gewaschen

Genug geträumt! Nun heißt es: aufstehen und zum Haarewaschen ins Hinterzimmer gehen. Vor einer rustikalen Backsteinwand wartet ein schwarzes Waschbecken mit einem bequemen Holzstuhl davor. Damit ich mich besser entspannen kann, soll ich die Füße auf einen Schemel legen. „Im Liegen fällt es vielen Menschen leichter, zu relaxen“, sagt Jana Mühlbach. Viele Bio- Friseure haben deshalb sogar eine besondere Waschliege mit angebauter „Langhaarrutsche“ hinter dem Kopfteil. Dabei hängen die Haare hinten auf einem schrägen Brett mit einem Wasserauffangbehälter am Ende herab, so dass sie sich beim Shampoonieren und Ausspülen nicht verknoten können.

„Von so einer Liege träume ich auch“, erzählt die 35-Jährige, „aber dafür hat das Geld bis jetzt noch nicht gereicht.“ Das Shampoo, das Waschsubstanzen aus Zucker enthält, wird speziell für mich angemischt. Da ich eher trockene Haare habe, reichert Jana Mühlbach das Produkt mit einem Zusatz aus Sonnenblumenöl und Weizenproteinen an.

Energie für die Schere

Energie für die Schere: nur esoterischer Schnickschnack?

Nach dem Waschen ist der „energetische Haarschnitt“ dran! Zurück auf dem Holzpodest, zückt die Friseurin Kamm und Schere. Die liegen aber nicht im Rollwagen neben meinem Stuhl, sondern, auf ein rotes Seidentuch gebettet, unter einer Glaspyramide. Für Jana Mühlbach ist sie der ganze Stolz, denn sie hat den gläsernen Behälter extra anfertigen lassen. Für mich sieht das gute Stück eher wie eine dreieckige Käseglocke aus. Was soll das bringen? „Wenn man die Pyramide nach Norden ausrichtet, laden Energie auf, und die Klingen der Schere bleiben scharf“, sagt Jana Mühlbach.

© jalag-syndication.de
Knapp 12 Milliarden Euro gaben die Deutschen im Jahr 2007 für Naturkosmetik aus. Davon profitieren auch Bio-Friseure, die zur Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen

Ganz schön esoterisch, denke ich und blicke verlegen zur Seite. Dann die Überraschung: Als die Bio-Friseurin nach dem Trocknen mit einem Fön, der negativ geladenen Sauerstoff verwirbelt, an meinen Haarspitzen zu schnippeln beginnt, finde ich das zum ersten Mal gar nicht hinterrücks. Ich mache mir keine Sorgen darüber, ob ich wohl zu viel von meiner geliebten Haarpracht opfern muss oder plötzlich Stufen verpasst bekomme, die ich gar nicht haben wollte. Ich spüre bloß eins: jede Menge Energie.

Baumstark in die Zukunft

© jalag-syndication.de
Haare waschen und Spitzen schneiden? Das ist im Bremer Bio- Friseursalon von Jana Mühlbach alles andere als nur dasselbe in Grün. VITAL-Redakteurin Kerstin Brockmann machte die Probe und bekam einen „energetischen Haarschnitt“.

Jana Mühlbachs privater Einschnitt kam vor vier Jahren. „Damals war ich schwanger, und meine Mutter erkrankte an Krebs. Drei Monate nachdem meine Tochter Hannah geboren wurde, ist meine Mutter an ihrer Krankheit gestorben.“ Leben und Tod waren plötzlich ganz nah beieinander. Für Jana Mühlbach wurde dieses Erlebnis zum Auslöser, sich mit einem gesunden Lebensstil zu beschäftigen. Fast Food? Gespritzte Bananen? Kamen nicht mehr in die Tüte! Der nächste Schritt war für sie ein kritischer Blick auf die Zusammensetzung von Shampoos und Haarfarben, mit denen sie durch ihren Beruf ja täglich zu tun hatte: „Mir gingen echt die Augen über, mit was für schädlichen Stoffen ich da hantiert habe!“ Schnell stand für Jana Mühlbach fest, dass sie nach ihrer Elternzeit nur noch mit Bio-Haarpflege und Pflanzenfarben arbeiten wollte. „Mein ehemaliger Chef wusste zwar, dass Colorationen z. B. Allergien und sogar Krebs auslösen können, hatte aber nicht den Mut, seinen Betrieb umzustellen.“ Also wagte sie den Sprung in die Selbstständigkeit und eröffnete im Herbst 2007 ihren Salon „Naturfriseur.in“ am Rande des angesagten Bremer „Viertels“. Der Laden läuft gut, denn die Kundinnen kommen meist, weil sie bewusst nach einer Bio- Alternative gesucht haben. Oft sind es junge Mütter wie sie selbst, aber auch viele Frauen zwischen 40 und 50 Jahren, die sich eine ganzheitliche Haarbehandlung, die 49 Euro pro Stunde kostet, gönnen wollen.

Als ich den Salon verlasse, trifft mein Fuß auf Anhieb die Mitte der rostroten Gehwegplatte: „Himmel!“, denke ich und verstehe plötzlich auch das Ginkgoblatt, das als großes Logo auf Jana Mühlbachs Friseurschild prangt: Es ist das Symbol für Leben und Unsterblichkeit.

Öko-Hairstyling

© jalag-syndication.de
Mit dem Ionen-Fön und einer Striegelmassage mit Wildschweinborsten löst sich Stress in Luft auf

Bio-Verwenderinnen lassen sich heute nicht mehr über einen Kamm scheren! Die eine trägt Naturlook pur, die andere einen exakten Bob. Speziell für trendbewusste Frauen gibt es deshalb auch Öko-Hairstyling- Produkte. Anders als herkömmliche Haarsprays und Schaumfestiger, die mit klimaschädlichem Treibgas arbeiten, werden in Bio-Produkten Pumpzerstäuber eingesetzt. Kokos-Tenside sorgen dafür, dass ein flockiger Styling-Schaum entsteht. Auch der nötige Halt kommt nicht zu kurz: Bambusextrakt ersetzt die sonst üblichen Kunststoffpolymere, indem er das Haar mit Kieselsäure überzieht. Sogar Haargel gibt es im Naturkosmetikregal: Seine Basis besteht meist aus Xanthan, einer Zuckerverbindung, und Aloe vera, deren gelartiger Saft obendrein Feuchtigkeit spendet. Bio-Hairstyling festigt zwar nicht so stark wie herkömmliches, liefert dafür aber mehr Pflege und hinterlässt keine Rückstände.

Produkte: z. B. „Jasmin Haarspray“ von Marc Booten, 100 ml ca. 25 Euro; „Hair Volumen & Glanz Schaumfestiger Aloe vera & Bambus“ von Lavera, 150 ml ca. 8 Euro; „Haar Gel Style & Shine“ von Logona, 50 ml ca. 5 Euro.

Bio-Haarpflege für zu Hause

© jalag-syndication.de
Entspannung ist oft reine Kopfsache! Bei Naturfriseurin Jana Mühlbach sorgen Holz und Edelsteine für innere „Haarmonie“.

Wer seine Haare mit einem Natur-Shampoo waschen will, hat inzwischen eine große Auswahl. Aber Vorsicht: Viele Anbieter legen den Begriff „bio“ ganz schön wischiwaschi aus! Echte Öko-Haarpflege erkennen Sie an einem Gütesiegel wie dem vom BDIH oder EcoCert. Das Besondere: Bio-Produkte reinigen extrasanft mit Zuckertensiden, die aber weniger schäumen. Öko-Spülungen und -Kuren pflegen mit Pflanzenölen statt mit Silikon. Damit’s stärker schäumt und die Haare intensiver glänzen, mischen einige Firmen eine Prise Chemie in ihre Produkte, tragen dafür aber kein Logo.

Produkte mit Bio-Siegel: z. B. Shampoo Macadamia Orange“ von Dr. Hauschka, 250 ml ca. 9 Euro; „Bio Granatapfel Spülung“ von Schauma, 250 ml ca. 2 Euro; „Bain Vital Shampoo“ von La Biosthétique, 250 ml ca. 19 Euro.

Produkte ohne Bio-Siegel: z. B. Essensity Moisturizing Shampoo“ von Schwarzkopf Professional, 250 ml ca. 14 Euro; „Nature Masque Richesse“ von L’Oréal Professionnel, 200 ml ca. 21 Euro; „Kastanien Shampoo“ von Weleda, 100 ml ca. 5 Euro.

Grünes Licht für Pflanzenfarben

Sanft und sicher: Grünes Licht für Pflanzenfarben

Ein Hauch Mahagoni oder ein goldener Schimmer im Haar lassen uns oft auf Anieb interessanter aussehen. Jede zweite deutsche Frau peppt ihren Naturton deshalb regelmäßig mit etwas Farbe auf. Herkömmliche Colorationen greifen aber nicht nur die Haare an, sondern können auch die Entstehung von Allergien und sogar Blasenkrebs begünstigen. Sanfte Alternative: Pflanzenhaarfarben. Statt mit chemischen Keulen tönen sie mit Henna, Kamillenextrakt oder gemahlenen Walnussschalen. Meist werden sie als Pulver angeboten, vereinzelt aber auch als fertige Creme.

Einziger Haken: Große Farbsprünge sind nicht drin, denn Wasserstoffperoxid, das zum Blondieren verwendet wird, ist genauso wenig erlaubt wie chemische Farbstoffe zum Extrem-dunkler-Färben. Auch zum Wegmogeln grauer Haare sind Pflanzenhaarfarben nur bedingt geeignet. Dafür ummanteln sie jedes Haar mit einem Schonbezug, der es schützt und insgesamt dicker macht. Das bringt tollen Farbglanz und Volumen! Produkte: z. B. „Color Creme Teak“ von Logona, 150 ml ca. 13 Euro; „Pflanzen-Haarfarbe Rotblond“ von Santé, 100 g ca. 6 Euro; „Flora Ton Haarfarbe Weißdorn Goldblond“ von Basler, 90 g ca. 7 Euro.

Lade weitere Inhalte ...